Selbstfindung: Final Fantasy XV brauchte einfach noch ein Jahr, um zu wissen, was es möchte. Und die PC-Version ist auch fast fertig.

Das macht die seit der Ankunft der ersten "Games of the Year"-Editionen geführten Debatte, wann man ein Spiel kaufen sollte, nicht einfacher. Aber ja, wenn Final Fantasy XV mit all den Inhalten und in der Form, die jetzt in der Royal Edition zu finden sind, erschienen wäre, hätte ich es damals schon als herausragende Errungenschaft in Sachen Final Fantasy und JRPG bezeichnet. So war es halt der noch nicht geschliffene, etwas chaotische, aber eben auch sehr spannende und unterhaltsame Spaß, der es war. Für mehr dazu, hier ist der ursprüngliche Test.

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Egal, was den Tag über passierte (hier: die eigene Welt bricht zusammen), es ist kein Grund nicht abends am Trailer zu chillen. (Final Fantasy XV: Royal Edition Test)

Mein einziges Problem an der Debatte aus Sicht der Publisher heutzutage ist, dass ich keine echte Not mehr habe, aus technischen Gründen wie auch aus zeitlicher Sicht schnell zuzuschlagen. Die Technik dreht sich nicht mehr so schnell. Im Gegenteil, das Spiel ist jetzt auf den neuen Pro- und X-Konsolen beeindruckender als es vor einem Jahr war, Patches in Sachen Framerate inklusive. Ich verpasse also nicht den "State of the Art"-Moment. Ich muss auch nicht mehr lange warten. Eine Fassung mit allen Extras ließ sich Jahren schon mal für Jahre nicht blicken. Ich konnte also schwer planen, wann ich denn das Spiel, das ich schon haben möchte, wirklich spielen kann. Heute? Ein Jahr. Maximum, meistens weniger. Da spielt dann rein, dass zum einen eine unglaubliche Menge an Spielen erscheint, dank der Indies weit mehr als früher, und dass ich dank teilweise absurder Sonderangebotswellen einfach so viel habe, was ich noch nie spielte. Warum also 60 oder 70 Euro für den Titel des Tages ausgeben - Must-Have-Anflüge, die jeder von Zeit zu Zeit hat, mal außen vor -, wenn ich bereits Geld für Spiele bezahlte, die ich noch nie installiert habe und wenn ich in neun bis zwölf Monaten weit mehr für das gleiche oder sogar weniger Geld bekomme.

Mit anderen Worten: Der ideale Zeitpunkt, Final Fantasy XV zu spielen, ist jetzt. Mit der Royal Edition. Oder in einem Jahr, wenn die noch die Hälfte kostet, aber die Technik immer noch nicht veraltet ist. Ihr seht, diese Debatte ist das berühmte Hasenloch, bei dem man nicht weiß, wie weit es führt. Deshalb jetzt zur Royal Edition und Final Fantasy XV. Wie alle seine großen Vorgänger seit Teil VII ist es ein Bruch mit dem, was zuvor kam. Ein komplettes Set an neuen Ideen, Welten, Figuren, Systemen. Das ist es, was die Serie so spannend hält und oft genug auch einen Teil der Fans vor den Kopf stößt. Manche verprellt ein Teil für immer, andere kehren zurück, manche finden erst mit dieser Iteration zu der Reihe. Am Ende und auch wenn ich sicher nicht mit jedem Teil von Final Fantasy konform gehe, ist das ein Aspekt, für die ich es immer schätzen und lieben werde.

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Das Spiel sieht nach einem Jahr noch einmal deutlich besser aus. (Final Fantasy XV: Royal Edition Test)

Auch Teil XV war sicher keine Liebe auf den ersten Blick. Auch nicht die Abneigung angesichts der vier Emo-Teenie-Helden, die mancher schon beim ersten Bild eines Gruppen-Posings empfunden haben mag, aber nein: Hinsetzen, Spielen und Lieben, das passierte anderen Spielen. Was euch geboten wird, ist aber eine Reise aller möglichen Arten. Die Offensichtlichste ist die der Charaktere, die praktisch als Teenager das erste Mal in die große Welt entlassen werden und sich dort beweisen müssen. Höhen und Tiefen inklusive, der Intro-Song "Stand by me" könnte die wichtigste und vielleicht sogar einzige Inspiration für das ganze Spiel gewesen sein. Vielleicht sagte jemand, dass dieser Film genau das sei, was er als JRPG umsetzen will, und erst ein paar Wochen später kam jemand anders dazu und erinnerte daran, dass Königreiche, Kriege und die offene Welt umspannendes Drama schon erwartet werden. Und so kamen über mehr als zehn Jahre immer neue Ideen dazu, wurden darin eingefasst, passten manchmal gut, manchmal weniger, aber dieser Grundgedanke "Stand by Me"s, eine Hommage an eine unbeschwerte, verklärte Jugend im Angesicht unvermeidliche kommender Lebensaufgaben und Probleme, scheint immer durch.

Die große Frage für euch ist, ob dieser Ansatz euch abholt. Ich habe selbst oft genug meine Probleme mit der Marketing-technisch bedingten, ewigen Über-Jungenhaftigkeit aktueller JRPGs. Hier jedoch schafft das Spiel eine sympathische, oft genug glaubwürdige - ich sage oft genug, nicht immer - Zeichnung der Entwicklung und Beziehungen der Figuren und ja, die "Vier Autofahrer der Apokalypse" wuchsen mir ans Herz. Sie überlebte sogar eine der sinnlosesten Streckungen der Spielgeschichte in Form des endlosen, furchtbaren letzten Dungeons, der euch fünf Stunden eures Lebens in grauen, leeren Gängen vergeuden lässt und nicht mal als "sinnvolles" Grinding durchgehen kann.

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Die hohe See bietet nicht so viele Geheimnisse wie man meinen sollte, aber trotzdem fühlt sich das Spiel ein Stück vollständiger mit dem Boot an. (Final Fantasy XV: Royal Edition Test)

Dieser Abschnitt bleibt auch in der Royal-Edition erhalten, leider. Aber so viel Gutes steckte schon immer im Spiel und es kam viel Gutes dazu, das Meiste davon bereits über das letzte Jahr in Form des hier enthaltenen Season-Passes. Nur wenig an der Royal Edition ist gänzlich neu - das Upgrade auf diese kostet dann übrigens etwa 15 Euro. Ihr habt die bekannten drei erstaunlich guten Zusatzkapitel, von denen sich jedes um jeweils einen eurer Begleiter dreht, seinen eigenen Charme und ein paar Ideen mitbringt und den Figuren auch etwas mehr Tiefe gibt. Der kleine Koop-Multiplayer ist deutlich netter als zuerst gedacht (oder gefürchtet), neue Missionen wurden über die große Karte verteilt, jede Menge Bonus-Waffen und Outfits werden mitgeliefert, Zeugs halt, das man nicht unbedingt braucht, aber gerne mitnimmt. Witzig, wenn auch für mich selbst nicht mehr als ein Gimmick für ein paar Minuten, ist die Ego-Perspektive. Spannender ist da schon der höhere Schwierigkeitsgrad, bei dem die Hauptquest nun deutlich fordernder wird, sicher nicht verkehrt. Es gibt für das Auto schon länger einen Off-Road-Modus, der deutlich bei der Erkundung der Welt hilft, und nun dürft ihr auch mit dem Boot fahren. Es gibt auf dem Wasser nicht so viel zu entdecken, wobei die eine Insel mir mystisch verbot, sich ihr zu nähern, wenn ich nicht den Segen der Götter hätte. Sieht so aus, als würde da was warten... Auch für Angel-Freunde ist das Boot reizvoll, um neue Fisch-Gründe abzugrasen, aber vor allem gibt es wieder ein besseres Bild von der Welt, wenn ihr endlich alleine von Galdin Quay nach Altissia fahren dürft. Kein relevantes Feature für sich, aber eines von einer ganzen Reihe im letzten Jahr dazugekommenen, die dafür sorgten, dass das Spiel endlich zu seiner idealen Form fand.

So, als Spiel ist Final Fantasy XV also gereift und gewachsen, aus einem interessanten "beinahe" wurde ein "angekommen" und so ist die Royal Edition auf den beiden Konsolen, vor allem Pro und X, mit das Beste, was ihr JRPG-mäßig für euch tun könnt. Nun zur PC-Version, die sich Windows-Edition nennt. Die gute Nachricht ist, dass sie läuft. Ordentlich. Ich habe sie auf zwei PCs getestet, einer das Gaming-Komplettpaket mit aktuellem i7, 16 GB, zwei schnellen SSD-Platten und einer 1070er-Nvidia-Karte mit 8 GB RAM. Das reicht nicht, um alles anzuschalten, 4K zu fahren und dabei 60 Frames zu bekommen. Keine Ahnung, wie viel mehr an Technik man für Hairworks, Occlusion, diverse andere Effekte und die Auflösung braucht, aber ich werde es wohl erst mal auch nicht rausfinden. Was dagegen geht, sind so ziemlich alle hohen Einstellungen abzüglich dieser Nvidia-Extrem-Tricks, WQHD und meist stabile 60 Frames. Und gute Güte, sieht das immer noch absolut fantastisch aus.

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Bei diesem Detailgrad und einzeln animierten Barthaaren muss mein alter PC passen. Ganze 9 Frames konnte ich ihm damit noch abringen. (Final Fantasy XV: Royal Edition Test)

Spannender war aber der Versuch, wie gut Final Fantasy XV auf meinem eigenen, vernachlässigten Heimsystem läuft. 970er-Karte mit 4 GB, SSD plus langsamere reguläre Platte für das Spiel, 16 GB, aber eher von der mittelmäßigen Sorte, drei Jahre alter i5 ohne Tricks. Auf dieser Fußgänger-Version eines Gaming-Rechners sieht die Welt ganz anders aus. Wortwörtlich, denn auch wenn ich die hohe Detaileinstellung nehmen kann, ist WQHD dann vorbei und ich sollte bei 1080p bleiben, um mit 30 bis 40 Frames in die Weite der Landschaft gucken zu können. Leider geht die Zahl auch gern und immer wieder mal bis auf 22 oder 23 Frames runter, sodass auch der 30-Frames-Lock nicht das wirklich flüssige Spielerlebnis bietet. Auf Mittel läuft es dann zwischen 45 und 60 Frames, der 30-Frames-Lock wird stabil gehalten und das dann mit WQHD. Auf 1080p sind die stabilen 60 machbar. Die Flaschenhälse, soweit eine schnelle Analyse das zeigte, sind der Speicher der Grafikkarte, denn die 4 GB laufen fast immer am Limit, und das Tempo der Festplatte. Eine neue Installation auf eine zweite, sehr viel schnellere Platte, brachte eine Menge, um die Einbrüche der Framerate in den Griff zu bekommen. Wer es übrigens auf die Spitze treiben möchte: Der normale Download hat schon fast 90 GB auf dem PC, aber der enthält noch nicht die 4K-Hi-Res-Texturen. Das sind dann noch mal fast 65 GB extra.

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Die Windows-Edition muss sich das Gold noch erarbeiten, aber so schwer sollte das nicht sein.

Das sind sehr ordentliche Anforderungen für ein Rollenspiel, aber vom Detailgrad der teilweise aberwitzig aufwändigen Texturen bis zum Weitblick in eine kreativ gestaltete, sich oft gefühlt endlos streckende Welt wird visuell eine Menge geboten. Es ist eines der aktuell schönsten wie auch technisch aufwändigsten Spiele und insoweit ist etwas mehr an Anforderungen gerechtfertigt. Trotzdem, etwas mehr Optimierung darf gerne noch in Patch-Form folgen. Was die Bugs angeht: Auf beiden Systemen lief das Spiel etwa zehn Stunden in Spiel hinein ohne einen Absturz, was schon mal nicht schlecht ist. Ohne Bugs dagegen ging es nicht. So verschwanden zum Beispiel alle Texte aus den Menüs für die Ausrüstung und kamen für eine Weile auch nicht wieder, nur um dann doch wieder da zu sein. Wenn man das Spiel noch keine 150 Stunden gespielt hat, ist das durchaus ein Problem. Dann wieder verschwand, bis jetzt final, die Ausdauer-Anzeige beim Rennen. Das ist aber okay: Die Ausdauer geht jetzt auch nie zu Ende... Weitere Nervigkeiten hier und da machen deutlich, dass das noch nicht die finale Version ist und ihr, wenn ihr unter mittlerer bis schwerer Bug-Allergie leidet, vielleicht noch ein klein wenig warten solltet.

Daher gibt es für die PC-Version auch ein eigenes, kleines Abzeichen: Silber. Es ist ein nicht weniger fantastisches Spiel, das aber noch ein wenig auf den Stand der Konsolenversionen geschliffen werden muss. Angesichts der nachhaltigen Liebe, die Square Enix dem Produkt seit einem Jahr angedeihen lässt, ist dieser Zeitpunkt hoffentlich nicht weit weg.

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Aber auch auf Mittel lässt es sich ganz gut mit leben und in Schönheit eines der ungewöhnlichsten und reizvollsten Spiele der letzten Jahre erkunden. (Final Fantasy XV: Royal Edition Test)

Was darf es sein: Royal Edition für PS4 und One? (Amazon.de)

Oder doch die Final Fantasy XV: Windows Edition? (Amazon.de)

Ist jetzt also der beste Zeitpunkt, endlich dieses Kuriosum von einem Spiel anzugehen, in dem alles ein wenig neben der Spur läuft, das aber mit bewundernswertem Elan und Mut? Sicher, zumindest auf Konsole. Auf dem PC praktisch auch, oder ihr wartet hier noch ein, zwei Patches ab, eure Entscheidung. Oder aber ihr wartet noch ein Jahr, denn es sind bis 2019 vier weitere DLCs angekündigt. Wie es aussieht, wird uns Final Fantasy XV noch ein wenig erhalten bleiben und ich für meinen Teil habe damit nicht das geringste Problem. Es ist ein Spiel, das weit über die üblichen paar Patches hinaus weiter gewachsen ist, Features dazugewann, seine Story in die Tiefe ausbaute und die Welt mehr und mehr für sich wie für euch erschloss. Es fühlte sich immer wie ein Spiel an, das sich erst noch ganz sicher sein muss, was es will, bevor es zu wahrer Form auflaufen konnte. Dieser Prozess fühlt sich jetzt abgeschlossen an.

Es hat den etwas verschrobenen Charme der Exhumierung aus der Developer-Hell nach einem panisch verschobenen Launch abgeworfen, sich ein Jahr geschüttelt und kann nun als das echte Final Fantasy stehen, das es sein sollte. Das es wie jedes andere Final Fantasy schafft, einen Teil der Fans die Zornesröte ins Gesicht zu treiben, einen anderen Teil überglücklich jauchen zu lassen, einige neue Spieler gewann und einige alte zurückließ. Das ist der Grund, warum die Serie heute noch relevant ist. Warum wir sie lieben, es manchmal lieben sie zu hassen und ihr doch immer folgen werden, um zu sehen, wie sich dieses in sich selbst so herrlich zerrissene Epos namens Final Fantasy weiterentwickelt. Final Fantasy XV: Royal Edition hat jetzt die Qualität und das Selbstbewusstsein, als eines der ungewöhnlicheren Spiele unserer Zeit diese Tradition angemessen fortzuführen und irgendwann das Zepter weiterzureichen. 2022, direkt nach Final Fantasy XV: Royal Turbo Championship Edition.

Entwickler/Publisher: Square Enix - Erscheint für:PC, PS4, Xbox One - Preis: Royal Edition als DLC: 14,99 Euro, Royal Edition PS4, Xbox One ca. 60 Euro, Windows Edition ca. 50 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC, Xbox One X - Sprache: deutsch, englisch, japanisch und andere - Mikrotransaktionen: Nein (aber jede Menge sehr optionaler DLCs)

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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