Passabel, aber nicht, was das Original verdient gehabt hätte. Auf dem Weg zur PS4 ist dieses Remake auf halbem Wege steckengeblieben.

Man mag über die Remake-Welle denken, was man will. Man kann das überflüssig finden und sie ignorieren. Daran, dass sie in vielerlei Hinsicht einen wertvollen Beitrag zur Konservierung unseres nur aus Schall und Rauch bestehenden Hobbys leistet, besteht jedoch kein Zweifel. Erinnert euch an die Zeit um 2010, als die Öffentlichkeit gefühlt reihenweise vielversprechende Spiele zu Skandalen hochschimpfte, allein weil die Publisher es für eine gute Idee hielten, zum Beispiel gewisse Strategieserien im Shooter-Format fortzusetzen. Die Spiele konnten nichts dafür. Die Reaktion war trotzdem verständlich, weil die Hersteller das Signal sendeten, dass sie die ursprünglichen Werke nicht wertschätzten.

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Das Bild, das euch schon verrät, ob ihr mit dem neuen Look leben könnt. (Secret of Mana Remake - Test)

Von dieser Einstellung sind heute nur mehr Spurenelemente auszumachen. Von Welterfolgen bis hin zu Kult-Hits wird heute vieles mit einigem Aufwand neu aufgelegt und so nicht nur der Zugang zu Titeln bewahrt, die zuvor auf mittlerweile obsolete Hardware angewiesen waren. Remakes gewähren auch eine willkommene, neue Perspektive auf Spiele, so vertraut, dass man sie wohl blind und mit umgedrehtem Controller noch durchexerzieren könnte, oder erfüllen die technische Vision eines sympathisch überambitionierten Spiels mit einigem zeitlichen Abstand eben nachträglich. Das Remake zu Secret of Mana ist in dieser Hinsicht eine vergebene Chance. Alles in allem eine passabel spielbare Version dessen, was Anno 93 schon mal war, wirkt es trotzdem schon zu seinem Erscheinen wieder direkt wie aus der Zeit gefallen.

Für die Uneingeweihten oder Spätgeborenen: Secret of Mana ist Squares allseits verehrte Antwort auf die Frage, was wäre, wenn die JRPGs des Final-Fantasy-Herstellers mehr wie Zelda wären. Es mischt dessen Action-Adventure-Basics und Echtzeit-Kampf mit ausgefuchsten taktischen Rollenspielsystemen und konnte so ein gutes Stück aus den jeweiligen Schatten von Final Fantasy und Link heraustreten. Ganz so spielte sich eigentlich nichts.

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Die Eröffnung würde man heute wohl drastisch straffen. Nur auf sich, Schwert und Pieke gestellt, macht das Kampfsystem von Mana wenig Spaß (Secret of Mana Remake - Test).

Der Mix ist im Grunde immer noch ein recht frischer, die simple Weltenrettergeschichte, die herzigen Charaktere und ein interessantes Party-System mit optionalen Koop-Mitspielern beziehungsweise das Management KI-gesteuerter Mitstreiter ziehen auch heute noch gut. In der Summe merkt man jedoch, dass diese Neubearbeitung in der Herstellung nicht zu teuer werden durfte. Die Übersetzung von der charmanten, ausdrucksstarken 2D-Pixelart (auf die leider nicht optional umgeschaltet werden darf) auf 3D ist zwar nicht komplett misslungen. Tatsächlich spielt man auf der PS4 Pro sogar in nativem 4K. Aber das macht die flachen, verschwommenen PS2-Texturen und die simplen Charaktermodelle mit ihren steinernen Gesichtern auch nicht per se zeitgemäß.

Zweifellos hielten sich die Entwickler extrem nah an der Vorlage (die nett eingebundene Mini-Map oben rechts verwendet die Pixellandschaft des Originals und beweist, dass hier jemand ganz genau hinsah). Aber das gewisse Etwas, der bestimmte Charakter dieses Spiels, ging in der Konversion irgendwo verloren. So kommt es, dass man alles und jeden wiedererkennt, der Nostalgienerv aber nicht so punktgenau gekitzelt wird, wie er sollte. Und da es auch technisch alles andere als beeindruckt - diesen Level sahen wir abzüglich der hohen Auflösung zu späten PS2- und frühen PS3-Zeiten andauernd - macht das Remake rein optisch niemanden so recht glücklich. Ich wünschte die ganze Zeit, ich sähe die Originalgrafik, zumal in der Umstellung auf 3D auf einmal auch einige Ladebildschirme ihren Weg ins Spiel fanden, die es auf dem SNES so nicht gab.

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Die Karte oben rechts verwendet die Originalhintergründe. Ein netter Touch, der auch zeigt, wie beflissen hier in 3D übersetzt wurde (Secret of Mana Remake - Test).

Passend zur angestaubt wirkenden Grafik klingen auch die neue Sprachausgabe und der frisch aufgenommene Score, als hätten sie auf der CD-Rom-Version von Secret of Mana, die es niemals gab, auch Mitte der Neunziger schon vertreten sein können. Ich weiß die komplett neu geschriebenen Dialoge, die den Charakteren ein wenig mehr Profil verleihen, durchaus zu schätzen. Aber der sparsam neu arrangierte Soundtrack, der klingt, als käme die komplette "Band" aus demselben Keyboard, ist vielleicht das größte Versäumnis, was dieses Remake angeht. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, was hätte sein können. Nun gut, den Kompositionen kann das wenig anhaben und immerhin darf man den guten, alten SNES-Soundtrack optional über das Spielgeschehen legen.

Und um das noch mal klar zu sagen: Spaß macht Mana immer noch. Die Angriffe und das Treffer-Feedback sind zwar genau so rollenspielig-körperlos wie damals. Aber dafür sind Attacken endlich auch diagonal möglich. Ich würde nicht sagen, Secret of Mana hätte sich bei diesem neuerlichen Kontakt als zeitlos herausgestellt. Doch es bekam mich ohne größere Probleme wieder zu packen und ließ mich auch dann nicht los, als ich wiederholt feststellte, dass die Optik schlichtweg nicht "richtig" aussah. Im direkten One-on-one sind die Kämpfe zwar eher träge, immerhin sollte man zwischen jedem Schlag tunlichst geschlagene drei Sekunden verstreichen lassen, damit man seine Ausdauer für den nächsten Angriff sammeln kann. In der Gruppe mit zwei weiteren Freunden in den Rollen von Primm und Popoi oder alternativ mit der programmierbaren KI kommt aber auch so einiges an taktischen Überlegungen und Möglichkeiten hinzu, die zu erschließen selbst Profis eine ganze Weile brauchen.

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Im Standbild voll in Ordnung. In Bewegung steif animiert: die Charaktermodelle. (Secret of Mana Remake - Test)

Das Interface quietscht und knarzt unter der Last all der Optionen zugegebenermaßen heute mehr noch als damals. Im Shop sagt einem immer noch niemand, was die feilgebotenen Waren nun bewirken. Die mehreren durchschaltbaren Menüringe für Einstellungen, Waffen, Items und Zauber sind und bleiben verwirrend - zumal man bei den Elementarmagien nicht einmal sehen kann, wem man gerade Befehle erteilt. Allgemein ist alles etwas zu verschachtelt. Dazu eine Spielerführung, wie sie in den 90ern üblich war, als Karten eher als World-Building-Element ins Spiel eingebunden wurden, anstatt wirklich zur Orientierung beizutragen. Das hier ist Secret of Mana mit all den Warzen, die über die Jahrzehnte auf einem solchen Spiel nun mal wuchern. Fans von damals wird's weniger stören, aber ein bisschen Verlaufen - und dann stramm respawnende Feinde wieder aus dem Weg räumen -, das kauft man für die 40 Euro, die das hier kostet, gewissermaßen mit.

Weitere Notizen aus einem brauchbaren und doch hinter den Möglichkeiten gebliebenen Comeback: Der coole Koop-Modus bleibt auch auf PS4 Spielern mit Couch-Beisitzern vorbehalten, einen Online-Modus gibt es nicht. Das Action Grid, mit dem man seine KI-Kollegen programmiert, wurde unverständlicherweise von einer praktischen und selbsterklärenden Matrix in ein textbasiertes Interface verwandelt. Anstatt Primm, Popoi oder Randi auf einem Mini-Schachbrett zwischen Angriff und Verteidigung, Nahkampf und Distanz zu verschieben, gebt ihr nun Dinge wie "Ziele angreifen, die sonst niemand angreift" vor. Das sorgte in meinem Fall für gelegentliche Situationen, in denen sich meine computergesteuerten Freunde nicht sicher waren, ob sie sich in den Kampf einschalten sollten, weil ich schon auf dem Gegner "drauf" und sonst niemand zum Verhauen zugegen war. Zudem lässt das neue System nicht zu, etwa die zerbrechlichere Popoi auf Abstand zu den Monstern gehen zu lassen, diese Verhaltensebene existiert im neuen Action Grid schlicht nicht. Es funktioniert, man kommt auch so durch, aber das alte System war besser.

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Trotzdem auch so eine angenehme Reise, obwohl hier mehr drin gewesen wäre. (Secret of Mana Remake - Test)

Am Ende ist es wohl das, was hängenbleibt. Dieses Remake ist vollauf funktional und sicher nicht komplett unter Liebesentzug entstanden. Und doch schreitet dieses Werk den Weg in die Neuzeit nur bis zur Hälfte ab, spart sich Updates an Bedienung und Features oder ändert Dinge, von denen es besser die Finger gelassen hätte. Optisch will ich Square, abzüglich der von vorneherein überalterten Technik, keinen Vorwurf machen. Die Entwickler haben sich sichtlich einige Mühe gegeben, die wundervolle Pixelart des Originals möglichst treuherzig in Polygone zu kleiden. Der Wiedererkennungswert ist hoch, nur das Wundervolle bekamen sie irgendwie nicht zu packen. Der Look steht dem Spiel wohl einfach weniger gut zu Gesicht.

Trotzdem scheint noch deutlich durch, warum dieser seltsame Hybride bis heute auf so vielen Lieblingslisten vertreten ist. Feuert die dreiköpfige Party erst aus allen Zylindern - egal ob im Koop oder alleine -, ist Secret of Mana auch in dieser Form alles andere als Zeitverschwendung. Vor die Wahl gestellt, erlebe ich jedoch lieber das Original auf dem SNES Mini oder dem beigen Original-Brotkasten noch einmal.

Entwickler/Publisher: Square Enix - Erscheint für: PS4, PS Vita, PC - Preis: 39,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch, Englisch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PS4

Secret of Mana Alexander Bohn-Elias Passabel, aber nicht, was das Original verdient gehabt hätte. Auf dem Weg zur PS4 ist dieses Remake auf halbem Wege steckengeblieben. 2018-02-20T08:50:00+01:00 3 5

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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