Tränenreiches Adventure in 16-Bit-Optik. Grafisch nicht zeitgemäß, aber erzählerisch und musikalisch überragend. Philosophisch wertvoll.

Habt ihr in eurem bisherigen Leben alles richtig gemacht? Nicht? Zumindest in der Welt von Finding Paradise wäre das egal. Denn ganz wie im Vorgänger To the Moon könnt ihr hier das Unternehmen Sigmund anrufen. Zwei vertrauenswürdige Wissenschaftler hacken sich dann noch an eurem Sterbebett in euren Kopf und implementieren euch die Erinnerungen, die ihr gerne hättet, bevor ihr sterbt. Im Fall von To the Moon war das ein Flug zum Mond. Und theoretisch könnte es viel mehr sein - Supermarktverkäuferinnen könnten sich mit ihrem letzten Gedanken noch zu Superstars machen lassen, Buchhalter zu erfolgreichen CEOs, Stefanie Hertel zu Britney Spears, Thomas Gottschalk zu Martin Sonneborn. Entwickler Kan "Reives" Gao hat schon in To the Moon recht eindringlich geschildert, welche ethischen und moralischen Probleme es mit sich bringt, wenn ein ganzes Leben in der Erinnerung eines Menschen verändert wird. Und er tut es noch viel mehr in Finding Paradise - hier nämlich wünscht sich ein Patient, dass sein Leben bis auf wenige Reuemomente gar nicht verändert wird. Und doch beauftragt er Sigmund.

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Wer A Bird Story gespielt hat, kennt diese Szene möglicherweise - zumindest in Teilen.

Vorweg: Wie sein Vorgänger ist Finding Paradise im RPG Maker entstanden, das Spiel hat eine extrem reduzierte Grafik die am ehesten noch mit einem Secret of Mana auf dem Super Nintendo vergleichbar ist. Einzelne Assets wiederholen sich immer wieder und jeder Mensch mit Verstand würde diesem Spiel bekunden, nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Es findet komplett in 640 mal 480 Pixeln statt, daran ändern könnt ihr nichts. Wer damit nicht leben kann, darf hier aufhören zu lesen, allen anderen sei gesagt: Dieses Spiel hat an anderen Stellen Stärken, die das bei weitem aufwiegen. Wer To the Moon gespielt hat, weiß das. Wer das nicht hat, sollte das unter Umständen vor dem Spielen nachholen, muss es aber auch nicht unbedingt, denn für das Verständnis der Geschichte ist das, von ein paar wenigen Verweisen abgesehen, nicht erforderlich. Allerdings plant der Entwickler wohl eine dritte Episode, für die die Kenntnis der beiden Vorgänger dann wohl doch relevant sein wird. Insofern: Spielt beides!

Und nachdem ihr To the Moon gespielt habt, lernt in Finding Paradise Colin kennen. Colin stirbt gerade und er hat Sigmund beauftragt, seine Erinnerung zu verbessern, aber nicht so wirklich gesagt wie. Dr. Eva Rosalene und Dr. Neil Watts müssen das jetzt herausfinden. Und wie findet man heraus, was ein Sterbender will? Man bewegt sich durch seine Erinnerungen - und genau das müsst ihr als Spieler jetzt tun. Wirklich falsch machen könnt ihr nichts. Ihr sammelt jeweils ein paar Gegenstände ein, die in der Erinnerung des Sterbenden besonders wichtig sind, bewältigt dann ein kleines Match-3-Minispiel und kommt dann in den nächsten Abschnitt. Diese Match-3-Spiele sind recht überflüssig, werden mit der Zeit immer schwerer, lassen sich aber immer mit sehr geringem Zeitaufwand lösen - ich musste vielleicht das ein oder andere Mal kurz überlegen, meistens könnt ihr diese Rätsel aber auch durch wildes Herumklicken lösen.

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Selten sah ein 16-Bit-Fotoalbum so liebenswert aus.

Während ihr also Gegenstand für Gegenstand sucht, erzählt das Spiel durch Dialoge seine Geschichte automatisch weiter und gerade hier liegt seine Stärke, denn es ist außerordentlich gut geschrieben. Der Autor hat es verstanden, allzu pathetische Momente hier und da durch ein bisschen Nerd-Humor zu brechen und ebendas an anderer Stelle wieder zu lassen um den Moment umso schwerer wirken zu lassen. Ich vermute zudem, dass sich Kan Gao nicht ganz umsonst auf den 16-bit-Stil versteift hat, erlaubt dieser es doch mit sehr einfachen Pixelverschiebereien schon, Emotionen darzustellen. Und das nicht zu knapp.

Finding Paradise ist unterlegt von diversen Klaviermelodien, einige davon bleiben mehr im Ohr als andere, aber alle tragen dazu bei, die emotionale Schwere dieses Spiels zu unterstreichen. Solltet ihr für sowas anfällig sein, sei mir dieser Hinweis gestattet: Ihr werdet heulen. Und damit meine ich nicht nur den feuchten Augenwinkel, sondern die Art Tränen, die eure Backen herunterläuft, bei der euer Gesicht knallrot anläuft. Die Art, bei der ihr erst mal Pause machen und einen Schnaps trinken wollt. Das hat Kan Gao schon bei To the Moon ganz herausragend hinbekommen und das gelingt ihm auch hier wieder.

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Pilot sein: Nur ein Traum?.

Ein kritischer Geist könnte meinen, dass Finding Paradise daher nur ein Abklatsch seines Vorgängers ist, aber das ist es nicht - dieses Spiel stellt andere philosophische Fragen. Insbesondere hebt es den Willen der Angehörigen der Sterbenden stärker hervor. Haben diese beispielsweise ein Interesse daran, dass der Sterbende sie nicht vergisst? Was genau kann eine Ehefrau denjenigen Leuten diktieren, die gerade dabei sind, den letzten Gedanken ihres sterbenden Ehemannes zu formen? Das Spiel nimmt diese Fragen erstaunlich detailreich unter die Lupe und schafft es, dem immer wieder neue Denkansätze hinzuzufügen je länger das Spiel dauert. Es bringt euch nicht nur zum Heulen, es bringt euch auch zum Nachdenken.

Unter anderem über die Frage, was Erinnerungen überhaupt sind. Wir wissen nämlich, dass die sich verändern, je länger jemand lebt. Ihr kennt das: Spielt heute nochmal ein PS1-Spiel und es wird schrecklich aussehen, in eurer Erinnerung ist es aber großartig. Würden also Rosalene und Watts jetzt in eure Erinnerungen schlüpfen, sähe eure Erinnerung an die erste Playstation mindestens aus wie eine PS2, wenn nicht sogar wie eine PS3. Was letzten Endes heißt: Eure Erinnerungen sind nicht die Realität, sie entstehen und verändern sich in eurem Kopf. Ist es also ethisch vertretbar, sie zu verändern? Ja, weil sie sich eh von selbst verändern? Nein, weil: Ich bin ja immer noch Herr über meinen eigenen Kopf. Und wenn ich es doch selbst will?

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... fragt ihr euch in vielen Spielmomenten sicher auch.

Ich hatte noch nie bei einem Spiel so viel Angst, dass es mich am Ende vor eine Wahl stellt - zu entscheiden, was gut oder was richtig ist. Diese Wahl trifft das Spiel glücklicherweise sehr elegant für sich selbst und dafür habe ich es am Ende geliebt. Und mich dann gefragt, wie ich entscheiden würde. Ich kam zu keinem Ende, denn ich weiß glücklicherweise noch nicht, wo ich am Ende meines Lebens stehen werde. Schmerzhaft ist allein die Tatsache, dass euch Finding Paradise irgendwie dazu zwingt, euch damit auseinanderzusetzen - und ich glaube ziemlich fest daran, dass in all den Lebenssituationen, die im Spiel gezeigt werden, jeder etwas findet, das ihm bekannt vorkommt.

Harte Fakten: Ich habe zum Durchspielen sechseinhalb Stunden gebraucht, habe mir die Spielwelt aber auch recht entdeckungsfreudig angesehen. Ihr könnt nebenbei Pilze pflücken, die zu nichts gut sind, beispielsweise. Dafür gibt's lustige Sprüche. Oder ihr glaubt, dass es irgendwo alternative Wege gibt? Solltet ihr unbedingt auch erforschen, das Spiel belohnt all das. Ich musste diverse Male lachen, was dieses emotionale 16-Bit-Paket eigentlich perfekt macht. Finding Paradise ist nicht einfach ein Spiel wie jedes andere - ihr müsst euch schon darauf einlassen. Die bevorstehenden Feiertage eignen sich dafür ziemlich gut. Ich habe selten etwas Besinnlicheres gespielt. War danach aber auch selten so traurig. Naja, seit Edith Finch vielleicht nicht mehr. Frohes Fest.

Entwickler/Publisher: Freebird Games/Freebird Games - Erscheint für: PC, Mac, Linux - Preis: 9,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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