Die Katze ist ja schon länger aus dem Sack: Rainbow Six: Sieges einmonatiges Outbreak-Event ist ein Zombie-Modus. Man könnte ihn sogar noch genauer beschreiben, wenn man den Namen eines anderen Spiels in den Mund nimmt. Genau genommen ist das hier nämlich ziemlich exakt das Konzept von Left 4 Dead. Im Koop geht's von A nach B durch große, verwüstete Areale, während eine Handvoll unterschiedlicher, monströser Gegnerarchetypen - Dead-Space-artige Klingen-Zombies, flinke Explodiergegner, einer, der euch an Ort und Stelle festnagelt, sowie der obligatorische Tank (mit rot leuchtendem Schwachpunkt am Rücken) und eine Art Kommandantenmonster, das neue Viecher spawnt - in variablen Intervallen gegen euch anrennt.

Was sich hier abspielt, ist in erster Linie kurzweiliges, rabiates Actionfilmmaterial mit guten Production Values. Ein bisschen Stealth ist zeitweise möglich, sofern ihr Schalldämpfer ausgerüstet habt und jeder der drei Koop-Partner ein bisschen Disziplin mitbringt, und die ausgewählten Operatoren bringen ihre Gadgets ebenfalls zum Einsatz. Kapkan hat seine Sprengfallen dabei, Doc heilt nach wie vor Teamkollegen, Ash mit ihrem Granatwerfer mischt ebenso mit wie Scharfschütze Glaz, Fuze mit seinen Granaten-Pinatas und Tachanka, der mit seinem montierten MG der sehr bewegten Action immer noch ein bisschen hinterherrennt.

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Ist die Zielperson erreicht, müsst ihr sie eine Weile beschützen. Verstärkt die Wände und stellt eure Fallen, um euch im Ansturm der Monster einen Vorteil zu verschaffen.

Immerhin: an den Punkten, an denen das Spiel signalisiert, gleich gilt es, einen Ansturm zu überleben - zum Beispiel wenn ihr selbst gelegte Sprengladungen beschützt oder ein VIP am Leben gehalten werden muss -, kann sein Arbeitswerkzeug durchaus glänzen. Vorausgesetzt, man findet die Ecke, in der nicht von allen Seiten Feinde auf den Russen einprasseln. Was direkt auffällt: Wie überraschend gut und detailverliebt die großen Level durchgestaltet wurden. Das Krankenhaus, das Resort und der Schrottplatz sind wirklich atmosphärisch designt, geben sich Mühe, Raum um Raum neue kleine Geschichten zu erzählen und beweisen dabei hier und da gutes Händchen.

Visuell und technisch ist das hier ebenfalls stark und auch die Qualität der begleitenden Filmsequenzen imponiert durchaus. Outbreak ist definitiv keine billige Wegwerfdreingabe. Die Frage ist nur: Hat irgendjemand das bestellt? Alexandre Remy diskutierte das kürzlich im Gespräch mit unserem Mann vor Ort auf dem R6 Invitational Turnier in Montreal und beschrieb Outbreak als Geschenk an die Fans. Losgelöstes, kameradschaftliches Ballern, "over the top" und "Rock and Roll" sollte es sein, eine Abwechslung zum angespannten PvP-Alltag.

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Optisch und gestalterisch macht Outbreak einiges her...

In der Tat ist es in diesem Fall wohl schwierig, es allen recht zu machen. Die ursprüngliche Ankündigung neuer Spielmodi zum Verkaufsstart des Spiels war angesichts der Dürre in dieser Hinsicht zwischenzeitlich so etwas wie ein Running Gag in der Community. Man kann es den Entwicklern also nicht verdenken, in dieser Richtung tätig zu werden, zumal Bomb als zentraler Spielmodus so etwas wie der unabänderliche Standard im PvP geworden ist. Hier noch eine Alternative feilzubieten, wäre definitiv verschenkte Liebesmüh gewesen. Zudem sprach Ubisoft Ende des letzten Jahres schon darüber, dass es fortan klüger für den Wettbewerbsbetrieb wäre, die Taktung an neuen Maps zu halbieren und dafür lieber die alten zu pflegen und dem neuen Meta anzupassen. Ein Schritt, der an sich sehr begrüßenswert ist.

Mein Fazit vorerst: Eine nette Abwechslung war es auf jeden Fall, und es ist nett, dass Ubisoft seinen Charakteren ein wenig mehr Profil verleihen will, auch wenn niemand hier ein Overwatch-mäßiger Sympathiebolzen werden dürfte. Nach einem Durchlauf durch die jeweils etwa 20 Minuten in Anspruch nehmenden drei Karten sieht man jedoch bereits, dass die Laufzeit des Events nicht ohne Grund auf einen Monat beschränkt wurde. Im Gegensatz zum PvP ist das hier nicht der Stoff, den man Hunderte, vielleicht gar Tausende Male durchexerziert. Gleichzeitig deutet sich durch die Namensgebung der Kapitel an, dass dieses Event irgendwann eine Fortsetzung findet, sofern die Fans es mögen. Nachdem Fortnite durch seinen Battle-Royale-Modus auf einmal das Spiel schlechthin ist, wundert mich gar nichts mehr. Ich würde durchaus noch ein Tänzchen mit einer etwaigen Fortsetzung wagen.

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... was im Übrigen auch auf die dialoggetriebenen Zwischensequenzen zutrifft.

Kritik musste das Spiel wegen der neuen Outbreak Packs einstecken. Die bereits bekannten Alpha Packs kann man kaufen oder hat nach jedem Sieg eine Chance, eines zugelost zu bekommen. Die zeitlich limitierten Outbreak Packs mit ihren 50 kosmetischen Items kann man nur gegen Echtgeld erstehen. Remy hat Recht, wenn er sagt, dass diese das Spiel nicht beeinflussen, weil es sich nur um Kosmetika handelt. Und dass es keine doppelten Drops gibt, vereinfacht es theoretisch, die Sammlung zu vervollständigen. Aber nachdem ich auf dem Testserver mit virtuellem Geld alle Packs freigeschaltet habe, muss ich sagen, dass mich die Inhalte doch wundern.

So gibt es die Isolation-Masken und die Decontamination-Kostüme für diverse Operatoren als einzelne Drops anstatt als Universalgegenstand. Auch diverse Waffenskins werden als separate Drops verpackt, was verdächtig danach aussieht, als wollte man auf-Teufel-komm-raus mehr Packs ins Spiel einbauen. Wenig erheiternder Weise sind auch die Seltenheitsgrade einzelner Items unterschiedlich. Glaz' Isolation Headgear ist "Episch", während Lions nur "Selten" ist. Gegen die einzelnen Skins ist nichts auszusetzen, sie sind wie immer gut gemacht, aber de facto haben wir hier nicht 50 davon, sondern... nun ja, deutlich weniger. Was uns wieder dazu bringt, dass man die Packs ruhig, wie schon ihre Alpha-Gegenstücke, als Belohnung fürs Spielen des Modus auslosen könnte. Hoffen wir, mit der Echtgeld-only-Aktion bleibt es beim Experiment. Und falls nicht: Ignorieren ist in diesem Fall nicht schwer.

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Glaz in kompletter Outbreak-Montur - und verwirrenden Seltenheitsgraden.

Wer nun gar keine Lust auf Koop und/oder Zombies hat, sollte diese Season trotzdem keinen Urlaub von Rainbow Six: Siege buchen, denn es passiert auch abseits dessen so einiges. Da die Verteidiger immer noch in der Tendenz deutlich mehr Matches gewinnen, erfährt in Jahr 3, Season 1 die Angreiferseite einiges an Liebe, mit gleich zwei Operatoren, die mit ihren Skills der gesamten Mannschaft unter die Arme greifen. Die attackierende Fraktion dürfte mit deutlich mehr Tempo zu Werke gehen, während sich auf der Gegenseite das Meta weiter in Richtung Fallen und Zugangsverweigerung verlagern dürfte.

Sowohl die Russin Finka als auch der Franzose Lion sind derart starke Ergänzungen zum Roster, dass gleich zwei sonst als Muss geltende Angreifer sich darauf einstellen können, hier und da auf der Bank Platz zu nehmen. Sicher ist das auf den Testservern, wo ich Operation Chimera etwa sechs Stunden spielte, etwas übersteigert, weil jeder "die Neuen" spielen will. Aber ich habe fast die Hälfte meiner Matches auf Angreiferseite ohne Thermite oder Hibana erlebt. Meine Prognose an dieser Stelle wäre, dass Verteidiger sich auf den Bomb-Sites deutlich effektiver einigeln können, dafür in direkten Schusswechseln jedoch große Nachteile haben werden.

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Ubisoft versucht seit längerem, den Siege Operatoren mehr Persönlichkeit zu geben. Sie machen hier auch einen guten Job, auch wenn man davon ausgehen darf, dass dieser Zombie-Albtraum nicht gerade zum Siege-Kanon gehören wird.

Das liegt daran, dass Finka auf Knopfdruck zwei Mal im Spiel nicht nur alle ihre Teamkollegen direkt heilt oder für 20 Sekunden ihre Gesundheit boostet. Sogar wiederbeleben geht, wenn jemand am Boden liegt. (Fragt nicht. Nanomaschinen!). Gleichzeitig minimiert sie für die Dauer des Effekts den Rückstoß aller Waffen und gewährt Resistenzen gegen gewisse Effekte, etwa Elas Concussion-Minen. Im Gegenzug ist Smokes Giftgas um ein Vielfaches tödlicher, während Lesions GU-Minen den Effekt des Buffs sofort neutralisieren. Finkas Gadget wird in jedem Fall deutlich verändern, wie Teams ihre Angriffe und vor allem ihren letzten Ansturm koordinieren.

Lion ist eine exzellente Ergänzung. Seine unzerstörbare Drohne schickt auf Knopfdruck bis zu drei Mal pro Runde einen mehrsekündigen Impuls aus, während dem die Verteidiger tunlichst stehenbleiben sollten, ansonsten werden sie für alle Spieler sichtbar für einen kurzen Zeitraum auch durch Wände hindurch sichtbar. Zielen, drehen und Gadgets benutzen ist erlaubt und wird man entdeckt, dauert das tatsächlich nur ein paar Sekunden, aber es macht sich schon jetzt bemerkbar, dass das hier nicht nur für die letzten Breaches auf ein Einsatzziel eingesetzt wird, sondern um zum Beispiel am Boden liegende Mitspieler für eine Wiederbelebung zu erreichen. Kein Angreifer wird für den Kill nachsetzen, solange Lions Drohne ihre Arbeit verrichtet. Finka und Lion in Kombination erfordern sehr viel effizienteres Einigeln auf dem Spot oder eben gute Skills als Roamer.

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Habt ihr sie wiedererkannt? In Season 3 kehrt die Hereford Base Map drastisch überarbeitet - und 30 Jahre in die Vergangenheit versetzt - zurück.

Einen netten Buff erfuhr auch Blitz. Der GSG-9-Schildträger verfügt nun über mittlere Schnelligkeit und Panzerung, ist also deutlich fixer auf den Beinen als alle anderen Schild-Operatoren. Auf dem Testserver sorgt aktuell noch ein Glitch dafür, dass er sich viel zu schnell bewegt, was in den nächsten Tagen behoben sein sollte. Aber auch dann wird er noch Angst und Schrecken unter den Verteidigern verbreiten. Ein schöner Schritt, um das Schild-Gameplay noch attraktiver zu machen.

Auf Angreiferseite stehen die Zeichen nun mehr auf Sturm, was wie gesagt einen indirekten Buff für alle Fallensteller von Frost bis Kapkan (kein Stacheldraht mehr, damit er mehr Zeit für das Platzieren seiner EDDs hat) darstellt. Hat man es mit einem schnell spielenden Team zu tun, ist es gut möglich, dass man seltener Operatoren sehen wird, die in der Lage sind, verstärkte und gesicherte Wände zu durchbrechen, weil bei den starken Gadgets von Finka und Lion vielleicht nicht unbedingt Hibana, auf jeden Fall aber Thatcher immer unwahrscheinlicher anzutreffen sein dürfte. Das wiederum könnte für die Verteidiger leichter kontrollierbare Laufwege zur Folge haben. Die Zeit wird's zeigen.

Abzüglich der Outbreak Packs macht Operation Chimera einen guten Eindruck. Die drei Outbreak-Koop-Level dürften für ein paar Runden angenehm auflockern, wie man diese Figuren erlebt. Die neuen Operatoren verschieben das Meta wieder mal drastisch genug, dass man neugierig auf der Suche nach neuen Taktiken Abend um Abend in diesem Spiel versinkt. Und dann wundert man sich, dass mal wieder drei Monate rum sind und die nächste Karte und der nächste Schwung an Rainbow-Agenten vor der Tür steht. So kann's gerne weitergehen.

Entwickler/Publisher: Ubisoft Montreal - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: Season Pass Jahr 3 für 29,99 Euro - Erscheint am: 6. März, auf dem Testserver bereits spielbar - Sprache: Englisch/Deutsch - Mikrotransaktionen: Ja, Kosmetisches

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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