PUBG ist im E-Sport angekommen - und das hat nicht nur mit Geld zu tun

Aber ob es dort auch bleibt?

Puristen rümpfen über PUBGs E-Sport-Ambitionen schon länger die Nase - und haben eigentlich Recht damit. Es stimmt, dass Battlegrounds' Skill-Decke mit ballistischem Waffenmodell, Ausrüstungs- und Kartenkenntnis sowie taktischen Teammanövern prinzipiell nach oben offen ist und damit bessere Spieler eindeutig den Vorteil auf ihrer Seite haben. Aber es liegt in der Natur dieses Modus', dass Kollege Zufall nun mal eben auch immer mit an Bord ist, noch bevor sich die Teams über der Insel aus dem Flieger stürzen. Im E-Sport ein ungern gesehener Mitspieler.

Wo wird der Kreis sein, wo kommen Bombenhagel runter, wo die Airdrops - und findet man beim Looten all die Aufsätze und Ausrüstung, die man braucht, um in den kommenden Konfrontationen nicht ins Hintertreffen zu geraten? Im normalen Online-Betrieb kommen technische Schwierigkeiten hinzu, allen voran Cheater, eine durchwachsene Performance von Server und Game-Client und eine Tickrate, die mit der Zahl der noch lebenden Spieler schwankt. Alles Dinge, die ihrerseits Überzeugungsarbeit leisten, PUBG hätte im professionellen Sportbetrieb nichts zu suchen. Auf Spielernachwuchs muss das eigentlich abschreckend wirken.

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Präsentation 1 mit Sternchen, auch wenn die Arena sich nur auf den besten Plätzen halbwegs voll anfühlte. Publikumsmäßig hätte vielleicht eine kleinere Halle auch gereicht. Die Frage wäre gewesen, ob der spektakuläre Bühnenaufbau dann auch möglich gewesen wäre.

Trotzdem: Nach den vergangenen vier Tagen und einem erfolgreichen PUBG Global Invitational in Berlin hat man das Gefühl, für PUBG wäre eben doch ein Platz im publikumswirksamen elektronischen Sportzirkus. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Bluehole das Turnier in der Berliner Mercedes-Benz Arena wahnsinnig gut präsentierte. Die für Musikkonzerte oft so steril und persönlichkeitsbefreit erscheinende Halle wirkte als Bühne für einen Wettbewerb unter 80 Spielern mit all ihren Displays und stimmungsvoller Lichtshow umso besser, auch wenn die Halle selbst am Sonntag nie wirklich voll war.

Der runde, dreigeschossige Bühnenaufbau (das obere war für die Preisverleihung reserviert) ließ die Zuschauer von allen Seiten einen Blick auf eine gleichmäßige Anzahl an Teams werfen und die ace-Cams unter jedem Team blendeten ausgeschiedene Spieler und schließlich Mannschaften einfach aus, was ein ebenso netter Touch war wie die blauen Spotlights, die die Bühne umringten, wie der tödliche Kreis im Match die zu bespielende Zone einkreist. Die Regie machte gute Arbeit, die Videoleinwände brachten mit kluger Aufteilung Übersicht in das Geschehen, dem gerade in der mittleren Match-Phase oft schwierig zu folgen ist - was will man schon machen, wenn bis zu 80 Spieler alle gleichzeitig ihr Ding machen!? - und die Caster waren bestens aufgelegt.

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Dafür war auch am Rande des Events immer eine Menge los. Viele Besucher begriffen das Turnier offenbar auch als Get-Together.

Ich bin sicher, den einen oder anderen Highlight-Spielzug wird man bei diesem Auflauf an Spielern verpasst haben. Da sich aber im Turnierverlauf zügig einige Platzhirsche herauskristallisierten, gelang es der Regie zusehends, das Augenmerk auf die wesentlichen Akteure zu richten. Team Liquid, WTSG und OMG waren sowohl im Third-Person- als auch im First-Person-Turnier unter den ersten vier Teams. Ghost Gaming, Gen. G Gold, Natus Vincere und die Pittsburgh Knights waren hüben wie drüben unter den ersten Zehn. Ein bisschen Schwund war immer, aber die Caster und die virtuellen Kameraleute wussten eigentlich meistens, wo sie hinzuschauen hatten.

Und auch dem Zufallsfaktor konnten die Veranstalter zumindest ein wenig den Zahn ziehen. Pro Turnier - egal ob Schulter- oder Ego-Perspektive - wurden acht Partien ausgefochten. Acht Mal in Folge schiebt niemand Erfolg oder Niederlage auf Loot-Glück oder Kreispech. Das bedeutet natürlich auch, dass theoretisch jemand ein Turnier gewinnen kann, ohne auch nur ein Chicken Dinner geholt zu haben. Aber es ist eben die Gesamtpunktewertung die zählt und bei der man ins Kopfrechnen kommt. "Ist OMG im letzten Match noch einzuholen?" - waren sie, beinahe jedenfalls. Die Chinesen erwischten einen rabenschwarzen zweiten Tag und waren am Ende mit 3.425 Zählern nur gut 200 Punkte und ihre anständige zweite Runde vor Team Liquid, die eine sagenhafte Aufholjagd hingelegt hatten.

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Brendan 'Playerunknown' Greene überreicht FPP-Sieger OMG den Hauptgewinn: 400.000 Dollar und goldene Bratpfannen.

Das ist vielleicht der eine Punkt, den die Veranstalter etwas transparenter hätten machen können: Was die Verfolger-Teams tun müssen, um die Lücke zu schließen. Auch wenn es rein rechnerisch mit Anbruch der letzten Partie vermutlich schon entschieden war: Wie knapp es am Ende auf der Anzeigetafel doch noch aussah, damit hatte zu Beginn des zweiten Tages sicher niemand gerechnet. Spannend war es allemal.

Das konnte man auch an der Stimmung im Publikum ablesen, denn die war trotz eines überschaubaren Füllstandes wirklich ausgezeichnet. Tosender Szenenapplaus, laute "Aaahh-" und "Ooohh-"Schreie, in die Luft gehaltene Flaggen und Transparente der zum gefühlten Großteil aus dem asiatischen Raum angereisten Fans sprachen trotz einiger freier Plätze im Rund für die Event-Tauglichkeit von PUBG.

Das ist vermutlich auch der Punkt, der mich so positiv stimmt, wenn es um PUBG als potenziellen "Big Player" im E-Sport geht: Dieses Spiel zu verfolgen, ist keine einfache Angelegenheit, nicht einmal für Leute, die es selbst spielen, von ansatzweise interessierten Gelegenheitszuschauern ganz zu schweigen. Und doch war jedes Spiel aufs Neue ziemlich mitreißend, denn wenn PUBG eines kann, dann sind es haarsträubend spektakuläre Actionfilm-Momente.

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Team Liquid hatte trotzdem den deutlich besseren zweiten Turniertag erwischt. Nachdem OMG aber an Tag eins sage und schreibe drei Chicken Dinner und einmal den zweiten Platz holte, reichte auch die Top-Leistung vom Sonntag nicht.

Man muss gar nicht begreifen, was hier passiert, wenn ein Spieler auf der Kuppe eines Berges auf der heimtückisch zu befahrenden Miramar-Karte bei Höchstgeschwindigkeit die Kontrolle über sein Fahrzeug verliert und sich unter den Augen eines Gegners zu überschlagen beginnt: 20 Meter, 50 Meter, 100 Meter, während der zweifellos amüsiert zuschauende Feind das Sturmgewehr voll in diesen Unfall reinhält und der Wagen noch mitten während der Karambolage explodiert. Oder wenn OMG in einem ihrer helleren Momente des zweiten Tages des First-Person-Turniers sich einen Berg hinaufkämpft und die oben in einer Hütte verbarrikadierten Gegner in einer absolut mitleidlosen Zangenbewegung geradezu exekutiert. Oder als der letzte Überlebende von Ghost Gaming im Gras liegend eine ganze Mannschaft an sich vorbeischleichen sieht und sich bereit macht, das ganze Squad von hinten auszuknipsen (Spoiler: hat nicht geklappt). Oder, oder, oder.

Es passiert in jedem Match auch im Kleinen so viel großartiges und In-Wallung-bringendes, dass es nicht schwer fällt, zu sehen, warum PUBG-Schöpfer Brendan Greene dieses Spiel als Sport sieht. Es ist nicht nur Wettbewerb, sondern vor allem auch ein Gemeinschaftserlebnis, bei dem man prima mitfiebern kann. Die guten Beobachter-Tools mit ihren auch durch Gelände und Gebäude durchscheinenden Spielern lassen einen am Gefühl des Lauerns und der Jagd teilhaben, das man als Spieler von PUBG erlebt. Mehr noch, als allsehender Zuschauer bibbert es sich umso besser, wenn man sieht, dass die Mannschaft, der man zujubelt, im Begriff ist, in einen Hinterhalt zu laufen.

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lionkk zementierte im FPP-Modus seinen Status als dominanter Spieler. Sowohl die meisten Kills als auch die längste Überlebensdauer fielen ihm zu. Errungenschaften, die mit jeweils 10.000 Dollar dotiert sind.

So oder so: Auch angesichts (oder gerade wegen) der üppigen 2 Millionen Dollar Preisgeld dürfte PUBG vermutlich von einigen E-Sport-Puristen weiter abschätzig in die Möchtegern-Ecke sortiert werden. Und das ist schon in Ordnung. Das ändert nichts daran, dass es Leute gibt, die genau das sehen wollen und viel Freude daraus ziehen. Und solche, die es nachweislich besser und erfolgreicher Spielen als andere. Das PUBG Global Invitational war für die Zuschauer und die Spieler ein gleichermaßen lohnendes Erlebnis. Das ist es, worauf es ankommt und der Grund, warum PUBG das Plätzchen im E-Sport doch verdient hat, auf das es sich zuvor ein wenig rabiat und mit viel Geld gesetzt hatte.

Wenn es Bluehole gelingt, neue Talente nicht nur aus dem asiatischen Raum anzuziehen - knapp die Hälfte der Teams in Berlin stammte dorther - und bitte, bitte endlich die Waffen im Betrachtermodus dorthin zeigen lässt, wohin die Spieler eigentlich zielen, könnte das noch lange so weitergehen. Und wenn nicht? Dann war es für die Fans trotzdem die Reise wert.

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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