Noch so ein Fall von "gibt's das auch für Switch?" Nur, dass ich mir bei Little Nightmares nicht so sicher war, ob ich Nintendos Handheld-Konsolen-Hybriden dieses Spiel wirklich zutraute. Auf der normalen PS4 und XBox One erkundete man den Bauch dieses stetig wankenden Albtraumschiffes schon in nur 30 Bildern pro Sekunde. Die bizarre, wundervoll plastische und stimmungsvoll ausgeleuchtete Spielwelt, irgendwo zwischen frühem Tim Burton - Beetlejuice - und der modrigen Schaukastenästhetik alter Tool-Videos, ist technisch alles andere als trivial zu stemmen.

Gleichzeitig hängt bei einem so atmosphärischen, aber auch auf viele unvermittelte Tode setzenden, physikbasierten Platformer viel daran, dass das Spiel ordentlich läuft. Die Sprünge sollten vielleicht nicht millimetergenau, aber schon halbwegs präzise sitzen und zu jedem Zeitpunkt muss man der Welt die Anfassbarkeit ihrer Materialien und die Präsenz der befremdlich kurz geratenen Spielfigur Six abnehmen. Andernfalls riskiert das Spiel das, wovon es zu guten Teilen lebt: dieses ungute, aber doch faszinierende Gefühl, an einem Ort zu sein, den man niemals sehen wollte - und trotzdem mittendurch zu müssen.

1
Die Atmosphäre transportiert auch die Switch-Version ausgezeichnet.

Deshalb war ich auch ziemlich überrascht, als sich Little Nightmares fast genauso präsentierte, wie ich es in Erinnerung hatte. Es läuft nicht wirklich schlechter als auf der ursprünglichen PS4, spart zu diesem Zwecke clever an Schattenschärfe, Auflösung und Texturdetails. Auf großen Diagonalen ist das im Direktvergleich natürlich klar sichtbar, aber der beunruhigende Vibe eines Kasperletheathers, bei dem alle Nichtspielercharaktere aus ranzigen Endloswürsten geknotet wurden, ist ihm auch hier unbenommen. Auf dem Handheldbildschirm sind die Unterschiede gar vernachlässigbar. Little Nightmares ist visuell tatsächlich eines der beeindruckendsten Switch-Spiele.

Weniger imponierend sind allerdings die Ladezeiten. Dieses Spiel ist sich - wie auch andere dieser Sorte - nicht zu schade, euch hier und da grausige Tode sterben zu lassen, woraufhin ihr vom letzten Checkpunkt aus einen neuen Versuch startet. Und bis man da ankommt, starrt man ein wenig zu lange auf einen schwarzen Bildschirm. An einer Stelle gegen Anfang maß ich im Direktvergleich mit der PS4 Pro Version 23 Sekunden auf der Switch, wo Sonys Konsole weniger als sieben brauchte. Ich will nicht behaupten, das wären exakte Messungen gewesen, aber die Größenordnung wird schon klar, denke ich.

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In der Erweiterung schlägt sich parallel zur Haupthandlung ein Ausreißer durch den finsteren Kahn.

Die schwierigeren Stellen - oder ungeschickte Sprünge in den Tod - werden damit eine Idee frustiger als sie sein müssten. Vor allem, weil die Checkpunkte nicht in jedem Raum neu angelegt werden und man ab und an ein paar Meter rennen muss, bis man wieder dort ist, wo man zuvor sein Leben ließ. Die Ladepausen waren noch nicht so ausufernd, mich an die Grenzen meiner Geduld zu bringen, aber schon lang genug, dass sich der Impuls bemerkbar machte, kurz zum Smartphone zu greifen. Verprellen konnte mich das dennoch nicht, auf der Switch spielte ich den bitterbösen DLC gerne zum ersten Mal durch. Der ist in der Complete Edition natürlich ab Werk dabei und erzählt in etwas über drei Stunden Teile von Six' Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Nicht essenziell, aber lohnend.

Wer tiefergehende Details zum Spiel erfahren möchte, dem sei mein ursprünglicher Little Nighmares Test ans Herz gelegt. Aber vielleicht reicht euch auch die Beschreibung, dass hier Limbo beziehungsweise Inside und die Einzelspielerpassagen von LittleBigPlanet in Jeunets und Caros Stadt der Verlorenen Kinder Schiffbruch erleiden und springend, schleichend und Objekte verschiebend den Höllentrip ihres Lebens durchmachen.

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Ich weiß, es ist verlockend. Aber fragt bloß nicht nach dem Rezept.

Das Spiel erzählt vage und ohne Worte, dafür aber mit umso mächtigerer Bildsprache aus in ihre Extreme übersteigerter Kinderperspektive. Viele der Motive, die diese insgesamt etwa sieben Stunden dauernde Reise ins Spiel bringt, drücken treffsicher ein paar tiefliegende Knöpfe, von denen man eigentlich meinte, sie hätten sich spätestens in den Zwanzigern restlos verwachsen. Doch auch abseits dessen, was man persönlich hieraus mitnimmt: Ein Titel, um darüber auf Message Boards rege Diskussionen zu führen, ist es allemal.

Eine schöne Überraschung, dass ich dieses erdrückend finstere und allmählich einem ungreifbaren, aber gegen Ende erschreckend realen Wahnsinn entgegen schlingernde Abenteuer auch auf der Switch fast bedenkenlos empfehlen darf. Es ist nicht die stärkste Version - das sind die höher aufgelösten, flüssiger laufenden und vor allem schneller ladenden Ausgaben für PS4 Pro und PC. Zudem profitiert Tarsiers Betthupferl für böse Kinder auch von einem großen Fernseher, wo die Switch-Inkarnation mit weniger Nachdruck punktet als unterwegs.

Wem sich diese Optionen nicht bieten, erlebt hier im täuschenden Gewand eines kunstvollen, aber nur scheinbar putzigen Quasi-Indies einen Horrortitel der unkonventionellen Art, dessen stärkste Momente einem den Mund offen stehen lassen. Spielerisch vertraut, aber gestalterisch wie thematisch stilsicher, pechschwarz und drückend. "Kleiner Albtraum" ... was für eine gemeine Untertreibung.

Entwickler/Publisher: Tarsier/Bandai Namco- Erscheint für: Switch - Preis: 35 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch/Englisch - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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