Bevor es ums Spiel selbst geht, eine Sache, wegen der ich Conan Exiles schon ins Herz schloss, bevor ich überhaupt einen Fuß in die riesige Survival-Welt auf Basis von Robert E. Howards Pulp-Romanen setzte: Vom Klick auf den Spielen-Button in Steam bis ins Hauptmenü vergehen nur wenige Sekunden.

Unreal-Engine-4-Logo? Nvidia-Animation? Funcom-Schild? Toll animiertes CG-Intro? Nehmt's mir nicht krumm, aber wen interessiert's!? Klick, Klick, Klick, Klick, schon steht man in der Schaltzentrale von Conan Exiles. Jeden Tag weiß ich diesen Respekt vor meiner schmalen Kleinstkindvaterfreizeit ein bisschen mehr zu schätzen und finde, andere Entwickler dürften sich gern ein Beispiel daran nehmen. Empfehlenswert mit Silberstempel, sagt Eurogamer.de. Tschüss, bis morgen.

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Dafür dass das Spiel in erster Linie wegen seiner Penislängen- und Körbchengröße-Schieberegler ins Gerede kam, ist es erstaunlich solide geraten.

Na ja, ok. So einfach will ich es dem Cimmerier doch nicht machen. Denn gleich bei der nächsten Entscheidung hadern Jungbarbaren mit der entscheidenden Frage, welcher Seite von Conan Exiles man sich als erstes Zuwenden möchte. Klar, liest man allüberall was von Survival-MMO, aber im Hauptmenü ist der Solo- beziehungsweise Koop-Modus in einer eigens für euch instanzierten Welt fast ebenso prominent präsentiert, wie das angebliche vernetzte Herz des Spiels. Nicht wenige dürften ihr Survival und ihren Basenbau als Solo-Erlebnis bevorzugen. Ihr wisst schon, ohne die Immersion störende Fremde mit dämlichen Namen und derselben Gier nach den besten Ressourcen wie ihr.

Aber selbst, wer schon weiß, dass er definitiv online spielen möchte, muss sich noch zwischen PvP und PvE entscheiden. Dadurch zerrt euch das Spiel vom Fleck weg in drei verschiedene Richtungen. Wer schon mal eins von dieser Sorte gespielt hat, weiß dass das keine triviale Entscheidung ist. Wer will schon einen Charakter stundenlang aufwerten, ewig Steine und Bäume hacken, Häuser und Anlagen bauen, nur um dann festzustellen, dass er in einem anderen Modus besser aufgehoben wäre und all die Arbeit für die Katz war, weil man in jeder Variante grundsätzlich von vorne anfängt.

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Man kennt diese Systeme, selten fanden sie aber so schlüssig und rund implementiert ineinander.

Glücklicherweise funktioniert jeder Modus für sich genommen ausgezeichnet, was ich so nicht für möglich gehalten hatte. Besonders solo beziehungsweise mit einem oder mehreren Kumpeln, die ihr jederzeit einladen könnt - und die dann ebenfalls als neu inkarnierter Barbar zu euch stoßen, aber recht schnell auf brauchbaren Level hochgezogen sind - war ich positiv überrascht. In erster Linie liegt das an der Welt, die Funcom hier gebaut hat: Wunderbar archaisch und low-fantasy flößt sie den Romanen auf imponierende Art Leben ein.

Ist man von der tropischen und in eine Wüste übergehenden Flusslandschaft des Startgebiets noch ein wenig gelangweilt - bloß weg dort und zwar schnell! - wird's im Zentrum der Welt mit harschen Wüstenlandschaften, Baumgerippen und furchteinflößenden Kannibalenfestungen angemessen lebensfeindlich. Im grünen Nordwesten wird's bergig-zerklüftet und wirkt hier bisweilen wie ein moderneres Skyrim, bevor es von hier aus Richtung Nordosten erst Schneegipfel und dann eine Vulkanlandschaft zu überleben gilt. Im Osten vervollständigen die Sümpfe das Rollenspielbiome-Bingo.

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Und deshalb spiele ich lieber im Solo-Modus.

Was ich sagen will: Es macht Spaß, diese Welt und ihre fantasievoll gestalteten Bewohner - ob monströs oder ebenfalls Exilanten, wie ihr einer seid - zu erkunden. Die wenigsten davon sind euch freundlich gesinnt, fast jeder greift auf Sicht an, aber "ihr gegen die Welt" ist nun mal das Credo dieser Spiele. Hier, merkt man, hören die Skyrim-Vergleiche bei aller visueller Vertrautheit eben auf. Aber ja: Wer eine schroffe Welt entdecken und erforschen, ihr trotzen und sie schließlich bändigen will, um an auserwählter, logistisch wie optisch ansprechender Stelle seine eigene Burg zu errichten, ist in Conan Exiles bestens aufgehoben. Ausgemachte Abenteurer werden vor allem zu schätzen wissen, dass Funcom mal eben die Kletterfunktion aus Zelda: Breath of the Wild übernommen hat: In Conan Exiles klettert ihr auch blanke Klippen hoch, so lange eure Ausdauer reicht. Cool. Ich frag mich, welche Ausreden vergleichbare Spiele künftig vorbringen werden, dieses Feature nicht zu intergrieren.

Wer andere Bezugspunkte zu diesem Genre kennt, der kann vielleicht damit etwas anfangen, wenn man ihm Conan Exiles irgendwie mittig zwischen Ark: Survival Evolved und Rust verortet. Die Bau-Tools sind nach der recht zügig bewältigten Early-Access-Phase ausgereift genug, um ansehnliche Häuser, Burgen und sogar Städte zu errichten, was wie gehabt mit der Beschaffung von Steinen, Holz, Laub beginnt und schließlich fortschrittlicheren Ressourcen wie Eisen und Kohle die nächste Phase eurer barbarischen Omnipotenz einläutet. Neben Schwert und Schild sind selbstverständlich Spitzhacken, Äxte und Fackeln ebenso oft benutztes Werkzeug und wenn was kaputtgeht, repariert ihr es unter Aufwand einer bestimmten Menge Zutaten kurzerhand wieder. Nett wie das Item in der Schnelleiste bleibt und eine bloße Auswahl das für euch wie von selbst erledigt.

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Doch natürlich gibt es auch noch eine Reihe kleinerer Bugs. Insgesamt aber alles gut spielbar. Die Konsolenversion hatten wir nicht vorliegen. Die läuft zumindest auf der alten PS4 und Xbox One dem Vernehmen nach aber nicht so besonders rund.

Das bedeutet nicht, dass Conan Exiles vor jeder glorreichen Burg, vor jedem prunkvoll poliertem Zweihandschwert und vor jedem die Nippel freilassenden Brustpanzer nicht eine Menge Sammelarbeit gestellt hätte. Das Crafting fast aller Gegenstände ist mehrschrittig und erfolgt bisweilen über diverse Werkbänke hinweg. Wer einmal all sein Eisenerz zusammen mit reichlich Holz oder Kohle in den Schmelztiegel warf, der kann zwar zwischenzeitlich was anderes tun - und auch die Werkbänke schmieden eure Waffen und Rüstungen wie von selbst für euch, sobald ihr ihnen die passenden Zutaten hinlegt. aber gerade online

Was ihr in der Lage zu bauen seid, hängt von euren Charakterwerten ab. Mit zunehmendem Level - Punkte gibt es im Grunde für alles Mögliche, vor allem aber für das Erfüllen von Journey-Meilensteinen, die in Kapiteln gegliedert sind. "Vollführt eine Ausweichrolle", geht es los, führt dann über das Errichten diverser Einrichtungen und die Entdeckung bestimmter Orte. Es gibt den so oft ziellosen Survival-Games eine Richtung, der man gerne folgt. Nach Levelaufstiegen erhaltet ihr zum einen Fertigkeitspunkte, die ihr in Charakterwerte von Stärke und Ausdauer über Tragekraft und dergleichen verteilt. Alle zehn Stufen wird pro Wert ein neuer Perk freigeschaltet, etwa beim Klettern 10 Prozent weniger Ausdauer zu verlieren. Darüber hinaus schaltet ihr mit Wissenspunkten neue Crafting-Rezepte frei, mit denen ihr dann euer Lager verbessern könnt.

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Im PvP muss man sich auf eine Menge Langfinger einstellen. Dann wiederum machen Belagerungen am meisten Spaß, wenn sich am anderen Ende jemand um seine Basis sorgt.

Ein weiteres interessantes Element ist die Unterjochung anderer NPC-Exilanten. Betäubt einen Gegner und schleppt ihn an ein Seil gebunden zu eurem Lager zurück, um ihn am Wheel of Pain durch tagelanges das Schieben eines Mühlsteins gefügig zu machen. Unterschiedliche Berufe und Fähigkeitengrade stellen sicher, dass ihr euer Lager gut abstimmen könnt. Vom Kämpfer, der eure Heimstatt verteidigt, über verschiedene Handwerker, die entsprechende Craftingprozesse beschleunigen bis hin zu Entertainern, die für euch Tanzen und eurer Heilung so einen Buff verpassen. Wirkliche Charaktere sind es nicht, auch wenn ihr sie zum Teil nach Belieben ausrüsten könnt und sie euch in den Kampf folgen können. Aber es ist nett, sein Dorf so mit Skl... ähem, treuen Freunden zu füllen.

Insgesamt ist Conan sicherlich nicht das eigenständigste oder überraschendste Spiel dieser Art. Allerdings tut es sich durch einen Grad an Politur hervor, der einigen Wettbewerbern abgeht. Darüber, dass die Welt technisch wie gestalterisch ansprechend designt ist, haben wir ja bereits gesprochen - seit den neuesten Nvidia-Treibern läuft es auch flüssiger -, aber das hier läuft abgesehen von kleineren Glitches schon sehr sauber und stabil. Ärgerlich waren lediglich einige Pop-ins größerer Strukturen in mittlerer Entfernung und eine Gelegenheit, bei der mein eben verstorbener Charakter zwar auf der Karte eingetragen war, nach dem Respawn aber an der Stelle nichts zum Looten aufzufinden war. Zum Glück war nichts Wichtiges im Inventar.

An dieser Stelle aber der klare Hinweis, dass die Konsolenversionen, die uns nicht vorlagen, zumindest auf den alten PS4- und Xbox-One-Geräten momentan Berichten zufolge noch deutlich ruppiger laufen sollen. Besseres hört man über die One X und PS4 Pro. Dennoch bezieht sich unsere Empfehlung vorerst nur auf die PC-Version.

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Der Umfang geht vollkommen in Ordnung und es gibt reichlich Wege, die die Entwickler gehen können - und vermutlich auch werden, so erfolgreich, wie das Spiel aktuell ist.

Gut gefallen hat mir das Kampfsystem, das sich sichtlich Dark Souls zum Vorbild nahm. Da kommt es freilich nicht ran und wer Froms RPG zum Maßstab nimmt, wird von den steiferen und weniger gewichtigen Schlägen, die man so in Conan vom Stapel lässt, enttäuscht sein. Wer aber ein paar andere dieser Survival-Titel erlebt hat, wird den schönen Rhythmus aus leichtem und schwerem Schlag, Ausweichrolle und Block als willkommene Tiefe zu schätzen wissen. Gerade im PvP - bei dem mir persönlich gegen den Strich geht, dass man durch kleine Unachtsamkeiten reichlich Ressourcen an feindliche Spieler verlieren kann - macht das durchaus kurzweilige Laune, sobald man das System beherrscht. Das Bogenschießen benötigt aber noch etwas Feinschliff. Auch nach all der Zeit mit dem Spiel scheint mir das einfach keine Alternative.

Überhaupt macht es Spaß, sich durch diese Welt zu bewegen und mit ihr zu interagieren. Gefällte Bäume fallen in The Forest zwar schöner um, aber nirgends bröckeln Felsen unter Spitzhacken so befriedigend und physikalisch nachvollziehbar in sich zusammen wie hier. Zudem halten KI gesteuerte Events wie eindrucksvolle Sandstürme, Angriffe von NPC-Horden, wann immer ihr zu mächtig werdet, und nicht übel versteckte Dungeons fürs Late und End-Game die Spannung hoch. Sich für einen Moment in eine Hunderte Meter hohe Gottheit zu verwandeln, um eine komplette Siedlung auszulöschen, ist alle Mühen wert, die man in das Vorhaben investiert.

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Solche glorreichen Panoramen schüttelt das Spiel alle naselang aus dem Ärmel.

Und das ist auch das Fazit, das ich nach gut 30 Stunden mit Conan Exiles ziehe. So beschwerlich dieses Überleben sich stellenweise auch anfühlte, so oft es auch an Arbeit grenzte, was mein Bauvorhaben an Materialien von mir verlangte: das Resultat war es das am Ende fast immer wert. Mit Stolz schaut man irgendwann auf seine Schöpfung zurück, ermattet, aber beseelt und doch gleichzeitig immer mit dem nächsten Castle-Grayskull-ähnlichen Bauvorhaben im Hinterkopf.

Fast meint man, Conan Exiles wolle seiner kultigen Leinwandversion widersprechen. Das schönste im Leben ist nicht der Kampf mit dem Feind, nicht seine Verfolgung und Vernichtung und auch nicht das Geschrei ihrer Weiber. Das Schönste auf der Welt - zumindest auf dieser hier - ist es, ihr seinen eigenen martialisch-kreativen Stempel aufzudrücken und sich dort richtig heimisch zu fühlen.

Entwickler/Publisher: Funcom - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 40 Euro (PC), 50 Euro (Konsole) - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PC

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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