Das da oben? Definitiv eine der Überschriften, von denen ich niemals dachte, dass ich sie mal auf die Seite bringen würde. Schon im Sommer wunderte ich mich, was mir stellenweise aus den Fingern rann, als ich das entwaffnend schlüpfrige Party-Spiel der Broforce-Entwickler schon in Anfangsverdacht hatte, mehr als blanke Provokation zu sein. Aber das war allein den Spielsituationen geschuldet, ohne deren Beschreibung es keinen Text gegeben hätte.

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Wem ist das nicht schon mal passiert?

Hat man aber erst mal die 90 Minuten Solomodus hinter sich gebracht, der kürzlich als Teil der Version 1.0 von Genital Jousting erschien, werden die Satzkonstrukte wie von selbst noch kruder. Dieses Spiel nutzt seine wechselhaft lustigen Wortspiele und den (leider fast immer extrem lustigen) blankziehenden visuellen Slapstick als nur vordergründig schlüpfrige Verpackung und hat tatsächlich etwas zu sagen. Keine hochtrabende Philosophie, die euer Weltbild oder eure Sicht auf euch selbst verändern wird. Aber eine durchaus herzerwärmende Botschaft, von der man nicht erwartet hätte, dass sie da ist.

Nun gut, die Entwickler müssen sich den Einwand gefallen lassen, bei ihren Spielern offene... Türen einzurennen, während die eigentlichen Adressaten des Gleichnisses den Blick in diesen Spiegel erst gar nicht wagen dürften. Die "Gefühle sind schwul"-Fraktion wird von vornherein nicht viel von einem Spiel halten, in dem sich Dutzende vage anthropomorpher Pastellpenisse gegenseitig die Hinterteile penetrieren. Aber sei's drum. Das Bild, wie ein fehlgeleitetes, übersteigertes Männerbild den Charakter ruinieren kann, gewinnt in Phallusform trotzdem an Festigkeit (hehehehe!), die in anderem Kontext nicht gegeben wäre.

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John auf Weltreise. Die als Löwen verkleideten Dackel sind wunderbar.

Das Spiel selbst... Rock, Paper, Shotgun hat kürzlich "Fumblecore" dazu gesagt, und meint damit treffend Titel wie Octodad oder Goat Simulator. Ein schlecht zu steuernder Avatar zerlegt zur Spielererheiterung das Inventar seiner Umgebung. Hier ist es allerdings sehr viel nachvollziehbarer und tatsächlich gar nicht mal so schlecht zu steuern. Per Knopfdruck schaltet ihr um, ob die Kuppe oder das von dicken Hoden flankierte Hinterteil (noch so ein Satz, den man eigentlich nach Karriereende in diesem Business in ein selbstvertriebenes E-Book hackt!) das Ende sein soll, das ihr steuert, und seht dann zu, wie die stilisierte Umgebung darauf reagiert. Die klebrige (urks...) Spitze kann Dinge aufheben, das Hinterteil Sachen verschlingen, und in jedem Screen wird das für was Neues genutzt. Aus dem Off kommentiert eine Erzählerstimme das Gefühlsleben des stummen Prostatagonisten.

Das Meiste erledigt sich nach ein bisschen Herumflabbern wie die Albtraumversion von Zini dem Wuslon (googelt, Kinder, googelt!) wie von selbst. Puzzles oder Herausforderungen bremsen euch keine und alleinige Belohnung sind das Voranschlongen in der Story und die oft sehr einfallsreichen optischen Fire-and-Forget-Gags. Wer das Spiel schon länger beobachtet, kennt einiges hiervon bereits. Free Lives bekommt es aber immer wieder hin, für überraschende Situationen zu sorgen - und wenn man das erste Mal mit den Murmeln in einem Kaufhausdrehkreuz stecken bleibt, ist das schmerzhaft lustig.

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Ein kleines Indiespiel, sicher. Was hier für eine Physik drinsteckt, ist trotzdem beeindruckend.

Was als simple Suche nach Liebe und Aufarbeitung eines Kindheitstraumas beginnt, nimmt im Anlauf auf ein nervös erwartetes Klassentreffen ungesunde Züge an. Die Erzähler sezieren, wenn auch nicht allzu tief unter der Oberfläche, wie Unsicherheit und fehlinterpretierte Rollenideale vom Wesentlichen ablenken und echte, tiefe Bindungen sabotieren. Das wird den Meisten nicht neu sein, aber nach dem launigen Partyspiel, das in Genital Jousting steckt und das schon Größeres andeutete, haben wir nun die endgültige Antwort auf meinen Artikel vom letzten Sommer: Klar ist das hier auch Provokation. Aber Genital Jousting hat gleichzeitig ein paar heilsame und sehr aktuelle Töne zur menschlichen Verfassung zu sagen. Und das ist vielleicht der überraschendste Satz in einem Artikel über ein permanent palaktiv-promisk popenetrierendes Pimmelspiel.

Wehe, mich zitiert einer.

Entwickler/Publisher: Free Lives/Devolver Digital - Erscheint für: PC - Preis: 6,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Englisch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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