Berauschendes Action-Spiel, das im Handheld-Modus der Switch überraschend gut funktioniert. Erzählerisch bizarr und doch fesselnd. Hexerei!

Im Dezember vergangenen Jahres kündigte Platinum Games Bayonetta 3 an - exklusiv für die Nintendo Switch. Grund genug für die Entwickler und ihren Publisher, auch die ersten beiden Teile der Serie noch einmal für Nintendos Hybrid-Konsole zu veröffentlichen, nachdem aufgrund mangelnder Konsolenverkäufe wohl nur relativ wenige Spieler in den Genuss des zweiten Teils auf der Wii U gekommen sind. Aus dem zu Zeiten des ersten Teils noch Multi-Plattform-Titel ist ein Nintendo-exklusiver geworden. Und weil das so ist, gibt's für Käufer der Switch-Version von Bayonetta 2 den ersten gleich als Download-Code obendrauf - mit allen Boni, die auch die Wii-U-Version schon hatte. Beide Spiele machen auf der Switch eine ganz hervorragende Figur - sowohl vor dem heimischen Fernseher als auch im Handheld-Modus.

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Bayonetta gegen Goliath. Klar, wer gewinnt. (Bayonetta 2 - Test)

Wer es bisher geschafft hat, Bayonetta völlig an sich vorbeirauschen zu lassen, hier eine kurze Einführung: Ihr schlüpft in die Rolle einer relativ freizügig gekleideten Hexe namens Bayonetta und kämpft gegen Engel. Die Kleidung der Hexe besteht aus ihren Haaren, manchmal braucht sie diese Haare aber auch für Spezialattacken, weshalb sie sie gerne mal von ihrem Körper abzieht und euch mit viel nackter Haut konfrontiert. Um ihre Lebensenergie zu regenerieren, lutscht sie lasziv an Lollies, zwischendurch feuert sie Pistolensalven aus den Absätzen ihrer Schuhe auf ihre Feinde aus dem Himmel. Spezielle Folterattacken, in denen Bayonettas Feinde beispielsweise in eiserne Jungfrauen gepresst werden, runden dieses Potpourri der Absurditäten ab. Bayonetta spielt sich ein wenig wie Devil May Cry - ihr tretet und prügelt eure Feinde, löst unzählige Kombos aus. Entscheidend ist, dass ihr die Steuerung lernt.

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Bayonetta in ihrem Princess-Peach-Outfit: befremdlich. (Bayonetta 2 - Test)

... oder auch nicht. Denn schon die Wii-U-Version von Bayonetta 2 enthielt einen stark vereinfachten Modus, in dem ihr das Spiel mehr oder weniger durchspielen könnt, indem ihr auf dem Touchscreen die Gegner antippt. Ebendiese Option gibt es auch in der Switch-Version wieder, wobei ich sie niemandem wirklich empfehlen würde, zumindest nicht von Anfang an. Der große Reiz an Bayonetta 2 und dem Vorgänger besteht schließlich darin, sich auf das ausgefuchste, elegante und wunderbar fließende Kampfsystem einzulassen. Lernt Kombos, kauft zwischen den Spielabschnitten neue Angriffsketten und setzt sie schließlich gewinnbringend ein. Aber: Dass es die Touch-Option gibt, ist nicht per se schlecht, sie ist gewissermaßen der Kino-Modus. Wer einfach nicht mit der Steuerung klarkommen kann oder will, wer aber gleichzeitig auf den abgedrehten Quatsch steht, der im Verlauf der Story passiert, kann zumindest letzteres trotzdem erleben, ohne sich die Finger verrenken zu müssen.

Bayonetta auf der Switch ist aber auch sonst alles, was sie schon auf der Wii U zum Erfolg nachte. Eine tolle Figur, die etwa auf den Tragflächen von Kampfjets gegen Feinde kämpft, sie in Stacheln stößt und Dämonen begegnet, als wären sie dumme Schuljungen. Bayonetta ist lasziv, sie spielt mit ihrer Sexualität, sie ist aber gleichzeitig so stark, dass ihr gefühlt niemand etwas anhaben kann. Sie macht sich nie selbst lächerlich, obwohl die Entwickler gefühlt alles dafür getan haben. Immer wieder enden Kamerafahrten in Bayonettas Schritt, meist bekleidet mit einer hautengen Lederhose. Meist, weil: Nintendo hat schon den Wii-U-Versionen beider Spiele neue Kostüme hinzugefügt. So könnt ihr die laszive Hexe etwa als Prinzessin Peach verkleiden oder als Link. Das ändert nicht nur die Figur selbst - so führt beispielsweise die Link-Verkleidung dazu, dass Bayonetta plötzlich die aus Zelda bekannten Rupees in der Spielwelt findet. Ist einerseits witzig, wirkt aber andererseits so fremd, dass ihr das Spiel langfristig so eigentlich nicht spielen wollt. Also wechselt ihr zu einem Kostüm, das zu Bayonetta passt.

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Einer der Folterangriffe, der Gegner wird gleich zermatscht. (Bayonetta 2 - Test)

Ihr komisches knappes Outfit passt der Hexe wirklich hervorragend, wenn sie bis an die Zähne bewaffnet Engel schnetzelt wie japanische Meisterköche Sushi. Im fliegenden Wechsel tauscht ihr Waffensets aus, ihr knallt dem Gegner eine Reihe Schläge vor den Latz, springt dann zurück, schießt aus euren Absätzen, weicht einer mächtigen Attacke aus, fliegt dann wiederum schießend auf den Gegner zurück, massiert ihn mit einer weiteren wuchtigen Kombo, um dann schließlich in verlangsamter Zeit eine Art Fallrückzieher durchzuführen und das Gemetzel schließlich mit einer Folterattacke zu beenden. Das Kampfsystem von Bayonetta hat seit der Veröffentlichung des ersten Teils vor inzwischen über acht Jahren nichts, aber auch gar nichts an seinem Reiz verloren.

Das gilt umso mehr, weil Bayonetta 2 auf der Switch laut den Kollegen von Digital Foundry ein bisschen schneller läuft, als auf der Wii U. Das Spiel läuft zwar sowohl im Handheld- als auch im TV-Modus nach wie vor nur in 720p, aber es fühlt sich erstaunlich flüssig an. Das beeindruckt gerade unterwegs. Denn wenn ihr euch auf einem großen Fernseher noch über die ein oder andere unscharfe Textur aufregen könntet, fallen diese mit der Switch vor der Nase überhaupt nicht mehr auf. Im Gegenteil war ich erstaunt von der Performance, die dieses Gerät trotz seines Mobile-Chips in der Lage abzurufen ist. Es spricht also nichts dagegen, eine Fahrt im ICE von München nach Berlin zu buchen, idealerweise im Ruhe-Abteil, und dann unterwegs so lange auf die Knöpfe zu hämmern, bis sich die Mitreisenden beim Schaffner nachfragen, was wohl das wunderbar arhythmische Klickgeräusch von Sitz 72 ist.

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Bayonetta an der Bar, als Link.

Nun ist Bayonetta nicht gerade aufgrund seiner Geschichte berühmt und an der hat sich auch nichts geändert. Im zweiten Teil ist sie noch ein bisschen grotesker als im ersten, weil sich hier in den ersten paar Stunden eigentlich erzählerisch nicht viel tut, die Hexe aber dennoch von einer komischen Situation in die nächste rutscht, die sie jeweils dazu nötigt, gegen Unmengen von Engeln und Dämonen anzutreten. Das mag kritisch sehen, wer Fanboy ist, aber ehrlich gesagt nimmt sich die Geschichte von Bayonetta ja noch nicht einmal selbst ernst - und ihr solltet das auch nicht tun. Die teilweise sogar relativ langen Zwischensequenzen sind eher dafür da, mal durchzuatmen. Und darüber zu lachen. Kennt ihr Robo Geisha? Das ist ein Film über eine japanische Geisha, die sich in einen Kampfroboter verwandeln kann. Und irgendwie habe ich Bayonetta immer mit ähnlichen Augen gesehen wie diesen Film. Und das war okay.

Weniger okay ist dagegen die Tatsache, dass Nintendo jetzt enorm belohnt, wer ein paar Amiibos in der Hinterhand hat. Grundsätzlich sind die ja nichts Schlechtes, jetzt aber könnt ihr mit ihnen so viele Crafting-Materialien und Heiligenscheine bekommen, dass ihr Bayonettas Fähigkeiten in Windeseile erlernt. Insgesamt 32 Amiibos könnt ihr täglich einmal benutzen. Ich besitze drei davon und jeder einzelne hat funktioniert - würde ich allein die jeden Tag einmal konsequent anwenden, wäre ich innerhalb kürzester Zeit ziemlich mächtig. Tipp am Rande: Tut es nicht. Das vermasselt euch die eigentlich recht hübsch ausgeklügelte Lernkurve, die die Entwickler für Bayonetta auf dem normalen Schwierigkeitsgrad vorgesehen haben.

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Über den Detailgrad der Bossgegner kann man sich bei Bayonetta 2 wirklich nicht beschweren. (Bayonetta 2 - Test)

Sowohl Bayonetta 2 als auch der erste Teil wurden auf der Switch hervorragend umgesetzt. Sie fühlen sich nicht an wie billige Portierungen, sondern als seien sie für diese Konsole gemacht worden. Dass ihr Bayonetta nun mitnehmen könnt, ist ein Traum, dass sie sogar auf dem Fernseher zumindest ein bisschen schneller zuschlägt als bisher, ist umso besser. Wer Spiele wie Devil May Cry mag und bisher auf Bayonetta 2 verzichtet hat, der sollte jetzt zuschlagen. Den ersten Teil gibt's obendrauf ... und das Princess-Peach-Kostüm ist immerhin für einen Lacher gut.

Entwickler/Publisher: Platinum Games/Nintendo - Erscheint für:Switch - Preis: etwa 55 Euro (inklusive Bayonetta 1) - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Switch - Sprache: englische Sprachausgabe, deutsche Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

Bayonetta Markus Grundmann Berauschendes Action-Spiel, das im Handheld-Modus der Switch überraschend gut funktioniert. Erzählerisch bizarr und doch fesselnd. Hexerei! 2018-02-16T09:00:00+01:00 5 5

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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