"Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren", sangen Tocotronic im Jahr 1996 und sprachen mir damit aus der Seele. Denn Tennis, das war und ist nun wirklich nicht mein Sport, weder als Spieler, noch als Zuschauer. Einmal mehr beweist Nintendo mit Mario Tennis Aces aber, dass Super Mario für als langweilig empfundene Sportarten das gleiche ist wie Tabasco für fades Essen. Alles wird mit damit besser!

Nicht nur, weil sich Mario Tennis Aces selbstredend nicht als Tennis-Simulation versteht, sondern eher locker mit dem tatsächlichen Sport umgeht. Auch, weil das Spiel trotz Spielern wie Wimbledon-Waluigi, Tie-Break-Toad oder Matchball-Mario eine erstaunliche taktische Tiefe bietet. Und jede Menge Spieloptionen obendrein.

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Tennis wie man es kennt. Toadette und Luigi schenken sich nichts in diesem spannenden Match. (Mario Tennis Aces - Test)

Für Einsteiger besonders gut geeignet ist der Abenteuermodus. Dort bewegt ihr euch als Mario über eine Weltkarte, wie man sie sonst nur von den Platformern der Reihe kennt. Auf der warten dann verschiedene Herausforderungen. Neben klassischen Matches gegen andere Figuren aus dem Mario-Universum gibt es dort auch sogenannte Trainingsplätze. Dort müsst ihr spezifische Herausforderungen bestehen und erhaltet dafür bestimmte Belohnungen. Das kann etwa heißen, dass ihr 20 Punkte gegen einen Gegner machen müsst und dabei nur drei Mal selbst versagen dürft - zum Lohn gibt es dann beispielsweise einen neuen Schläger.

Welchen ihr im Abenteuermodus verwendet, ist durchaus von Bedeutung, was sich in den drei unterschiedlich hohen Werten Angriff, Verteidigung und Stabilität widerspiegelt. Auch Mario selbst hat drei unterschiedliche Werte, Schlaghärte, Lauftempo und Gewandtheit nämlich. Die wiederum steigen automatisch, indem ihr Erfahrungspunkte verdient, die es für jede Herausforderung und jedes Match gibt, ob ihr es nun schafft oder nicht.

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Tennis, wie man es eher selten sieht: Mario donnert seinen Zielschlag auf den Gegner. (Mario Tennis Aces - Test)

So seltsam konstruiert dieser Modus teilweise wirken mag, er macht erstens Spaß, weil sich eure Figur weiterentwickelt und zweitens, weil das Spiel hier seine eigenen Mechaniken immer wieder variiert. Wenn ihr auf einem Schiff gegen einen Koopa Troopa spielt, solltet ihr aufpassen, nicht den mittleren Mast zu treffen, weil der Ball dann relativ unkontrolliert wegspringt. Im Geisterhaus dagegen fliegt der Ball auf euch zurück, wenn ihr einen der fliegenden Spiegel trefft. Besonders grandios: die Endbosse. Hier müsst ihr meist erst ein paar Punkte im Tennis machen, bevor ihr den Ball dann an eine empfindliche Stelle spielt, um Schaden anzurichten. Auch das klappt meistens nicht auf den ersten Versuch. Etwas frustrierend wirkt das hier und da schon, aber letzten Endes nimmt sich Mario Tennis Aces als Tennis-Spiel eben nicht ernst und weil das Gameplay als solches Spaß macht, hatte ich nie ein Problem damit, eine Stelle ein zweites oder drittes Mal zu probieren.

Das wird allerdings dadurch torpediert, dass ihr euch nach einem Fehlversuch erst mal durch einen kleinen Dialog klicken müsst, bevor ihr die Aufgabe wiederholen dürft. Auch könnt ihr Aufgaben nicht abbrechen, wenn ihr gleich zu Anfang bemerkt, dass ihr keine allzu guten Chancen mehr habt, sie noch zu bestehen. Hier hätte ich mir einen Hauch mehr Super Meat Boy gewünscht - irgendeine Taste, die dazu dient, die Herausforderung ohne weitere große Ladezeiten und ohne Textzeilen neu zu starten.

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Auf dieser Weltkarte fühlt man sich im Abenteuermodus gleich zu Hause. (Mario Tennis Aces - Test)

Dass das Gameplay trotzdem so gut funktioniert, liegt an den Möglichkeiten, die euch Nintendo zur Verfügung stellt, ihr prügelt also nicht einfach nur den Ball hin und her. Neben einem normalen, geraden Schlag, steht euch der Topspin zur Verfügung, ein schneller Schlag, bei dem der Ball höher abspringt. Alternativ könnt ihr auch einen Slice spielen, wodurch der Ball weniger hoch abspringt und eher bananenförmig fliegt.

Soweit ist das noch relativ nah am echten Tennis, aber natürlich bleibt es bei einem Mario-Spiel nicht dabei. Denn mit jedem Ballwechsel lädt sich eure Energieanzeige auf. Ist die halb voll und befindet ihr euch am richtigen Ort auf dem Spielfeld, könnt ihr einen Zielschlag ausführen. Das Spiel schaltet dann in eine Art First-Person-Perspektive und ihr könnt exakt festlegen, wohin der Ball fliegen soll. Der Zielschlag lässt sich vom Gegner auch nicht so einfach zurückspielen, denn er beschädigt den Schläger - trifft er drei Mal ungebremst darauf, ist er kaputt und das Match endet. Setzt der Gegner den Schlag seinerseits gegen euch ein, könnt ihr ihn aber auch blocken, müsst dafür aber im exakt richtigen Moment auf A drücken.

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Im Mehrspielermodus wird das Bild vertikal geteilt. (Mario Tennis Aces - Test)

Das klingt nun vielleicht alles recht trocken, geht beim Spielen aber ziemlich schnell in Fleisch und Blut über. Ihr lernt, die Schläge instinktiv einzusetzen und staunt dann in der Wiederholung darüber, was ihr gerade geschafft hat. Vor allem bei langen Ballwechseln steigt die Spannung, die Hände schwitzen immer mehr und irgendwann fühlt sich die Partie an wie ein spannender Krimi. Das ist wohl der eigentliche Reiz von Tennis, den ich nie so richtig verstanden habe: Ein Match kann jederzeit noch kippen. Liegt ihr beispielsweise hinten, kann es sich lohnen, auf Zielschläge zu verzichten und auf Nummer sicher zu gehen, indem ihr den Zeitlupenmodus einsetzt. Das verlangsamt das Geschehen und ihr erhöht die Chance, dass ihr den Ball auch wirklich erwischt. Außerdem hat jede Figur einen Trickschlag, den ihr auslöst, indem ihr kurz den rechten Analogstick antippt. Euer Spieler bewegt sich dann besonders schnell zu einem Ball, der ansonsten eigentlich unerreichbar wäre. Als Geist kann sich Buu Huu beispielsweise einfach in diese Richtung teleportieren. Die Fähigkeit sieht bei jeder der 16 wählbaren Figuren anders aus - es läuft aber auf's Gleiche hinaus. Schließlich steht euch noch ein Spezialschlag zur Verfügung, das Spiel nennt ihn den "ultimativen Tennisschlag", eine Art besonders starker und schneller Zielschlag.

Ein großer Teil des Reizes von Mario Tennis Aces speist sich aus der Energie, die den Figuren zur Verfügung steht. Ihr könnt entweder versuchen, reguläre Treffer zu erzielen und euch die Energie für einen vernichtenden Spezialschlag aufzusparen, oder ihr setzt immer wieder Zeitlupe ein und macht Zielschläge, um euch kleinere Vorteile zu verschaffen, die der Gegner aber noch einigermaßen gut kontern kann. Das für Videospiele so typische Abwägen zwischen Sicherheit und Risiko also, das hier aber besonders schnelle Entscheidungen und Reaktionen von euch verlangt, vor allem dann, wenn ihr gegen andere menschliche Spieler antretet. Das geht entweder zu zweit oder zu viert, also im Einzel oder im Doppel, sowohl online als auch lokal. Beides hat im Test gut funktioniert, wobei vor der eigentlichen Veröffentlichung naturgemäß noch nicht allzu viele Online-Spieler zur Verfügung standen.

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Einer der Endbosse im Abenteuermodus: Macht genug Punkte im Tennis und ihr könnt ihn treffen. (Mario Tennis Aces - Test)

Im Rahmen der Werbekampagne für Mario Tennis Aces hat Nintendo den Realmodus besonders hervorgehoben. Realmodus, das bedeutet vor allem Bewegungssteuerung. Ihr nehmt also die Joy-Cons von der Konsole und benutzt sie zum Tennisspielen wie anno dazumal die Wiimote. Die Konsole erkennt Vorder- und Rückhand dabei ganz gut, wann die Spezialschläge ausgelöst wurden, war mir allerdings nicht so wirklich klar. Die Figur läuft jedenfalls automatisch immer dorthin, wo der Ball aufkommt, wichtig ist eigentlich nur, dass ihr nicht vorher zum Schlag ausholt, denn dann bleibt sie stehen.

Der Realmodus enthält außerdem eine etwas seltsame Mechanik, wenn ein Ball ins Aus geht - dann nämlich könnt ihr euch beim Schiedsrichter beschweren, der letzte Schlag wird daraufhin noch einmal überprüft. Das funktioniert gewissermaßen mit einer Art Videobeweis, in den ihr nicht großartig eingreifen könnt. Die Entscheidung des Unparteiischen wird dann entweder bestätigt oder auch nicht. Hätte man sich auch sparen können, macht aber auch nichts schlechter. Ich betrachte den Realmodus insgesamt eher als eine Art Dreingabe, die Nintendo integriert hat, weil sich Bewegungssteuerung für ein Tennisspiel nun mal anbietet.

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Trefft hier bloß nicht den Mast in der Mitte. (Mario Tennis Aces - Test)

Wir sind aber immer noch nicht mit den verschiedenen Modi fertig, die euch Mario Tennis Aces bietet. Es gibt nämlich auch noch das Turnier, hier könnt ihr in verschiedenen Schwierigkeitsgraden schlicht ein Tennismatch nach dem anderen Spielen. Verliert ihr, scheidet ihr aus, gewinnt ihr, kommt ihr in die nächste Runde. Sowohl im Mehrspielermodus als auch hier könnt ihr eure Figur im Gegensatz zum Abenteuermodus frei wählen, manche sind langsamer und schlagen dafür stärker, umgekehrt gilt das Gleiche.

Eine Reihe von Optionen stehen euch außerdem zur Verfügung: Ihr könnt etwa separat einstellen, wie gut eure Gegner spielen sollen oder einen sogenannten Einfach-Modus wählen. Der wiederum ist eher was für Tennis-Puristen, denn dort entfallen die übernatürlichen Fähigkeiten wie Ziel- oder Spezialschlag.

Übrigens funktioniert Mario Tennis Aces sowohl im Handheld-Modus als auch auf dem Fernseher bestens - wer natürlich den Realmodus nutzen will, sollte am besten auf dem Fernseher spielen, um auch gut zu sehen, was er tut. Nach dem Launch des Spiels will Nintendo regelmäßig Turniere veranstalten, außerdem soll es eine Art Weltrangliste geben. Wie die genau funktionieren wird, entzieht sich aktuell meiner Kenntnis, aber selbst wenn sie gar nicht da wäre - Mario Tennis Aces lohnt sich auch ohne dieses Feature.

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Der Turniermodus: Am Ende winkt hier der Blumen-Pokal. (Mario Tennis Aces - Test)

Mario Tennis Aces ist ein wahres Feuerwerk an Optionen und verschiedenen Modi und ich bin mir ziemlich sicher, dass für jeden was dabei ist. Der Abenteuermodus eignet sich am besten, um das Spiel kennenzulernen, aber nicht nur dafür - es ist einfach nett, mal wieder über eine klassische Mario-Oberweltkarte zu laufen, auch wenn dahinter kein Platformer steckt. Der Mehrspielermodus macht großen Spaß, wenn alle Spieler wissen, wie sie am ehesten die Spezialfähigkeiten der Figuren ausspielen können, der Realmodus ist für Partys super und so ein Turnier ist ideal für alle, die mal nebenbei eine halbe Stunde Zeit totschlagen wollen.

Für Tennis interessiere ich mich immer noch nicht wirklich. Ihr vielleicht auch nicht. Aber Tennis ist nicht Mario Tennis. Und wenn ihr dem nicht zumindest eine Chance gebt, dann habt ihr was verpasst.

Entwickler/Publisher: Camelot/Nintendo - Erscheint für: Switch - Preis: etwa 60 Euro - Erscheint am: 22. Juni 2018 - Getestete Version: Switch - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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