Nicht wenige Survival-Spiele tendieren dazu, sich wie Arbeit anzufühlen. Ihr sucht stundenlang nach Crafting-Materialien und hängt am Ende eines erfolgreichen Tages einen Kochtopf über ein Lagerfeuer, an dem ihr ein bisschen Wildfleisch zubereiten könnt, um nur mal ein typisches Beispiel aus der Luft zu greifen. Zu oft wird dieses Schema nicht durchbrochen - einerseits weil ihr oft am nächsten Tag nur einen etwas größeren Kochtopf bauen könnt und andererseits, weil ihr häufig keine oder nur eine sehr rudimentäre Handlung erlebt, die das von euch zu überlebende Szenario stützen würde.

We Happy Few startete im Rahmen einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne als ein genau solches Spiel und entwickelte sich dann doch zu viel mehr. Die alternative Version der Geschichte, in der We Happy Few spielt, bildet nicht nur einen groben Rahmen für das Spiel, sie ist gleichzeitig der Start für eine spannende Erzählung, die ihr im Verlauf der Kampagne aus drei verschiedenen Blickwinkeln erlebt. Und die ein zentrales Thema hat: das schlechte Gewissen.

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Hier erklärt euch der beliebte TV-Star Uncle Jack gerade, wie ihr euch am besten in die Gesellschaft einfügt. (We Happy Few - Test)

Es ist nämlich nicht schön, ein schlechtes Gewissen zu haben. Wer etwas Schlimmes getan hat, bemüht sich daher, reinen Tisch zu machen. Oder er verdrängt das Geschehene. Wer etwas richtig Schlimmes gemacht hat, muss schon zu drastischeren Mitteln greifen. In We Happy Few entscheidet sich die Bevölkerung der fiktiven britischen Inselgegend Wellington Wells, künftig eine Droge namens Joy zu nehmen und so all die schlechten Erinnerungen aus dem kollektiven Gedächtnis zu verbannen. Damit das funktioniert, darf es aber niemanden geben, der diese unheimlich fröhlich machenden Pillen auf einmal absetzt, weshalb der regelmäßige Joy-Konsum oberste Staatsdoktrin ist, die es mit allen Mitteln durchzusetzen gilt.

Was in dieser Welt überhaupt passiert ist - das wisst ihr selbst nicht so recht. Ihr verkörpert zunächst Arthur Hastings, der beruflich dafür verantwortlich ist, Zeitungen zu zensieren. Dabei liest er eine Geschichte über seinen jüngeren Bruder und genau das löst etwas in ihm aus. Er beschließt also, sein Joy abzusetzen und sich auf die Suche nach ihm zu machen. Hierzu muss Arthur Wellington Wells verlassen.

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Doof. Da bin ich gerade voll auf Joy und dann will mir die ganze Stadt an den Kragen. (We Happy Few - Test)

Das gestaltet sich aber nicht gerade einfach. In der Welt von We Happy Few liegt die Okkupation Großbritanniens durch die Deutschen zwar schon wieder in der Vergangenheit, aber der Preis für die Befreiung war hoch. Die Menschen kommen nicht damit klar, was sie getan haben, weshalb sie nicht nur Joy schlucken sondern auch grinsende Masken tragen, um ihre allgegenwärtige Fröhlichkeit zu unterstreichen. Wer sich weigert, fröhlich zu sein, wird verfolgt und notfalls einfach erschlagen. Wenn ihr in We Happy Few zum ersten Mal an die frische Luft kommt, werdet ihr damit konfrontiert, dass ihr es nicht einfach haben werdet, in dieser Welt zurechtzukommen. Ihr tragt einen Anzug, seid nur mit einem Schirm bewaffnet und habt in eurem ganzen Leben keine körperliche Arbeit verrichtet. Und ihr habt Bedürfnisse, müsst schlafen, essen und trinken, alles übrigens grundsätzlich in der Ego-Perspektive. Wohingegen die Nichterfüllung dieser Bedürfnisse jedoch in anderen Survival-Spielen den unweigerlichen Tod zur Folge hätte, gibt sich We Happy Few ein bisschen liberaler. Habt ihr Hunger oder Durst, senkt das etwa eure Angriffskraft oder eure Ausdauer. Sterben könnt ihr wirklich nur durch die Hand eines Gegners.

In We Happy Few habt ihr immer die Wahl, was ihr als nächstes machen möchtet. Entweder, ihr erkundet einfach die Gegend und versucht, bessere Ausrüstung zu sammeln oder selbst welche herzustellen. Oder ihr helft in kleineren Nebenquests ein paar Passanten in der Gegend mit ihren Nöten. Oder ihr folgt der Hauptgeschichte. Die hat zahlreiche Kniffe und Wendungen, kaum ein Plan funktioniert gleich so, wie ihr euch das ursprünglich vorgestellt habt, weshalb sich We Happy Few in der Kampagne ein wenig wie eine Schnitzeljagd anfühlt. Ihr reist immer von einem Punkt zum nächsten und erledigt zwischendurch Aufgaben. Dabei lässt euch We Happy Few einige spielerische Freiheiten. So gut wie immer könnt ihr euch entscheiden, ob ihr lieber schleichen wollt oder den offenen Kampf suchen. Für beide Mechaniken könnt ihr durch Erfahrungspunkte jeweils bestimmte Skills steigern, könnt also beispielsweise besser zuschlagen oder hört die Schritte eurer Gegner schon auf größere Entfernung.

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Hier dürft ihr euch gleich gegen andere arme Irre in der Arena prügeln. (We Happy Few - Test)

In vielen Momenten hat mich We Happy Few an Bioshock erinnert. Nicht nur aufgrund der etwas bizarren Welt mit ihren durchgedrehten Einwohnern, sondern auch, weil es oft der beste Weg ist, Gegner einfach zu umgehen, statt draufzuhauen. Und weil es sich lohnen kann, Gegner in Fallen zu locken, enge Gänge beispielsweise oder auf dem Boden ausgelegte Nägel. Im Gegensatz zu Bioshock enthält das Spiel aber ausgefeiltere Schleichmechaniken - ihr könnt also beispielsweise die Schritte eurer Gegner auch durch Wände hindurchsehen und so ihre Routen besser abschätzen.

Ich habe trotzdem zu Beginn versucht, mich auf den Kampf zu spezialisieren, weil mir zum Schleichen oft die Geduld fehlt. Funktioniert hat das aber mehr schlecht als recht. Mit drei oder auch vier Gegnern gleichzeitig bin ich noch einigermaßen klargekommen, wurden es mehr, hat meine Figur meistens das Zeitliche gesegnet - und selbst wenn nicht, habe ich dabei so viele Heilungsgegenstände verbraucht, dass die darauffolgende Spielzeit etwas hürdenreicher war, als sie es bei sorgfältigerem Vorgehen hätte sein müssen. Das Speichersystem erschien mir in der vorliegenden Testversion noch etwas undurchsichtig. Bei einem Tod startete der Protagonist meistens am letzten Wegpunkt, wobei ihr vorher nicht wisst, wo der ist. Habe ich das Spiel dagegen gespeichert und wieder geladen, wurde ich häufig in den letzten Bunker zurückversetzt, in dem ich mich aufgehalten hatte. Solche Bunker könnt ihr in der Spielwelt übrigens immer wieder entdecken, sie enthalten neben Betten, in denen ihr schlafen könnt, meist eine Quelle für frisches Wasser sowie eine Werkbank, auf der ihr besondere Gegenstände herstellen könnt.

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Wenn ihr mal nicht groß auffallen wollt, empfiehlt es sich, sich einfach auf eine Bank zu setzen und Zeitung zu lesen. (We Happy Few - Test)

Vor allem in größeren Ballungsgebieten habt ihr auch mit den Auswirkungen von Joy zu kämpfen, oder eben der Abwesenheit von Joy. Ihr habt zwar eigentlich aufgehört die Droge zu nehmen, aber die ganze Welt ist nunmal darauf ausgerichtet, dass ihr es tut. Bestimmte Polizeisperren sind sogar in der Lage, automatisch zu erkennen, ob ihr gerade drauf seid oder nicht. Seid ihr es, ist alles gut, seid ihr dagegen gerade in Wirklichkeit gar nicht glücklich, werdet ihr zum Opfer des hinter der Sperre aufgebauten Blitz-Turms. (Stellt euch den einfach vor wie eine Tesla-Spule.) Wenn ihr erst mal so richtig schön auf Joy seid, erscheint die Welt nicht nur bunter, ihr werft beim Laufen auch glücklich die Arme nach oben, hüpft vor Freude herum. So lange ihr euch aber noch in der Nähe anderer Menschen, vor allem aber der allgegenwärtigen britischen Bobbys herumtreibt, solltet ihr tunlichst auf einen gewissen Joy-Pegel achten. Kommt ihr nämlich runter, ist ein Kater die unausweichliche Folge, im schlimmsten Fall übergebt ihr euch dann gegen die nächste Laterne. Das wiederum merkt die fröhliche Bevölkerung von Wellington Wells und will euch an den Kragen - wenn es sein muss, mit einem Nudelholz. Das gleiche passiert übrigens auch, wenn ihr es mit dem Joy-Konsum übertreibt. Dann hilft es nur, sich auf einer Bank auszuruhen bis das Schlimmste vorbei ist.

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Durch Level-Ups erweitert ihr eure Fähigkeiten in den Bereichen Kampf und Tarnung. (We Happy Few - Test)

Gerade wenn ihr von einem wütenden Mob durch Straßen und Gassen gejagt werdet, zeigen sich aber die logischen Brüche, die es zwischen der Geschichte von We Happy Few und seinen Spielmechaniken noch gibt. Ihr könnt den Verfolgern nämlich sehr leicht entkommen und sie wieder ruhig stimmen, indem ihr einen der oben genannten Bunker betretet. Oder indem ihr auf einen Questmarker trefft. Dann nämlich triggert das Spiel eine kurze Zwischensequenz, die Story geht weiter und danach tun alle auf einmal so, als hätten sie nie gemerkt, dass ein Joy-Konsument auf Entzug unter ihnen wandelt. Und ja, das wirkt ein bisschen wie aus einem der frühen Assassin's-Creed-Spiele. Es wirft euch aus der Immersion und sowas dürfte heute eigentlich nicht mehr passieren. Gleichzeitig war ich aber fast froh, dass es diese Möglichkeiten im Spiel gab, denn wenn euch eine halbe Stadt auf den Versen ist, werdet ihr die sonst nur schwer wieder los. Das Spiel gleicht gewissermaßen eine Schwäche durch eine andere aus. An solchen Stellen merkt man dann eben doch, dass es den Entwicklern noch nicht hundertprozentig gelungen ist, den Survival-Aspekt des Spiels mit seiner Kampagne zu vermählen.

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Das ist Sally. Zwischen ihr und Arthur knistert es ganz gewaltig. (We Happy Few - Test)

Zu einem schlechten Spiel wird We Happy Few deshalb aber nicht. Das liegt auch am ordentlichen Umfang des Spiels. An der Kampagne spielt ihr gut 20 bis 25 Stunden, je nachdem wie viel Zeit ihr mit Nebenquests oder dem Erforschen der Welt verbringt. Nach der etwa zehnstündigen Kampagne von Arthur spielt ihr danach auch noch die Chemikerin Sally, die an der Entwicklung neuer Geschmacksrichtungen von Joy beteiligt ist. Und im Anschluss daran schlüpft ihr in die Haut von Ollie, einem ehemaligen Soldaten, der als Misanthrop durch die Welt geht. Nett: Die Wege aller drei Figuren kreuzen sich im Verlauf des Spiels immer wieder, so dass ihr durch die Kampagne die Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln kennenlernt. Arthur etwa macht sich selbst bei jedem Bobby, den er um die Ecke bringt, große Vorwürfe. Ihr merkt, wie seine eigene Vergangenheit an ihm nagt.

Ollie ist das dagegen relativ egal. Um herauszufinden, was in der Vergangenheit der Figuren passiert ist, findet ihr immer wieder versteckte Masken in der Spielwelt, die Flashbacks auslösen. Ihr seht dann kurze Szenen in Schwarz-Weiß und könnt euch nach und nach zusammenreimen, was das große Böse ist, dass mit Joy aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt werden soll. Später soll darüber hinaus auch ein klassischer, freier Survival-Modus spielbar sein, den konnte ich in der Testversion allerdings noch nicht anspielen.

Dass die Geschichte Spaß macht, hat aber auch mit dem Missionsdesign zu tun. Compulsion Games erfinden das Action-Adventure hier nicht neu, aber wenn ihr die Missionen einfach hintereinander wegspielt, habt ihr trotzdem jede Menge Abwechslung. Mal müsst ihr für jemanden einen bestimmten Gegenstand beschaffen, dann eine Brücke überqueren, die schwer bewacht wird, dann in militärisches Sperrgebiet eindringen. Und während ihr so eure Wege zum nächsten Missionsziel sucht, wirft euch das Spiel am Wegesrand immer wieder reizvolle Nebenaufgaben an den Kopf. Wollt ihr vielleicht ein paar Flugblätter für einen politischen Aktivisten aufhängen? Könnt ihr schon machen, aber lasst euch bloß nicht erwischen, wartet lieber bis in die Nacht. Da sind weniger Leute unterwegs, was aber daran liegt, dass Ausgangssperre herrscht, die Bobbys sind also besonders aggressiv. Und so zieht eine Aufgabe eine andere nach sich, ob nun offizielle Mission oder nicht. Es ist sehr leicht, sich in der Welt von We Happy Few zu verlieren, die Zeit verfliegt schneller als euch lieb ist.

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Wenn ihr in We Happy Few eure Waffe wählen müsst, sind Bratpfannen und Abwasserrohre legitime Optionen. (We Happy Few - Test)

We Happy Few wirkt noch nicht hundertprozentig geschliffen, die Kanten zwischen Survival-Gameplay und Action-Adventure mit Geschichte sind noch etwas scharf. Trotzdem ist We Happy Few eine tolle Reise in eine alternative Version der Geschichte. Das Spiel beschäftigt sich auf sarkastische Weise mit der Art, in der wir Menschen mit unserem schlechten Gewissen umgehen. Es bietet gleichzeitig genügend spielerische Freiheit, sodass jeder die Welt von Wellington Wells auf seine Weise erleben kann: schleichend, kämpfend oder vor allem, indem er nützliche Werkzeuge zusammenbaut und die Spielwelt auf eigene Faust erkundet. Im Verlauf der Kampagne faszinieren die unterschiedlichen Figuren und ihr Blick auf die Welt, dadurch, wie ihr mit Joy umgeht, kommt ein strategischer Faktor ins Spiel, denn ihr wisst nie, ob ihr in der richtigen Situation wieder nüchtern werdet.

We Happy Few sprüht nur so vor Ideen und fühlt sich auch deshalb eben nicht an wie Arbeit an. Man hat das Gefühl, hier wirklich etwas zu erleben, während man mitfiebert und den Schrecken dieser dauergrinsenden Welt regelrecht einatmet. Der Weg hierher mag für Entwickler Compulsion Games nicht der einfachste gewesen sein. Aber er war jeden Schritt wert.

Entwickler/Publisher: Compulsion Games/Gearbox - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: zwischen 60 und 70 Euro - Erscheint am: 10. August 2018 - Getestete Version: PC - Sprache: deutsche Texte, englische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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