Mit beherzter Leichtigkeit vereint Odyssey den scheinbaren Widerspruch zwischen Tradition und modernen Einflüssen zu einem der besten Marios

Nur eines ist an Super Mario Odyssey nicht überraschend: seine überragende Qualität. In von tiefen Meinungsgräben durchzogenen Kommentarspalten, zwischen unversöhnlich verhärteten Fronten starrsinniger Videospiel-Apologeten ist für gewöhnlich nur ein spaltbreit Platz für gemeinsamen Konsens. Nintendos jüngster Ausritt des latzbehosten Strahlemanns füllt diese Nische mit einer charmanten Naivität, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, die in alle Richtungen davonstiebenden Definitionen dessen, was ein gutes Videospiel im Kern ausmacht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner herunterzudampfen.

In diesem Fall ist das vor allem eins: Spielspaß in seiner pursten Form. Wenn der halbe Erdball diesen Freitag in Erwartung eines in Codezeilen übersetzten Antidepressivums herbeisehnt, bei dem jeder Metascore unter 95 Prozent eine mittelschwere Enttäuschung wäre, dann auch deshalb, weil all die Vorabinformationen in ihrer Aufrichtigkeit nie einen anderen Schluss zuließen. Nintendo stand noch nie für großspuriges Proletentum, muss seine Kundschaft weder mit bedeutungsschweren Render-Trailern noch einem halben Dutzend verschiedener Vorbesteller-Versionen locken. Warum auch, wenn man Spiele wie diese produziert? Spiele, die statt einer Zwei-Meter-4K-Glotze mitsamt dröhnender 5.1-Anlage nur eines von euch verlangen: eure ungeteilte Aufmerksamkeit.

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Mario ist immer zu 100 Prozent bei der Sache und das perfekte Motiv für den großartigen Fotomodus des Spiels.

Nicht, dass es einer großen Leistung gliche oder ihr überhaupt so etwas wie eine Wahl hättet, Super Mario Odyssey nicht ausnahmslos jedes Fünkchen eurer Beachtung zu schenken. Geschieht beim Einschalten der Konsole quasi automatisch. Auf Knopfdruck verengt sich der Blick für die Realität auf den flachen Kasten vor euren Augen; plötzlich habt ihr nur noch den nächsten Mond und nichts anderes mehr im Sinn, leben für den Moment, in vollen Zügen - genau wie Nintendos Energiebündel selbst, ein glücklich jauchzendes Kerlchen, das das Im-Moment-Leben zur Kunstform erhoben hat. Gemeinsam mit dem wuscheligen Haupthaar des propperen Maskottchens verschwindet auch jedweder Ballast des Alltags unter der prominenten roten Kappe.

Eine Zaubermütze in jeder Hinsicht und ein spielgeschichtlicher Zirkelschluss obendrein. Eine aus technischer Limitation geborene Designentscheidung wurde zum ikonischen Markenzeichen und nun gar zur Triebfeder einer behutsamen Neuinterpretationen, wie sie Nintendo mit Breath of the Wild dieses Jahr schon einmal gelang. Dem spitzohrigen Hylianer gleich orientiert sich auch Mario an etablierten Open-World-Konzepten, ohne diesen deshalb hinterherzurennen. Nach den außerordentlich fokussierten Galaxy-Teilen auf der Wii ist Odyssey ein weitaus breiter angelegtes Abenteuer, sowohl im übertragenen Sinne als auch ganz unmittelbar.

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Yoshis großer Bruder ist auch am Start und hat gleich mehrere denkwürdige Auftritte.

Das alte "Quadratmeter ≠ Spielspaß"-Paradigma der auf kleinsten Raum destillierten Galaxy-Planeten weicht einer sehr großzügigen Auslegung davon, was ein modernes Jump-and-Run an Inhalten auf die Wage bringen sollte. In seiner Mission als Hochzeits-Crasher reist Mario um den halben Globus, konkreter: durch mehr als 15 Welten, die meisten davon enorm weitläufig angelegt und bis unters Dach vollgestopft mit Monden; die altgedienten Sterne sind der Rundumerneuerung zum Opfer gefallen. Strukturell ist das eher Sunshine als alles andere, nur ohne die thematisch bindende Urlaubsinsel-Fußfessel und einen zentralen Hub, der hier ohnehin nur das stramme Tempo rausnehmen würde (nope, auch New Donk City ist "nur" ein normales Level, falls ihr wie ich von etwas anderem ausgegangen seid).

Odyssey macht sich frei von derlei Verpflichtungen. Einzig das Konzept der als Spielplätze angelegten, offenen Welten sorgt für so etwas wie einen begrenzenden Rahmen innerhalb eines vor Abenteuerlust überschäumenden Spiels. Nicht alle Level werfen euch gleich in eine ausladende Stadt mit mehr Geheimnissen als Passanten, doch jedes einzelne ist ein eigener Mikrokosmos und als solcher groß genug, um die obligatorische Übersichtskarte mitsamt genauer Position aller aufgespürter Schätze zu rechtfertigen. Eine Hilfe, die ihr eher früher als später zu schätzen lernen werdet, wenn ihr irgendwann ab Mond 48 (einige Welten verstecken 70 und mehr davon) die Übersicht verloren habt, wo ihr schon gesucht habt und wo nicht. Ihr werdet nie völlig planlos umhereiern und es gibt, wie gesagt, ohnehin nur wenig wenig wirklich riesige Abschnitte. In einigen davon nimmt Mario die titelgebende Odyssee aber vielleicht eine Spur ernster, als Nintendo das eigentlich intendierte.

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Peachs Hochzeitsstrauß besteht aus Piranha-Pflanzen. Ich wiederhole: SIE HAT EINEN PIRANHA-PFLANZEN-BLUMENSTRAUSS!

Ohnehin diktiert die vielseitig auslegbare Freiheit einige zaghafte Korrekturen an etablierten Mustern. Das im Vorfeld mit Unkenrufen bedachte Überbordwerfen der Lebensanzeige ist ab dem Augenblick als notwendiger wie sinnvoller Schritt erkennbar, ab dem ihr eurem Entdeckerdrang freien Lauf lassen wollt. Missglückter Sprung? Kein Problem, zehn Münzen und weniger als halb so viele Sekunden später steht ihr an derselben Stelle und könnt euer Glück erneut probieren. Es gibt keine Ausrede mehr, nicht jeden Stein umzudrehen, diesen einen waghalsigen Sprung nicht doch noch mal zu versuchen.

In dieser Game-Over-freien Umgebung sind die goldenen Münzen ihrer bisherigen Extraleben-Funktion beraubt und werden sinnvollerweise auf das reduziert, was sie sind: eine Währung. Moneten, mit denen ihr dem Schnauzbärtigen eine bunte Garderobe zusammenstellt, ihn im Mario-Maker-Bauarbeiter-Dress in den Dschungel oder nur in Pünktchen-Boxershorts gekleidet in die klirrende Kälte der Polarwelt schickt - weniger aus Sadismus, eher zum Bestehen einer skurrilen Mutprobe, deren Abschluss euch einen weiteren der rund 600 (!) Monde aufs Konto spült.

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Ein, äh, Stapel der Schande?

Selbst die so verschwenderisch genutzten Ideen von Nintendos EPD-Entwicklertrupp (der vor zwei Jahren erfolgte Zusammenschluss der EAD- und SPD-Divisionen) lassen sich nicht auf derartig viele Aufgaben strecken. Falls man Super Mario Odyssey überhaupt irgendeinen validen Vorwurf machen kann, dann den, dass es sich in seinem Sammelwahn vielleicht eine Spur überhoben hat. Wenn ihr in jedem Level einen Mond für 100 Münzen und später sogar mehrere im Paket kaufen könnt, drängt sich eben doch die Frage auf, ob weniger vielleicht mehr gewesen wäre. Alle naselang stolpert ihr über die funkelnden Dinger, lest sie gerade zu Beginn einer neuen Stage vom Boden auf wie Brotkrumen. Es ist, wie alles an Odyssey, Kritik auf hohem, auf verflucht hohem Niveau, und doch lässt sich eine latente Gleichgültigkeit ab Mond 300 nicht leugnen. Ist eben etwas anderes, ob man 120 penibel platzierte Sterne zusammenklaubt oder der fünffachen Anzahl hinterherjagt.

Es ist aber auch Nintendos liebenswürdige Art, weniger erfahrenen Spielern aufmunternd auf die Schulter zu klopfen. Jeder soll zumindest die Möglichkeit haben, die Namen dieser unverschämt talentierten Entwickler nach Abschluss des Spiels über den Bildschirm laufen zu sehen - etwas, wofür in typischer Serientradition längst nicht alle Monde gefunden werden müssen. Odyssey richtet sich tendenziell eher an die Erfahreneren unter uns, es soll in Sachen Anspruch "zu den Wurzeln zurückkehren", wie Miyamoto in einer Treehouse-Übertragung Anfang des Jahres sagte. Der Mann hat Wort gehalten. Es dauert ein wenig, bis die Sprünge weiter, die Gegner hartnäckiger und die Tode häufiger werden. Wenn es so weit ist, wisst ihr allerdings, was Nintendos Mastermind mit seiner Aussage bezweckte. Dass ihr also gelegentlich beinahe mehr Monde als Münzen in die Taschen eurer Latzhose stopft, soll auch jedweden potenziellen Leerlauf und Frust im Keim ersticken.

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Nicht auf dem Bild: die zentimeterhohe Nostalgie-Gänsehaut beim Spielen.

Zudem trägt ein beliebig portionierbares Mario dem Switch-Konzept Rechnung. Ihr sollt ebenso ein gesamtes Wochenende am Stück wie mal eben zehn Minuten während der Bahnfahrt in ein Spiel buttern können, das in beiden Ausführungen knackscharf aussieht und auf bombenfeste 60 Bilder die Sekunde abonniert ist. Die Vermählung zweier derart konträrer Spielgewohnheiten ist für gewöhnlich ein Drahtseilakt, mit dem sich viele Studios übernehmen. Nintendo meistert ihn scheinbar mühelos.

Super Mario Odyssey ist das perfekte Spiel für die Nintendo Switch. Es stellt die Stärken seiner Hardware weniger aufdringlich zur Schau als etwa 3D Land seinerzeit auf dem 3DS. Die technischen und konzeptionellen Vorzüge der Switch werden zaghaft betont, in gewisser Weise gar clever gespiegelt. Bis auf wenige Ausnahmen ist jedes große Mario um eine zentrale Mechanik herum gestrickt, einen unscheinbaren Einfall, aus dem die Japaner in schöner Regelmäßigkeit mehr Ideen pressen als andere Studios aus fünfmal so vielen Konzepten. Nun also eine Formwandler-Mütze, die nahezu alles assimiliert, auf das ihr sie via Tastendruck oder gewöhnungsbedürftiger Bewegungssteuerung (viel Spaß dabei, das im Handheld-Modus zu versuchen) schleudert. Mario wechselt munter die Gestalt - von Zieharmonika-Raupen über Gulli-Deckel (!) bis hin zu einem T-Rex - und nimmt den Namen seiner Konsolenheimat (to switch - wechseln) damit wörtlich.

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Selbst die Unterwasser-Abschnitte machen in Odyssey Spaß und ja, das da hinten ist Mario-64-Dorrie. Odyssey ist voll von derlei nostalgischem Augenzwinkern.

Die beseelte Mütze ist Nintendos Freifahrtschein für all den herrlichen Unfug, der bislang undenkbar schien. Selbst die Klempner-Spiele müssen sich zumindest an ein vages Regelwerk halten und die innere Logik ihrer Spielwelt beachten. Odyssey ist dahingehend keine Ausnahme, hat mit der Kappe aber ein elegantes Schlupfloch gefunden und eine diebische Freude daran, die dadurch gegebenen Möglichkeiten auszuloten. Dieses Mario lässt sich keine Grenzen auferlegen; erlaubt ist, was Spaß macht. An der von Feuerwerk erleuchteten Skyline von New Donk City einen nostalgischen 2D-Trip in selige Donkey-Kong-Arcade-Zeiten nachspielen, während eine bestens aufgelegte Jazzband im Hintergrund eine schmissige Nummer zum Besten gibt? Pah, ein ganz normaler Dienstag in Odyssey.

Mehr als 50 Lebewesen und Objekte kann das bekannteste Videospiel-Maskottchen der Welt übernehmen und ich werde mich hüten, euch auch nur ein weiteres davon zu verraten. Findet es selbst heraus, wahlweise mit einem gackernden Kumpel neben euch, der im Koop-Modus die Steuerung der Kappe übernimmt, während ihr den zotteligen Klempner wie gewohnt durch die Level scheucht. Kein Modus, der die Art und Weise auf den Kopf stellt, wie ihr Odyssey spielt, aber eine nette Abwechslung und sinnvollere Methode, einen zweiten Spieler ins Boot zu holen, als es Galaxys aufgesetzte Pointer-Funktion war.

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In jeder Welt versteckt sich eine begrenzte Anzahl spezieller lilafarbener Münzen. Sammelt ihr alle, gibt's einen Mond.

All das zu entdecken liegt ab sofort in eurer Verantwortung. Ich spreche hier nicht von einem gutgemeinten Rat - das ist eine Aufforderung. Super Mario Odyssey ist kein Spiel der Konjunktive: Der Begriff "zögern" existiert in dieser Welt nicht und hat auch in eurem Vokabular nichts verloren, wenn es darum geht, dieser Achterbahnfahrt eine Chance zu geben. Wenn es jemals einen Kaufgrund für eine Konsole gab, ist es dieser hier.

Nach Zelda: Breath of the Wild hat Nintendo dieses Jahr einmal mehr die Kernessenz einer Reihe destilliert und mutig um modernde Elemente erweitert. Das Ergebnis ist ein gleichermaßen klassisches wie frisches Mario, ein in jeder Hinsicht verschwenderisches obendrein - und eine in Pixel gegossene Definition all dessen, was wir an Videospielen lieben.

Entwickler/Publisher: Nintendo - Erscheint für: Nintendo Switch - Preis: 59,99 Euro - Erscheint am: 27. Oktober 2017 - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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