Fesselndes Metroidvania mit wunderschöner Pixelgrafik, spannenden Bossfights, liebenswerter Story und abwechslungsreichem Leveldesign.

Im Rückblick auf die Pixelgrafik-Ära verschwimmen allzu oft die Grenzen zwischen Segas und Nintendos 8- und 16-bit-Zeiten und den Grafikstilen eher exotischer Konsolen wie dem Neo Geo. Diese viel zu teure aber umso hübschere Konsole hob in den 90er Jahren Pixeldesign auf eine ganz neue Ebene, die dem, was Super Nintendo oder Mega Drive konnten, überlegen war. Ebendiesen Grafikstil greift Iconoclasts auf. Der hervorragende Metroidvania-Platformer dreht sich um das 17-jährige Mädchen Robin, das geschickt genug ist, sich mit allerhand Waffen gegen ein ganzes Imperium bösartiger Soldaten zu wehren. Was die gegen sie haben: Naja, hauptsächlich ihren Berufswunsch. Robin ist nämlich Mechanikerin. Das wiederum sieht die herrschende Kaste, im Spiel stets One Concern genannt, als großen Frevel an. Technologie hat für sie etwas Heiliges, weshalb sich auch nicht jeder einfach so einen überlebensgroßen Schraubenschlüssel greifen darf.

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Gegner, die als grüne Roboter-Totenköpfe auftreten, meinen es ernst. Das weiß man.

Besagter Schraubenschlüssel entpuppt sich im Verlauf des Spiels als wahres Multifunktionswerkzeug. Er dient einerseits als Nahkampfwaffe, aber auch dazu, Türen und Schleusen zu öffnen, indem ihr an dafür vorgesehenen Punkten herumschraubt. Darüber hinaus ist er auch noch Transportmittel, lässt sich elektrisch aufladen und vieles mehr. Typischerweise lernt ihr diese grundsätzlichen neuen Fähigkeiten im Laufe des Abenteuers, ihr könnt aber zusätzlich an jedem Speicherpunkt ein paar Perks aktivieren, die ihr aus verschiedenen Rohstoffen zusammenbasteln könnt. Letztere findet ihr in der Spielwelt immer wieder, hin und wieder verbergen sich einige von ihnen an versteckten Orten. Reizvoll ist bei Iconoclasts einerseits, was an jedem Metroidvania spannend ist - ihr seht schon in frühen Spielminuten Stellen, an denen ihr nicht weiterkommt. Und ihr ahnt, dass ihr hier später mit neuen Fähigkeiten zurückkehren werdet und genau das passiert dann auch.

Auf der anderen Seite ist aber Iconoclasts auch durch sein bloßes Gameplay ein Genuss. Ich habe selten 2D-Bosse erlebt, die in verschiedenen Phasen so herausfordernd waren, weil ihr erst mal nicht wisst, wie ihr sie bezwingt. Habt ihr es aber erst einmal herausgefunden, belohnt euch das Spiel mit einem ungeheuer befriedigenden Treffer-Feedback. Der Gegner blinkt und das Spiel spuckt einen Chiptunes-Soundeffekt aus, der jeden, der schon einmal ein Computerspiel konsumiert hat, wissen lässt: Du tust diesem Gegner gerade richtig weh. Aber auch die Levelstruktur zwischen diesen Bossen ist eine Freude. Ich hatte den Eindruck, immer zum perfekten Zeitpunkt die Lösung eines Rätsels zu finden, eben dann, als es mir noch Spaß machte, nach ihr zu suchen, aber auch kurz bevor es nervtötend geworden wäre.

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Eine Schraube zu drehen - das ist in Iconoclasts erfrischend oft die Lösung.

Für ein solches 2D-Abenteuer ist es außerdem absolut nicht selbstverständlich, dass die Figuren einem wirklich ans Herz wachsen. Nicht nur, dass Robin im Verlauf des Spiels eine wehrhafte Mädchengang um sich sammelt, die immer wieder beweist, dass sie One Concern weit überlegen ist. Auch andere NPCs vermitteln stets den Eindruck, sich mit dieser Welt irgendwie zwar abgefunden zu haben, aber insgeheim doch etwas gegen das herrschende Regime zu haben. Robin ist für sie wie eine Art Ventil, von dem sie schockiert sind, weil es wagt, sich gegen diese Irren aufzulehnen. Deren Herrschaft stützt sich übrigens auf etwas, das sich Elfenbein nennt und ebendieses bauen sie mutmaßlich auf dem Mond ab, der möglicherweise aus diesem Grund auch auseinanderbricht. One Concern ist nicht nur eine Gefahr für die freien Menschen der Welt von Iconoclasts - sondern für die ganze Welt. Robins Initiative, ihren Schraubenschlüssel zu nehmen und alles zu verdreschen, was ihr in den Weg kommt, ist deshalb nicht nur begrüßenswert, sondern schlicht notwendig.

Und so bewegt sich Robin durch verschiedene Welten: Wüsten, den Meeresgrund, blühende Wiesen, unterirdische Höhlen. Dort trifft sie Mutanten, Geister, wildgewordene Kakteen und in diesen Phasen des Hüpfens und Springens fühlt sich Iconoclasts wirklich ein bisschen an wie Metal Slug auf dem eingangs erwähntem Neo Geo. Das Spiel hat diese Action, konfrontiert euch eine Sekunde später wieder mit Puzzle-Platformer-Gameplay und dann wieder mit Bossfights, die ihr sonst nur in Klassikern wie Super Metroid findet. So viel Abwechslung, es ist kaum zu ertragen! Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass ein Bossfight länger dauerte, ich noch ein paar Rätsel hätte durchleben müssen, bevor es an einen Zwischengegner ging. Und manchmal wäre auch nur ein bisschen mehr Run-and-Gun-Action schön gewesen. Einige Male hätte ich mir gewünscht, mich den gegebenen Situationen ein bisschen besser anpassen zu können. Das habe ich auch versucht - im Wasser-Level habe ich einen Perk benutzt, der es mir erlaubt, unter Wasser länger zu atmen und das hat gefühlt auch geklappt. Viele andere Boni haben sich mir aber nicht so richtig erschlossen und keine spürbare Wirkung entfaltet. Das ist schade, in Anbetracht des ansonsten astreinen Platformer-Gameplays ist es aber auch nicht zu negativ aufgefallen, soll heißen: Die Stärken dieses Spiels sind besser als die Schwächen schlecht. (Bitte zitiert mich nicht mit diesem Satz.)

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Dieser Boss lässt sich nur besiegen, wenn ihr zwischen verschiedenen Figuren wechselt.

Bevor jemand glaubt, hier ein neues Metroid zu bekommen: Das ist es nicht ganz. Iconoclasts legt zwischen den oben gelobten Bosskämpfen viel Wert auf Puzzles. Sie sind nicht besonders hart, sie fordern euch nicht stundenlang heraus, aber es hat nichts von diesem ewigen Gesuche nach dem nächsten Item, das notwendig ist, um irgendwo anders weiterzukommen. Es geht eher darum, mit den vorhandenen Mitteln zu lösen, was ihr vor euch habt. Viele dieser Rätsel sind schalterbasiert, manchmal müsst ihr innerhalb einer bestimmten Zeit ein Hindernis überwinden, bevor sich ein Tor wieder schließt. Das ist nicht innovativ, zugegeben - aber es ist nicht frustrierend gestaltet, weshalb ihr solche Rätsel in Iconoclasts auch nach einem bis zwei Versuchen geschafft habt. Etwa 14 bis 15 Stunden dürftet ihr je nach Entdeckerdrang benötigen, Iconoclasts durchzuspielen, verschwendet ist dabei keine Minute. Nachdem das Spiel auch auf der PS Vita verfügbar ist, hatte ich übrigens gehofft, dass es Cross-Buy unterstützt. Dem ist aber nicht so. Solltet ihr zu den gefühlt drei Menschen auf der Erde gehören, die Sonys immer noch irgendwie aktuelles Handheld besitzen, müsstet ihr euch entscheiden, wo ihr das Spiel lieber spielen mögt - oder es doppelt kaufen.

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Auf zu neuen Ufern - auch wenn der Mond nicht mehr der frischeste ist.

Iconoclasts ist eines der besten Metroidvania-Spiele, die es aktuell gibt. Natürlich, wer sowas sucht, dem würde ich zunächst zu Samus Returns raten, aber wer das entweder mangels 3DS nicht spielen kann oder aus anderen Gründen nicht will, der findet in Iconoclasts einen gleichwertigen Ersatz. Die Entwickler haben ihre Figuren mit Liebe ausgestaltet, jeder Spielabschnitt wirkt durchdacht, als solltet ihr nach eurem letzten Sprung genau da landen wo ihr gerade landet. Iconoclasts ist der Archetypus dessen, was ein 2D-Platformer heute sein sollte: Zugänglich, packend, bunt. Wenn der Daumen erst mal auf den Buttons vibriert, um schnelle Schüsse abzufeuern, wenn der Blick erst mal grinsend doof wird, während ihr einem Endboss zusetzt, dann seid ihr von diesem Spiel wirklich gefangen. Und ehrlich, so ging es mir bei Iconoclasts. Von der ersten Sekunde an.

Entwickler/Publisher: Joakim Sandberg/Bifrost Entertainment, Dangen Entertainment - Erscheint für: PC, PS4, Vita - Preis: etwa 20 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: deutsche Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

Markus Grundmann Fesselndes Metroidvania mit wunderschöner Pixelgrafik, spannenden Bossfights, liebenswerter Story und abwechslungsreichem Leveldesign. 2018-01-29T11:05:00+01:00 5 5

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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