Hidden Agenda - Test

Ich will was, was du nicht weißt! 

Ich bin ein großer Freund von Couch-Multiplayer-Spielen. Ich finde, dass kein Online-Feature der Welt das Gefühl ersetzt, mit ein paar Freunden vor dem Fernseher zu sitzen, gegen- oder miteinander zu spielen und dabei das eine oder andere Bier zu konsumieren. Umso mehr mag ich Sonys Playlink-Feature, die Möglichkeit also, bestimmte Spiele via App mit dem Smartphone zu steuern, ganz ohne Controller. Klar eignet sich das nicht für jedes Spiel - That's You war aber schon ein nettes Beispiel dafür, was mit diesem System möglich ist. Hidden Agenda zeigt jetzt, dass Playlink auch dann seinen Reiz hat, wenn es nicht nur um ein reinrassiges Partyspiel geht. Vielmehr handelt es sich hier um einen spielbaren Krimi, der durchaus seine dunklen Momente hat, mehr noch: bei dem es eigentlich nie so richtig hell wird.

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Die Basis von Hidden Agenda: schwierige Entscheidungen.

Hidden Agenda stammt von Supermassive Games, bekannt vor allem durch das handlungsgetriebene Horrorabenteuer Until Dawn. Das merkt man dem Spiel an - vor allem am Grafikstil. Auch bei Hidden Agenda geht es vorrangig um die Geschichte. Je nach Szene schlüpft ihr wahlweise in die Haut der Staatsanwältin Felicity Graves oder der Kriminalpolizistin Becky Marnie. Beide haben ein gemeinsames Ziel, nämlich den berüchtigten Serienmörder The Trapper zur Strecke zu bringen. Der ist allzu offensichtlich am bekannten Sadisten und Kinoserienkiller Jigsaw angelehnt, der mit seinen perfiden Todesfallen bereits in unzähligen Filmen eine Spur aus Blut und Gedärmen hinterlassen hat. Und so werden auch in Hidden Agenda hier und da mal Menschen in die Luft gesprengt, wobei die Gewalt hier weitaus weniger explizit dargestellt wird als in den Saw-Filmen. Hidden Agenda will mehr Krimi sein, weniger Horror.

Nun könnte (und kann) man das Spiel ganz einfach als einzelner Spieler bis zum Ende erleben, wenn man sich mit seinem Handy vor den Fernseher setzt. Der eigentliche Reiz kommt aber durch die namensgebende Hidden Agenda ins Spiel. Bis zu sechs Spieler können sich vor dem Fernseher tummeln, wobei das Spiel jeweils nur einem von ihnen einen Geheimauftrag gibt - beispielsweise, Staatsanwältin Graves dazu zu bringen, den Richter dazu zu überreden, den Serienkiller rauszulassen. Schafft der Spieler das, bekommt er Punkte. Wie er das schaffen kann? Nun, einerseits durch demokratische Entscheidung: Das Spiel wird immer wieder unterbrochen, die Mehrheit der Spieler muss dann teilweise unter Zeitdruck beschließen, wie es weitergeht. Schiebt einfach auf dem Smartphone einen kleinen Marker über das Touch-Display auf eure Entscheidung. Andererseits hat jeder Spieler aber auch eine gewisse Anzahl an Vetos zur Verfügung, mit denen er sich über die Mehrheitsmeinung hinwegsetzen kann.

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So sieht das Spiel auf dem Smartphone aus. Jederzeit könnt ihr entscheidende Momente des Spielverlaufs noch einmal nachlesen.

Das Problem für den Spieler mit Geheimauftrag ist nur: Diese Vetos fallen auf. Warum ein bestimmter Spieler urplötzlich bei einer Entscheidung ein Veto einlegt, obwohl dies eigentlich seiner sonstigen Entscheidungspolitik widerspricht, ist schnell klar: Er hat den Geheimauftrag. Und wenn die anderen Spieler das bemerken, können sie nicht nur versuchen, den Geheimauftrag zu sabotieren, sie bekommen danach auch Punkte dafür, wenn sie richtig tippen, wer denn nun besagten Geheimauftrag hatte. Die meisten Punkte bekommt aber natürlich derjenige, der erfolgreich seinen Auftrag erfüllt - Ziel muss es also sein: Pokerface aufsetzen, Auftrag ausführen und unentdeckt bleiben. Und genau das macht in der Gruppe wahnsinnig viel Spaß, auch wenn es dazu führt, dass sich die Geschichte oft mehr in eine zufällige als in eine gewollte Richtung entwickelt. Letztlich entscheidet das Spiel nämlich rein nach dem Zufallsprinzip, wer einen Geheimauftrag erhält und derjenige der ihn bekommt, hätte sich womöglich anders entschieden, hätte ihn das Spiel nicht dazu aufgefordert.

Wer nur die Geschichte erleben will, kann das übrigens machen, das Spiel enthält einen Story-Modus, der auf die Geheimaufträge verzichtet. Der ist unter anderem deshalb nett, weil sich die Handlungsfäden von Hidden Agenda weitaus mehr aufspalten als man das beispielsweise von den Telltale-Spielen gewohnt ist. Das Spiel hat insgesamt drei Kapitel und in einem zweiten Durchlauf ist mein zweites Kapitel gänzlich anders gelaufen als im ersten, kaum eine Szene glich der anderen. Das ist auch deshalb gut zu wissen, weil der einmalige Durchgang nur etwa zwei Stunden dauert. In diesem Fall lohnt sich mehrmaliges Durchspielen aber durchaus, zumal mit neuen Spielern. Raten würde ich für den Anfang jedoch ausdrücklich nicht zum Story-Modus, denn die Hidden Agendas machen das Spiel erst so richtig zu einem sozialen Erlebnis. Das wird dadurch verstärkt, dass es zwischendurch immer wieder kleine Wimmelbildspielchen gibt, in denen alle Spieler unter Zeitdruck bestimmte Hinweise finden müssen - als Belohnung gibt's ein Veto, das wiederum dazu führen kann, dass der schnellste Spieler seinen nächsten Geheimauftrag leichter erfüllen kann als ihr das könntet.

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Spaß mit Wimmelbildern: Hier sucht ihr gemeinsam nach wichtigen Spuren.

Andererseits würde Hidden Agenda ohne dieses soziale Erlebnis auch deshalb sehr an Reiz verlieren, weil die Geschichte doch recht stark nach B-Movie schmeckt. Nicht so sehr wegen der Präsentation. Die krankt zwar hier und da ein wenig daran, dass die deutsche Sprachausgabe nicht unbedingt lippensynchron ist. Aber insgesamt sieht das Spiel recht hübsch aus. Es sind vielmehr die Dialoge, die zu großen Teilen daraus bestehen, dass sich die Figuren Floskeln um die Ohren hauen, die direkt aus der Hölle derjenigen US-Krimis kommen, die es nicht verdient hatten, in den Himmel zu kommen. Da mag die deutsche Synchronisation ebenfalls eine Rolle spielen, aber hier mal mein Lieblingsspruch: "Finn nannte es Trockenlauf mit feuchter Nudel." Ich habe ernsthaft nicht die geringste Ahnung, was diese Figur mir in diesem Moment sagen wollte, es war nur unpassend und ich bin mir recht sicher, dass es nicht sexuell gemeint war, weil das in der fraglichen Spielsituation nämlich keinen Sinn ergeben hätte.

Davon abgesehen habe ich aber wirklich wenig an Hidden Agenda auszusetzen. Klar, für den Einzelspielermodus wäre vielleicht eine Controller-Option ganz nett gewesen, aber wer hat heutzutage denn kein Smartphone? Und je nachdem wer gerade den Geheimauftrag hat, ist Hidden Agenda in gewisser Weise kein Spiel, das derjenige, der grade keine Vetos hat, groß beeinflussen könnte. Aber am Ende macht es trotzdem Spaß, zu sehen, was passiert, wenn jemand irrationale Entscheidungen trifft. Zumal ihr euch jederzeit in der Geschichte vertiefen könnt: Auf dem Handy könnt ihr die Hintergründe einzelner Spielfiguren jederzeit nachlesen und so tiefer in die Geschichte eindringen, als es euch das Spiel auf dem Fernseher erlaubt. Playlink-Feature gut genutzt, Supermassive Games.

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Die Geschichte ist insgesamt nicht gerade arm an Momenten, in denen jemand mit einer Taschenlampe in dunkle Räume leuchtet.

Was mich zu folgender Conclusio bringt: Hidden Agenda ist ein hervorragendes Spiel für mehrere Spieler, nicht jedoch ein Partyspiel. Wer dabei nicht aufpasst, verliert den Zugang zur Geschichte und wird keinen Spaß mehr haben. Wenn ihr jedoch Leute zusammentrommeln könnt, die an der Story interessiert sind und denen es auch Spaß macht, ab und zu mal ein bisschen fies zu euch zu sein, ist es großartig. Dann nämlich garantiert es euch zwei Stunden Krimispaß und hier und da auch einen kleinen Lacher, der aus den etwas trashigen Dialogen erwächst. Seine 20 Euro ist das Spiel aufgrund vieler verschiedener Story-Varianten durchaus wert. Habt ihr also Freunde mit Handy, die Krimis mögen: Schlagt zu und habt Spaß.

Entwickler/Publisher: Supermassive Games/Sony - Erscheint für: PS4 - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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