VR-Prequel zu Until Dawn mit hübscher Grafik und funktionierenden Schockeffekten, spielerisch aber nur eine kurze Suche nach Hot Spots.

Sanatorien der 50er Jahre gehören wahrlich nicht zu den nettesten Plätzen auf der Welt. Als ich The Inpatient startete, wusste ich daher: Okay, das wird nicht schön. Es handelt im Sanatorium von Blackwood und selbiges steht ganz nah an jenem Schauplatz, der als Kulisse für den gefeierten Teenie-Slasher Until Dawn diente. Im Gegensatz zu letzterem schlüpft ihr in The Inpatient aber in die Rolle einer namenlosen Person, die ihr Gedächtnis verloren hat - und ihr erlebt das Geschehen komplett in der virtuellen Realität. Im Sanatorium findet ihr euch zunächst an einen Rollstuhl geschnallt vor, könnt wenig später aber auch aufstehen und in Kontakt mit anderen treten, also Ärzten, Pflegern und Mitpatienten.

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Sind nicht nur im Rahmen des Dschungelcamps gruslig: Kakerlaken in rauen Mengen.

Zu Beginn fällt vor allem die hübsche Grafik auf. Für PSVR-Verhältnisses wirkt die Umgebung erstaunlich detailliert, die Gestik und Mimik der Figuren überzeugend. Technisch nett ist zudem die Möglichkeit, das Spiel teilweise mit einer Sprachsteuerung zu kontrollieren. In Dialogen wählt ihr so nicht einfach eine der Optionen, sondern sagt sie tatsächlich. In der Praxis trägt das viel zur Immersion bei, wobei ich hin und wieder auch derart erschrocken wurde, dass ich mir ein bisschen weniger davon fast schon gewünscht hätte. Schläft die Spielfigur nämlich, erlebt sie immer wieder Albträume, in denen ihr zwar nur darauf wartet, von einem Jump-Scare kalt erwischt zu werden - wenn er dann aber kommt, erwischt er euch dennoch umso mehr. Volles Programm, Herzrasen und Gänsehaut inklusive, es mag dramaturgisch ein etwas primitives Mittel sein, aber gut gemacht wie hier verfehlt es seine Wirkung nicht.

Dass aber auch jenseits der Albträume im Sanatorium etwas nicht stimmt, wird relativ schnell deutlich. Nicht nur, weil euch eure Zimmergenossin erklärt, dass die Ärzte hier seltsame Tests durchführen, die den Patienten gar nicht gut bekommen. Auch weil die tägliche Visite irgendwann nicht mehr vorbeikommt und ihr somit zunächst keine Möglichkeit mehr habt, die Zelle zu verlassen. Während eure Zellengenossin sich über ein altes Stück Brot freut, dass sie auf dem Boden findet, fragt ihr euch als Spieler natürlich, was hier eigentlich los ist - heraus findet ihr es aber leider nur sehr langsam. Denn so reizvoll wie die Prämisse von The Inpatient sein mag, die eigentliche Geschichte besteht im Grunde nur aus verstreuten Versatzstücken. Und so hangelt ihr euch im eigentlichen Spiel von Hot Spot zu Hot Spot und lauft dazwischen sehr langsamen Schrittes durch die gefühlt endlos langen Gänge des Sanatoriums, teilweise zusammen mit anderen, die mal mehr, mal weniger wissen als ihr selbst, aber selten was Spanendes zur Lage beitragen.

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Esst diesen Toast mit Verstand, denn er ist das letzte, was ihr für lange Zeit bekommen werdet.

Steuern könnt ihr The Inpatient wahlweise mit dem regulären Controller oder den Move-Controllern. Beides hat seine Vor- und Nachteile. So könnt ihr mit den Move-Controllern kleinere Objekte in der Spielwelt wie beispielsweise Lichtschalter greifen. Mit dem regulären Controller ist eine Interaktion an diesen Stellen gar nicht möglich - sie trägt aber letztlich auch nur zur Stimmung bei und hat spielerisch keine Bedeutung. Dafür könnt ihr mit dem klassischen Controller auch rückwärtslaufen, das wiederum funktioniert mit den Move-Controllern gar nicht. Wie bei anderen VR-Spielen könnt ihr in den Einstellungen übrigens auch wählen, ob ihr euch schrittweise oder frei drehen wollt. Beides hat bei mir funktioniert, wobei die freie Bewegung nach längerer Spielzeit ein flaues Gefühl im Magen ausgelöst hat - zu ausufernder Übelkeit kam es allerdings nie. Nervig: Spielt ihr mit dem Controller und wollt euch durch Betätigung des rechten Analog-Sticks drehen, kann es dazu kommen, dass ihr euch aus Versehen um 180 Grad dreht - dann nämlich, wenn ihr den Stick nicht wirklich genau in der Mitte nach links oder rechts drückt, sondern minimal zu weit unten. Beim Test ist das leider oft passiert, künftig könnte das aber zweifellos durch einen Patch noch behoben werden.

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Seine Fliege macht diesen Herren noch lange nicht vertrauenswürdig.

Bei einem story-getriebenen Spiel sollten solche kleinen Problemchen bei der Steuerung nicht allzu schwer ins Gewicht fallen. Sie tun es aber deshalb doch, weil die Geschichte leider nicht viel bietet, das euch von ihnen ablenken würde. In weiten Spielteilen suhlt sich The Inpatient in vagen Andeutungen, was in diesem Sanatorium gerade passiert oder passiert ist. Bedeutungsschwanger wirkende Sprachbilder führen nicht gerade dazu, dass das Szenario insgesamt komplexer wirkt. Im Sturm ist ein Schiff verloren, aus jeder Raupe wird einmal ein Schmetterling, aber jeder Schmetterling war auch mal eine Raupe. „Ist ja gut", denkt man sich da, „Jetzt sag mir lieber endlich, was hier passiert!". Apropos Schmetterling: Wie in Until Dawn hat Supermassive Games auch bei The Inpatient wieder sein Schmetterlingssystem integriert, das eigentlich nicht viel mehr bedeutet, als dass eure Entscheidungen im Spiel Konsequenzen haben können und das Spiel das visualisiert, indem es ein paar der Falter über den Bildschirm flattern lässt. Leider fühlen sich viele der Entscheidungen aber nicht wirklich bedeutend an - und selbst wenn mal eine der Personen gestorben ist, habe ich das nicht als Drama empfunden, denn sie war mir zuvor in keiner Weise ans Herz gewachsen. Nett ist dagegen, dass ihr zu Beginn des Spiels euer Geschlecht wählen dürft und auch diese Entscheidung eine Auswirkung auf einige Dialoge im Spiel hat.

Ich fürchte allerdings, dass nicht viele Spieler in den Genuss dieser Unterschiede kommen wird. Ein Durchgang The Inpatient dauert gerade einmal zweieinhalb bis drei Stunden und dennoch erscheint eine Wiederholung nicht unbedingt reizvoll, weil die eigentliche, nicht sonderlich spannende Geschichte in ihren Grundzügen immer gleich verläuft. Das war in Hidden Agenda, einem im vergangenen Jahr erschienenen Playlink-Spiel vom gleichen Entwickler, noch anders. Der Preis von hier rund 40 Euro erscheint mir für höchstens drei Stunden bedingte Spannung selbst mit VR.Bonus doch ein wenig happig.

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Auch die Angestellten des Sanatoriums sind dem Grauen teilweise schutzlos ausgeliefert.

The Inpatient hat ein paar gute Ansätze, ein initial reizvolles Setting und für PSVR tolle Grafik. Aber dem Spiel fehlt, was andere Supermassive-Spiele so spannend gemacht hat. Eine wirklich packende Geschichte und Figuren, die im Gedächtnis hängen bleiben, stattdessen lauft ihr schlichtweg von einem Hot Spot zum nächsten. Die langen und teils sinnlosen Dialoge wirken genauso wie die Spaziergänge durch das Sanatorium wie Versuche, eine eh schon viel zu kurze Spielzeit zumindest noch ein kleines bisschen zu strecken. Und obwohl die Schockmomente mit der PSVR super funktionieren und Gänsehaut keine Seltenheit ist, ist der geforderte Preis dieses Erlebnis einfach zu viel.

Entwickler/Publisher: Supermassive Games/Sony - Erscheint für: PSVR - Preis: 39,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PSVR - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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