"Du musst es ja nicht spielen" ist ein häufig vorgetragenes Totschlagargument beim Verteidigen lauwarmer Neuauflagen, sozusagen das letzte verbale Aufbäumen gekränkter Fans gegen all die vermeintlichen Erbsenzähler da draußen. Auch im Juni dieses Jahres schwappte eine riesige Welle dieser zum Automatismus entwickelten Abwehrhaltung durchs Netz, als Nintendo mit der etwas übers Knie gebrochenen Ankündigung von Pokémon Ultrasonne / Ultramond (Namen, die ich fortan aus naheliegenden Gründen als "USUM" abkürze) überraschte. Die reflexhafte Rechtfertigung mag einiges über das Konsumverhalten der Verfechter aussagen und ist doch insofern nachvollziehbar, als dass die neuen Editionen eben genau das nicht sind: neu.

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Pikachu-Fistbump, Instant-Höchstwertung!

Vielmehr stopft Entwickler Game Freak das gewinnträchtige (Weihnachts-)Loch zwischen den letztjährigen Sonne-Mond-Teilen und dem irgendwo am 2018er-Horizont schimmernden Switch-Einstand mit einer Fingerübung seiner jüngeren Mitarbeiter. Während das Hauptteam am nächsten Generationensprung werkelt, zogen die "jungen Wilden" hier unter der Ägide einiger weniger Veteranen basierend auf dem, was wir vor ziemlich genau einem Jahr in unsere 3DS-Modulschächte schoben, zwei Zusatzeditionen nach oben.

Etwas also, mit dem routinierte Trainer einiges an Erfahrung haben. Mehr noch, als ihnen womöglich bewusst ist: Westliche Spieler der ersten Game-Boy-Teile stellten zwangsläufig über Spezialeditionen den Erstkontakt zu dieser Reihe her. Nach einer - vorsichtig formuliert - "schwierigen" Entwicklungsphase war die 1996 in Japan veröffentlichte rote und grüne Edition derart fehlerbehaftet, dass wenig später eine überarbeitete blaue Edition nachgeschoben wurde, die dann auch als Vorlage für die westliche Veröffentlichung herhielt. Daraus entwickelte sich schnell so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, demzufolge alle Pokémon-Spiele eine leicht überarbeitete Spezialausgabe erhalten müssten - eine Tradition, die erst 2012 mit Pokémon Schwarz und Weiß 2 gebrochen wurde und seither brachlag. Bis jetzt.

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Das Ultraforschungsteam gehört ebenfalls auf die Neuheitenliste und läuft euch in regelmäßigen Abständen über den Weg.

Nintendo spielte im Vorfeld stets mit offenen Karten und versuchte nie, den Anschein zu wecken, USUM könne mehr als eine dezent erweiterte Neuauflage sein. Das manifestiert sich bereits im geradlinigen "Ultra"-Namenszusatz, der keinerlei Missverständnisse über die Natur dieser Spiele aufkommen lässt. Dass sich die Japaner trotzdem ungewöhnlich schwer damit taten, die Neuerungen knackig und on point zu präsentieren, liegt eben auch daran, dass sie nicht so ohne weiteres zu subsumieren sind. Wie sonst ist der puristische "Neue Geheimnisse erwarten dich in Alola … Auf geht's!“-Klappentext der deutschen Versionen zu erklären, der schon beinahe an Arbeitsverweigerung der PR-Abteilung grenzt?

Das Grundgerüst bleibt nahezu unverändert, wie gesagt, was mich mit einem Verweis auf Leos Vorjahrestest gnädigerweise von der Pflicht entbindet, die Leistungen der aktuellen Generation ein weiteres Mal en detail durchzukauen. Auch die editionsspezifischen Pokémon, die zwölfstündige Zeitverschiebung der Mond-Version sowie weitere Abweichungen unterhalb der zwei Editionen bleiben bestehen.

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Besonders im späten Spielverlauf ziehen die neuen Editionen endlich an.

Unterschiede zu den Vorgängern könnt ihr hingegen überall und nirgendwo feststellen. So erzählt USUM etwa grundlegend die gleiche belanglose Geschichte wie Sonne und Mond, ist dabei aber zumindest eine Spur weniger geschwätzig und wirft euch zum Glück bereits nach wenigen Minuten in den ersten Kampf. Eure Route führt euch weiterhin über die vier verschiedenen Inseln des pazifischen Alolas, vorbei an hawaiianisch angehauchten Dörfchen, zerklüfteten Landschaften und vor Leben vibrierender Metropolen. All das variiert lediglich in Details; hier steht ein neues Häuschen, dort hat ein NPC eine andere Position bezogen. Völlig neue Gebiete wie das prominent beworbene Pikachu-Tal sind die absolute Ausnahme und im Regelfall sehr überschaubar.

So unspektakulär diese Abweichungen sind, so gleichmäßig streckt Game Freak sie über die gesamte Kampagne, sodass ihr konstant im Zustand milder Überraschung gehalten werdet. Bis ihr schließlich irgendwo ab der 20-Stundenmarke die Klimax erreicht und die zwei Neuauflagen beginnen, ihren Ultra-Namenszusätzen Rechnung zu tragen. Was folgt, sind nicht nur starke inhaltliche Abweichungen von den Originalen (geschenkt), sondern konkrete Spielinhalte, die auch verdeutlichen, an welche zwei Spielergruppen sich USUM richten: an Sonne-Mond-Neulinge und sehr fortgeschrittene Vielspieler nämlich. Letztere können Dutzende Stunden in die neue Ultrapforte stecken, der Schnittstelle zum etwas vernachlässigbaren Städtchen Ultametropolis sowie zu unzähligen Miniwelten, in denen jede Menge legendärer Pokémon lauern - auch solche aus älteren Generationen.

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Die Antwort auf die Frage, ob es jemals zu viele Pikachus geben kann.

Ohnehin legen euch die aktuellen Editionen auffällig wenige Steine bei der Zusammenstellung eines enorm hochwertigen Teams in den Weg. Selten war es leichter, besonders seltene Taschenmonster zu horten, was womöglich auch dem anstehenden Generationensprung zuzuschreiben ist. Gut möglich, dass Game Freak mit dem Wechsel auf die Switch einen allumfassenden Neustart wagt und dem Tauschen mit älteren Editionen eine Absage erteilt, weshalb das Studio hier noch einmal aus allen Rohren feuert.

Auch das neue Team Rainbow Rocket stellt als Ansammlung von Bösewichten vergangener Teile eine nostalgisch verklärte Herausforderung an fortgeschrittene Spieler dar und ist eine der charmantesten und letzten Neuerungen, mit denen ihr es zu tun bekommt. Bis dahin habt ihr reichlich Gelegenheit, euch am erweiterten Fotomodus sowie dem drolligen Surfing-Minispiel zu versuchen. Ebenso könnt ihr die dreieinhalb neuen Pokémon fangen, ein paar frische Z-Attacken einsetzen oder der Kampfagentur einen Besuch abstatten, einer kurzweiligen Kampfeinrichtung, bei der ihr ausschließlich mit geliehenen Monstern antretet. Kann man mal machen, alles davon - ihr verpasst aber auch nichts, wenn ihr diese schüchterne Erweiterung nach Sonne und Mond im Regal stehen lasst. Ihr wisst schon: Ihr müsst es ja nicht spielen.

So schwer die Unterschiede zwischen Ultrasonne/Ultramond und den Vorjahreseditionen auf den ersten Blick zu erfassen sind, so leicht könnt ihr euch die Kaufentscheidung machen. Im Wesentlichen richten sich Dimensionsreisen, eine Handvoll neuer Funktionen und die restlichen zurückhaltenden Änderungen nämlich an zwei Zielgruppen. Zum einen wären da die Perfektionisten und Veteranen, deren Chancen nie besser standen, Jagd auf einen bunten Strauß legendärer Taschenmonster zu machen. Andererseits bleiben all diejenigen unter euch, die Nintendos kleinen Goldeseln zwar grundsätzlich nicht abgeneigt sind, Sonne und Mond im vergangenen Jahr aber eine Abfuhr erteilt haben.

Gerade letztgenannte Gruppe erwartet hiermit eine nochmals geschliffene Version der ohnehin schon prächtig geschniegelten und gestriegelten Originale. Kurz: Ultrasonne und Ultramond gehören zum Besten, was die 21-jährige Pokémon-Erfolgsgeschichte bislang hervorbrachte.

Entwickler/Publisher: Game Freak/Nintendo - Erscheint für: 3DS - Preis: 39,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: 3DS - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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