Wie Planetfall mit den Traditionen der Age-of-Wonders-Reihe bricht und zugleich deren Wurzeln bewahren will

Paradox.

Während der gesamten PDXCON 2018 war Paradox sichtlich bemüht, keines seiner Babys dem anderen vorzuziehen. Jedes Spiel hatte seinen Platz im Rampenlicht verdient, sei es die fünfunddrölfzigste Erweiterung für Europa Universalis oder eine potente Neuankündigung. Für dieses konsequente Streben nach Parität kann man nicht viel mehr als jede Menge Respekt übrig haben, aber ich würde lügen, würde ich behaupten, dass meine Augen und die vieler weiterer Redakteure bei einer bestimmten Präsentation nicht ganz besonders groß geworden wären.

Als rundenbasiertes 4X-Strategespiel ist Age of Wonders: Planetfall ein prototypisches Paradox-Projekt und doch in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Unter Berücksichtigung moderner Entwicklungen innerhalb angrenzender Genres werkelt Triumph Studios bereits seit drei Jahren an einer Fortsetzung, der man aktuell höchstens vorwerfen kann, keine im eigentlichen Sinne zu sein. Wo Fans eine 4 im Titel erwarten würden, prangt nicht ganz grundlos das sprechende "Planetfall"-Anhängsel: Das in den Genen der Reihe verankerte Fantasy-Szenario muss einer sehr stilsicheren Science-Fiction-Dystopie weichen, in der überlebende Fraktionen um das Vorrecht kämpfen, aus den Trümmern einer ruinösen Galaxie eine neue Weltordnung nach ihrem Gutdünken hochzuziehen.

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Welt- und Übersichtskarten können sie nun mal bei Paradox.

Um das zu bewerkstelligen, zieht ihr nach der Wahl eures anpassbaren Helden, euer Rasse sowie einer Reihe verschiedener Perks zugweise über die Karte eines prozedural generierten Planeten, die eher an Civilization: Beyond Earth als an frühere Age-of-Wonders-Teile angelehnt ist. Dort sind die Entwickler von Triumph Studios spürbar in ihrem Element und fächern euch einen bunten Strauß an komplexen diplomatischen wie militärischen Optionen auf. Speziell der Empire-Part früherer Spiele soll einen spürbaren Facelift erhalten, aber kleinere Baustellen gibt es an jeder Ecke, von erweiterten Siegbedingungen (Anführer des Gegners besiegen, eine bestimmte Anzahl Gebiete erobern, diplomatischer Sieg) bis hin zu den erweiterten Tech-Trees, die von zahlreichen Faktoren wie der gewählten Rasse oder den bereits eingenommenen Sektoren abhängig sind.

Ihr individualisiert eure Einheiten, schickt Scouts zum Ausspähen in noch unerforschte Sektoren, nehmt weitere Städte ein und zieht dort Kolonien mit flexiblen Aufgaben hoch, um je nach Situation etwa mehr Nahrung zu produzieren oder die Bauphasen wichtiger Gebäude zu beschleunigen. Diesem Expansionsdrang könnt ihr mit viel Fingerspitzengefühl unter Zuhilfenahme des Diplomatiesystems nachkommen (von dem wir bislang allerdings kaum etwas gesehen haben). Selbst die pazifistischeren Naturen unter euch dürften aber früher oder später von besonders sturen Fraktionen dazu gezwungen werden, weniger friedliche Lösungen anzustreben. Gott sei Dank, andernfalls entgingen euch die rundenbasierten, XCOM alles andere als unähnlichen Kämpfe und damit die zweite tragende Säule des Spiels.

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Wer hat gesagt, dass eure Helden ausschließlich menschlich aussehen müssten?

Und wenn Planetfall seinen Quasi-Vorgängern etwas Entscheidendes voraus hat, dann sind es seine militärischen Auseinandersetzungen. Als "Shift von Nah- zu Fernkämpfen" subsumierten die Entwickler ihre drastischen Änderungen an den bestehenden Systemen vor Ort in Stockholm. Einen entsprechenden Relevanz-Boost erhält daher eure Umgebung. Ihr verschanzt euch nicht nur hinter Autowracks oder Trümmerhaufen, sondern könnt diese auch gezielt in die Luft jagen und dadurch nahezu die gesamte Karte in Schutt und Asche legen. In Kombination mit der stark variierenden Mobilität eurer Einheiten entsteht dadurch schnell ein knackiger Risk-Reward-Poker. Lieber die Deckung des dicken Gegners wegholzen, oder sich mit der Sprintfähigkeit selbst in Deckung bringen? Für beides reichen die Aktionspunkte jedenfalls nicht aus - gerade dann, wenn ihr Opfer der wohl relevantesten neuen Mechanik wurdet: dem "Staggering".

Mit diesem alternativen Angriff kratzt ihr verglichen mit einer normalen Attacke zwar lediglich an der Gesundheitsleiste eures Feindes, zieht ihm dafür allerdings wertvolle Aktionspunkte ab. Potenzielle Szenarien für diesen Kompromiss gibt es zuhauf und Triumph Studios gelang sowohl das Kunststück, mehrere davon sehr anschaulich zu illustrieren, als auch im wohl einzigen Genre einen Dark-Souls-Vergleich unterzubringen, in dem ich nun wirklich nicht mit einem solchen gerechnet hätte. Das Staggern sei eine Form des Konterns wie drüben bei From Software, etwa dann sinnvoll, wenn ein Widersacher kurz dafür stünde, eine besonders verheerende Fähigkeit zu zünden. Alternativ könne man auch die Aktionspunkte eines Feindes dezimieren, sodass dieser in der folgenden Runde nur zwei- statt dreimal angreifen kann - und die eigene Einheit den Beschuss damit gerade so übersteht.

Derlei taktische Raffinessen sollen sowohl im Solo- als auch im Mehrspieler-Modus, vor allem aber - und das ist die eigentliche Überraschung - auf Konsolen möglich sein. Dafür nutzt Triumph Studios die selbst entwickelte und laut eigenen Angaben außerordentlich flexible "Creator Engine".

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Hey, wenn XCOM auf Konsolen möglich ist, warum dann nicht auch das hier?

Ein gewisser Vertrauensvorschuss ist bei einem krassen Richtungswechsel wie diesem durchaus notwendig, doch Paradox tut einiges dafür, ihn sich zu erarbeiten. Die Schweden spielen soweit mit offenen Karten, wie es in dieser frühen Phase der Entwicklung möglich ist, zeigten ihr Spiel auf der PDXCON bereits im (kontrollierten) Livebetrieb, wo sich andere Publisher noch hinter geschönten Trailern verstecken.

Planetfalls dystopische Zukunftsvision ist bei weitem nicht das einzige, was Age-of-Wonders-Fans derzeit unruhig mit den Füßen scharren lässt. Doch sind manche Traditionen dafür geschaffen, irgendwann fallengelassen zu werden. Paradox allerdings ersetzt konsequent jeden abgeschnittenen Zopf mit einer cleveren Neuerung, die in ihrer Gesamtheit darauf ausgerichtet sind, sowohl Planetfall im engeren als auch die Age-of-Wonders-Reihe im weiteren Sinne voranbringen. Und ist es nicht das, was wir gemeinhin von einer Fortsetzung erwarten?

Mehr von der PDXCON 2018 lest ihr in unserem Artikel Die Highlights der Paradox-Messe.

Entwickler/Publisher: Triumph Studios/Paradox InteractiveErscheint für: PC, PS4, Xbox One - Geplante Veröffentlichung: 2019 - Angespielt auf Plattform: -

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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