Es gibt bestimmte Erfindungen, die macht man nur schwerlich besser, indem man etwas an ihnen ändert. Das Rad wäre so eine. Klar, Evolutionen was die Materialien und andere Feinheiten angeht, kamen über die Jahrtausende hinzu. Aber die Funktionalität blieb im Grunde die gleiche. Mechanische Tastaturen sind in einer ähnlichen Situation. Hardware, die in Form und Funktion seit Jahrzehnten aus gutem Grund keine maßgebliche Erweiterung erfahren hat.

Das führt direkt zu einer Situation wie heute: Dank etablierten Standards, was Switches und Co. angeht, scheint es mittlerweile schwieriger, eine schlechte Tastatur zu bauen, als in einem unaufgeregten Paket etwas abzuliefern, das sein Geld wert ist. Auffällige Geräte der letzten Jahre stachen durch Verarbeitungsdetails (Aluminium!), Rand-Features wie abnehmbare Ziffernblöcke, Sondertasten, USB-Ports oder Beleuchtungsspielereien oder einen bemerkenswerten Preis auf.

1
Zurückhaltend, wenn man von der Regenbogenparade mal absieht, und irgendwie schon schön.

Designs von schlicht und "understated" über technokratisch auffällig bis hin zu G4mz0r!1! tun ihren Teil dazu, dass jeder das Gerät findet, das zu ihm passt. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass es besonders aufregend wäre, diese Tests zu schreiben oder zu lesen. Und dann kommt plötzlich ein kleines niederländisches Unternehmen daher und liefert wirklich mal was Neues. Die Wooting One will Maus- und Tastaturspielern die Freuden analoger Bewegung beibringen.

Im Grunde ist das vonseiten des Herstellers messersscharf analysiert. Wenn ich an Konsolen eines schätze, dann ist es die Bewegungsfreiheit, die ein analoger Controller meiner Spielfigur gewährt. Weil mechanische Taster aber genau das nicht zulassen - sie kennen nur die Zustände gedrückt oder nicht -, muss man als Maus-und-Keyboard-Spieler auf derartige Feinheiten verzichten. Es ist der eine Kritikpunkt, den sich diese Steuerungsmethode gefallen lassen muss und genau hier setzt die Technik an, die in Wootings erster Tastatur, einer schlanken, gutaussehenden Tenkeyless (lies: "ohne Zehnerblock") steckt.

2
Ohne Licht ...

In der Tastatur wohnen je nach Geschmack rote oder blaue Flaretech-Switches, die recht exakt das gute Gefühl ihrer Cherry-MX-Gegenstücke emulieren. Wüsste ich es nicht besser, ich wäre sicher, es handelte sich um das deutsche Traditionsprodukt, das weltweit den Standard optimaler Key-Haptik darstellt. Allerdings stecken diese Switches eigentlich nur fürs Tippgefühl drin, denn die wirkliche Arbeit verrichtet eine auf Lasertechnik basierende Sensorik, die abließt, wie tief ihr die Tasten hineindrückt.

Wie der Rest genau funktioniert, ist im Grunde nicht so wichtig. Ihr müsst nur wissen, dass die Wooting One, sobald das abnehmbare, textilummantelte USB-Kabel steckt, per Xinput- oder wahlweise Directinput-Protokoll dem Rechner vorgaukelt, dass sie ein analoger Controller ist. Zumindest, sobald ihr per Modustaste vom digitalen zu einem der drei voreingestellten und beliebig anpassbaren Analogprofile wechselt. Dann liegt standardmäßig (könnt ihr ändern) das, was normaler weise der linke Stick macht, also die Bewegung, auf WASD, während ihr das Umschauen per Maus erledigt.

3
... und mit. Die Farbzuweisung geschieht übrigens per Klicken und Ziehen einfach und schnell.

Das funktioniert längst nicht in allen Spielen optimal, obwohl die Tastatur von allem, was einen Xbox Controller annimmt, ausnahmslos erkannt wird. Rainbow Six Siege verhaspelt sich zum Beispiel, wenn es Controller und Maus kombiniert sieht, in GTA 5 darf man damit aber immerhin analog beschleunigen und bremsen, was schon eine nette Steigerung darstellt. Die Community ist bereits eifrig dabei, auf Reddit Profile zu erstellen und zu tauschen und Spiele wie Overwatch, Rocket League oder Trackmania Turbo funktionieren tadellos auf diese Weise. Vor allem in Rennspielen tun sich Maus-und-Tastatur-Spielern vollkommen neue Möglichkeiten auf.

Man wird abwarten müssen, inwieweit es flächenwirksam funktionieren wird und selbst dann stört sich vielleicht noch der eine oder andere daran, dass Spiele euch die Xbox-Buttons anzeigen, wenn ihr auf der Tastatur herumdrückt, mit jedem Druck der linken Maustaste aber wieder die PC-Bindings über das Geschehen legt. Aber selbst dann wäre dieses Experiment der neuartigen Sensorik es noch wert gewesen. Denn nicht nur für Tüftler sind die Möglichkeiten einer Tastatur, die weiß, wie tief ihr ihre Tasten hineindrückt, einfach enorm.

4
Das Chassis ist aus robustem Kunststoff gefertigt, die Oberseite aus Aluminium.

Die unaufdringliche und potente Software ("Wootility") ermöglicht zum Beispiel das Anlegen von DKS, "Double Key Strokes", eine Doppelbelegung, bei der ihr einer Taste zwei Funktionen zuweisen könnt, je nachdem, wie tief ihr drückt. Granate zielen bei 1,7mm Auslöseweg und werfen bei vollausschlag? Ebenso möglich wie in einem MOBA wie League of Legends seine Skills vorzukochen und dann im richtigen Moment durchzuziehen. Auf den 1,5 bis 3,6 Millimetern Auslöseweg passiert kann eine ganze Menge passieren und da hätten wir von den Möglichkeiten in Musikanwendungen noch gar nicht gesprochen.

Besonders gut dürfte vielen aber gefallen, dass sie den Auslösepunkt der Tasten selbst frei bestimmen dürfen. Gut, wer die klickenden blauen Switches bevorzugt, der wird sich an den voreingestellten Wert halten, da dieser dem fühlbarem Auslösepunkt entspricht (aber wer diese Switches nimmt, schert sich um die Analogfunktion vermutlich ohnehin eher weniger, denn mit dem linearen Hubweg der roten ist man einfach besser bedient.

Das Gute: Wen all das nicht interessiert, der bekommt trotzdem eine fabelhafte mechanische Tastatur von schönem Design und fast konkurrenzloser Langlebigkeit zu einem wettbewerbsfähigen Preis. Mattes Aluminium ziert die Oberseite eines wertigen Stücks Peripherie, alle Tasten sind vollständig RGB-beleuchtet und lassen sich mit verschiedensten Effekten versehen, 1ms Reaktionszeit hat auch nicht jeder, ebensowenig wie ein echtes NKey-Rollover. Noch mehr Mut als die großzügigen zwei Jahre Garantie machen das abnehmbare Kabel, das man an der Unterseite durch einen Tunnel links, rechts oder mittig verlegt - und die jederzeit wechselbaren Switches.

5
Nette Kabellösung an der Unterseite inklusive.

Richtig gelesen: jeder einzelne Switch - nicht nur die Tastenkappe - ist per mitgeliefertem Werkzeug im laufenden Betrieb auswechselbar. Ihr wisst schon, nur für den Fall, dass euch die versprochenen 100 Millionen Anschläge nicht ausreichen. Wie zum Beweis liefert Wooting sogar vier rote und vier blaue Switches mit. Für etwaige Reparaturen, einfach als Kostprobe der jeweils anderen Ausführung oder vielleicht, weil ihr bestimmte von euren Tasten eventuell doch gern clicky beziehungsweise leise und linear hättet? Sehr zuvorkommend ist es in jedem Fall, auch wenn manche monieren, dass die Stecklösung in einem etwas losen Gefühl resultiert, wenn man mit aufliegenden Fingern an den Tasten wackelt. Als störend empfand ich das nicht.

Ach ja: Dedizierte Sondertasten gibt es nicht, was in einem schlanken, übersichtlichen Look resultiert. Aber per fn-Taste bedient ihr von "Einfügen" bis "Bild ab" flinken Fingers eure Medien oder reguliert mithilfe von "Druck" und "Pause" fast stufenlos die leuchtstarken LEDs. Die Software ist eine der saubersten und - ich schrieb es bereits - unaufdringlichsten in diesem Business. Alles ist so gut wie selbsterklärend, Änderungen speichert sie direkt auf die Tastatur und will deshalb auch nicht permanent im Hintergrund laufen, mit irgendwelchen Clouds synchronisieren oder mittels des x-ten nur für dieses Teil angelegten Accounts mit etwaigen anderen Software-Modulen interfacen (hallo, Razer!). Ihr stellt sie an, wenn ihr was ändern wollt, und vergesst den Rest der Zeit einfach, dass ihr sie habt.

Einziger Kritikpunkt: Wenn aus einem bestimmten Winkel grelles Licht seitlich auf die Tastatur fällt, können die Laser gestört und manche Tasten wie von Geisterhand ausgelöst werden. Das weiß ich aber nur vom Hörensagen, genauso, wie ich so erfuhr, dass dem ohne größeren Aufwand entgegenzuwirken ist. Passiert ist es mir selbst nicht. Und wem die Sonne auf den Spieltisch knallt, der hat ohnehin irgendwas falsch gemacht. Aber ich will es nicht unerwähnt lassen, für den Fall, dass ihr hiermit im sonnendurchfluteten Loft unterm Glasdach zu spielen gedenkt.

All das hat natürlich auch seinen Preis und obwohl die Wooting One mit 140 Euro nicht ganz billig ist, ist sie in ihrem Segment in bester Gesellschaft und hat gleichzeitig das eine oder andere einzigartige Argument allein auf ihrer Seite. Und das, obwohl Verarbeitungsqualität und Ausstattung alleine schon jeden Cent der gefragten Summe rechtfertigen. Wer jetzt neugierig geworden ist, schaut sich den Kickstarter für die Wooting Two an, die Fullsize-Version der One. Der läuft noch 12 Tage, hat sein Finanzierungsziel bereits bequem erreicht und dürfte aktuell die günstigste Variante sein, sich jetzt schon eine der noch in diesem Jahr vom Band laufenden Nachfolgetastaturen zu sichern. Wer mit 125 Euro backt, bekommt im November seine eigene und hat eine sympathische Firma unterstützt, die eine klare Vision für ihr Produkt verfolgt.

Im Hier und Jetzt ist wichtig: Die Wooting One ist eine wahnsinnig performante und gut ausgestattete Tastatur mit einer zündenden Idee, die man für spannende Sachen nutzen kann - oder das kreativeren Leuten überlässt. Verarbeitung, Lieferumfang und enthaltene Features dürften auch Leuten zusagen, die die analogen Möglichkeiten des Geräts nicht nutzen wollen. Sie ignorieren einfach das hervorstechendste Merkmal des Keyboards und freuen sich über ein Stück Technik mit toller Haptik, das auch im Vergleich mit einigen seiner besten Konkurrenten noch blendend dasteht. Weitersagen!

Anzeige

Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

Mehr Artikel von Alexander Bohn-Elias

Kommentare (8)

Verstecke Kommentare mit niedrigen Bewertungen
Sortierung
Threading

Weitere Inhalte