Auf dem Papier: Ein Adventure mit Minispielen. Jenseits des Papiers: Eine der tollsten Computerspiel-Sci-Fi-Erzählungen der letzten Jahre.

Na, schmeckt der Cocktail? Könnte daran liegen, dass er ganz auf euch abgestimmt ist. Könnte daran liegen, dass der Barkeeper begriffen hat, dass ihr gerade mies drauf seid und euch deshalb eine Extraportion Absinth spendiert hat. Den guten tschechischen, schön mit brennendem Würfelzucker und jeder Menge Thujon, so dass ihr beim Trinken aufpassen müsst, nicht unfreiwillig für den Rest eures Lebens zu schielen. Nur aus besten Rohstoffen, Kräuter aus den Wäldern rund um Prag. Bester, allerbester, allerbestester Absinth! Herrliche Wermut-Aromen! Wermut reimt sich auf Schwermut. Das passt, weil das so etwa die Stimmungslage ist, die ihr haben werdet, wenn ihr The Red Strings Club spielt. Zumindest, falls ihr auch nur ansatzweise empathisch seid. Denn ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass dieses Spiel einige der am besten geschriebenen Figuren enthält, die ich in einem Spiel je erlebt hat. Und vermutlich die beste Musik überhaupt.

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Welchen Cocktail möchte dieser Herr wohl?

Während ich diese Zeilen tippe, läuft im Hintergrund tatsächlich ein Stück aus dem Soundtrack des Spiels. Das liegt daran, dass The Red Strings Club ganz wundervolle, eindringliche, nicht überhebliche, aber doch umso stimmungsvollere Klavier-Melodien enthält. Melodien, die Donovan gefallen. Donovan, das ist einer der Protagonisten in The Red Strings Club, der Barkeeper um genau zu sein. Er schenkt seinen Kunden nicht nur Cocktails ein, er weiß, welche Cocktails sie wollen, denn er liest ihre Stimmung. Er sieht, ob sie traurig sind, zur Melancholie neigen, oder knallharte, euphorische Konzerntypen, die sich eigentlich nur einen nach Benzin schmeckenden Gin reinkippen, um zu spüren, dass sie überhaupt noch am Leben sind. Donovan ist nicht hauptamtlich Barkeeper, er ist Informationshändler. Er hört und speichert in seinem biologischen Hirn, was in der Welt passiert. Und irgendwann kann er einfach nicht mehr.

Die Welt wird nämlich von Konzernen regiert. Ja, es ist schon wieder diese Art Blade-Runner-Dystopie, in der es keine demokratisch gewählten Regierungen mehr gibt, nur noch wirtschaftliche Interessen. Und Leute, die sich selbigen allzu bereitwillig beugen. Indem sie sich einfach was implantieren lassen. Ich weiß, dass das heute schon so ist - wer mal eine Runde Privatsender inhaliert, weiß das. So ziemlich jedes Körperteil lässt sich irgendwie aufspritzen. Aber hier geht es um Gefühle! Du glaubst, nicht genug Follower auf Instagram zu haben? Lass dir ein Implantat setzen, dass dein Online-Charisma erhöht. Oder aber eines, dass schlichtweg dazu führt, dass es dir egal ist, welche Reputation du online besitzt. Dumm nur: Du kannst dir das nicht einfach so raussuchen, du bist ein ohnmächtiger Patient eines allzu gut funktionierenden Androiden. Und der entscheidet. Ihr entscheidet. Ehrlich, ich wollte schon immer mal einem unverdient erfolgreichen Influencer seinen Schneid nehmen. Danke, The Red Strings Club, dass ich das jetzt zumindest virtuell durfte.

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Nein, das ist nicht Optimus Prime. Diese Dame wird künftig eure Gäste begrüßen

Und während ich ihn mir so reinkippe, den Absinth, schön mit brennendem Würfelzucker, braut sich da im Hintergrund eine Rebellion zusammen. Denn nicht alle finden es gut, dass die herrschenden Konzerne verändern, wie ihr euch fühlt. Nicht alle wollen Implantate, sie hinterfragen, wohin das noch führen soll, denn die technische Entwicklung hört nicht auf. Und auch der Herrschaftswille der Konzerne nicht. Aus einem freiwilligen Implantat, aus schierem politischen Liberalismus geboren, könnte schon morgen ein unfreiwilliges werden, ein faschistisches. Das mag sich alles lesen wie eine große Verschwörungstheorie, aber eher heute als morgen schenken Eltern ihren Kindern Handys und installieren darauf Apps, die dazu führen, dass sie ihre Nachkömmlinge jederzeit orten können. Versteht mich nicht falsch, Technologie ist nichts Schlechtes. Aber wie jedes Werkzeug kommt es im Endeffekt eben auf den Menschen an, der es bedient.

Bedient wie ein Klavier. Und hier komme ich zu dem, was ihr in The Red Strings Club wirklich macht. Ihr führt Dialoge. Ihr sprecht mit den Leuten, die in eure Bar kommen. Und ihr klickt euch durch Minispiele. Ihr müsst beispielsweise Implantate setzen und basteln, denn die drexeln sich nicht von selbst. Nur wirken diese Minispiele allzu einfach, nahezu wie ein Fremdkörper im Spiel. Als hätten die Entwickler beschlossen, dass hier noch irgendwas rein muss, das aus The Red Strings Club ein Spiel macht und kein E-Book mit Pixelgrafik. Als letzteres funktioniert es nämlich deutlich besser. Die Minispiele sind überflüssig, aber sie sind da, was womöglich auch an der Geschichte von Deconstructeam liegt. Das Team hat zuvor Gods will be Watching gemacht, ein tolles, aber am Ende zu sehr auf seinen Mechaniken ruhendes Sci-Fi-Spiel in ähnlich hübscher Pixelgrafik wie The Red Strings Club. Ich mochte das damals. Aber es war unzugänglich wie ein schwerer Absinth mit mehr Thujon als das Gesetz es erlaubt.

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Widerstand heißt auch: am Hafen abhängen.

The Red Strings Club ist das nicht. Die Entwickler haben hier auf bockharte Minispiele verzichtet, die wenigen, die es gibt, dienen eher dazu, die Geschichte voranzubringen und man versteht sie auch schon nach den ersten paar Klicks. Ihr mischt Cocktails, die zum Gemüt des Gastes passen, ihr fertigt Implantate, die etwas ausschalten, womit selbiger in seinem Kopf nicht klarkommt. Letzten Endes ist es euer Job, Leuten zu helfen, aber eigentlich seid ihr dann eben doch Informationshändler. Zwei bis drei Cocktails und der Typ aus dem Konzern erzählt euch schon, was ihr wissen wollt. Und ihr erzählt es dann eurer Empfangsdame, die ein Android mit rosa Haaren ist und die wiederum erzählt es weiter. Sowas kann schon der Erdbeersamen einer Revolution sein. Achtlos gefressen, umso wirksamer.

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Mehr nackte Androiden als euch recht sein können ...

Wirklich, ihr solltet The Red Strings Club spielen. Es kostet 15 Euro, das kann man doch mal machen, oder? Nur dann nicht, wenn ihr gerade in Call-of-Duty-Stimmung seid. Nicht, wenn ihr etwas wollt, das euren Kopf nicht beschäftigt. Nur dann, wenn ihr eine herzliche, toll geschriebene Science-Fiction-Geschichte möchtet, die euch nach dem Spielen noch im Traum beschäftigt. Es gibt wenige Momente, in denen ich wirklich finde: Ja, das ist gute Science-Fiction. Aber das hier ist einer von ihnen. Hier hat jemand seinen Philip K. Dick gelesen. Hier hat jemand begriffen, dass ein Spiel nicht zwangsläufig eine Heldengeschichte erzählen muss, sondern vielleicht auch mal nur die von jemandem, der sich verfrüht aus einem Hochhausfenster geworfen hat. Nach ein paar Gläsern Absinth. Vielleicht gehört der dazu. Das meine ich ernst. Spielt, genießt und vergesst, wie viel Uhr es ist.

Entwickler/Publisher: Deconstructeam/Devolver Digital - Erscheint für: PC - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: 22. Januar 1018 - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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