Liebevoll gestaltetes Survival-Action-Adventure, das ein bisschen zu viel Wert aufs Crafting und Sammeln legt. In diesen Phasen nervig.

Pflückt ihr gern Blumen? Lustwandelt ihr gern über blühende Wiesen, sammelt dort allerhand Gewächs ein und bindet es dann mit viel Liebe zu wundervollen Sträußen, die ihr den euch zugeneigten Menschen überreicht? Dann ist Smoke and Sacrifice vielleicht ein Spiel für euch, denn hier müsst ihr vor allem eines: Sammeln. Was das Zeug hält. Ihr findet irgendwo ein paar alte Knochen? Nehmt sie besser mit, könntet ihr brauchen. Ein ausgetrockneter Ast? Für die nächste Quest könnte das die Lösung sein. Ein paar nervige Fliegen? Fangt sie besser lebend. Selten habe ich mir so sehr gewünscht, dass ein Spiel für mich einen Teil der Items einfach als Junk einstuft.

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Die Leute hier sind sichtbar sauer. Ihr habt nicht getan, was von euch verlangt wurde. (Smoke and Sacrifice - Test)

Dabei ist das Spiel rein theoretisch durchaus reizvoll. In Smoke and Sacrifice verkörpert ihr Sachi, eine Mutter, die ihre Tochter an einem seltsamen heiligen Baum opfern soll. Wie jeder vernünftige Mensch will sie das natürlich nicht, was, verkürzt gesagt, am Ende dazu führt, dass sie in die Unterwelt hinabfährt. Die ist in Smoke and Sacrifice nicht als die Hölle zu verstehen, sondern als eine Art fremdartige Gegend, die unterhalb der tatsächlichen Oberfläche existiert, auf der die Menschen normalerweise leben. Und dort wollt ihr jetzt natürlich nichts anderes als eure Tochter finden. Deren Kuscheltier tragt ihr herzzerreißenderweise permanent mit euch, ihr könnt es den verlorenen Figuren zeigen, die dort herumlaufen und die erzählen euch dann, was ihr als nächstes machen solltet.

Was ihr als erstes lernt: Obwohl in dieser Unterwelt die Sonne eigentlich keine Rolle spielen sollte, gibt es dort Tag und Nacht. Das äußert sich nur ein wenig anders als oben. Während ihr euch tagsüber einigermaßen frei über die Welt bewegen könnt, wird selbige in der Nacht von einem giftigen Nebel verschlungen, dem namensgebenden Smoke. Lediglich wenn ihr es rechtzeitig schafft, euch eine Laterne zu basteln, könnt ihr einen gewissen Radius um euch herum frei von Rauch machen und so überleben. Hier geht das große Crafting-Abenteuer los: Zwei Gegenstände braucht ihr für die Laterne, eine Pflanze und eine bestimmte Fliege. Um die Fliege zu fangen, braucht ihr ein passendes Netz und auch dafür braucht ihr wieder bestimmte Gegenstände. Dieses Prinzip setzt sich im weiteren Spielverlauf fort. Für A braucht ihr B und C, für B braucht ihr D und E, für E braucht ihr X und Y. Für jemanden mit zu viel Zeit wäre es sicher eine großartige Herausforderung, das Ganze als Baumdiagramm zu visualisieren. Letzten Endes kennt man das ja aber aus diversen anderen Spielen die großen Wert aufs Crafting legen - wenn auch selten so ausgeprägt wie hier.

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Wenn euch ein Riesenwildschwein wie dieses unverhofft trifft, seid ihr schneller tot als euch lieb ist. (Smoke and Sacrifice - Test)

Das Problem in Smoke and Sacrifice ist nur, dass dieses Crafting eigentlich eher wirkt wie ein Beiwerk, weil es nicht wirklich spannend ist. Und trotzdem nimmt dieses Beiwerk einen Großteil Spielzeit ein. Denn die Geschichte an sich ist interessant, die Figuren sind es auch. Was sie in dieser Unterwelt Surreales erleben, das ist angenehm fremdartig, was sie über die anderen Figuren zu sagen haben ebenso. Die begegnen euch manchmal feindselig, manchmal äußerst freundlich, meistens aber bringen euch diese Gespräche zumindest ein kleines bisschen weiter. Ihr lernt, wo ihr als nächstes hingehen solltet, wohin die Spur führt.

Und dann werfen euch die Entwickler einen Knüppel zwischen die Beine. Meist in Form einer Crafting-Aufgabe. Hey, wenn du in den Schnee-Level gehen willst, brauchst du erst Mal die passenden Schuhe. Hey, ich will zwar etwas, das diese Wespen da hinten hinterlassen, aber um die zu besiegen, bräuchtest du erst einmal eine selbstgebastelte Rauchgranate. Dir fehlt dafür das Schwarzpulver? Ich sag dir gerne, woraus du das wiederum herstellen kannst.

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Neue Quest: Craftet das! Euch fehlt alles! (Smoke and Sacrifice - Test)

Letzten Endes nimmt das Spiel so gefühlt immer wieder ganz kurz Fahrt auf, nur um dann wieder umso brachialer die Handbremse zu ziehen. Und so sehr ich mich selbst versucht habe, daran zu gewöhnen: Dieses permanente Gewühle durch die zahllosen scheinbar nutzlosen Items in meinem Inventar, es macht einfach keinen Spaß.

Erschwerend hinzu kommt, dass alle Ausrüstungsgegenstände nach einer gewissen Zeit kaputtgehen und dann braucht ihr wieder neue Gegenstände, um sie zu reparieren oder die ursprünglichen, um sie erneut herzustellen. Bestimmte Items könnt ihr dann auch gar nicht einfach so herstellen, dafür braucht ihr wiederum eine Werkbank oder einen Kochtopf oder eine Schmiede, um sie zu basteln. Also lauft ihr über die Karte und sucht diese Punkte. Um dann eben manchmal auf Gegner zu treffen, die euch ziemlich schnell umbringen, weil euch die notwendige Waffe fehlt, um sie zu besiegen. Ihr startet dann am nächsten Speicherpunkt - die sind zwar einigermaßen fair über die Welt verteilt, aber ihr müsst sie manuell betätigen und wenn ihr zufällig mal längere Zeit keinen findet: Tja, Pech.

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Bei mehreren Gegnern auf dem Bildschirm werden die Kämpfe reichlich kompliziert. (Smoke and Sacrifice - Test)

Smoke and Sacrifice sieht wirklich gut aus, alle NPCs und Gegner sind handgezeichnet und so animiert, dass sie ein bisschen wirken wie Papierpuppen. Das meine ich in diesem Fall nicht negativ, das Spiel hat wirklich einen sehr eigenen Grafikstil, der die Fremdartigkeit der gezeigten Unterwelt gut unterstreicht. Die Welt wirkt lebendig, überall bewegt sich etwas und es fällt leicht, mit der Protagonistin zu fühlen. Als mir zum ersten Mal ein NPC angeboten hat, ihm zeitweise das Kuscheltier der verschwundenen Tochter zu überlassen, fand ich das wirklich schwierig. Diese lichten Momente von Smoke and Sacrifice werden allerdings sehr schnell wieder gebrochen, meistens durch viel zu viele Crafting-Items, dann wieder durch irgendwelche Rezepte für Gegenstände, die ihr braucht, zu denen euch aber alle Zutaten fehlen und letztlich ganz oft durch das nicht sortierbare Inventar. Irgendwann gehen euch einfach die Augen über und dann sieht jeder eurer Gegenstände gleich aus. Äste, Blätter, Knochen, Pulver, Lampen, einfach alles.

Dazu kommt das etwas schwierige Management eurer hergestellten Gegenstände. Ihr könnt die in der Nacht notwendige Lampe zwar beispielsweise zusammen mit einer Waffe tragen, wenn ihr die aber nicht schnell genug anlegt, seid ihr schon halb tot. Und weil die Spielwelt immer irgendwie etwas düster daherkommt, ist oft nicht klar zu erkennen, dass der tödliche Nebel jetzt gerade kommt. Die Gegner attackieren darüber hinaus oft sehr unerwartet und schnell, was vor allem dann zu eurem Nachteil ist, wenn ihr gerade dabei wart, mit dem Netz die doofen Leuchtfliegen zu sammeln, die ihr für die Lampe braucht. Es ist teilweise ein befremdlicher Kreislauf der Frustration.

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Die Geschichte von Smoke and Sacrifice ist reizvoll - geht aber unter zu viel Crafting-Mechanismen leider unter. (Smoke and Sacrifice - Test)

Manchmal sind Spiele so schludrig programmiert, so halbherzig gestaltet und so halbfertig veröffentlicht, dass es großen Spaß macht, sie dafür zu kritisieren. Im Falle von Smoke and Sacrifice ist das nicht so. Die Entwickler haben offensichtlich viel Arbeit und Liebe zum Detail in das Spiel gesteckt, sie haben sich Mühe gegeben, eine Welt zu konstruieren und nach und nach mehr über sie zu verraten. Am Ende scheitert das Spiel trotzdem an einer seiner grundlegendsten Mechaniken: dem Crafting und dem dafür notwendigen Sammeln. Das etwas ungenaue Kampfsystem mag man noch verkraften, aber die Sammelorgien zwischen den Quests waren für meinen Spaß am Spiel leider tödlich. So gern ich das Spiel gemocht hätte: Weniger wäre mehr gewesen und es ist am Ende nur etwas für jene, die gerne Blumen pflücken. Riesige Sträuße. Und dann anfangen das Band dafür selbst herzustellen.

Entwickler/Publisher: Solar Sail Games/Curve Digital - Erscheint für: PC, Switch - Preis: 24,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: Switch - Sprache: deutsche Bildschirmtexte - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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