Stellt euch vor, es sind draußen zirka 30 Grad bei schönstem Sonnenschein und ein Freund fragt euch, ob ihr Bock hättet, mit ihm stundenlang durch die Stadt zu schlendern. Ihr zögert, seid ob des Wetters unentschlossen, rauszugehen. Kaum im Freien, weht euch eine leichte, kühle Brise um die Nase. Ihr geht in den Park und vor euch herrscht reges Treiben, viele andere hatten die gleiche Idee wie ihr und laufen mit ihren Handys über die Wiese, um die Umgebung zu erkunden. Denn hinter Bäumen, Büschen und zwischen bunt blühenden Rosenbeeten versteckten sich am 30. Juni und 1. Juli in Dortmund im Westfalenpark sonnenanbetende Pokémon, die darauf warteten, in die Pokébälle der fleißigen Trainer zu kommen. Als besonderen Fang stellte Niantic für alle das Pokémon Corasonn und Icognito mit den Buchstaben D-O-R-T-M-U-N bereit. Darüber hinaus konnten Pokémon-Go-Spieler ein schillerndes Roselia in ihren Besitz bringen.

Als wir mit einer unplanmäßigen Verspätung im rund 290 Kilometer entfernten Westfalenpark von Dortmund eintreffen, ist die Stimmung entspannt. Wie sehr Pokémon Go auf das Spielen in der Gemeinschaft setzt, ließ sich vor einigen Tagen hautnah erleben. Neben dem häufigen Blick aufs Handy fiel auf, dass nahezu keiner der Teilnehmer für sich spielte, sondern zu zweit oder in größeren Gruppen durch den Park liefen und dass von 1 bis 99 alle Altersklassen vertreten waren. Viele Familien nutzten die Gelegenheit für einen gemeinsamen Ausflug und eine ältere Dame schlängelte sich langsam mit ihrem Elektromobil und einem per Handyhalterung an der Lenkstange angebrachten Smartphone durch die Besucherströme. Viele trugen durch die drei Teams im Spiel inspirierte Kleidung oder Accessoires, vereinzelt waren Cosplayer zu sehen - eine verkleidete sich zum Beispiel als Misty - und ein weiterer Besucher trug ein Pikachu auf seiner Schulter mit sich durch die Gegend.

An diesem Wochenende veranstaltete Niantic in Kooperation mit der Stadt Dortmund die Pokémon Go Safari Zone, bei der im 70 Hektar großen Westfalenpark und im gesamten Dortmunder Stadtgebiet viele seltene Pokémon auftauchten. Nach Angaben von Niantic fingen die Spieler an beiden Tagen 28,6 Millionen der Kreaturen. Mehr als 170.000 Spieler aus aller Welt reisten dafür in die Ruhrgebietsstadt und begaben sich in den Straßen der Metropole auf die Suche nach einem guten Fang.

Das Event markierte den Auftakt der Pokémon Go Sommertour, bei der ähnliche Ereignisse an zwei weiteren Orten stattfinden werden. Das Pokémon Go Fest 2018: A Walk in the Park in Chicago steht am kommenden Wochenende (14. und 15. Juli) auf dem Programm und eine Safari Zone im japanischen Yokosuka ist für den Zeitraum vom 29. August bis 2. September geplant.

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Die Team-Lounges spendeten Schatten im sommerlichen Dortmund.

Wer am Samstag in Dortmund ankam und die App startete, bekam einen Eindruck von der aktiven Community des Spiels. Die Lockmodule an den zahlreichen Pokéstops der Stadt brannten lichterloh für mehrere Stunden und die Farben der Arenen wechselten im Sekundentakt. Nach einigen anfänglichen und erheblichen Serverproblemen von Niantic zu Beginn des Events, das samstags um 9 Uhr startete, arbeitete die Technikabteilung schnell an einer Lösung. Am späteren Mittag liefen die Netze von Vodafone, O2 und Telekom dann weitestgehend stabil. Über Lautsprecher wurden die Spieler über neue Fortschritte informiert sowie über Twitter auf dem Laufenden gehalten.

Als wir im Park spazierten, hatten wir nahezu keine technischen Probleme, unsere Netze blieben stabil und die App konnte ohne Probleme neu gestartet werden. An diesen warmen Tagen waren schattige Plätzchen heiß begehrt, in der Sonne hielt sich keiner der Trainer länger auf als er musste. Und falls doch, verteilte der Veranstalter Pikachu-Caps mit Ohren - natürlich nicht, ohne darauf nochmals auf das kommende Pokémon Let's Go für die Switch hinzuweisen.

Von der geballten Masse an Spielern bekamen wir wenig mit, da sich der Westfalenpark über eine enorme Größe erstreckt und alle seltenen Pokémon auch im Stadtbereich auftauchten. Um die seltenen Kreaturen zu fangen, war ein Besuch des Parks daher nicht zwingend notwendig. Ebenso hatte sich bis zum Nachmittag die Situation entspannt. Vom anfänglichen Ansturm war nicht mehr viel zu sehen und die Spieler verteilten sich mehr über das Stadtgebiet.

So blieb uns ein langes Anstehen an einem der sechs Eingänge erspart und wir konnten uns ohne Probleme ins Getümmel stürzen. Über Whatsapp, Telegram sowie Mundpropaganda waren die Spieler immer auf dem neuesten Stand. Tauchte an einer bestimmten Stelle ein 100er Icognito auf, führte das dazu, dass sich alle in diese Richtung aufmachten. Wer nach stundenlangem Spaziergang oder aufgrund der sommerlichen Temperaturen eine Pause brauchte, konnte auf Sitzsäcken unter Bäumen oder in den Lounges an Bänken der jeweiligen Teamfarbe Platz nehmen und ins Gespräch kommen. Aktuelle Pop-Hits aus dem Radio dröhnten aus den Lautsprechern und Ess- und Trinkstände versorgten alle Besucher wahlweise mit kühlen Getränken oder Wraps, Würstchen oder Kebab. Durch eine Fahrt mit dem Sessellift ließ sich der Park aus der Luft entdecken und zu bestimmten Zeiten hatten Besucher die Möglichkeit, ein begehrtes Foto mit Pikachu zu ergattern.

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Für Verpflegung war vor Ort bestens gesorgt.

Im Park und in der Stadt spawnten Pikachu, Icognito, Karpador, Larvitar, Wablu, Roselia, Corasonn oder Aerodactyl direkt nebeneinander und ließen die Pokébälle rund laufen. Bei vielen davon gab es eine erhöhte Chance auf eine schillernde Variante, ein zusätzlicher Anreiz für den Besuch in Dortmund. Trainer, die die Pikachu-Medaille bislang noch nicht auf Gold haben, konnten diesen Zustand definitiv aufbessern.

Wer dabei denkt, dass man im Park mit so vielen Besuchern niemals Treffpunkte ausmachen kann, der irrt. Wir hatten es geschafft, uns mit drei Pokémon-Spielern aus unserer Stadt vor Ort in Dortmund zu treffen, ohne einander zu verpassen. Die restlichen Stunden des Tages verbrachten wir gemeinsam mit der Jagd. Wir liefen hin und her, suchten nach fehlenden Icognito-Buchstaben, nahmen das eine oder andere schillernde Pokémon mit und sammelten jede Menge Erfahrungspunkte. Nach dem anstrengenden und ermüdenden Spaziergang in der Hitze ließen wir den Abend gemütlich in einem Restaurant ausklingen - natürlich in einem mit drei Pokéstops vor der Tür, wo sonst?

Am nächsten Morgen war bei den Trainern von Müdigkeit nichts zu spüren. Bevor wir am frühen Nachmittag abreisten, schlenderten wir rund anderthalb Stunden durch die Stadt. Diese war am Sonntagmorgen mit massenhaft Trainern gefüllt. Auch hier zeigte sich das bekannte Bild vom Vortag mit Älteren, Jüngeren und ganzen Familien, die mit ihren Handys in der Hand auf einen guten Fang hofften. Und erinnert ihr euch an die Oma mit Elektromobil vom Anfang des Textes? In der Innenstadt war ebenso eine ältere Dame auf einem solchen Gefährt unterwegs - mit gleich drei Smartphones. Das nennt sich Engagement. Mit einem davon fing sie Pokémon für ihren Enkel, der anscheinend nicht dort sein konnte. Das ließ sich zumindest am Rande einem Gespräch mit anderen PoGo-Begeisterten entnehmen. Im Allgemeinen zeigten sich viele der Spieler kommunikativ, kamen miteinander ins Gespräch oder bildeten Grüppchen. Aus jeder Ecke war etwas mit Bezug zu Pokémon Go zu vernehmen, ob Freudenschreie bei gefangenen schillernden Pokémon oder allgemeine Unterhaltungen rund um das Spiel. Und die Geschäfte, die an diesem Tag geöffnet hatten, freuten sich - ausgehend von den zum Teil langen Schlangen - über einen gesteigerten Umsatz.

Die anfänglichen Probleme des Safari-Zone-Events weckten böse Erinnerungen an das erste Pokémon Go Fest, das letztes Jahr in Chicago stattfand. Dort gab es so viel Ärger mit der Technik, dass Niantic später eine Summe in Höhe von 1,5 Millionen Dollar als Entschädigung für Teilnehmer bereitstellte. Damit ist aufgrund der Probleme bei der Safari Zone in Dortmund nicht zu rechnen. Als Entschuldigung war Corasonn letzte Woche zwei Tage lang in ganz Europa anzutreffen. Somit profitierten auch Spieler davon, die nicht in Dortmund waren.

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Auf dem großen Areal des Westfalenparks konnten sich die Spieler gut verteilen.

Das Netzwerk und die Stabilität zählten mit zu den wichtigsten Dingen, die Niantic aus den Problemen des Go Fests lernte. Das verriet Anne Beuttenmüller, Head of Marketing EMEA bei Niantic, im Gespräch mit Eurogamer.de.

"Unser allererstes Anliegen war natürlich, das Netzwerk stabil zu halten", sagt sie. "Wir haben mit allen drei großen Netzanbietern zusammengearbeitet und noch ein WLAN-Netzwerk installiert. Das hatte oberste Priorität, zusammen mit der Sicherheit, dem Handling von großen Menschenmassen."

Hier ging das Unternehmen eine Kooperation mit einer erfahrenen Agentur ein, die normalerweise die BVB-Spiele betreut. Speziell an den Eingängen installierte Systeme sorgten für eine Erfassung der Besucher, um jederzeit zu wissen, wie viele Personen sich auf dem Gelände befinden.

Als Austragungsort für das Safari-Zone-Event kamen ausschließlich mehrere große deutsche Städte infrage, für drei deutschen Mitarbeiter im hiesigen Niantic-Büro ein Heimspiel. Das Unternehmen bat Agenturen darum, ihnen verschiedene Locations für ein Event vorzuschlagen. Für Dortmund sprach Beuttenmüller zufolge unter anderem die Tatsache, dass die Stadt hinter dem Konzept stand. Gleich zu Beginn gab es zum Beispiel eine Einladung vom Bürgermeister. Das Team hatte das Gefühl, dass die Stadt der Idee gegenüber offen ist und sie willkommen heißt.

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Der Westfalenpark hatte auch abseits der Pokémon einiges zu bieten.

Ebenso überzeugte der Park als Location für die Veranstaltung. "Er ist riesig, er ist schön. Er animiert die Leute dazu, sich zu bewegen. Es gibt überall kleine, tolle Details, die man entdecken möchte", erzählt sie. "Er hatte die richtige Größe, hat uns sofort überzeugt und bietet eine super Anbindung. Man kann ganz toll von allen Ländern Europas anreisen. Und bei der Agentur hatten wir das Gefühl, dass sie das, was wir angefragt hatten, am allerbesten umgesetzt haben." Die Planungen für das Event nahmen ein Jahr in Anspruch. Niantic besuchte während der Vorbereitungen mehrmals die Stadt und den Park.

Dass mehrere Events dieser Größenordnung parallel stattfinden, ist nicht zu erwarten. Aufgrund der langen Planungsphase ist der organisatorische Aufwand zu groß. Ein einmaliges Event in Europa pro Jahr ist jetzt aber allem Anschein nach ein Teil von Niantics Plänen. Bei kleineren Events wie in den Uniball-Shopping-Centern, die sich an 2.000 bis 5.000 Spieler richten, besteht jedoch die Option, dass sie an verschiedenen Orten gleichzeitig stattfinden.

Überhaupt gab es in diesem Jahr einiges an In-Game-Events. Es geht Schlag auf Schlag im Spiel mit kurzen Pausen dazwischen. Dieses Tempo möchte Niantic beibehalten und den Spielern so viele Anreize zum Spielen geben, betont sie. Das gilt vor allem für den Sommer, wenn die Leute mehr nach draußen gehen. Was nicht heißt, dass die Entwickler die Frequenz im Herbst oder Winter runterfahren.

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Auch am Sonntagmorgen war die Dortmunder Innenstadt prall gefüllt.

Von den neuen Geschenken, die Pokémon-Go-Nutzer untereinander tauschen, profitieren vor allem die Spieler in ländlicheren Regionen. Trainer rufen andere dazu auf, andere in den weniger mit Pokéstops gesegneten Bereichen zu unterstützen und tauschen Freundescodes mit ihnen. Niantic ist sich auf jeden Fall bewusst, dass es diese Spieler schwer haben. "Da kommen noch einige Verbesserungen, die auch ganz sicher diesen Spielern zugutekommen", versichert sie. Optimierungen und Weiterentwicklungen sind ebenso bei den neuen Social-Features zu erwarten.

Was diese Zukunftspläne betrifft, blieb sie Antworten schuldig. Spieler hatten vor einiger Zeit Hinweise im Spielcode gefunden, wonach in Zukunft das Einreichen von Pokéstops möglich ist. Dazu sagte Beuttenmüller ebenso wenig wie zu den PvP-Kämpfen - "daran wird gearbeitet" - oder einer etwaigen offiziellen Map, die bei der Raidkoordination hilft.

Ein leidiges Thema im Spiel sind die Spoofer, die fröhlich zuhause sitzen und sich an Arenen teleportieren, um andere Spieler rauszuwerfen. Für Niantic ist es laut Beuttenmüller ein ständiger Kampf, in dem die Entwickler versuchen, die Oberhand zu behalten.

"Wir arbeiten da ständig dran, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel", sagt sie. "Hat man ein System implementiert, gibt es wieder Leute die es knacken und andere Wege finden. Das Wichtigste dabei ist, dass wir dranbleiben und es ihnen immer schwierig machen. Aber ich glaube, das Problem werden wir immer irgendwie haben. Wir müssen nur on top bleiben und es ihnen nicht einfach machen."

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An beiden Tagen versammelten sich Spieler zum Gruppenfoto.

Es sei eine technische Herausforderung und das Team arbeite unter Hochdruck daran, sich neue Ideen zur Bekämpfung von Schummlern einfallen zu lassen. Falls ihr es noch nicht wusstet: Spoofer lassen sich hier beim Support melden.

Bis im November mit Pokémon Let's Go Evoli und Let's Go Pikachu neue Pokémon-Spiele erscheinen, bringt ihr in Pokémon Go noch einige Kilometer hinter euch. Nach einem etwas ruhigen Start im Jahr 2016 scheint Niantic so langsam in Schwung zu kommen.

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Über den Autor:

Benjamin Jakobs

Benjamin Jakobs

Editor, Eurogamer.de

Seit 2006 bei Eurogamer.de dabei, Redakteur und hauptverantwortlich für den Newsbereich. Begann seine Spielerlaufbahn auf dem PC mit Wing Commander, UFO und dem Bundesliga Manager, spielt mittlerweile aber hauptsächlich auf den Konsolen, genauer gesagt Xbox One, Xbox 360, Switch, PS4, Wii U, PS3 und 3DS. Ist grundsätzlich für viele Spiele und Genres offen und mag vieles, was mit Science-Fiction zu tun hat, kann aber mit JRPGs nicht wirklich viel anfangen. @f1r3storm auf Twitter.

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