Apollo Justice: Ace Attorney (3DS) - Test

Einspruch gegen Borschtsch.

Nur selten habe ich viel Geduld mit Spielen, bei denen ich viel lesen muss. Aber das hier ist definitiv eines davon. Sicher hat es damit zu tun, dass Apollo Justice: Ace Attorney außerordentlich gut und spannend geschrieben ist - dazu trägt aber auch bei, dass die Rätsel knackig sind und sich wunderbar in die erzählten Geschichten einfügen. Ganz so wie bei einem guten Krimi, in dem sich am Ende ein Puzzleteil in das andere fügt, wo noch zuvor zahlreiche Wendungen für immer neue Überraschungen sorgten. Doch zunächst für's Protokoll: Apollo Justice: Ace Attorney auf dem 3DS ist ein Remake eines schon etwas in die Jahre gekommenen DS-Titels, um genau zu sein des vierten seiner Art auf Nintendos erster Konsole mit zwei Bildschirmen, in Europa erschienen im Oktober 2008.

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Phoenix Wright wirkt in diesem Teil der Reihe eher abgeklärt - und teilweise schlichtweg gelangweilt.

Für alle, die die Ace-Attorney-Reihe nicht kennen: Es handelt sich um eine inzwischen recht umfangreiche Visual-Novel-Serie, in der es stets darum geht, als Rechtsanwalt die Unschuld seiner Mandanten zu beweisen. Am ehesten lässt sich die Ace-Attorney-Welt noch als eine Art Paralleluniversum beschreiben, bei der nicht wie in unserem Rechtssystem die Schuld des Verdächtigen bewiesen werden muss, sondern umgekehrt dessen Unschuld. Zudem gibt es einige übernatürliche Elemente, die in der Serie gezeigten Strafverteidiger haben oft kleinere Superfähigkeiten. Im vorliegenden Beispiel kann Apollo Justice beispielsweise in einer Art psychedelischer Vision erkennen, welche Geste jemanden verrät, der lügt - und zudem, was diese spezifische Geste bedeutet, was also wirklich passiert ist. Vor Gericht hört ihr euch an, was bestimmte Zeugen zu sagen haben, quetscht sie weiter aus und konfrontiert sie mit Beweisen, die ihrer Aussage unter Umständen widersprechen. Die oben erwähnten Puzzleteile fügen sich so nach und nach zu einer kompletten Geschichte zusammen.

Apollo Justice ist, wie seine Vorgänger schon, keine Simulation einer Gerichtsverhandlung - das Spiel nimmt sich selbst nicht immer ernst, tauscht manchmal im laufenden Prozess die Rolle von Verteidiger und Angeklagtem und wenn eine Figur die Kellnerin in einem russischen Borschtschrestaurant darstellen soll, hat sie natürlich auch stets eine Schüssel voller Borschtsch dabei. Nebenbei erwähnt halte ich Borschtsch für einen der schlimmsten Namen, den man Essen geben kann. Borschtsch. Klingt wie eine schlimme Krankheit, für die man auf eine Insel verbannt wird. Objection! Solche nebensächlichen Äußerungen, die mit dem Fall nichts zu tun haben, haben vor Gericht nichts verloren. Stimmt, keine Kommentare mehr über Borschtsch. Was ich damit sagen will: Es ist zu schön, die hervorragend charakterisierten Figuren dabei zu beobachten, wie sie versuchen, ihre Kontrahenten im Gerichtssaal schlecht aussehen zu lassen. Nehmen wir beispielsweise den alles andere als selbstsicheren Staatsanwalt, der bei jeder Wendung im Prozess herumschreit, dass er das alles für Wahnsinn hält und dessen permanente Nervosität ihn schon in den kreisrunden Haarausfall getrieben hat, was ihn aber nicht daran hindert, seine restlichen Haare lang wachsen zu lassen.

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Gemeinsam mit Richter und Staatsanwalt diskutiert ihr über Fotos vom Tatort.

Aber auch Apollo Justice selbst wird als relativ unsicher charakterisiert, schließlich ist das hier ist der Anfang seiner Karriere. In einem Rückgriff auf frühere Spiele und vermutlich auch um die Brücke zu selbigen zu schlagen, darf er im ersten von vier Fällen Phoenix Wright verteidigen, den Staranwalt aus den Vorgängern. Der spielt inzwischen in besagter Borschtschkaschemme Klavier und zockt Leute beim Poker ab. Dass er aber nicht der Mörder von Shadi Smith ist, seinem Gegner im Kartenspiel, ebendas muss Apollo jetzt beweisen. In weiteren Fällen geht es unter anderem um die Tochter von Phoenix Wright, einen Mord auf offener Bühne und um ein neues Geschworenensystem. Und während die Fälle anfangs recht unabhängig voneinander wirken, gibt es am Ende eben doch einen roten Faden, der alle irgendwie zusammenhält. Überhaupt wirken die Fälle trotz teils abgehobener und surrealer Ideen der Entwickler immer schlüssig. "Na klar, das ist es", sagt ihr euch dann im Kopf selbst und fühlt euch herausragend schlau, es selbst herausgefunden zu haben.

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Nicht alle Zeugen sind ganz bei Sinnen.

Solltet ihr euch für Apollo Justice: Ace Attorney interessieren, müsst ihr wissen, dass ihr viel lesen müsst. Über weite Strecken drückt ihr euch nur von Dialog zu Dialog, bevor ihr wieder mal eingreifen dürft, Beweise vorlegen oder Zeugen ausquetschen. Die Texte gibt es zudem aktuell lediglich auf Englisch und japanisch, gute Kenntnisse des Angelsächsischen sind also Voraussetzung. Sind die vorhanden, könnt ihr schnell in einen Lesefluss geraten, wie man ihn sonst nur von guten Romanen kennt. Ich hatte teilweise wirklich Sehnsucht nach meinem 3DS, nachdem ich kurz vorher gezwungen war, ihn aufgrund nichtvirtueller Dinge zuzuklappen. Schön übrigens: Ihr könnt jederzeit speichern und an genau diesem Punkt wieder einsteigen. Insofern eignet sich Apollo Justice auch gut für kürzere Spiel-Sessions.

Man merkt dem Spiel zudem an, dass es aus einer Zeit stammt, in der Entwickler noch versucht haben, das beste aus Stylus und Touch-Screen rauszuholen. Ihr könnt Beweisstücke via Plastikstift drehen und wenden, einzelne Teilaspekte herausgreifen und näher betrachten, Tatorte untersuchen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Spielen, in denen diese Stylus-Passagen eher aufgesetzt wirkten: Hier passen sie wie die Faust aufs Auge und lassen sich wunderbar entspannt wegspielen. Die Grafik wurde dabei im Gegensatz zum ursprünglichen Spiel dezent überarbeitet, am meisten fällt allerdings auf, dass es jetzt einen wirklich angenehmen 3D-Effekt gibt, der die Figuren dezent vom Hintergrund abhebt. Hat für mich super funktioniert - Apollo Justice: Ace Attorney ist eines der wenigen Spiele, bei denen ich den 3D-Effekt dauerhaft angelassen habe.

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Auch auf Konzerten wie diesem Hier passieren Morde.

Apollo Justice: Ace Attorney ist ein durchdachtes, schönes und spannendes Spiel - zumindest, wenn ihr in der Lage seid, euch auf eurem 3DS auf viel Text einzulassen und die Geduld habt, euch in ziemlich japanische Gerichtsdramen einzulesen. Es fordert Aufmerksamkeit, hat aber viel zu bieten, es verlangt von euch, dass ihr in jeder Situation mitdenkt und im Kopf behaltet, was ihr schon erfahren habt. Ich denke nicht, dass jemand, der das Spiel schon auf dem DS gespielt hat, es jetzt noch einmal kaufen muss. Wer diese Erfahrung allerdings nicht hat, gerne liest und nichts gegen allzu japanische Spiele hat - der investiert seine 25 Euro hier garantiert nicht schlecht.

Entwickler/Publisher: Capcom/Capcom - Erscheint für: 3DS - Preis: 24,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: 3DS - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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