Ihr kennt das: Ihr steht an der Supermarktkasse und vor euch diskutiert jemand endlos mit dem Kassierer. Er habe da ein Angebot im Katalog gesehen und das wolle er jetzt haben. Ist nicht vorrätig? Ist ihm egal, denn er glaubt seine Rechte zu kennen und verlangt den Filialleiter. Ihr habt in solchen Momenten den Eindruck, dass euch da jemand wertvolle Lebenszeit stiehlt? Ist vielleicht auch so, denn das Leben ist einfach viel zu kurz. Noch viel kürzer ist es in Minit.

Nachdem der namenlose Held ein verfluchtes Schwert am Strand gefunden hat, dauert es aber nur noch 60 Sekunden. Und diese 60 Sekunden müsst ihr nun nutzen. Wozu genau, das wisst ihr nicht so richtig, aber in dieser Welt gibt es einiges zu tun. Da ist beispielsweise der Typ, der sich über die Monster am Strand beschwert, der Kerl in der Wüste, der mal Bootsbauer war und es gern wieder wäre und der Hotelbesitzer, dessen Gäste auf unerfindliche Weise verschwunden sind. All diesen Leuten müsst ihr helfen. Wenn auch nicht in einem Leben.

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Euer Zuhause: Hier startet zu Beginn jedes neue Leben in Minit. (Minit - Test)

Ebendas wäre auch gar nicht möglich. Dennoch müsst ihr euch anstrengen, die 60 Sekunden, die euch zum Leben bleiben sinnvoll einzusetzen. Denn ihr habt die Chance, die Spielwelt dauerhaft zu verändern. Besiegt ihr beispielsweise die Monster am Strand, bekommt ihr eine Tasse Kaffee, die euch die Fähigkeit gibt, künftig auch Kisten zu verschieben. Und diese Fähigkeit bleibt auch erhalten, wenn ihr das nächste Mal aufwacht. Denn: So oft der Held stirbt, so oft wird er auch automatisch wiederbelebt und zwar im nächstgelegenen Domizil.

Im Verlauf des Spiels könnt ihr davon mehrere finden - eine Ferienhütte auf einer einsamen Insel beispielsweise oder einen heruntergekommenen Wohnwagen. Betretet ihr ein solches Domizil, ist es automatisch der nächste Punkt an dem ihr nach eurem Ableben wiederbelebt werdet. Als Werkzeug findet ihr im Laufe des Spiels neben dem Schwert noch eine Gießkanne und ein paar weitere unbedeutende Items, aber alles in allem ist Minit enorm minimalistisch. Nicht nur, was die durchgehende Schwarz-Weiß-Grafik des Spiels angeht, es ließe sich tatsächlich auch ohne Probleme mit einem klassischen Atari-Joystick steuern. Vier Richtungen, ein Aktionsknopf - mehr braucht ihr nicht.

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In unterirdischen Fabrikanlagen wie dieser müsst ihr das ein oder andere Rätsel lösen. (Minit - Test)

Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist Minit enorm packend. Das liegt einerseits an den verschrobenen Figuren, die ihr in der Spielwelt trefft und für die ihr immer seltsamere Aufgaben erfüllt werden müsst. Das liegt aber andererseits auch an der Befriedigung, die ihr immer dann habt, wenn ihr wieder eine neue Abkürzung in der Spielwelt findet, die euch die nötige Zeit verschafft, eine Aufgabe zu erfüllen, für die 60 Sekunden zuvor einfach zu wenig waren.

Zusätzlich finden sich hier und da auch versteckte Gegenstände: Münzen und Herzen im Wesentlichen. Während letztere ganz klassisch eure Lebensenergie erweitern, könnt ihr euch von ersteren Schuhe kaufen, mit denen ihr schneller laufen könnt. Was natürlich wieder Zeit spart. Überhaupt ist es ziemlich interessant, wie das Spiel mit der Zeit als wichtigster Ressource umgeht. Vor dem Leuchtturm ganz im Westen der Spielwelt trefft ihr einen alten Mann, der euch davon erzählt, wie sehr er das Meer liebt. Aber wie das bei älteren Herrschaften so ist, er redet recht langsam. Wenn ihr 20 Sekunden braucht um zu ihm zu kommen und ihm dann weitere 30 Sekunden zuhören müsst während sich die Buchstaben quälend langsam auf dem Bildschirm aufbauen, habt ihr nach Adam Riese nur noch 10 Sekunden zu leben.

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Der alte Herr mit dem trotz Pixelgrafik erkennbaren Buckel redet ziemlich langsam - und kostet euch wertvolle Lebenszeit. (Minit - Test)

Wenn so eine Figur dann nichts wirklich Nützliches gesagt hat, ist das zwar einerseits ärgerlich. Andererseits verliert ihr aber bei Fehlversuchen auch nie mehr als 60 Sekunden eures tatsächlichen Lebens. Und ja, es kann hier und da ein wenig nervig sein, die gleiche Stelle immer wieder aufzusuchen und etwas auszuprobieren, was dann nicht klappt - gerade bei der eingangs erwähnten Suche nach den verschwundenen Hotelgästen. Aber Minit spielt sich angenehm schnell und weil ihr häufig ganz beiläufig etwas Neues entdeckt, motiviert euch das Spiel nach jedem Durchgang zu einem weiteren.

Es fühlt sich fast ein wenig an wie der aus Strategiespielen wie Civilization bekannte Nur-noch-eine-Runde-Effekt. Minit ist in so angenehm kleinen Häppchen konsumierbar, dass es schwer ist, auf ein weiteres Häppchen zu verzichten. Schließlich habt ihr gerade einen neuen Gegenstand gefunden oder ihr hattet schlichtweg die zündende Idee, wie ihr das nächste Rätsel lösen könntet. Minit ist die Chipstüte unter den Zelda-likes. Es ist unglaublich schwer, damit aufzuhören. Schade übrigens, dass das Spiel bislang nicht für die Switch erschienen ist. Gerade aufgrund seiner einminütigen Häppchen wäre es dafür wie gemacht.

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Ein Wohnwagen in der Wüste dient euch als behelfsmäßiges Zuhause. (Minit - Test)

Wie eine Chipstüte aber relativ schnell leer ist, ist auch Minit ziemlich schnell zu Ende. Ich habe etwa 120 Leben gebraucht, um das Ende zu erreichen, die Spielzeit könnt ihr euch ausrechnen. Nach dem ersten Durchgang wird ein härterer Schwierigkeitsgrad freigeschaltet, bei dem ihr dann nur noch 40 Sekunden Zeit pro Leben hat. Viel spannender als das fand ich es aber die Spielwelt noch ein bisschen zu erkunden. Bei einigen Gegenständen, namentlich den Schwimmflossen, hatte ich das Gefühl, dass es noch viele Stellen gibt, an denen ich sie verwenden könnte, um Neues zu entdecken. Und dieses Gefühl hatte ich zu Recht. Trotzdem ist die Spielwelt in Minit nicht übermäßig groß und spätestens nach drei oder vier Stunden werdet ihr alles gesehen haben, was es zu sehen gibt.

Trotz seiner kurzen Spielzeit ist Minit ein tolles Erlebnis. Weil die Spielwelt trotz ihrer Detailarmut liebevoll gestaltet wirkt, ihre Figuren so wunderbar seltsam daherkommen. Und weil das Spiel zu Experimenten einlädt, was in einer Minute Spielzeit zu schaffen ist. Mehr als einmal bin ich einfach ziellos durch die Spielwelt gelaufen, nur um zu sehen, wie weit ich in einer Minute kommen kann. Das Spiel gab mir das Gefühl, dass sich 60 Sekunden weit effektiver nutzen lassen als ich es vermutet hätte - auch wenn die Spielzeit insgesamt noch ein kleines bisschen länger hätte sein können. Trotzdem ist Minit eine Empfehlung, ganz besonders für alle, die klassische 2D-Zeldas mögen und nichts gegen reduzierte Grafik haben. Und vielleicht auch für alle, die ihren Entdeckernerv mal wieder ein bisschen in schnellerer Taktung kitzeln wollen.

Entwickler/Publisher: Vlambeer/Devolver Digital - Erscheint für:PC, PS4, Xbox One - Preis: 9,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Xbox One - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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