Monotoner VR-Shooter mit gut funktionierender Steuerung, aber tumber KI, graubrauner Grafik und rudimentärer Klischee-Geschichte.

Da sitzt ihr grade noch entspannt mit der Präsidentin eines unbekannten osteuropäischen Staates im Auto und sie zeigt euch auf ihrem Smartphone die Fotos ihrer Kinder - und schon im nächsten Moment ist die Präsidentin tot und eine Horde post-sowjetischer Putschisten will euch in sonst menschenleeren Häuserschluchten an den Kragen. Klingt wie die Geschichte eines bislang unveröffentlichten Jean-Claude-van-Damme-Films. Und so spielt es sich auch. Mit Bravo Team verlassen die Entwickler von Supermassive Games die gewohnten Gefilde ihrer Until-Dawn-Marke und widmen sich einer virtuellen Schießbude, die sich zwar dank Aim-Controller ganz hervorragend steuert, spielerisch aber leider nur wenig mehr zu bieten hat als Moorhuhn.

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Wie viel Munition ihr noch zur Verfügung habt, habt ihr bei Bravo Team immer recht gut im Blick. (Bravo Team - Test)

Vorweg sei gesagt, dass der Aim-Controller für den Titel nicht verpflichtend ist, das Spiel lässt sich durchaus auch mit dem Dualshock 4 oder den Move-Controllern steuern. Am immersivsten fühlt sich Bravo Team dennoch mit dem im Rahmen des Alien-Shooters Farpoint eingeführten Plastikgewehr an. Grundsätzlich bewegt ihr euch im Spiel zu zweit durch die Straßen von ... ja wovon eigentlich? Einen Namen hat diese Stadt nicht, sie wirkt irgendwie wie eine Mischung aus Nahost- und russischer Metropole. Um die Immersion im Rahmen dieses Artikels aufrecht zu erhalten, werde ich sie fortan Bravotsk nennen. In Bravotsk ist jedenfalls der Teufel los, all die vermummten Pseudo-Russen haben nichts anderes im Sinn als euch zu erschießen. Und eben deshalb ist es gut, dass ihr zu zweit seid. Die Rolle des Kollegen kann wahlweise ein Spieler im Online-Koop oder die KI einnehmen. Letztere agiert relativ selbstständig, ihr könnt ihr zwar kleinere Befehle geben, das ist aber eigentlich gar nicht nötig.

Die Städtebauer und Bürger von Bravotsk haben es offenbar gut mit dem Bravo Team gemeint, denn die ganze Stadt ist voller hüfthoher Deckungsmöglichkeiten: Autos, Tonnen, Sandsäcke. Im Spielverlauft macht ihr im Grunde nichts anderes als per Knopfdruck von Deckung zu Deckung zu hechten und anschließend wieder genauso viele Gegner wegzublasen bis ihr zur nächsten Deckung vorrücken könnt. Selbst laufen müsst ihr nicht. Ihr deutet mit dem Gewehr lediglich in Richtung der gewünschten Position - dann schaltet das Spiel in die Third-Person-Perspektive und ihr seht euch selbst zu besagter Deckung laufen. Das vermeidet erfolgreich Übelkeit. Unterwegs seid ihr unbesiegbar, weshalb ihr euch eigentlich am besten immer nur die Deckung aussuchen müsst, die gerade von den wenigsten Feinden gut unter Feuer genommen werden kann.

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In Bravo Team seid ihr grundsätzlich zu zweit unterwegs. (Bravo Team - Test)

In eurem Arsenal nehmt ihr im Laufe des Spiels vier verschiedene Waffen auf. Das Zielen über Kimme und Korn funktioniert mit dem Aim-Controller gut, fühlt sich mit den Move-Controllern ein wenig unnatürlich an und sorgt mit dem Dualshock 4 für Krämpfe im Handgelenk. Daher noch einmal der gut gemeinte Ratschlag: Wenn ihr Bravo Team spielen wollt, holt euch einen Aim-Controller. Den Waffen selbst mangelt es im Spiel leider an Wucht. Es fühlt sich einfach nicht kraftvoll an, mit ihnen zu schießen, die Soundeffekte haben kaum Bass und auch wenn ihr einen Gegner trefft, fällt der nur wortlos in sich zusammen. Das mag zwar unter Umständen ein realistischer Tod durch Erschießen sein, fühlt sich im Rahmen eines Shooters aber unbefriedigend an. Es mangelt einfach an Treffer-Feedback.

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Fässer und hüfthohe Mauern: typische Deckungsgelegenheiten in Bravo Team. (Bravo Team - Test)

Auch was die Gegner angeht, gibt es im Verlauf des Spiels nur wenig Abwechslung. Die allesamt gleich uniformierten Gegner nehmen euch zwar hier und da ganz schön ins Kreuzfeuer und zwingen euch manchmal auch dazu, euch ein bisschen zurückfallen zu lassen. Einzeln betrachtet sind sie aber nicht viel besser wie die Maulwürfe in einem Whac-A-Mole-Spiel. Sie verkriechen sich hinter ihrer Deckung und strecken in regelmäßigen Abständen den Kopf nach oben. Knallt ihr sie ab, kommt allzu oft einer ihrer Teamkollegen nach. Von einer rein technischen Warte aus betrachtet sieht das Spiel für PSVR-Verhältnisse gar nicht schlecht aus. Hin und wieder fallen sogar Schmierereien an den Wänden auf, die mehr sind als bloße Farbkleckse. Nur: Bravo Team hätte viel mehr von diesen Klecksen gebrauchen können, denn Bravotsk ist insgesamt eine graubraune Einöde aus der jegliches Leben gewichen ist. Außer euch und dem Feind bewegt sich kaum etwas - wenn doch mal ein Hubschrauber vorbeifliegt oder gar abstürzt, ist das ein echtes Highlight. Kaum zu glauben, aber diesem Shooter hätten ein paar mehr Explosionen wirklich gutgetan. Allzu gern hätte ich sie selbst ausgelöst, aber Granaten gibt es im Spiel nicht. Da wird man als Spieler glatt melancholisch: Manchmal merkt man erst, wie sehr man etwas liebt, wenn es plötzlich nicht mehr da ist ...

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Die Gegner hinten im Bild werden euch relativ zuverlässig vor die Flinte laufen. (Bravo Team - Test)

Besagte Explosionen hätten vielleicht auch ein paar der schmerzlich vermissten Licht- und Schatteneffekte ins Spiel gebracht. Die hätten das Spiel sogar im Hinblick auf sein Gameplay vertragen, denn rein theoretisch könnt ihr Gegner auch per Stealth-Move um die Ecke bringen. Das macht zwar hier und da mal Spaß, ist aber im Grunde unnötig, weil ihr dadurch keinerlei Vorteile habt. Sind die Gegner einmal alarmiert, ist das auch gar kein großes Drama, denn ein einzelner Spielabschnitt dauert ohnehin nur fünf bis zehn Minuten. Danach lädt das Spiel neu und die Gegner-Aufmerksamkeit wird wieder zurückgesetzt. Nach etwa drei Stunden habt ihr das Spiel dann auch schon hinter euch und fragt euch womöglich, was ihr da eigentlich gerade gemacht habt, denn die Befreiung von Bravotsk fühlt sich nicht wirklich befriedigend an.

Der große Wurf im VR-Bereich ist Supermassive Games auch mit Bravo Team leider nicht gelungen. Die grundlegende Steuerung funktioniert zwar gut, insbesondere mit dem Aim-Controller. Dem Gunplay fehlt es aber an Wucht, dem gesamten Spiel mangelt es an Abwechslung. Eine Geschichte ist quasi nicht vorhanden und dort wo sie durchscheint geht es um nicht viel mehr als darum, böse Typen, die russisch reden, über den Haufen zu schießen. Die Spielwelt ist linear aufgebaut, wie eine Reise durch die graubraune Trostlosigkeit einer verlassenen Metropole, aus der ihr nur herauswollt. Das könnte man auch atmosphärisch machen - bei Bravo Team fühlt es sich dafür aber leider viel zu steril an. Ich werde wohl nie nach Bravotsk zurückkehren.

Entwickler/Publisher: Supermassive Games/Sony - Erscheint für:PSVR - Preis: 39,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PSVR - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Bravo Team Markus Grundmann Monotoner VR-Shooter mit gut funktionierender Steuerung, aber tumber KI, graubrauner Grafik und rudimentärer Klischee-Geschichte. 2018-03-09T08:48:00+01:00 3 5

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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