Puh, dieses Spiel zu beschreiben ist gar nicht so einfach. Vor allem nötigt es mich, relativ direkt zu werden: Mögt ihr Furzhumor nicht? Findet ihr es nicht lustig, wenn jemand über Flatulenz redet? Wirklich nicht? Dann ist South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe leider nichts für euch, denn Furzhumor ist die Basis des gesamten Spiels. Mehr als noch beim ersten Spiel der gleichen Reihe verlangen die Entwickler hier eine absolute Resistenz gegenüber ekligen, schmierigen Fäkalwitzen und ich würde manchmal gerne anders reden, kann aber auch nicht aus meiner Haut und sage insofern: Himmel, ist das lustig. Noch nie hat mich ein Rollenspiel derart bei der Stange gehalten, allein weil seine Geschichte mich so sehr amüsiert hat. Und das beste: Auch mechanisch funktioniert die rektakuläre Zerreißprobe absolut hervorragend. Ich konnte teilweise kaum warten, bis der nächste Kampf beginnt.

Im Gegensatz zum Stab der Wahrheit, der die South-Park-Jungs in ein High-Fantasy-Szenario geworfen hat, ist die rektakuläre Zerreißprobe (auf englisch sehr viel schöner: The Fractured But Whole) eher eine Persiflage auf Superhelden-Filme, namentlich vor allem die Avengers-Streifen. Cartman, Stan und Kyle spielen eigentlich nur, aber aus Spaß wird Ernst, indem sie tatsächlich in die Geschehnisse der Erwachsenen eingreifen, teilweise ohne es zu wissen. Denn im Grunde geht es dem Coon, eigentlich Eric Cartman, nur darum, eine alte und kranke Katze zu retten. Soziopath der er ist, ist das allein aber nicht genug für ihn, weshalb er all seine Freunde mehr oder minder passiv-aggressiv nötigt, sich ihm anzuschließen. Ihr selbst kommt wie im ersten Teil als namenlose Figur ins Spiel, ihr seid der Neue in der Stadt. Cartman gibt sich daraufhin allerhand Mühe, eine Hintergrundgeschichte für euch zu entwerfen. Euer schwächster Punkt: Euer Vater hat mir eurer Mutter geschlafen. Das Spiel sagt das noch weitaus derber und häufiger aber so ist es nun einmal. Euer größtes Talent: Ihr könnt furzen.

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Neu: Das Kampfsystem!

Und das müsst ihr auch, denn im Laufe des Spiels lernt ihr neue Talente, die alle irgendwie damit zu tun haben. So könnt ihr per Furz beispielsweise die Zeit anhalten oder aber eine Art Raketenantrieb betrieben. Und teilweise sind diese Fähigkeiten auch im Kampfsystem nützlich. Das übrigens hat sich im Vergleich zum Vorgänger ein bisschen verändert - es hat jetzt Felder. Die meisten South-Park-Figuren können sich dabei zwar vertikal bewegen, jedoch nur horizontal angreifen, was das Spiel strategisch tiefer macht als den ersten Teil. Zumal: Im Verlauf des Spiels findet ihr neue Kumpel und könnt euch aussuchen, wer davon zu eurer Party gehört - nur bei einer gewissen Anzahl von Party-Missionen seid ihr auf bestimmte Kollegen festgelegt.

Die Wahl der Entwickler, die Kämpfe auf Feldern stattfinden zu lassen, hat weitreichende Auswirkungen. So ist es jetzt nicht mehr jeder Figur möglich, jede beliebige andere anzugreifen, wie man das aus klassischen Final-Fantasy-Kämpfen kennt. Stattdessen müsst ihr euren Angreifer erst einmal in Reichweite zum Gegner bringen. Die Angriffe haben dabei unterschiedliche Reichweiten. Einige können nur Gegner auf dem benachbarten Feld angreifen, andere können auch solche Figuren treffen, die sich ein paar Felder entfernt befinden. Weil die Spielfelder in der Regel relativ klein sind, ist es wichtig, dass ihr euch nicht gegenseitig blockiert. Bestimmte Angriffe, bei denen ihr beispielsweise mit dem Gegner Platz tauschen könnt, haben daher besondere taktische Relevanz: Mit ihnen könnt ihr dafür sorgen, dass sich ein eigentlich schwer erreichbarer Gegner plötzlich mitten zwischen euren Figuren befindet.

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Was hier gleich passiert, möchte ich euren Gedanken überlassen.

Je mehr Treffer ihr austeilt und einsteckt, desto weiter ladet ihr darüber hinaus eine Leiste am oberen Bildschirmrand auf. Ist diese voll, habt ihr eine Spezialattacke zur Verfügung. Diese unterscheidet sich von Figur zu Figur, Cartmans Attacke trifft beispielsweise alle Gegner und sorgt darüber hinaus dafür, dass sie bluten, also regelmäßig in jeder Kampfrunde automatisch Lebensenergie verlieren. Das Kampfsystem ist insgesamt zwar taktischer als im Vorgänger, trotzdem wäre aber noch mehr drin gewesen. Warum beispielsweise gibt es keine Deckungsmöglichkeiten, die ihr nutzen könnt, um euren Schaden zu reduzieren oder für die Gegner schwieriger zu treffen zu sein? Und warum sind die Kampfschauplätze immer so klein, dass ihr allzu oft das Gefühl habt, eure Figuren stehen sich gegenseitig auf den Füßen rum? Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Entwickler das Spiel an dieser Stelle im Vergleich zum Stab der Wahrheit eher verschlimmbessert haben.

Euren Charakter könnt ihr dabei übrigens im Verlauf des Spiels immer wieder neu individualisieren, nicht nur weil es unzählige verschiedene Kostüme gibt, die ihr finden oder selbst herstellen könnt. Im Verlauf des Spiels findet ihr darüber hinaus eine Reihe von Artefakten, die ihr wiederum je nach Stufe nutzen könnt, um eure Werte zu erhöhen. Wie bei Rollenspielen üblich, kann das beispielsweise Angriff oder Verteidigung sein, wahlweise aber auch der Wert, der dazu führt, dass Gegner Schaden nehmen, wenn sie vom Rückstoß eines anderen getroffen werden. Das nur als Beispiel - tatsächlich erlaubt euch die rektakuläre Zerreißprobe eine ziemlich detailverliebte Spezialisierung. Das ist angenehm, denn noch mehr als der Stab der Wahrheit hat Ubisoft hier darauf geachtet, dass sich das Spiel anfühlt, wie eine richtige South-Park-Folge. Das Spiel ist dementsprechend weitaus linearer als sein Vorgänger. Nebenmissionen gibt es zwar, aber nur sehr selten müsst ihr euch überlegen, wo ihr als nächstes hinlauft.

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Bleibt politisch korrekt! Sonst haut euch dieser Kerl aufs Maul.

Und jetzt zur Humorkritik: South Park ist South Park ihr müsst also mit Genitalwitzen und Furzen rechnen, soweit keine Überraschung. Allerdings hat die TV-Serie oft genug bewiesen, dass sich hinter diesen Sauereien doch jede Menge Gesellschaftskritik verbergen kann. Und ehrlich gesagt: Davon bleibt im Spiel nicht viel. Selbst ich, der ich nun wirklich nichts gegen Furz-Humor habe, bin nach ein paar Stunden doch genervt davon, dass die vierte Spezial-Fähigkeit, die ihr lernt, wieder was mit Flatulenz zu tun hat. Ich habe das Spiel sogar benutzt, um vor meiner Freundin dumme Furz-Witze zu machen. Ihr könnt nämlich jederzeit furzen, indem ihr einfach auf die Dreieck-Taste drückt. Ebendas habe ich getan. Immer wieder. Und dabei gelacht wie ein Irrer. Großer Gott, was hat dieses Spiel mit mir gemacht?

Interessanterweise gleicht das Kampfsystem diesen Furzquatsch sehr gut aus. Nicht nur habt ihr viele verschiedene Figuren zur Wahl, ihr könnt auch noch deren Fähigkeiten in gewissem Rahmen festlegen. So festgelegt wie die South-Park-Geschichte am Ende sein mag, so sehr könnt ihr auch bestimmen, wie ihr sie im Detail bezwingt. Unterschiedliche Fähigkeiten lassen sich mit verschiedenen Figuren kombinieren, ihr könnt also etwa sehr aggressiv oder sehr verteidigend spielen. Das macht einen Haufen Spaß und die Stufenaufstiege entfalten eben jenen Reiz, den sie auch dann entfalten, wenn ihr ein sehr ernstes Rollenspiel genießt. Auch lässt sich euer Furz per Artefakt noch verstärken und auch hier wieder: Eigentlich könnte der Humor dann doch ein bisschen tiefgründiger sein, ist er aber nicht. Denn dieses Spiel ist nur so lustig wie sein Vorgänger und schafft es nicht, darüber hinaus noch Witze zu machen.

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Kurz vor dem Kampf habt ihr nochmal die Möglichkeit, euer Team zu ändern.

Und so spielt ihr und spielt und spielt. Und was euch bei der rektakulären Zerreißprobe leider erspart bleibt, ist der unfassbare charmante Blödsinn, der den ersten Teil so abwechslungsreich gemacht hat. Dass ihr schrumpft beisspielsweise und ein komplettes Level erlebt, indem ihr im Hintergrund ein Pärchen kopulieren seht. Dass ihr in die Kanalisation steigen könnt und dort einen riesigen Dungeon vorfindet. Solche Elemente fehlen im zweiten Teil einfach und das ist schade - denn genau deshalb ist die Zerreißprobe eben nicht ganz so gut wie ihr Vorbild. Die rektakuläre Zerreißprobe ist trotzdem eine helle Freude. Ich konnte mich gar nicht mehr so richtig von der Playstation abwenden. Ich fühlte mich einerseits positiv an den ersten Teil erinnert, andererseits haben mir die vielen verschiedenen South-Park-Figuren erst gezeigt, was ich für ein Typ bin. Im Verlauf des Spiels müsst ihr euch nämlich nicht nur auf euer Geschlecht, sondern auch auf eure Rasse festlegen und beides hat direkte Auswirkungen auf euren Schwierigkeitsgrad. Verkürzt gesagt: Je dunkler eure Haut, desto schwieriger das Spiel.

Ich habe am Ende eine weiße, wenn auch nicht die weißeste Hautfarbe gewählt. Die war von Anfang an voreingestellt. Aber ehrlich gesagt wollte ich nicht, dass die Zerreißprobe noch schwerer wird. Schwer ist das Spiel nämlich an sich schon, wenn auch nicht übermäßig, das Spiel bietet also einen gewissen Anspruch, die Entwickler haben sich aber merklich bemüht, die Geschichte in den Mittelpunkt zu stellen. Der Furzhumor gehört zwar dazu, die zynische Gesellschaftskritik, die South Park ausmacht, aber eigentlich auch. Und, wie gesagt, die fehlt mit wenigen Ausnahmen.

Wenn ihr den Stab der Wahrheit mochtet, werdet ihr zweifellos auch die rektakuläre Zerreißprobe lieben. Erneut hat Ubisoft hier gefühlt eine South-Park-Episode spielbar gemacht. Das Ganze läuft etwas linearer ab als noch im ersten Teil und bietet arg pubertären Humor auf Furz-Niveau. Sowas muss man mögen. Und auch mit dem neuen Kampfsystem muss man sich erst mal anfreunden. An dieser Stelle bleibt ein bisschen unklar, wo Ubisoft mit seinen Felder-basierten Schlachtfeldern hinwollte. Das Beste daran ist allerdings: Man gewöhnt sich dran. Tut man das, geht die rektakuläre Zerreißprobe flüssig von der Hand, denn insgesamt bietet das Spiel eine schöne Mischung aus Erkundung und Kämpfen. Dazu empfehle ich eine deftige Bohnensuppe.

Entwickler/Publisher: Ubisoft San Francisco/Ubisoft - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 69,99 Euro - Erscheint am: 17. Oktober 2017 - Getestete Version: PS4 - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.