Ob es euch wohl aufgefallen wäre, wenn ich einfach nur in großen Teilen Alex' Test zu PES 2018 für den Test zu FIFA 18 kopiert hätte? Denn der sagt eigentlich schon vieles darüber aus, was gleichermaßen für den neuesten Teil der FIFA-Reihe gilt. Die Grundlagen des Fußballs verändern sich nicht, also was will man schon noch großartig Revolutionäres in einem neuen Ableger anstellen?

Zugegeben: Das, was dem revolutionär Neuem im vergangenen Jahr am nächsten kam, war der Story-Modus The Journey. Der war recht erfolgreich und wurde von vielen Käufern gespielt. Daher überrascht es nicht, dass er in diesem Jahr wieder zurückkehrt - und das erneut mit Alex Hunter in der Hauptrolle. Ich war ja schon letztes Jahr skeptisch, aber am Ende hatte mich The Journey doch überzeugt. Und das ist dieses Jahr nicht anders.

Endlich mit dabei: Die dritte deutsche Liga.

Erneut erlebt Hunter, der weiterhin immer am Anfang seiner Karriere steht, diverse Höhen und Tiefen. Nicht nur auf dem Fußballplatz selbst, sondern ebenso abseits dessen. Viel mehr als das mag ich dazu gar nicht verraten und darf ich zum Teil aufgrund des noch geltenden NDAs nicht mal. Nur so viel: Ich hatte wirklich Spaß damit, fühlte mich dabei gut unterhalten und man merkt The Journey zu jedem Zeitpunkt an, dass EA hier wirklich viel Herzblut reingesteckt hat und das Ganze nicht nur als Gimmick betrachtet.

Dafür sprechen allein schon die vielen Gaststars, die man hier eingebunden hat, darunter natürlich Coverstar Cristiano Ronaldo, aber auch Thomas Müller oder Antoine Griezmann. Ex-Profis wie Thierry Henry und Rio Ferdinand haben ebenfalls Auftritte und selbst Basketballer James Harden lässt sich blicken. In der deutschen Version wird das allerdings zu einem kleinen Mischmasch, denn Henry, Ronaldo und Co. sprechen Englisch - also mit ihren Originalstimmen -, während der Rest der fiktiven Protagonisten munter auf Deutsch plaudert, darunter Hunter selbst. Warum man den bekannten Fußballern nun keine Synchronisation spendiert hat, weiß ich nicht, aber okay. Wirkt anfangs etwas komisch, aber stört im Endeffekt nicht großartig.

Der Ablauf funktioniert ähnlich wie im Vorjahr, ihr absolviert Matches, nehmt am Training teil, solltet möglichst Erfolge erzielen und seht immer mal wieder Zwischensequenzen - gefühlt mehr als im Vorjahr -, in denen ihr hier und da aus verschiedenen Dialogoptionen wählt oder euren weiteren Karriereverlauf bestimmt. Der Modus wurde davon abgesehen dezent erweitert: Es gibt pro Kapitel verschiedene Ziele, die ihr erfüllen könnt, ihr trefft neue Entscheidungen, spielt mal jemand anderen, könnt im lokalen Multiplayer gemeinsam zocken und Hunter mit verschiedenen Frisuren, Tattoos oder Accessoires einen individuellen Look verpassen. Vieles davon müsst ihr aber eben erst mal freischalten.

Neu in der Karriere, aber auch irgendwie sinnlos: Interaktive Transferverhandlungen.

Mit "dezent erweitert" kann man den Rest des Spiels ebenfalls gut beschreiben. Wobei ihr das womöglich negativer interpretieren könntet, als es gemeint ist. Es gibt nicht DIE großen Änderungen oder Neuerungen, aber erneut hat man hinter den Kulissen so viel an den Details geschraubt, dass sich FIFA 18 einmal mehr anders anfühlt als sein Vorgänger. Dabei könnte ich jetzt mit Marketing-Buzzwords wie "Real Player Motion Technology", "Dramatic Moments" oder "Player Personality" um mich werfen. Oder anders gesagt: Wie bei PES wird jedes Jahr schlicht alles "noch besser" und "noch realistischer". Was soll man sonst schon sagen?

Auch hier wieder: Das ist keineswegs negativ gemeint. Die Animationen sind überarbeitet und verfeinert worden, die Dribblings wurden weiter angepasst, die Möglichkeiten bei Pässen, Flanken und Torabschlüssen erweitert. Hinzu kommt, dass bestimmte Teams taktisch noch mehr reagieren wie in der Realität, etwa viel Pressing ausüben oder auf Konter spielen, und individuellen Spielern hat man ihre speziellen Eigenheiten verpasst, zum Beispiel Ronaldos Sprints oder Sterlings Bewegungen. Neu und ganz nützlich sind die schnellen Auswechslungen. In bestimmten Szenen, etwa wenn der Ball im Toraus landet und eine Sequenz abläuft, schlägt euch das Spiel eine Auswechslung vor, wenn ihr den rechten Trigger drückt. Diese sind weitestgehend positionsgetreu, sofern möglich, und lassen sich mit einem einzelnen Tastendruck bestätigen, was euch so nicht aus dem Spielgeschehen herausreißt.

Gerne hätte man noch weiter an den Torhütern arbeiten dürfen, denn die reagieren für meinen Geschmack nach manchem gefangenen Ball immer noch zu träge und könnten in einigen Situationen das Spiel noch weitaus schneller gestalten. Ich würde sogar behaupten, dass ich dadurch schon die ein oder andere Kontermöglichkeit verpasst habe, die sich für einige Augenblicke anbot. Und natürlich die Schiedsrichter... Die pfeifen in FIFA 18 ebenfalls hin und wieder in den unmöglichsten Momenten ab. Ja, der Gegner stand bei der Flanke im Abseits, aber ich hatte den Ball bekommen, der Gegenspieler war nicht nah an mir dran und ich hätte aus der Situation heraus einen Konter starten können. Aber nein, er muss ja doch pfeifen. Danke, Schiri.

Die Präsentation ist einmal mehr 1a.

Auf dem Platz verläuft gefühlt alles in mehr oder minder realistischen Bahnen. Ich würde sagen, dass die KI in diesem Jahr noch ein bisschen aggressiver reagiert, was aber ein bisschen von eurem jeweiligen Gegner abhängt. Klar ist, dass ihr nicht den Ball nehmen und durchmarschieren könnt, obwohl Vorstöße natürlich möglich sind, wenn ihr clever spielt und schnelle Spieler habt. Ihr müsst die gesamte Breite des Spielfeldes nutzen, euch eure Chancen wirklich erarbeiten und vorausdenken, um euch Freiräume zu erspielen. Wenn die KI jetzt noch eure Gedanken lesen könnte, würde das vermutlich perfekter funktionieren, denn so wie es ist klappt halt nicht immer alles und nicht jeder Spieler läuft dorthin, wo ihr es gerne hättet. Aber das passt irgendwie zum Fußball und ist in der Realität nicht anders. Unfreiwilliger Realismus, könnte man fast sagen.

Wie jedes Jahr wurde unterdessen einmal mehr an der Präsentation geschraubt. Die Stadien strotzen nur so vor Details und die ganze Atmosphäre und Stimmung wird wirklich wunderbar vermittelt. Dazu stimmt die Soundkulisse und die 3D-Zuschauer sind weit ansehnlicher als die 2D-Zombies, die noch vor ein paar Jahren das Publikum unsicher machten. Für mehr Authentizität sollen darüber hinaus originalgetreue Overlays bei Einblendungen in den spanischen und US-amerikanischen Ligen sorgen. Ist jetzt nichts, was mich wirklich vom Hocker reißt, aber wer Wert darauflegt, kann sich nun eben am passenden Look der Ergebnisanzeige und ähnlichen Dingen ergötzen.

In die Kategorie "nett, aber brauch ich das jetzt unbedingt?" fallen einige der Neuerungen im Karrieremodus. Die neuen Trainingsübungen sind ja noch sinnvoll, aber abseits dessen könnt ihr euch nun etwa interaktive Transferverhandlungen angucken (siehe Video). Die Frage ist: Warum solltet ihr? Beim ersten Mal ist das ganz nett anzuschauen, aber jedes Mal das gleiche Spielchen? Ihr könnt hier nichts Besonderes machen und sonst die gleichen Vertragsbedingungen wie eh und je im Menü aushandeln. EA wollte damit für "immersive Echtzeit-Transfer- und Vertragsverhandlungen" sorgen. Das Ergebnis ist wie gesagt nett, aber eben nichts, was ich mir mehr als einmal anschauen würde. Ähnliches gilt für die dynamischen Nachrichtenvideos, in denen zum Beispiel eine eurer Neuverpflichtungen vorgestellt wird. Die darin investierte Arbeit hätte man stattdessen lieber in die Rückkehr des Hallenmodus aus FIFA 98 investieren können, nur um das mal wieder in den Raum zu werfen. Vielleicht klappt es ja irgendwann doch noch. I want to believe!

Der deutsche Klassiker.

Die dezenten Neuerungen machen schlussendlich vor Ultimate Team nicht halt. Die vormals Xbox-exklusiven Legenden sind nun als Icons auf allen Plattformen vorhanden, sogar in unterschiedlichen Versionen, die verschiedene Zeitpunkte ihrer Karriere widerspiegeln. Neu sind Singleplayer-Squad-Battles, in denen es mit anderen Teams aus der Community aufnehmt und dabei um Belohnungen sowie einen Platz in den Ranglisten kämpft. Und wer sehen will, wie es die echten Profis machen, wirft einen Blick auf den Champions Channel, der Wiederholungen von Matches der Topspieler zu bieten hat, bei denen ihr nach Lust und Laune an der Wiedergabe und den Kameraeinstellungen herumschrauben könnt. Ansonsten ist alles dabei, was ihr bereits kennt, also Squad-Building-Challenges, Draft, Seasons, Champions und dergleichen. Wenn euch in den letzten Jahren schon das Sammelfieber gepackt hat, wird das in diesem Jahr vermutlich nicht anders sein.

Um es kurz zu machen: FIFA bleibt auch im Jahr 2017 FIFA. Ist schon so etwas wie eine Konstante im Universum. Es gibt die üblichen Detailverbesserungen - was soll man auch sonst machen? -, hier und da ein paar mal mehr, mal weniger sinnvolle Neuerungen und eine rundum gelungene Fortsetzung von The Journey. Nicht, dass ihr jetzt unbedingt wegen Letzterem zwingend in den Laden stürmen und FIFA 18 kaufen solltet, das tun eher diejenigen, die auf die dritte deutsche Liga gewartet haben, aber es ist durchaus ein guter Grund, sich mit dem Spiel zu beschäftigen und dabei nett unterhalten zu werden. Ansonsten steuert sich alles gut und flüssig, wie man es eigentlich gewohnt ist. Und nein, ich will hier jetzt keine Realismusdebatte oder irgendeinen Vergleich mit PES anfangen. Aber wenn ihr im letzten Jahr oder in den letzten Jahren Spaß mit FIFA hattet, wird euch FIFA 18 nicht enttäuschen. Und notfalls könnt ihr ja immer noch vorher die Demo ausprobieren, wenn ihr euch unsicher seid.

Entwickler/Publisher: EA Sports / Electronic Arts - Erscheint für: PC, Xbox One, PS4, Switch, Xbox 360, PS3 - Preis: ca. 60 Euro - Erscheint am: 29. September - Getestete Version: PlayStation 4 - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Ja (Ultimate Team)

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Editor, Eurogamer.de

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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