Ich habe jetzt schon eine Weile ein Auge auf die Headsets von Audio Technica geworfen. Seit Anfang der 60er produzieren die Japaner aus Machida heraus hochwertige Audiokomponenten, zunächst mit Fokus auf Tonabnehmer und Nadeln für Plattenspieler. Kopfhörer kamen in den 70ern dazu. Ein alter Hase im Schallwandler-Business also, was in der zugegebenermaßen etwas verwöhnten Eurogamer-Redaktion schon von selbst einen Schnappreflex auslöst.

Dabei muss man noch nicht einmal den Audio-Snob raushängen lassen. Viele Produkte von Gaming-Herstellern sind solide und gut ausgestattete Arbeiter, aber Lautsprecher und Kopfhörer sind einfach eine Wissenschaft für sich, in der klanglich unermesslich viel Luft nach oben ist. In diese Regionen stoßen dann von Hi-Fi-Experten wie Beyerdynamic und eben Audio Technica entwickelte Geräte für Leute, die genau darauf Wert legen. Die kosten dann auch entsprechend - der ADG1X startete Anfang 2016 mit einer unverbindlichen Preisempfehlung von 349 Euro, ist mittlerweile aber in derselben 300-Euro-Region zu finden, wie der kürzlich neu aufgelegte MMX 300 (Test) aus Heilbronn, den wir seinerzeit zur Referenz im Bereich der Gaming-Headsets kürten.

1
Die sehr großen Muscheln beherbergen 53-Millimeter-Treiber.

Der Vergleich damit fällt allerdings nicht leicht, denn Audio Technica hat für diese Kannen von vorneherein einen anderen Ansatz gewählt: Anders als die meisten Gaming-Headsets sind die ADG1X in offener Bauweise entworfen, was sich drastisch auf die Klangcharakteristik auswirkt. Was für euch attraktiver ist, wird damit ein Stück weit zur Geschmacksfrage. Doch beginnen wir von vorn: Öffnet man die angenehm schlichte Verpackung, bekommt man neben dem Over-Ear-Kopfhörer samt fest an der linken Ohrmuschel integriertem Mikrofon noch einen Popschutzfilter und ein Verlängerungskabel. Letzteres streckt die nicht abnehmbare (schade!), vierpolige 3,5mm Klinke von 1,2 auf 3,2 Meter und splittet das Ende in einen Kopfhörer und Mikrofonstecker. Anschlussmöglichkeiten sowohl für Konsole als auch PCs sind damit gegeben.

Das war's auch schon und wer es ein bisschen schade findet, dass ein - trotz der großen Lautsprecher - derart filigran wirkender Kopfhörer nicht noch eine Transporttasche spendiert bekam, der ist wohl nicht alleine. Beyerdynamic hat uns da aber auch verwöhnt. Nun gut. Der erste Eindruck vom Anfassen her ist dort, wo es besonders darauf ankommt, wertig: an den Speakern. Zudem ist das Headset in Gänze auf die Gute Art leicht, obwohl die Rückseite der Treiber ein schickes Metall-Mesh schützt, das einen verstohlenen Blick auf die blau schimmernden inneren Komponenten gewährt. Nach oben weg wird's aber in Sachen Materialien ein wenig exotisch.

2
Übeltäter Nummer eins: Bei meinem Gerät ist das Lautstärkerad extrem empfindlich. Tante Tesa muss es richten.

Das "Kopfband" besteht zum einen aus zwei Drahtbögen, die keinen Kopfkontakt haben und im Grunde nur dazu da sind, alles zusammenzuhalten. Die meiste Arbeit verrichten aber zwei auf Federn und Gelenken gelagerte "Greifer", die den ADG1X in Zusammenarbeit mit dem entschiedenen, aber nicht zu groben Zupacken der Muscheln auf dem Kopf halten. Diese Greifer sind weich gepolstert, aber aus sehr leichtem Plastik, die Gelenke fast wackelig leichtgängig. Man hat den Eindruck, die Paddles mit einer fließenden Bewegung des Daumens von ihrem Arm abschnipsen zu können. Aber beim Eindruck bleibt es auch, denn der gewählte Kunststoff ist erstaunlich flexibel, wenn man es darauf anlegt. Ich gehe nicht davon aus, dass hier so schnell etwas passiert. Trotzdem wunderte ich mich, dass der ADG1X im Ganzen nicht zu biegen und drehen ist, ohne ein bisschen zu knirschen. Macht man zwar nur, wenn man Tests zu Geräten wie diesem schreibt und stört im eigentlichen Betrieb nicht (anders als bei einigen älteren Steelsteries Siberia, die jede Kopfdrehung vertonen, als öffnete man eine alte, aber nicht besonders wertige Holzkommode), aber erwähnen wollte ich es.

Setzt man die ADG1X auf, ahnt man schnell, warum Audio Technica diese Lösung wählte: Die ADG1X schweben fast über der Schädeldecke und man vergisst für eine ganze Weile, dass man sie auf hat. Trotzdem würde ich anstelle der Japaner für die nächste Modellversion das Design überdenken, denn einige Besitzer berichten, dass ihnen die Kopfhörer in längeren Sessions leicht herunterrutschen und dann etwas mehr Druck auf die Oberseite der Ohren ausüben, als sie sollten.

3
Ich ziehe um, entschuldigt daher die minderwertige Bildqualität. Ich kann gerade meine Kamera nicht finden. Ich liebe diesen Blick auf die blauen Innenteile des Headsets.

Mir passierte das ebenfalls ein, zwei Mal im Verlauf der Testphase. Das dürfte je nach Kopfform unterschiedlich ausgeprägt sein - und selbst wenn man das Problem dann hat, ist der Fix ein denkbar einfacher, wenn auch etwas provisorischer: Mit einem schnöden Gummiband hält man die Ärmchen zusammen. Verrutschen ist dann ausgeschlossen und weniger bequem ist's auch nicht wirklich. Probetragen und ein bisschen mit dem Kopf wackeln ist hier Pflicht, ich habe das von mir selbst gekaufte Paar Kopfhörer aber auch ohne den Life Hack gerne auf dem Schädel. Trotzdem ein kleiner Stolperstein, den sich Audio Technica ohne größere Not selbst in den Weg gelegt hat.

Auch für diejenigen, die auf die Lautstärkereglung in der im Kabel verbauten Fernbedienung dringend angewiesen sind, eine kleine Warnung: Die Mute-Taste ist vollkommen in Ordnung, aber das Lautstärkerad ist dermaßen leichtgängig und empfindlich, dass ich mehrfach zufällig, alleine durch die Reibung des Kabels am Pullover, die Lautstärke komplett runterregelte. Vollkommen schleierhaft, wie jemand in der Qualitätssicherung das ausprobierte und sich dachte: Ja, das ist perfekt so! Ich benutze die Fernbedienung nicht, weil mein am PC angeschlossener Amp als klangliche Schaltzentrale auf dem Tisch steht. Konsolen-User dürften hier aber die Nase rümpfen. Trotzdem ist der Gedanke an ein 300-Euro-Headset, das man mit Gummiband (Tragemechanismus) und Tesafilm (Lautstärkerad fixieren) bearbeiten muss... nun ja.

4
MacGyver wäre stolz. Sieht nicht gut aus, denkt man aber binnen Minuten nicht mehr dran und hat dann ein Headset mit perfektem Sitz.

So - und jetzt kommt's. Das hier ist trotzdem mein neues Lieblings-Headset. Was der ADG1X klanglich über alle Disziplinen hinweg leistet, treibt einem fast die Tränen in die Augen. Ich hatte fast vergessen, wie viel natürlicher offene Kopfhörer im Vergleich zu geschlossenen - was die meisten Headsets mit Gaming-Fokus sind - klingen. Die Bauform schenkt dem Klang mehr Raum, sich in der gebotenen Weite auszubreiten, aber selbst unter den Offenen macht der Audio Technica noch eine herausragende Figur. Feine Details (Vogelzwitschern oder Waldesrauschen in The Witcher 3, aber auch entfernte Gegnerschritte in Rainbow Six: Siege oder Overwatch) rücken in angemessene akustische Distanz zu unmittelbareren, dominanteren Sounds (Explosionen, Schüsse, Dialoge) und sind damit auch mitten im Gefecht noch auszumachen und vor allem punktgenau zu lokalisieren.

Mir gelangen in Siege tatsächlich einige "blinde" Abschüsse durch die Wand hindurch, weil ich die scheuernden Hosenbeine eines sich hinknienden Gegners durch ein Einschussloch in der Vertäfelung in der Wand zwischen uns vernahm - oder ich hörte auch in stressigen Situationen zum Ende einer Runde schon mal Leute auf einen Durchgang zu schleichen, bevor ich sie sah, und konnte zum Pre-Fire ansetzen. Ähnliches könnte man im Grunde über jedes andere Spiel sagen. Ob nun Assassin's Creed: Origins, das die sonnengegerbte Weite seines Ägyptens auch über die Ohren bestens vermittelt, oder ein Hitman, bei dem man schwören könnte, man stünde selbst als Killer auf einer versnobten Cocktailparty. Man hört absolut klar, von wo und aus welcher Entfernung ein Objekt naht. Einfach, weil sich alle Klangdetails nicht mehr unter die paar Kubikzentimeter eines geschlossenen Speakers quetschen müssen, sondern feiner aufgelöst ihren Platz im Klanggefüge finden.

Ansonsten tönt er verhältnismäßig neutral und sehr transparent, dieser Kopfhörer. Die Bässe wirken immer authentisch, nie gedrungen oder übermächtig, obwohl die 53-Millimeter-Treiber ebenso weit runter und wie punktuell präzise nach vorne zu gehen in der Lage sind, was ich bei Offenen nicht für komplett selbstverständlich halte. Zudem hatte ich fest damit gerechnet, diese Kopfhörer in Sachen Lautstärke eher rauf- als runterregeln zu müssen, im Vergleich zu den MMX 300, zumal auch die Impedanz mit 48,25 Ohm etwas höher ausfällt als die standardmäßigen 32 Ohm. Doch Pustekuchen. Der ADG1X ist ein derartiges Kraftpaket, ich musste meinen Sennheiser GSX1200 Tisch-Amp deutlich runterdrehen, damit es zu ertragen war.

5
Das Datenblatt vom Hersteller.

Wenig überraschend ist damit auch, wie musikalisch er aufspielt. Tatsächlich kommen in hohen Lautstärken besonders helle Töne noch einmal deutlich präziser und ohne zu verzerren an. In Grizzly Bears Wasted Acres vom neuen Album Painted Ruins klingt auch durch die schummrig warme Bassgitarrenmassage und den mehrstimmigen Gesang das Hallen der Snare noch deutlich durch. LCD Soundsystems How do you Sleep? demonstriert dann Elektro-Präzision, Räumlichkeit und Bassgewalt zugleich, wenn man meint, man stünde alleine mit James Murphy und seiner Band für eine Solo-Session in einem Flugzeughangar. Und in Oceansize' legendärem Catalyst höre ich haargenau auch im größten Gitarren-Noise noch, welche der drei Gitarren nun welche Linie spielt. Wer Kraft und Details so gut unter einen Hut bringt, der kommt auch mit simpler gestricktem Material bestens klar. Ach, und noch was: Natürlich "leckt" bei einem Kopfhörer wie diesem vergleichsweise viel Klang nach draußen, während er so gut wie gar nicht von Umgebungsgeräuschen abschirmt - für unterwegs, beziehungsweise überall, wo es etwas lauter ist oder wo man andere stören könnte, ist er daher nicht zu gebrauchen. Das sollte man wissen, wenn man zu einem offenen Kopfhörer greift. Liegt einfach in der Natur der Sache.

Audio Technica ATH ADG1X Headset versandkostenfrei bei Amazon.de bestellen

Auch das Mikrofon überzeugt als eine der besten Lösungen in diesem Segment. Das vom Beyerdynamic MMX 300 verleiht der Stimme mehr Bass, dieses hier ist ein bisschen empfindlicher - bitte weiter weg vom Mund positionieren! - reproduziert die Stimme aber eine Idee natürlicher. Hintergrundrauschen zeichnet aber auch das in Nierencharakteristik angelegte Aufnahmegerät nicht auf. Schön. Der Schwanenhals, an dem es hängt, ist kurz und flexibel. Man kann ihn auch nach oben wegklappen, aber so ganz verschwindet der Mikrofonkopf nie aus dem Blickfeld, weshalb ich ihn lieber unten lasse. Klanglich auch hier eine sehr gute Performance, auch wenn ihr hiermit natürlich keine Gesangslinien aufzeichnen wollt.

Also, was soll ich sagen: Ein bisschen DIY ist schon dabei, wenn man zu den Leuten gehört, bei denen dieses Headset ein bisschen rutscht und deren Kabelfernbedienung wohl an einem verkaterten Montag von einem in die Fertigung strafversetzten Vorstandsmitglied zusammengebastelt wurde. Aber man kommt ohne großen Aufwand drum herum und freut sich dann über einen in dem, wofür man ihn sich geholt hat, unfassbar guten Kopfhörer, der keinen Pfennig zu teuer ist. Mein klarer neuer Liebling für alles, wofür man Ohren braucht - auch wenn wegen besagter Mängel unser Goldemblem kategorisch leider nicht drin war.

Hersteller: Audio Technica - Kompatibel mit: 3,5 mm Klinke (PC, PS4, Xbox One, Switch, etc.) - Preis: ca. 300 Euro - Erscheint am: erhältlich

Anzeige

Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

Mehr Artikel von Alexander Bohn-Elias

Kommentare (5)

Verstecke Kommentare mit niedrigen Bewertungen
Sortierung
Threading

Weitere Inhalte