Eine technisch liebevoll aufbereitete Edition des RTS-Klassikers. Leider blieben dabei die spielerischen Unzulänglichkeiten erhalten.

Ah, diese nostalgischen Gefühle. Ein paar meiner Knüppelträger und Siedler stehen am Strand dieses neuen Landes und freuen sich darauf, das vor ihnen liegende Gebiet zu erobern. Ich baue ein Dorfzentrum und beginne damit, erste Rohstoffe zu sammeln. Moment Mal, was ist das? Da kommt ja schon ein gegnerischer Soldat anmarschiert und attackiert meine Leute. Und noch einer. Und noch mehr. Hallo? Ich bin doch erst ein paar Minuten hier. Immer mehr von ihnen strömen herbei, schlagen meinen Möchtegerneroberern die Köpfe ein und lassen die Mission nach kurzer Zeit scheitern.

Das Spielchen wiederholt sich über mehrere Anläufe und verschiedene Strategien hinweg. Verdammt, war Age of Empires damals wirklich so schwer? Ich spiele doch schon auf "Standard" und bin kurz davor, die Maus gefrustet durch die Gegend zu werfen. Wie Martin mir versicherte, war das damals tatsächlich so schwer. Anscheinend trügt mich meine Erinnerung oder ich denke bei Age of Empires eher an den leichteren zweiten Teil. Schwer vorstellbar, dass meine RTS-Fähigkeiten über die Jahre so eingerostet sind.

Auf der leichten Stufe - nein, ich schäme mich nicht dafür - klappt's besser und ich sauge mehr von dieser Nostalgie auf, die die Definitive Edition von Age of Empires versprüht. Zumindest bis zu einem gewissen Grad tut sie das. Hier sticht vor allem die technische Generalüberholung hervor. Der Charme von früher blieb erhalten, es sieht jetzt alles schicker und detaillierter aus. Es ist noch immer 2D, das gilt ebenso für die Einheiten. Mehr Details bieten sie, die 2D-Objekte haben die Entwickler für diese Fassung in 32 verschiedenen Winkeln gerendert (verglichen mit acht im Original). Ansonsten gibt's neue Effekte, zum Beispiel für das Wasser, Bloom, Anti-Aliasing und andere Dinge.

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Höhere Auflösungen, mehr Details. Nur beim Ranzoomen wird's ein wenig unscharf. (Age of Empires: Definitive Edition - Test)

Die Datei einer einzelnen Trireme ist den Entwicklern zufolge größer als das gesamte Originalspiel. Also ja, es gab ein paar umfassende Überarbeitungen, die die knapp 17 GB der Definitive Edition erklären. Details zeigen sich, wenn ihr hineinzoommt - nur nicht zu sehr, dann ist's ein bisschen unscharf - und besonders schön anzuschauen sind die Zerstörungsanimationen. Gebäude brechen in vielen Einzelteilen in sich zusammen, anstatt lediglich zu einem anderen Sprite zu wechseln.

Eine weitere Baustelle ist der Audio-Bereich. Musik und Soundeffekte haben die Entwickler neu aufgenommen, was vor allem dem Soundtrack zugute kommt. Die 75 Minuten Orchestermusik klingen wunderbar stimmig und passen zum historischen Kontext des Spiels. Und keine Sorge, auch das berüchtigte "Wololo" des Priesters bekommt ihr zu hören. Ohne das wäre es keine definitive Edition.

Die Wegfindung ist so grausig wie früher. Eine verpasste Chance auf ein paar Korrekturen. (Age of Empires: Definitive Edition - Test)

Auf der technischen Seite habe ich in Bezug auf Grafik und Sound wenig zu meckern. Hätten doch andere Bereiche des Spiels die gleiche Aufmerksamkeit erfahren... Da stellt sich die Frage, was das Spiel ist? Es heißt zwar Definitive Edition, im Grunde ist es nicht mehr als ein Remaster. Das Problem daran: spielerische Macken und Unzulänglichkeiten bleiben erhalten. Formationen gibt es nicht und eure Kämpfer sowie die KI-gesteuerten Einheiten stehen sich oft genug selbst im Weg. Ein wenig an den KI-Routinen zu arbeiten, wäre nicht zu viel verlangt. Indem es so ist, wie es ist, bleibt Entwickler Forgotten Empires zwar dem Original treu, für eine echte "definitive Version" sind mir das zu wenig spielerische Modernisierungen.

Kurz gesagt: mit der Definitive Edition erhaltet ihr überwiegend eine in puncto Grafik und Sound überarbeitete Fassung des RTS-Klassikers. Und eine prall gefüllte. Das Spiel bietet insgesamt zehn Kampagnen sowie 17 Fraktionen und damit alle Inhalte aus Age of Empires und der Erweiterung Rise of Rome. Sogar die kurze Hethiter-Kampagne aus der damaligen Demo ist mit dabei. Darüber hinaus bestreitet ihr Multiplayer-Gefechte im lokalen und Online-Modus.

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Kam mehrfach vor: der Arbeiter zwischen dem Gold kam zwar rein, aber nicht mehr raus. Ich musste erst Gold abbauen, um ihn zu befreien. (Age of Empires: Definitive Edition - Test)

Alles in allem spielt sich Age of Empires in dieser Version so, wie ihr es von früher kennt. Erwartet keine großen Überraschungen. Sammelt Rohstoffe, baut Gebäude, rekrutiert Einheiten, entwickelt euch weiter und macht eure Feinde platt. So weit, so bekannt. Oh, okay, eine Neuerung gibt es doch: Durch Produktionsketten für Einheiten fällt ein Teil des Mikromanagements weg. Schade ist, dass es keine neuen Inhalte ins Spiel geschafft haben, ob Kampagnen oder Fraktionen. Abseits des Tutorials wäre eine Einstiegskampagne nicht schlecht gewesen, damit Neulinge im griechischen Feldzug auf dem Standard-Schwierigkeitsgrad nicht gleich in den sicheren Tod rennen.

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An wen richtet sich die Definitive Edition? Primär an die Spieler, die diesen Klassiker in aufgehübschter Form auf modernen System spielen möchten. Entspricht das eurer Vorstellung davon, dann lohnt sich die Investition. Liebäugelt ihr als RTS-Neueinsteiger mit dem Kauf des Spiels, seid euch bewusst, dass es kein einfaches Spiel ist und ihr wohl mit dem leichten Schwierigkeitsgrad vorliebnehmen müsst. Auch die spielerischen Unzulänglichkeiten des Originals, zum Beispiel die grauenhafte Wegfindung, bleiben erhalten und sorgen in der heutigen Zeit eher für Kopfschütteln. Bei aller Liebe zur Originaltreue: es hätte nicht geschadet, hier ein paar Korrekturen vorzunehmen. Am Ende bleibt die Definitive Edition von Age of Empires ein schöner Ausflug in die goldene Ära der RTS-Spiele. Ein Ausflug, den ihr trotz modernisierter Landschaften nicht mitgemacht haben müsst, denn es mangelt an echten Sehenswürdigkeiten.

Entwickler/Publisher: Forgotten Empires / Microsoft - Erscheint für: PC (Windows 10 Store) - Preis: 19,99 Euro - Erscheint am: Erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: Deutsch, Englisch und andere - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Editor, Eurogamer.de

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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