L.A. Noire (Switch, PS4, Xbox One) - Test

Nach dem großen Schlaf.

Bin ich der einzige, der ziemlich überrascht war, als Rockstar ankündigte, ausgerechnet L.A. Noire auf Nintendos Switch zu portieren? Unter Kennern mag der spielbare Noire-Krimi im Los Angeles der späten 40er Jahre einen fabelhaften Ruf genießen. Aber in Sachen Profil ist es sicher nicht die Ankündigung, die man wählen würde, wollte man die größtmögliche Menge an Leuten mit den Ohren schlackern lassen. Dann noch die Tatsache, dass L.A. Noire für vieles geschätzt wurde, nicht aber für die Tatsache, dass es sich einige recht beliebige Elemente vom Feld-, Wald- und Wiesen-Open-World-Spiel borgte, wie sie um die 2010er-Jahre herum so verdammt beliebt waren - ja, mich überrumpelte schon, dass sich Rockstar ausgerechnet das hier für sein Switch-Debüt aussuchte.

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Die Gesichter wirken wachsig, die Darbietungen überzeugen aber auch 2017 noch durchweg.

Trotzdem: Diese schwere Geburt von einem hoch gelobten und doch irgendwie seltsam unterschätzten Spiel hat der Zeit ebenso gut getrotzt wie der vermeintlichen Schrumpfkur auf den Handheld-Faktor. Ich kann heute besser akzeptieren, dass das komplette digitalisierte Los Angeles wenig mehr ist als ein flauschiger Atmosphärenteppich (der sich alleine schon für ein Goldstück von einem Artikel wie Donlans Night and the City gelohnt hat) als zu seinem ersten Erscheinen. Ist ein Spiel neu, ist der zum Teil sicher auch meiner Profession geschuldete Drang, ein lange angekündigtes Spiel neben alles andere zu halten, was sich zeitnah an auch nur vage Vergleichbarem versuchte, manchmal ein bisschen übermächtig.

Im direkten Nebeneinander wogen für mich die Schwächen der Stadtsimulation bedeutend schwerer als heute, wo ich L.A. Noire für sich selbst stehend betrachten kann. Und siehe, nun - mit sechs Jahren Abstand - liebe ich es für das, was es ist: Ein in Konzept und Umsetzung bis heute einzigartiger Krimi, wie sich so schnell niemand wieder an ihn herantrauen wird. L.A. Noire ist als Spiel über Cops, die im Sumpf der Korruption mal mehr, mal weniger und doch irgendwie alle zusammen schmutzig werden, große Klasse. Es ist ein Spiel, das seine Konflikte hauptsächlich durch Beobachtung und gezielte Dialogführung beilegt und sich und dem Spieler dafür zu Recht auf die Schulter klopft. Auch wenn man bis heute noch die eine oder andere Lücke in der eigenen Beweisführung nicht nachvollziehen kann, die einem das Spiel ankreidet.

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Auf der PS4 Pro mit optionaler nativer 4K-Unterstützung sieht man dem Spiel sein Alter ein wenig schneller an, aber ich bin froh, es nun so konserviert zu sehen.

Warum reicht dem Spiel die auf den Verdächtigen registrierte und kurz zuvor nachweislich von ihm gewartete Waffe am Tatort nicht als Basis für eine handfeste Anschuldigung? Wann soll mein aufrechter Cop mit der dunklen Seite, gespielt von Mad Men's Aron Staten, eher auf das Motiv abzielen, wann einen Verdächtigen mit Beweisen konfrontieren? Das Spiel macht das zu Beginn nicht ganz klar, beziehungsweise ist man nicht mit ihm auf einer Wellenlänge. Die Neuerung, die Befragten heute nicht mehr mit Wahrheit oder Lüge zu infiltrieren, sondern die Optionen heute Good Cop und Bad Cop zu nennen, hilft zwar dabei, Coles Reaktion zu erklären, macht aber die Gesprächsführung nicht zwangsläufig einfacher. Mit zunehmender Dauer aber begreift man, wie L.A. Noire tickt und bewegt sich selbstsicher durch windige Zeugenaussagen und fühlt sich richtig gut dabei.

Überhaupt besticht, wie sehr L.A. Noire ein Spiel ist, das nicht nur möchte, dass ihr genau hinschaut, wenn mal wieder ein Verdächtiger mit einem verräterischen Tick seine Unehrlichkeit offenbart. Noch besser fast sollt ihr zuhören, wenn ihr mit Aussagen konfrontiert werdet, die der Indizienlage widersprechen. Dieses Aufsaugen und Verarbeiten von Informationen, diese Schlüsse ziehen aus dem, was an Input vor euch liegt, das übt eine Faszination aus, wie ich sie in Spielen seit 2011 nur selten verspürte und die ich fast vergessen hatte. Die vergangenen Stunden hindurch, die ich mit der Switch-Version und der PS4-Variante verbrachte, waren eine wohlige Erinnerung daran, die mich richtig glücklich stimmte, das Rockstar genau dieses unwahrscheinliche Spiel aus seinem Katalog für eine Neubearbeitung wählte.

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Interessant, wie viele Schauspieler man wiedererkennt.

Die ist den Entwicklern sehr gut gelungen. Auf der Switch ist es besonders auf dem Handheld-Screen trotz seines sichtbaren Alters ein Hingucker. Gerade die Gesichter sind noch immer unheimlich gut gelungen, wenn man davon absieht, dass ihre Haut immer noch ziemlich wachsig und die Haaransätze wie mit dem Aquarellpinsel gezogen scheinen. In Sachen Bedienung darf man die Kamera auch per Touchscreen drehen oder - im gedockten Zustand und mit Joy-Con in den Händen - die Bewegungssensoren zum Zielen nutzen. Gut gelöst und willkommene Ergänzungen, zumal ihr Tatorte im Handheldmodus auch nach Art eines Point-and-Click-Adventures auf Hinweise absuchen dürft, ohne Cole direkt zu steuern. In Features wie diesem steckt einiges an Arbeit.

Schade fand ich unterdessen, dass sich das Spiel nicht merkt, in welchem Modus ihr welche Optionen aktiviert habt. Steuere ich per Bewegungssensoren die Kamera, bevorzuge ich es, dass die Joy-Con-Geste dafür nicht invertiert ist, als hielte ich eine Taschenlampe in die Umgebung. Wenn ich aber direkt per rechtem Stick zielen und mich umschauen muss, weil ich im Handheld-Modus unterwegs bin, hätte ich's gerne invertiert. Immerhin geht auch mein eigener Blick nach oben, wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege. Wer aber ohnehin nicht invertiert spielt, oder wer das Spiel auf haargenau eine Art erlebt, wird damit wohl kein Problem haben. Auf der PS4 sieht L.A. Noire noch am ehesten so aus, wie ihr es in Erinnerung habt, auch wenn die niedriger aufgelöste Switch-Version mit geringerer Zeichendistanz wohl tatsächlich näher dran ist.

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Schade, dass Team Bondi nicht mehr ist (wobei Brendan McNamara ein Chef direkt aus der Hölle gewesen sein soll). Wer macht jetzt meinen spirituellen Nachfolger?

Der Schärfegewinn in nativem 4K auf der PS4 Pro ist sehr willkommen, wenngleich nicht unabdinglich. Die Texturen sind höher aufgelöst, aber nicht auf einem Niveau, das man heute als zeitgemäß bezeichnen würde. Alles in allem holt das Remaster L.A. Noire zwar nicht visuell in die neue Generation, die damals bahnbrechenden Gesichtsanimationen sorgen aber dafür, dass es noch heute faszinierend anzuschauen ist und man den Figuren an den Lippen hängt. Immerhin sind diese Gesichter das, was ihr die meiste Zeit über vor der Nase haben werdet.

Am Ende nehme ich vor allem aus meinem verspäteten, aber längst überfälligen Wiedersehen mit L.A. Noire mit, dass es heute, aus seiner Zeit ausgeklammert, fast noch eine bessere Figur macht als damals. Sicher, die offene Welt war seinerzeit schon nicht gerade interaktiv oder belebt und ist aus heutiger Sicht beinahe archaisch. Aber sie drängt sich auch immer nur so weit auf, wie ihr es zulasst, duckt sich weg, wenn sie merkt, ihr zeigt kein Interesse - und ist da, wenn ihr sie braucht, weil ihr euch knietief in Raymond Chandler wähnt und alles, was fehlt, ein einziger Blick auf die Skyline der Stadt der Engel ist.

Die Frage, ob man das hier heute noch braucht, stellt sich daher nicht. Ein Spiel wie dieses hat es davor und seither nicht mehr gegeben, egal wie sehr einen 2011 seine zeitgeistigen Schwächen auch gegen den Strich gebürstet haben mögen. Dass es sich gerade auf der Switch so ausnehmend gut schlägt, mit seinen mundgerechten Ermittlungshappen, gerät da beinahe zu einem Randdetail.

Entwickler/Publisher: Rockstar - Erscheint für: PS4, Xbox On,e Switch - Preis: 37 Euro (PS4, Xbox One), 47 Euro (Switch) - Erscheint am: Erhältlich - Sprache: Englische Sprachausgabe, Deutsche Untertitel - Mikrotransaktionen: Nein - Getestete Version: Switch, PS4

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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