Von all den nachfolgenden Vorzügen der Definitive Edition von Divinity 2 ist der Umstand, dass ihr diese überhaupt gebündelt in Form eines separaten Artikel lesen könnt, der größte. Wo sonst reichen die Pluspunkte des Ports eines gelungenen Spiels schon für mehr als den aufgeblähten "Kauf mich!"-Text auf der Verpackungsrückseite?

Viel mehr als briefmarkengroße Screenshots und eine Handvoll technischer Buzzwords ist dort für gewöhnlich kaum zu finden, und damit wir das direkt vom Tischen haben: Jupp, letztere tauchen hier ebenfalls auf. Anstelle der sonst so gängigen Konjunktive und vagen Formulierungen lassen sich die selbstbewussten Belgier von Larian aber ganz bewusst auf folgende Versprechen festnageln:

  • 30 Bilder auf Basis-Konsolen (auch im Splitscreen-Koop-Modus und online in einer Vierergruppe)
  • Checkerboard-4K und 30 FPS auf der Pro
  • natives 4K und 30 Bilder auf der X

Von der doch sichtlich in die Jahre gekommenen 2013-Brotkasten-Xbox mal abgesehen schiebt zudem jede Konsole die zusätzliche HDR-Farbbandbreite durch ihren HDMI-Port, was einem ohnehin schon knackigen Spiel wie Divinity 2 verflucht gut zu Gesicht steht.

All das hätten wir den Entwicklern auch dann geglaubt, wenn sie uns nicht mit einem Gaming-Laptop und einer One X in jener Berliner Dachkammer besucht hätten, die wir unser Büro nennen. Vielmehr galt die direkte Gegenüberstellung beider Versionen einer, oder besser: zwei anderen Erkenntnissen.

Die weniger überraschende, gleichsam außerordentlich erfreuliche: Divinity 2 hat es sich - trotz seiner aus jedem Pixel tropfenden PC-DNA - auch auf den Daddelkisten häuslich eingerichtet. Das grundlegend umgeschichtete Interface ist von all den dafür notwendigen Anpassungen eine der wichtigsten, von der hochgeschraubten Schriftgröße über clevere Kameraperspektiven bis hin zu einem Menü, das nun alle Inventare eurer Begleiter nebeneinander auf einem Bildschirm auffächert und euch dortige Gegenstände dank einer Multiauswahl gebündelt verschieben lässt. Mit an Pedanterie grenzender Sorgfalt halt Larian jede noch so unscheinbare Mechanik glattgezogen, wo andere nach irgendwie integrierter Controller-Unterstützung womöglich das erste Feierabendbier aus dem Kühlschrank gezogen hätten.

Und allein diese Übertragungsleistung muss eine Tortur gewesen sein. Ich hätte jedenfalls nicht mit den Belgiern tauschen wollen, um die auf eine Tastatur getrimmte Steuerung eines Hardcore-PC-Rollenspiels auf das Dutzend Tasten eines Gamepads zu bannen. "Divinity 2 ist ein eher untypisches Konsolenspiel", bestätigte Publishing Director Michael Douse meine Frage, ob eine gewisse Skepsis im Team zu spüren sei, wie Konsolenspieler das PC-RPG aufnehmen könnten. "Die Umsetzung von Divinity 1 zeigte uns aber, dass wir sie lediglich dazu ermutigen müssen, den ersten Schritt zu gehen - und eine verständlich strukturierte Tastenbelegung auf dem Controller ist das beste Mittel dafür."

Hätte man es hierbei bewenden lassen, wir hätten uns alle gegenseitig auf die Schulter klopfen können. Die Entwickler für eine hochwertige Portierung. Konsolenspieler für die Möglichkeit, eines der besten Rollenspiele des Jahrzehnts nachzuholen. Gemütlich veranlagte Eurogamer-Redakteure, die dem ursprünglichen Test nicht viel mehr als "Yo, jetzt auch auf PS4 und One, fetzt immer noch" hinzufügen müssten. Stattdessen aber nahm Larian das Definitive-Edition-Anhängel sehr wörtlich und als Gelegenheit, den Metascore eines Spiel, das bereits in seiner ursprünglichen Version kaum mehr als einen spaltbreit Platz für Verbesserungen ließ, um ein paar Punkte näher an die Grenze zur Perfektion zu schieben. Um diese Unterschiede der Versionen hervorzuheben, haben uns die Entwickler beide parallel präsentiert.

Divinity_2
Schlummert Divinity 2 bereits auf eurer PC-Festplatte, könnt ihr die Definitive Edition demnächst für lau runterladen. Ein guter Deal, wie man ihn von Larian gewohnt ist.

Nicht, dass man einiges davon überhaupt übersehen könnte. Das neue, angenehm subtile Tutorial auf einem Schiff etwa, das euch mit aufmunternden Worten durch das Dickicht der ersten Spielstunden lotst, ohne bevormundend eure Hand zu tätscheln. Oder den alternativen, weniger strammen Schwierigkeitsgrad im Hauptmenü, der euch neben leichteren Kämpfen auch die Möglichkeit in Aussicht stellt, in solchen die Beine in die Hand zu nehmen, sollten sie mal kein gutes Ende zu nehmen drohen. Oder den um Mutatoren, neue Charaktere, Maps, Hot-Seat-Option und derlei Späße erweiterten Arena-Modus.

Die wirklich wichtigen Dinge manifestieren sich allerdings wie so oft im Leben in den unscheinbaren Details. "Divinity 2 soll unumwundener mit den Spielern kommunizieren", illustriert Douse am Beispiel einer unterirdischen Belüftungsanlage. Das Überleben einer ganzen Stadtbevölkerung ist von der Maschine abhängig und in einer Entscheidung mit besonders weitreichenden Konsequenzen müsst ihr über Wohl und Wehe der Population entscheiden. Diese Dringlichkeit lassen in der ursprünglichen Version des Spiels allerdings weder das sehr unscheinbare Design der Maschine noch die begleitenden Umstände der Situation hinreichend erkennen. Ein paar hingestotterte Sätze eurer Begleiter, eine unpräzise formulierte Frage darüber, was man mit dem Gerät anstellen wolle - und vielleicht noch ein paar Erfahrungspunkte, die plötzlich aufploppen, während nur wenige Meter über den Köpfen eurer Gruppe gerade toxische Gase die Lungen der Bewohner zersetzen.

Beispiele wie diese markieren die selten austarierte, häufige übertretene Grenze zwischen geheimnisvoller und schlichtweg umständlicher Kommunikation mit dem Spieler. Auch Divinity 2 war nicht frei von dieser Sünde, müht sich aber nach Kräften, derlei Versäumnisse fortan wenigstens zu minimieren, wenn sie sich schon nicht vollends aus der Welt schaffen lassen. Spielt ihr die beschriebene Szene ab dem 31. August in der Definitive Edition, verweisen zig weniger verschwurbelte Hinweise auf die Tragweite eurer bevorstehenden Entscheidung. Die popelige Apparatur reicht plötzlich mitsamt ihrer zwei in roter Signalfarbe lackierten Gastanks bis unters Dach einer Kanalisation, auf deren Boden sich nun die drehenden Schatten der installierten Lüftungsanlage abzeichnen. Auch eure Begleiter sind weniger maulfaul und geben euch deutlich zu verstehen, welche Katastrophe ihr gerade für eine Handvoll Gold in Kauf zu nehmen droht.

Weniger bedeutungsschwangere Konstellationen haben die Entwickler mit ihrem ausschweifenden Hang zur Generalüberholung gleich ebenso überarbeitet. Schon eure ersten Schritte innerhalb der nasskalten Kanalisation (weit, weit vor der Belüftungsanlage) setzt ihr nun innerhalb eines feiner verschlungenen Systems aus Gängen und morschen Türen und schweren Rauchschwaden und insgesamt größerer visueller Varianz, die weit besser als in der Urversion den Dungeon kaschiert, der die Kanalisation im Kern ist.

Wie ein feines Netz legen sich solche Elemente über die gesamte Spielwelt und straffen sie auf eine Weise, wie sie Larian auch inhaltlich erreichen will. Weniger mit aufwendigen Assets oder Texturpaketen, vielmehr mit einem um mehr als 150.000 Worte umgeschriebenen Drehbuch. Die meisten davon werdet ihr erst im finalen dritten Akt und der bislang etwas unterfütterten Hintergrundgeschichte des Begleiters Beast zu hören bekommen. Wie alle Änderungen der Definitive Edition ziehen sich aber auch diese durch das gesamte Spiel und setzen damit die Mission der ursprünglichen Veröffentlichung fort: den Ruf von Divinity 2 als eines der besten Rollenspiele überhaupt zu zementieren.

Definitiv, wie gesagt.

Entwickler/Publisher: Larian Studios/Bandai Namco - Erscheint für: PS4, Xbox One (und als kostenloses Update für den PC) - Erscheint am: 31. August 2018 - Angespielt auf Plattform: Xbox One X

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.