News: Fake News sind erledigt! - Was natürlich eine Fake News ist. Noch.

Wie junge EntwicklerInnen den Kampf gegen das größte Nachrichtenproblem unserer Zeit aufnahmen

Anfang April versammelte sich eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft im großen Hörsaal der Games Academy Berlin, um eine Kriegserklärung auszusprechen. Ihr Gegner: Fake News. Ihre Waffen: Codezeilen, selbstgeschriebene Regelheftchen und eine Menge Kreativität.

Auf den ersten Blick scheint es ein ungleicher Kampf zu sein: Auf der einen Seite die Plage der Fake News, die soziale Netzwerke polarisiert, Debatten vergiftet und das Vertrauen in den Journalismus aushöhlt. Auf der anderen Seite das junge Medium der digitalen Spiele, das zwar mittlerweile offiziell Kulturgut-Status in Deutschland erreicht hat, aber noch immer ungern auch nur in die Nähe politischer Diskussionen gerückt wird.

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Die Teilnehmer des 'Fake News'-Game Jams und die Organisatoren des Events, Johannes Kristmann von Maschinen-Mensch und Carolin Wendt von der Stiftung Digitale Spielekultur (Bild: Stiftung Digitale Spielekultur)

Und doch habe ausgerechnet dieses Medium einzigartige Möglichkeiten, den Kampf gegen Fake News anzutreten und womöglich auch zu gewinnen, wie Johannes Kristmann, Teil des Indie-Studios Maschinen-Mensch und Mit-Organisator des Game Jams im Interview mit Eurogamer erklärt: "Der gesamte Themenkomplex rund um Fake News ist unglaublich kompliziert und schwer zu greifen, weil so viele Aspekte dazu gehören: Von den Inhalten über die Formen bis hin zu den Absichten, warum diese Meldungen überhaupt verbreitet werden. Videospiele erlauben uns, andere, vielleicht sogar befremdliche Perspektiven einzunehmen und geleitet von einem Regelwerk auch komplizierte Prozesse zu begreifen."

Die rund zwanzig Entwicklerinnen und Entwickler nahmen die Herausforderung nur zu gerne an, im Laufe eines Wochenendes Spiele zu entwickeln, die über die bloße Frage "Was sind Fake News?" hinausgingen. Und die Ergebnisse sind so unterschiedlich, wie es sich die Veranstalter erhofft haben.

So versetzt uns beispielsweise "Fux News" in die Rolle eines Redakteurs, der den Wahrheitsgehalt seiner Berichterstattung immer auch gegen die Überlegung abwägen muss, was sich auf Social Media gut klicken wird. Bleiben die Überschriften zu trocken und geraten die Aufmacherbilder nicht spektakulär genug, meldet sich der wütende Chefredakteur bei uns. Und auch, wenn wir bei eiligen Breaking News zu lange unsere Formulierungen abwägen, verlieren wir weitere wertvolle Klicks.

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So sieht in Fux News eine Meldung aus, die besonders gut in den sozialen Netzwerken geteilt werden kann. Wir haben alles richtig gemacht - allerdings nicht aus journalistischer Sicht. (Bild: Paintbucket Games)

Der leichtherzige Comic-Look setzt dem Spielerlebnis eine ironisch schief sitzende Krone auf, aber die Wirkkraft des Perspektivenwechsels wird davon nicht getrübt: Schon nach wenigen Meldungen, die wir in "Fux News" durch den Äther schicken, wird uns klar, wie viele Faktoren reißerische Überschriften, ungenaue Artikel und inszenierte Fotografien begünstigen können. Wir sind dem Phänomen Fake News einen Schritt nähergekommen.

Kein Spiel der acht Projekte, die im Laufe des Game Jams fertig gestellt wurden und mittlerweile allesamt online verfügbar sind, gleicht dem nächsten - weder thematisch noch in seiner Präsentation: Während uns "Fux News" noch ganz klassisch vor dem PC in den Alltag eines gestressten Redakteurs schlüpfen lässt, macht uns beispielsweise "Abteilung F" zum überforderten Faktenchecker. Und diese Überforderung ist nicht nur eine Floskel, sondern tatsächlich greifbar: Dutzende ausgedruckte Dokumente, Infotafeln, Merkzettel und Broschüren liegen auf einem viel zu kleinen Schreibtisch verstreut, der als Requisite Teil des Spiels ist.

Auf dem Computerbildschirm ploppen nun nacheinander kurze Nachrichtenmeldungen auf, die wir nun auf ihre Echtheit und Wahrheitsgehalt prüfen müssen. Also recherchieren wir in den zahlreichen Dokumenten, ob die Meldung wirklich aus dem angegeben Landkreis stammen kann, ob zitierte Interviews wirklich geführt und genannte Ereignisse wirklich stattgefunden haben. Es dauert nicht lange, bis wir vor dem PC ins Schwitzen kommen und bald am eigenen Leib merken, wie schwierig gründliches Fact Checking eigentlich sein kann.

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'Fux News' macht den Spieler zum Redakteur mit Erfolgsdruck, der die Balance zwischen journalistischer Ethik und möglichst vielen Artikel-Klicks wahren muss. (Bild: Stiftung Digitale Spielekultur)

Eines haben die acht Spiele des Fake News Game Jams trotz ihrer Verschiedenheit allerdings dann doch gemeinsam: Der reine Spielspaß nimmt nur eine untergeordnete Rolle ein. Gerade "Abteilung F" wird schnell zur anstrengenden Arbeit, die im ersten Moment nur wenig mit klassischer Unterhaltung zu tun hat.

Während hier die klassische Spielpresse in einem Test möglicherweise mahnend den Finger heben würde, haben die Teilnehmer des Game Jams in den Augen von Johannes Kristmann alles richtig gemacht: "Wir haben akzeptiert, dass Spiele Kunst sind, diese Diskussion ist durch. Aber der Folgeschluss davon ist eben auch, dass Spiele unbequem sein dürfen, teilweise vielleicht sogar müssen. Deswegen soll dieses klassische Spielspaßelement, das bei vielen Preisen und Reviews eine tragende Rolle spielt, gerade bei solchen Veranstaltungen wie unserem Game Jam nicht im Vordergrund stehen."

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Newsburied ist ein weiteres Spiel, das aus dem Game Jam hervorgegangen ist und sich um die News-Flut dreht, der wir heutzutage ausgesetzt sind: Wir steuern eine Spielfigur durch ein Meer aus Tagesmeldungen und Social-Media-Nichtigkeiten - je mehr Zeit wir aber benötigen, um den rettenden oberen Bildschirmrand zu erreichen, desto lauter wird die unerträgliche Kakophonie dutzender Stimmen, die die Meldungen vorlesen. (Bild: Team DigiLog)

Kristmann, der bereits in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut im Rahmen einer kleinen Weltreise an vielen Orten politische Game James organisiert hat, spricht hier aus Erfahrung: Immer wieder habe er Entwickler kennengelernt, die an einem interessanten, einzigartigen Spiel arbeiten, aber gleichzeitig voller Selbstzweifel sind, weil ihre Idee nicht im klassischen Sinne Spaß macht. Diese Zweifel sabotiere immer wieder vielversprechende Projekte und genau aus diesem Grund mahnte Kristmann zu Beginn des Game Jams in Berlin augenzwinkernd die Teilnehmer, sich nicht "der Tyrannei des Spielspaßes" zu unterwerfen:

"Es herrscht manchmal der Glauben vor, dass Spielspaß ein Spiel immer besser machen würde. Ich verstehe diese Vorstellung vollkommen und will auf keinen Fall verlangen, dass jetzt bitte keine Spiele mehr gemacht werden sollen, die Spaß machen." Und Spaß hatten die Teilnehmer trotz des ernsten Themas in der Tat reichlich: Schnitzelberge und alkoholfreie Cocktails flankierten die Arbeitstische der enthusiastischen Entwickler, die während dieses Game James gemeinsam den Beweis erbringen konnten, dass Videospiele tatsächlich eine wirkungsvolle Waffe gegen Fake News sein können.

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Dominik Schott

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