Enorm unterhaltsames Pappspielzeug mit viel Abwechslung und Möglichkeiten für Kreative. Die vergleichsweise geringe Spieltiefe stört nicht.

Wenn Nintendo mit Labo etwas beweist, dann ganz sicher, dass das als konservativ geltende Unternehmen immer für eine Überraschung gut ist. Während die Spielerwelt darüber rätselt, wie das nächste Metroid Prime aussehen könnte, macht Nintendo ... Spielzeug aus Pappe. Und das funktioniert auch deshalb so gut, weil es die zu Beginn der Switch-Lebenszeit hochgepriesenen Fähigkeiten der Joy-Cons auf einem Level ausnutzt, das wirklich erstaunlich ist. Mit Nintendo Labo kreiert ihr ferngesteuerte Spinnenroboter, eine Angel, ein funktionsfähiges Klavier, ein Motorrad und einen ziemlich großen Rucksack für einen virtuellen Kampfroboter, der sich in ein Flugzeug verwandeln kann. Und in einen Panzer. Irgendwie denkt ihr bis zum letzten umgeknickten Stück Pappe, dass das alles niemals funktionieren kann. Und dann klappt es doch. Und ihr habt es gebaut. Ihr selbst.

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Meine erste Roboterspinne: Ich könnte nicht stolzer sein. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Wenn ihr eines der beiden aktuell verfügbaren Labo-Sets öffnet, erwartet euch einerseits ein Switch-Modul, andererseits ein riesiger Berg Pappe, aufgeteilt auf verschiedene Bögen. Die sehen am Rand relativ scharf aus und ich bin davon ausgegangen aus meinem ersten Kontakt mit Labo mit einem Sammelsurium verschiedener Schnittverletzungen herauszugehen, aber das ist letztlich kein einziges Mal passiert. Nintendo hat sich Mühe gegeben und das merkt man Labo an. Das Produkt ist ausgefeilter und all seine Pappteile greifen besser ineinander als man das von einem Material wie Pappe überhaupt vermuten würde. Ihr legt also das Modul ein, startet es und werdet sofort von gut gelaunten virtuellen Figuren begrüßt, die euch fortan erklären werden, wie Labo funktioniert. Die Bauanleitungen erscheinen auf dem Switch-Bildschirm, den ihr zu diesem Zweck am besten im Handheld-Modus vor euch auf dem Tisch platziert. Dann knickt ihr ein bisschen herum, steckt ein Stück Pappe in das andere und plötzlich habt ihr das, was Nintendo ein Toy-Con-RC-Auto nennt. Mit einem Auto hat das allerdings wenig zu tun, es sieht eher aus wie eine Roboter-Spinne.

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Ja, es funktioniert! Ihr könnt hier virtuelle Fische angeln. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Eine Roboter-Spinne aber, die euch das erste Aha-Erlebnis mit Nintendo Labo bescheren dürfte. Mit dem Touch-Display lenkt ihr das Konstrukt über euren Bildschirm. Das funktioniert, weil die Joy-Cons vibrieren und mit ihnen die Spinnenbeinchen, die ihr unter ihnen angebracht habt. Um diese Funktionsweise herauszufinden, müsst ihr nun wahrlich kein Genie sein, Nintendo macht aber auch selbst gar kein Geheimnis daraus. In einem speziellen Bereich der Labo-Software könnt ihr euch ausführlich erklären lassen, wie genau jedes Modell funktioniert. Nintendo ist diesbezüglich teilweise sogar schon weiter als LEGO mit seinen Technik-Modellen. In denen könnt ihr zwar theoretisch anhand der Konstruktionsschritte auch irgendwie nachvollziehen, warum sie am Ende funktionieren. Letzten Endes verliert ihr aber beim Bauen typischerweise den Anschluss und setzt nur noch Zahnrad an Zahnrad, um dann am Ende ein Faszinosum von einem Modell vor euch zu haben, dessen Innereien ihr erst mal nicht begreift. Nintendo will aber, dass ihr wisst, was ihr tut.

Und das gilt nicht nur für das verhältnismäßig einfache Toy-Con-RC-Auto. Seid ihr damit erst mal fertig, könnt ihr die Toy-Con-Angel bauen, wo ihr dann mit einer real existierenden Schnur auf einmal Fische aus dem Switch-Bildschirm ziehen könnt. Dabei stellt ihr fest, dass die Papp-Konstruktionen von Nintendo überraschend stabil sind, denn eure Angel hat eine bestens funktionierende Kurbel. Ich neige dazu, im Eifer des Gefechts meine Controller durchaus mal ein wenig fester anzufassen und bisher ist keinem meiner Labo-Konstruktionen etwas passiert. Der Angel nicht, aber auch nicht dem Haus, in das ich an diversen Stellen Blöcke einfügen kann, um mit den Bewohnern zu interagieren. Es ist wie eine moderne Papp-Version der Little Computer People vom C64 und es ist auf ebenso seltsame Art faszinierend. Das Motorrad ist dagegen ziemlich genau das, was ihr glaubt: Ihr steuert und lenkt mit dem Papp-Griff, verlagert euer Gewicht und steuert so ein virtuelles Zweirad.

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Die Anleitungen sind generell sehr nachvollziehbar. Ihr wisst immer, was ihr knicken müsst. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Spätestens wenn ihr diese Projekte bewältigt habt, stellt ihr fest: Nintendo Labo frisst wirklich Zeit. Das letzte Projekt des Multi-Sets ist nämlich das Klavier und wenn ihr es in drei Stunden schafft, es zusammenzubauen, seid ihr wirklich schnell, was das Pappeknicken angeht. Allzu hektisch solltet ihr dabei trotzdem nicht vorgehen. Die Labo-Software weist euch nämlich nicht umsonst darauf hin, dass ihr euch nicht verknicken solltet. Die Labo-Pappe hat vorgepresste Knick-Stellen und wenn ihr euch an diese nicht haltet, könnte das die Stabilität der fertigen Konstruktion empfindlich stören. Das ist selbst mir Grobmotoriker aber glücklicherweise nicht passiert.

Zurück zum Klavier: Es ist großartig. Es umfasst nur eine Oktave, aber es funktioniert so gut, dass es denjenigen, der das Bauen miterlebt hat schon fast an ein Wunder glauben lässt. Nintendo Labos Geheimwaffe ist die Kamera des rechten Joy-Cons. Die ist nämlich relativ gut in der Lage, Veränderungen bei Lichtverhältnissen zu registrieren und kapiert deshalb im Inneren des Klaviers, welche Taste ihr gerade herunterdrückt. Es gibt ansonsten keinerlei mechanisch funktionierende Verbindung zwischen Pappkonstruktion und Switch, es ist wirklich nur diese Kamera. In das fertige Klavier könnt ihr außerdem diverse Pappschrauben und -schablonen einschieben, etwa um Effekte hinzuzufügen. Oder um sämtliche Klaviertöne in Katzengeräusche umzuwandeln.

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Katzengejaule auf Pappklavier - ganz wunderbar. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Wie schon erwähnt, geht Nintendo aber einen Schritt weiter als euch nur mit solchen Funktionen zu begeistern. Nintendo will euch was beibringen. Einer der Gründe dürfte die Toy-Con-Werkstatt sein. Mit diesem Tool schließt Nintendo die Brücke zwischen den Kindern, die Labo mit ihren Eltern gemeinsam spielen und den Eltern selbst. Die Werkstatt ist ein erstaunlich komplexes Stück Software, mit dem grundsätzlich jeder in der Lage sein soll, eigene Labo-Werke zu kreieren. Nintendo zeigt anhand von einfachen Beispielen, wie das funktioniert. Ihr verknüpft beispielsweise eine Vibrationsfunktion mit einem Joy-Con, hängt ein kleines Papiermännchen dran und drückt dann auf einen Knopf, damit es umfällt. Eben weil der Joy-Con vibriert. Die Toy-Con-Werkstatt ist eine Art Modding-Tool und ich bin mir sehr sicher, dass wir uns in Zukunft an zahlreichen YouTube-Videos von Menschen erfreuen werden, die aus Labo Dinge herausholen, die wir uns im Moment noch gar nicht zu träumen wagen.

Modding, das ist bei Labo aber nicht nur was für die Erwachsenen. Die Software animiert dazu, auch die nach Anleitung zusammengeknickten Konstruktionen zu verschönern. Aus Mangel an anwesenden Kindern, Fingerfarben und kindlicher Kreativität habe ich es lediglich geschafft, ein kleines Post-it-Croissant auf der Stirn meines Labo-Elefanten anzubringen. Ich hoffe, das Grundprinzip ist trotzdem klar: So vorhanden, gebt euren Kindern Farben in die Hand und lasst sie aus der Labo-Pappe mehr machen als sie von Natur aus ist. Habt ihr mehrere Kinder, gebt ihnen am besten auch noch ein zusätzliches Paar Joy-Cons und sie können sich verschiedene Labo-Robo-Spinnen bauen und sie gegeneinander antreten lassen. Selten hat dieser Satz so sehr gestimmt: Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

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Mit der Toy-Con-Werkstatt könnt ihr eigene Papp-Kreationen erschaffen. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Und dann ist da das Robo-Set, auf das ich jedenfalls so lange mit ziemlicher Ehrfurcht geblickt habe, so lange ich noch am Multi-Set herumgeschraubt habe. Das Robo-Set ist ein einziges Monstrum. Ihr baut euch einen riesigen Rucksack aus Pappe, in dem Gewichte auf und ab bewegt werden, die sich ebenfalls nur aus Pappe befinden. Bewegen könnt ihr diese Gewichte mit euren Händen und Füßen. Zwischen all euren Extremitäten und dem Rucksack selbst befinden sich nämlich Schnur-Verbindungen und letzten Endes dient all das dazu, dass ihr einen riesigen Kampfroboter steuern könnt. In diesem Fall muss die Switch sogar mal ins TV-Dock gesteckt werden, denn auf einem großen Bildschirm solltet ihr das metallene Monstrum schon sehen, das ihr mit dieser Konstruktion steuert. Die wird übrigens nur noch hübscher, indem sie durch ein Headset ergänzt wird, das ihr tatsächlich vor- und zurückklappen könnt. Im ersten Modus spielt ihr aus der Ego-Perspektive, im zweiten seht ihr euren Roboter aus der dritten Person. Euer Ziel: Alles zu Brei schlagen.

Ich gebe gern zu, dass es sich einigermaßen peinlich angefühlt hat, mit diesem grotesken Papp-Kostüm durch mein Wohnzimmer zu stapfen und an Schnüren zu ziehen, stets darauf achtend, dass die Vorhänge auch tatsächlich geschlossen sind und die Nachbarn mich nicht sehen können. Aber irgendwie hat es auch Spaß gemacht - in der ersten Mission müsst ihr einfach eine Stadt zu Brei schlagen und während ich so langsam stapfend um mein Sofa herumgelaufen bin, nur um dann mit einigen gezielten Faustschlägen ein virtuelles Hochhaus wegzupusten, ja, währenddessen habe ich mich fast gefühlt wie Godzilla selbst. Der Spaß wird dadurch verstärkt, dass ihr euch in einen Panzer verwandeln könnt indem ihr euch hinkniet und in ein Flugzeug, wenn ihr die Hände in die Höhe reißt - das fühlt sich einfach großartig an. Ein bizarres Gefühl von Macht kam in mir auf und ich fühlte mich wie Superman selbst, nur um mir wenig später wieder bewusst zu werden, dass ich mir einen Papp-Rucksack auf den Rücken geschnallt hatte und dass ich wie ein stoischer Glöckner an Schüren ziehe um meine virtuellen Fäuste einzusetzen.

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Das nur als Beweis: Ich habe diesen Rucksack gebaut und hatte ihn auf dem Rücken. Ich bin allerdings nicht so fotogen wie die jungen Leute, die Nintendo für die Pressebilder verwendet hat. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Nach diesem ersten Spielabschnitt warten fünf weitere Herausforderungen mit verschiedenen Levels auf euch, bei denen es jeweils um eine bestimmte Fähigkeit geht. Mal müsst ihr gezielt um Kurven lenken, ein anderes Mal besonders gut fliegen. Darüber schaltet ihr wiederum Spezialfähigkeiten frei, wie besonders mächtige Stampf-Angriffe, die ihr dann in Multiplayer-Matches einsetzen könnt, solltet ihr ein zweites Joy-Con-Paar euer Eigen nennen.

Spiele wie das im Robo-Set enthaltene machen großen Spaß, aber nur für relativ begrenzte Zeit. Ich würde behaupten, dass der Reiz bei Nintendo Labo zu etwa 70 Prozent aus dem Zusammenstecken der Pappmodelle kommt, nur 30 Prozent des Spaßes stecken in den eigentlichen Spielen. Das stört mich allerdings erstens nicht. Ich habe auch schon Tage mit dem Zusammenbau eines riesigen LEGO-Sternenzerstörers verbracht, nur um ihn dann letzten Endes sehr befriedigt auf einen hohen Schrank zu stellen. Und zweitens ist das bei Labo ja eben nicht das Ende der Fahnenstange, denn wer mag, kann mit Eigenkreationen schier endlosen Spaß aus Labo ziehen. Entsprechende Geduld vorausgesetzt natürlich. Nur: Labo ist nicht das neue VR, Labo ist nicht die neue Art, Videospiele zu spielen. Labo ist einfach eine unheimlich kreative Idee, an die Materie heranzugehen und Nintendo wird es sicher verstehen, diese Idee zumindest für die Lebensdauer der Switch am Leben zu erhalten.

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So sieht das doch gleich viel cooler aus. (Nintendo Labo: Multi-Set & Robo-Set - Test)

Am Ende kann ich über Labo vor allem eines sagen: Es macht Spaß, unheimlich viel Spaß. Es ist eine Freude, die Papp-Teile zusammenzustecken, auch wenn es dauert. Oder gerade weil es dauert. Macht euch einen Tee oder trinkt ein Bier, macht nebenbei eine Serie an und nehmt euch Zeit. Denn wenn ihr sorgfältig arbeitet, ist es umso befriedigender, das Endergebnis zu sehen, etwas in der Hand zu haben, das funktioniert. Und zu wissen, dass man es selbst gebaut hat. Labo erklärt hervorragend, was ihr machen müsst, es leitet euch Schritt für Schritt durch die Baupläne. Wenn ihr die Anweisungen nicht ignoriert, ist es praktisch nicht möglich, etwas falsch zu machen. Und dennoch bietet Labo mit der Werkstatt alle Tools, die es braucht, selbst ein Projekt zu erschaffen. Insbesondere das Robo-Set fördert zudem eure Motivation, euch zu bewegen. Ihr lernt neue Fähigkeiten und stampft Gegner immer erfolgreicher in Grund und Boden - während ihr im Pappkostüm durch euer Wohnzimmer trampelt. Wenn ihr nichts gegen das Kind in euch habt - gebt Labo eine Chance.

Entwickler/Publisher: Nintendo/Nintendo - Erscheint für:Switch - Preis: Multi-Set: 64,50 Euro, Robo-Set: 79,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Switch - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

Nintendo Labo Markus Grundmann Enorm unterhaltsames Pappspielzeug mit viel Abwechslung und Möglichkeiten für Kreative. Die vergleichsweise geringe Spieltiefe stört nicht. 2018-04-27T10:25:00+02:00 5 5

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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