Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm im TOHU-Center in Montreal, dem Austragungsort der Weltmeisterschaft der besten Rainbow Six Siege-Spieler. Schüsse peitschen aus überdimensionalen Lautsprechertürmen, ein dumpfer Paukenschlag ertönt überlaut, wenn wieder ein Operator sein virtuelles Leben verloren hat. Die Stimmen der Shoutcaster überschlagen sich vor Aufregung und die gut 1000 Zuschauer, in dem bis zum letzten Klappstuhl ausverkauften Stadion, skandieren "BC"-Rufe. Damit ist Brandon "BC" Carr, gemeint, der Teamleader des noch amtierenden Weltmeister Evil Geniuses. Der Amerikaner, der sich als Weltklasse-Support binnen kürzester Zeit als unentbehrlich für das amerikanisch-kanadische Team erwiesen hat und zum Publikumsliebling avancierte, soll das Ruder in dem Herzschlagfinale gegen PENTA Sports noch einmal herumreißen.

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Die amtierenden Weltmeister mussten sich nach einer deutlichen 0:2-Führung gegen PENTA Sports doch noch geschlagen geben. Die Enttäuschung ist Brandon 'BC' Carr, Teamleader der Evil Geniuses deutlich anzusehen.

Dabei hatte für die Bösen Genies eigentlich das Finalspiel ganz nach Plan begonnen. Nach einer deutlichen 0:2-Führung gegen das skandinavisch-spanische Spielerkonglomerat der Berliner E-Sport-Schmiede PENTA Sports, lag die zweite Weltmeisterschaft in Folge, und damit auch ein dicker Brocken der insgesamt 500.000 US Dollar Preisgeld, in Greifnähe. Aber das PENTA-Team um Kapitän Fabian Hällsten will sich einfach nicht geschlagen geben, gewinnt in einer umjubelten Aufholjagd Spiel um Spiel und erringt erst den Ausgleich, um danach auf der letzten Karte in einer denkbar schlechten Einer-gegen-zwei-Situation dann noch den 3:2-Sieg davonzutragen. Die tiefe Enttäuschung ist den Evil Geniuses deutlich anzusehen, während die Gewinner Fabian Hällsten aus Schweden, die Finnen Joonas "jNSzki" Savoleinen und "Sha77e" Villepallola, Niclas "Pengu" Mouritzen aus Dänemark sowie der Spanier Daniel "Goga" Romero sich überglücklich in die Arme fallen und die martialische Vorschlaghammertrophäe in die Höhe reißen.

Nach einem etwas holprigen Start hat sich der Taktik-Shooter Rainbow Six: Siege zu einem riesigen Erfolg für Ubisoft gemausert und einen festen Platz im professionellen E-Sport eingenommen. Davon zeugt das rege Interesse der Zuschauer vor Ort und weltweit vor den Bildschirmen, während der Live-Übertragungen auf YouTube oder Twitch und die Weltmeisterschafts-Teilnahme von 16 namhaften Top-Teams, wie PENTA Sports, Black Dragons, Mind Freak, Supremacy, Rogue, Ence Esports oder Faze Clan. Fast verdoppelt haben sich die Zuschauerzahlen vor Ort und im Stream gegenüber dem Vorjahr.

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Die neuen R6S-Weltmeister: Das in Berlin ansässige E-Sports-Team PENTA Sports freut sich über die martialische Vorschlaghammer-Trophäe. Und das Preisgeld.

Grund genug für den zuständigen Brand-Manager Alexandre Remy euphorisch in die Zukunft zu schauen. "Bislang gibt es 36 Operatoren. Wir peilen 100 an. Bei acht neuen Operatoren im Jahr, steht unser Plan fest, Rainbow Six: Siege bis 2025 weiter zu entwickeln.", erklärt mir Alexandre im Gespräch. Zu jeder neuen Season wird es wie gewohnt zwei neue Operatoren geben. Dazu im Wechsel neue und überarbeitete Maps oder zeitlich begrenzt verfügbare Spielmodi. Wie beispielsweise ab Season eins Outbreak, die für das auf kompetitives Spielgeschehen ausgelegte R6S eher ungewöhnliche, aber sehr unterhaltsame Koop-Ballerei im Left-4-Dead-Stil. Über die Zombie/Infinzierte/Alien-Schlachterei hat euch ja Alex schon ausführlich Bericht erstattet.

Dass Outbreak übrigens nur, wie angekündigt, ab dem 8. März 2008 ein einmonatiges Gastspiel auf den Servern geben wird und danach sang- und klanglos wieder verschwindet, mag ich nicht ganz glauben. Zwar versicherte mir Alexandre Remy, dass es wirklich nur ein Geschenk für die Spieler sein, um einfach mal nach Herzenslust Aliens niedermachen zu können. Aber die Ankündigung des Modus erfolgte auf dem Six Invitational mit großem Tamtam, einem pompösen Symphoniekonzert und einer ausführlichen Expertenrunde. Es würde mich nicht wundern, wenn hier die Entwickler einen Versuchsballon für einen dauerhaften Koop-Modus steigen lassen, um eine zugkräftige Ergänzung zum Terrorist-Hunt-Modus zu finden. Den nutzen die meisten Spieler nämlich vorwiegend als Schießbude zum Warmspielen, oder um probeweise eine unbekannte Karte mal so richtig zu zerlegen.

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Rund um die Operatoren des Spiels hat sich ein reger Cosplay-Kult gebildet. Besonders beliebt sind die weiblichen Einsatzkräfte, wie IQ, Valkyrie oder die grünhaarige Ela.

Es läuft also so richtig rund für die E-Sport-Aktivitäten von Ubisofts Taktik-Shooter. Damit das nun auch in dem aktuell beginnenden dritten Jahr und darüber hinaus so bleibt, immerhin setzen die Entwickler auf einen ambitionierten Zehn-Jahres-Plan, stehen bereits für die übernächste Season einige tiefgehende Regeländerungen bei den Major-Turnieren auf dem Plan. Ab dem 6. Juni 2018, dem Beginn von Season zwei, wird dann das Prinzip "Pick and Ban" eingeführt, bei dem jede Seite zwei Operatoren benennen kann, die für das Match dann nicht zur Verfügung stehen. Allerdings gilt die Abwahl nicht nur für das gegnerische Team, sondern fairerweise auch für das Eigene. Es reicht also nicht, einfach mal den Lieblings-Operator des gefährlichsten Gegenspielers zu bannen und sich so einen taktischen Vorteil zu besorgen. Es muss genau abgewogen werden, auf welche Angreifer und Verteidiger wirklich verzichtet werden kann, ohne sich selber zu schaden.

Es geht aber noch weiter mit den strategischen Finessen. Nach der Wahl der Operatoren wird das Roster nicht nur dem Publikum, sondern auch dem gegnerischen Team angezeigt. Damit sollte eigentlich jeder wissen, womit er es in den kommenden Runden zu tun bekommt beziehungsweise womit nicht. Aber nur eigentlich, denn als kleines Schmankerl, können die Teams nach dem Reveal noch einen geheimen Austausch vornehmen. Ein bisschen Überraschung, auf wen man so treffen wird, bleibt also schon noch.

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Ubisoft nutzte die Meisterschaft, um die Neuerungen des dritten Jahres vor einem großen Publikum anzukündigen. Dazu gehört auch die Überarbeitung der Maps, die nicht nur eine neue schicke Optik, sondern auch taktische Veränderungen erfahren.

Eine weitere Änderung betrifft den Wechsel der Angreifer-/Verteidiger-Runden. Bislang wurde in einem Spiel immer abwechselnd die Rolle des Angreifers und Verteidigers eingenommen. Dieses Verfahren ist in knapp vier Monaten, zumindest in den höherrangigen Turnieren, Geschichte. Die neuen Modalitäten sehen vor, dass ein Team fünfmal in Folge die eine Rolle übernimmt (also Angriff oder Verteidigung) und danach ebenso oft die andere. Wenn es denn soweit überhaupt kommt. Die Gründe für diese Veränderung benennt Remy: "Einerseits ist es für den Zuschauer ein viel emotionaleres Erlebnis, da er dem Matchverlauf seines Lieblingsteams einfach besser folgen kann. Andererseits können die Teams so deutlich einfacher in ihren Flow finden, wenn diese mehrfach hintereinander die taktischen Komponenten von Angriff oder Verteidigung beibehalten können."

Während des dreitätigen Live-E-Sport-Spektakels, bei dem die Spiele auf riesigen Bildschirmen auch in den Außenbereichen übertragen wurden, hat sich eine angenehm friedvolle Fanfest-Atmosphäre gezeigt. Amateure und Profis im regen Austausch, Fans konnten mehr als nur einen flüchtigen Blick auf ihre Idole erhaschen und es wurden durch die Bank spannende Matches ausgetragen, die an allen Tagen die Halle zum Kochen brachten. Anwesend war auch die, zumindest für mich, überraschend große Cosplay-Szene, die sich gerne für die Kameras in martialische Posen geworfen hat.

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Alexandre Remy, bei Ubisoft als Brand-Manager für alles in Sachen Rainbow Six: Siege zuständig, hat gut lachen: Das Spiel ist auf Erfolgskurs, im E-Sport-Bereich ebenso wie auf den digitalen Verkaufsplattformen.

Es finden sich besonders viele Frauen unter den Freizeit-Uniformträgern, die sich bevorzugt als Ash, Valkyrie oder im Outfit der polnischen Spezialistin Elżbieta "Ela" Bosak zeigen. Besonders beliebt bei den Männern: Blackbeard, Buck, Kapkan und Meme Nummer eins von Rainbow Six: Siege: Lord Tachanka. Apropos Tachanka: Laut dem Creative Director Xavier Marquis besteht eigentlich seitens der Entwickler kein Grund an den Fähigkeiten des russischen Verteidigers etwas zu ändern. "Er ist einfach Kult und ein wandelndes Handicap, viele Spieler nutzen gerade ihn, um zu beweisen wie gut sie sind. Und ganz ehrlich: How do you buff a God?", meint Xavier mit einem fetten Grinsen. Hat er auch wieder recht.

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Redakteur

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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