Divinity: Original Sin 2 - Ein isometrischer Rollenspiel-Traum

Es sind die Details, die den Unterschied machen.

Mit Divinity: Original Sin erschien im Jahr 2014 ein Rollenspiel, das von Fans wie Kritikern gleichermaßen gefeiert wurde. Dafür, dass es den Charme der Baldur's-Gate-Ära mit wiederbelebte, aber auch für viele neue Ideen, darunter ein ausgeklügeltes Kampfsystem, einen Koop-Modus und unzählige Möglichkeiten, verschiedene Aufgaben zu lösen. Jetzt endlich ist mit Divinity: Original Sin 2 ein Nachfolger erschienen, der in absoluten allen Aspekten, die den ersten Teil groß gemacht haben, noch eine Schippe drauflegt. Gleich vorweg: Dies ist kein Test, sondern ein Ersteindruck. Erstens deshalb, weil es einfach Zeit braucht, in ein Rollenspiel mit diesen Ausmaßen so richtig einzutauchen, zweitens aber auch, weil uns bis zum Release-Tag lediglich die Vorab-Version zur Verfügung stand. Schon dort hat Divinity: Original Sin 2 aber gezeigt, was in ihm steckt.

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Das Kampfsystem von Divinity: Orginal Sin 2 ist immer spannend. Auch weil sowohl ihr als auch der Gegner jederzeit die Oberhand gewinnen oder verlieren könnt.

Das Spiel hat mit dem Vorgänger im Hinblick auf die Geschichte nicht besonders viel gemein. Jahrhunderte nach den Geschehnissen des ersten Teils hat es sich ein religiös motivierter Tyrann namens Alexandar zur Aufgabe gemacht, alle magiebegabten Wesen der Welt zu verfolgen. Dummerweise seid ihr einer davon - und so wacht ihr mitten in der Nacht in der Folterkammer eines Schiffes auf. Wie bei den meisten Rollenspielen steht ganz am Anfang jedoch die Charaktererstellung. Im Gegensatz zum Vorgänger bastelt ihr euch diesmal nicht zwei, sondern nur eine Figur zusammen. Ebenfalls neu: Ähnlich wie bei Dragon Age: Origins gibt es nun einige Figuren mit spezifischen Hintergrundgeschichten, die im Verlauf der Handlung eine Rolle spielen können. Deren Fähigkeiten und Charakterwerte bleiben dennoch frei bestimmbar - ihr könnt euch also heraussuchen, ob ihr lieber einen Jäger, einen Krieger oder einen Bogenschützen spielen wollt. Deren Startfähigkeiten zeichnen eine Art Plan für die spätere Entwicklung der Charakterwerte - Klassen gibt es bei Divinity: Original Sin 2 aber nicht. Theoretisch kann also jeder Charakter auch jede Fähigkeit lernen, die es im Spiel gibt. Wer keine vorgegebene Hintergrundgeschichte haben möchte, sondern sich im Kopf lieber seine eigene zurechtlegt, kann übrigens auch das tun.

Dabei müsst ihr diesmal nicht zwangsläufig einen Menschen spielen, sondern könnt zwischen verschiedenen Rassen wählen - es gibt Menschen, Elfen, Zwerge und Echsenmenschen. Die Rasse hat ebenfalls Auswirkungen auf die Eigenschaften des Charakters. So können etwa Elfen Leichenteile verspeisen. Ja, richtig gelesen - das bringt ihnen sogar Vorteile. Teilweise erfahren sie nämlich auf diese Weise Dinge aus der Erinnerung des Verstorbenen oder lernen eine von dessen Fähigkeiten. Allein diese Charaktererstellung ist ein Spielelement, in dem ich mich sofort komplett hätte verlieren können. Hardcore-Rollenspiele wie Original Sin 2 neigen eben dazu, ihre Spieler mit der Vielzahl der Optionen nahezu zu erschlagen. Das Geheimnis ist: Man darf sich einfach nicht erschlagen lassen, sondern muss sich einfach darauf einlassen, dass man vielleicht nicht gleich beim ersten Durchgang jede Fähigkeit und jede Charaktereigenschaft zur Gänze versteht. Empfehlung: Feilt einfach so lange an eurem Charakter herum, wie ihr Lust habt, und legt dann mit dem Spiel los.

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Die Charakter-Erstellung: Das Leben als Echsenfrau kann inspirierend sein.

Gleich zu Beginn fällt auf, dass sich die Entwickler das Feedback der Fans zu Herzen genommen hat. Eine der wenigen Kritiken am ersten Teil war die etwas seichte Story, die mehr so im Hintergrund vor sich hinplätscherte. Diesmal hat Larian offenbar etwas mehr Zeit in die Dialoge und die Hintergrundgeschichte investiert - denn obwohl ihr von der ersten Szene an mitten in die Handlung geworfen werdet, entfaltet sie sich sehr kontrolliert, bleibt aber spannend. Alle Figuren mit Hintergrundgeschichte, die ihr am Anfang nicht gewählt habt, laufen in der Spielwelt herum und warten nur darauf, von euch nach etwas Überredungskunst in die eigene Party integriert zu werden. Die NPCs wiederum haben ihre eigenen Vorlieben - einige von ihnen sind beispielsweise Rassisten und würden einem Echsenmenschen immer mehr Informationen geben als einem Menschen. Wie beim Vorgänger habt ihr, entsprechende Fähigkeiten vorausgesetzt, auch wieder die Möglichkeit, mit Tieren zu sprechen und einige Quests so doch auf recht ungewöhnliche Art und Weise zu lösen. Das klappt natürlich nicht nur, indem ihr mit Tieren sprecht. Es gibt bei Original Sin 2 wieder nicht den einen definitiven Weg, eine Aufgabe zu erfüllen, ihr habt fast immer eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten. Manche sind offensichtlich, andere müsst ihr erst durch sorgsame Interaktion mit der Spielwelt herausarbeiten. Die Party-Mitglieder tauschen sich dabei immer wieder auch untereinander aus. So entsteht innerhalb der Party Abneigung, Sympathie - oder sogar Romantik.

Noch einmal verbessert hat Larian zudem das Kampfsystem. Es ist nach wie vor rundenbasiert und enthält derart viele aufeinander reagierende Elemente, dass es sich am Ende teilweise schon anfühlt wie ein komplexes Schachspiel. Ein Beispiel: Euer Gegner wirkt einen Feuerzauber in eure Richtung und ihr steht in Flammen. Habt ihr nun eine Figur mit entsprechenden Fähigkeiten in der Party, könnt ihr dieses Feuer segnen und es in heiliges Feuer verwandeln. Plötzlich schadet es euch nicht mehr, sondern heilt euch sogar. Ganze Kämpfe können so binnen kurzer Zeit komplett ihre Richtung ändern - aus Angreifern werden Verteidiger und umgekehrt. Zusätzlich spielt nun die Umgebung eine größere Rolle. Wer etwa aus einer erhabenen Position mit einer Fernkampfwaffe oder einem Zauber angreift, wirkt tendenziell mehr Schaden. Etwas gewöhnungsbedürftig dagegen: Es gibt jetzt zusätzliche Rüstungspunkte gegen Magie und gegen physischen Schaden. Erst wenn ihr diese auf null gebracht habt, könnt ihr wirklich etwas von der Lebensenergie abziehen.

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Hier übe ich mich gerade im Arena-Modus im Kampf gegen einen anderen menschlichen Spieler.

Das hat mehr Folgen als ich zunächst dachte. Es bedeutet einerseits, dass ihr euch besser auf eine Angriffsart pro Gegner fokussiert. Denn wenn ihr gleichzeitig zuschlagt und beispielsweise per Feuerzauber angreift, zieht ihr zwar sowohl von den physischen als auch von den magischen Rüstungspunkten etwas ab, habt aber noch keinen Zugriff auf die Lebenspunkte. Startet ihr dagegen mehrere physische Angriffe, ist dieser Rüstungswert schneller im Keller und ihr könnt die Lebenspunkte dezimieren. Das System hat aber auch einen Einfluss auf die Wirkungsweise von Magie: Es sorgt nämlich dafür, dass Zaubersprüche zwar zunächst Punkte vom magischen Rüstungswert abziehen - darüber hinaus jedoch keinen Effekt haben. Ein Beispiel: Wirkt ihr einen Giftzauber auf einen Gegner mit voller magischer Rüstungsenergie, verliert er zwar einen Teil davon. Er widersteht jedoch automatisch der Wirkung des Gifts. Soll heißen: Im Verlauf eines Kampfes sind solche Zaubersprüche später weitaus wirkungsvoller als am Anfang. Ich halte das für kein schlechtes System - es ist eben wie gesagt nur ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Im Endeffekt verleiht es den Kämpfen in Original Sin 2 aber noch mehr taktische Tiefe als ohnehin schon vorhanden war.

Den Koop-Modus aus dem ersten Teil gibt's natürlich auch noch und, wie sollte es anders sein, auch der wurde noch einmal erweitert. Diesmal könnt ihr nicht nur zu zweit, sondern sogar zu viert gleichzeitig spielen. Dabei kann es durchaus passieren, dass unterschiedliche Figuren unterschiedliche Ziele verfolgen, ihr befindet euch also nicht zwangsläufig zu jedem Zeitpunkt in der gleichen Party. Es kann sogar vorkommen, dass ihr, ohne es zu merken, euren Mitspielern Steine in den Weg legt - etwa, weil ihr eine Figur um die Ecke bringt, die für den Spielverlauf eurer Kollegen eigentlich relevante Informationen bereitgehalten hätte. Ob Spieler diese Elemente wirklich nutzen, muss sich allerdings erst noch zeigen. Denn damit diese Elemente wirklich ihre Tragweite im Spiel entfalten, erfordert es vor allem viel Zeit. Original Sin 2 steht hier in der Tradition klassischer Pen-and-Paper-Rollenspiele, bei denen es auch mehrere Nächste dauern konnte, bis ein großes, gemeinsames Abenteuer sein Ende fand.

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Okay, ich brenne. Aber das Krokodil brennt UND ist vergiftet.

Neu ist der Arena-Modus: Dabei tretet ihr auf kleinen Karten in Multiplayer-Matches gegen andere Spieler an. Zur Verfügung standen dabei in der uns vorliegenden Version ein klassisches Deathmatch sowie ein Modus namens Kill the King, bei dem es darum geht, den Anführer eines gegnerischen Zweierteams um die Ecke zu bringen. Solche Modi sind für ein Rollenspiel wie Divinity: Original Sin 2 zwar zunächst ungewohnt, machen aber überraschend viel Spaß. Dafür sorgt auch hier das hervorragend ausbalancierte Kampfsystem. Manchmal denkt ihr einfach nicht daran, dass der Gegner bestimmte Fähigkeiten hat, seid dann überrascht, dass ihr auf völlig unvorhergesehene Art attackiert werdet, fasst euch an den Kopf und macht es beim nächsten Mal besser. Er mag nicht für Spieler gemacht sein, die sich gerne nächtelang vor einem epischen Rollenspiel vergraben, aber der Arena-Modus ist zumindest eine nette Dreingabe.

Toll bleibt auch die Präsentation. Die Spielwelt ist unglaublich detailreich, überall finden sich kleine Elemente mit denen ihr interagieren könnt - es ist wirklich die hübscheste aus der isometrischen Perspektive inszenierte Welt, die ich jemals gesehen habe. Man merkt diesem Spiel in jeder Sekunde an, dass sich die Entwickler bei jeder Kleinigkeit außerordentliche Mühe gegeben haben, Dinge zu integrieren, die niemand vermisst hätte, wenn sie nicht dagewesen wären. So könnt ihr zu Beginn beispielsweise eurem Charakter ein Instrument zuweisen. Das hat spielerisch überhaupt keine Bedeutung, aber immer, wenn diese Figur dann im Spiel etwas Bedeutendes macht - etwa einen kritischen Treffer landet - wird dieses Instrument im Soundtrack besonders hervorgehoben.

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Die detailreiche Spielwelt lädt jederzeit zur Erkundung ein.

Es sind solche Details, die Divinity: Original Sin 2 schon im ersten Eindruck zu einem absolut herausragenden Rollenspiel machen. Einem, das es noch mehr als schon der erste Teil wert ist, sich völlig darin zu verlieren, die ausgetretenen Wege zu verlassen, überall Geheimnisse zu entdecken. Vor allem aber ist Original Sin 2 ein Spiel, das ihr spielen könnt, wie ihr wollt. Es wäre natürlich möglich, auch für dieses Spiel eine Komplettlösung zu schreiben, aber es gibt in keinster Weise den einen goldenen Weg. Wenn ihr und euer Nachbar dieses Spiel gleichzeitig durchspieltet - ihr hättet euch danach gänzlich andere Geschichten zu erzählen. Das packende Kampfsystem macht das Spiel auch auf mechanischer Ebene zu einem echten Sahnestück, die tollen Dialoge, die starke Präsentation und viele liebevolle Details am Wegesrand tun ihr übriges. Auch jetzt lässt sich schon sagen: Wer epische Rollenspiele mag, wird an Divinity: Orginal Sin 2 nicht vorbeikommen.

Entwickler/Publisher: Larian Studios/Larian Studios - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 44,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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