Pathfinder: Kingmaker - Nah dran an Pen-and-Paper

Kein Königreich ohne Brauhaus und Bordell.

Es gibt Rollenspiele, bei denen man gut und gerne einen ganzen Tag mit der Erstellung der Spielfigur verbringen kann. Und im Anschluss fragt man sich immer noch, ob nicht der Vivisectionist doch die effektivere Alchimisten-Spezialisierung wäre, die knappen Fertigkeitenpunkte wirklich richtig eingesetzt wurden oder die gewählte Ausrichtung "chaotisch böse" einem im Spielverlauf nicht noch arge moralische Probleme einbrockt.

Pathfinder: Kingmaker gehört genau in diese Kategorie, bei der die inneren Werte zählen, und sich der Heldenbaukasten nicht auf Kosmetisches, wie die Auswahl der Frisur oder eines mehr oder weniger kleidsamen Gesichts-Tatoos, beschränkt. Wenn ihr nichts für Charakter-Feintuning übrighabt, könnt ihr alternativ auf einen der vorgefertigten Helden zurückgreifen und euch gleich in die Schlacht um die Gestohlenen Lande stürzen.

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Alleine mit der hochkomplexen Charaktererstellung könnt ihr schon einen ganzen Tag verbringen.

Das klassische Zeitfresser-RPG der russischen Owlcat Games im Stil eines Baldur's Gate oder Pillars of Eternity (man sieht schon am Schriftzug auf der Packung, wohin die Reise geht), basiert auf dem locker 500 Seiten starken Regelwerk des Pen-and-Paper-Rollenspiels Pathfinder, nebst der sechsbändigen Erweiterung Königsmacher. Das reicht inhaltlich allemal für rund 40 Stunden Spielzeit in der Kampagne. Plant aber schon mal die doppelte Zeit ein, wenn ihr die Welt komplett erkunden, euch den schieren Massen an Nebenaufgaben widmen und den Aufbausimulationsteil des Spiels meistern wollt.

Zuerst macht ihr aber mal das, was man in einem Rollenspiel eben so macht und versammelt eine schlagkräftige Truppe unter eurer Führung. Dazu bietet sich direkt eine gute Gelegenheit, als der Aldori-Clan die Abenteurer der Welt in die Stadt Restov ruft, um Verbündete im Kampf gegen den fiesen Hirschlord und seine Banditen zu versammeln. Als Lohn für die gefährliche Aufgabe winken ein Adelstitel und Ländereien in den Gestohlenen Landen.

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Ihr könnt einen Kombi-Helden basteln und mit den Fähigkeiten und Spezialisierungen unterschiedlicher Klassen ausstatten.

Die Hatz auf den Hirschlord erweist sich als schwieriges Unterfangen und bevor ihr euch überhaupt einen Plan zurechtlegen könnt, wird das Anwesen der Adori überfallen und schon seid ihr mitten drin im ersten Konflikt. Ganz klassisch erkundet ihr aus der Draufsicht das Gebiet, welches sich erst nach und nach entfaltet und stellt euch in den Echtzeitkämpfen Banditen, Orks, Riesenspinnen und allerhand anderen Fantasy-Gestalten. Trefft ihr auf Gegner, pausiert in der Standardeinstellung der Spielbetrieb und ihr könnt in aller Ruhe bestimmen, welcher Feind von welchem Mitglied eurer Truppe angegriffen werden soll und welche Fähigkeiten zum Einsatz kommen.

Grundsätzlich könnt ihr den Schlagabtausch eurer bis zu sechs Helden und Heldinnen starken Party auch der erfreulich clever agierenden KI überlassen und einfach zuschauen, wie die Monster dahingemetzelt werden. Zumindest auf den ersten drei Schwierigkeitsstufen klappt das ganz ausgezeichnet. Habt ihr euch aber für die Einstellung "Hart" oder gar "Unfair" entschieden, könnt ihr euren munteren Trupp keinen Augenblick aus den Augen lassen, sonst droht das unweigerliche Game Over schon bei vermeintlich machbaren Kontrahenten.

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Die Erkundung der Gegend und das Kampfgeschehen wird klassisch aus isometrischer Perspektive betrachtet.

Das genaue Erkunden der Örtlichkeiten lohnt sich: immer wieder stoßt ihr auf Fallen, die von einem Charakter mit der geeigneten Fähigkeit entschärft werden sollten, um Schaden zu vermeiden. Es finden sich versteckte Räume mit wertvollem Loot und immer wieder fordern Rätseleinlagen die grauen Zellen. So soll beispielsweise in zwei Räumen die Ausrichtung von Ritterststatuen verändert werden, um in eine üppig bestückte Waffenkammer zu gelangen. Im Verlauf der Einstiegsmission sammelt ihr die ersten fünf von insgesamt elf möglichen Mitstreitern ein, stellt euch einem riesigen Endgegner und kümmert euch akribisch um die Verbesserung der Ausrüstung und Verteilung der Erfahrungspunkte.

Letzteres hat es in sich und legt an Komplexität im Vergleich zur umfangreichen Charaktererstellung noch einmal kräftig zu. Ihr könnt euch zum Beispiel entscheiden, ob euer Magier noch zusätzlich vielleicht Barbaren- oder Ranger-Fertigkeiten erlernen soll und in einem bis zum letzten Pixel mit Werten und Optionen zugepflastertem Bildschirm hantieren. Oder es einfach lassen und den automatischen Levelaufstieg aktivieren. Aber das wäre ja nur der halbe Spaß.

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Wenn ihr die Dungeons absucht, stoßt ihr immer wieder auf teilweise recht anspruchsvolle Umgebungsrätsel.

Bevor ihr die Geschichte abschließen könnt und eines der sieben unterschiedlichen Enden zu sehen bekommt, müsst ihr euch auch als würdiger Regent beweisen. Neben der abwechslungsreichen Mischung aus Erkunden, Kämpfen und Rätseln in den Dungeons, bietet Pathfinder:Kingmaker noch einen unterhaltsamen Aufbausimulationsteil. In einer Art Sim-City-light managt ihr unter eure Kontrolle gebrachte Landstriche, baut Ansiedlungen aus und achtet immer schön auf die Bedürfnisse des gemeinen Volkes, dem es ja an nichts fehlen soll.

Dabei bringen unterschiedliche Bauwerke andere Boni für das Königreich. Baracken für Soldaten erhöhen den militärischen Wert, imposante Kirchen sorgen für den notwendigen spirituellen Halt in der Bevölkerung. Was meiner Meinung nach auf keinen Fall im Stadtbild fehlen darf, sind eine Bierbrauerei und ein Bordell. Zumindest hatte ich in meiner kurzen Anspielzeit ausnehmend glückliche Untertanen.

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Bei so viel Loot brechen euch die Helden schnell unter der Last der Beute zusammen. Also trennt euch schnell von unnützen Ausrüstungsgegenständen.

Auch der Simulationsanteil lässt sich übrigens einsteigerfreundlich automatisieren, indem ihr in den Provinzen Führungspositionen an Mitstreiter vergeben könnt, die sich um das lästige Tagesgeschäft kümmern. Nehmt euch aber ruhig die Zeit, um in Audienzen den Klagen der Bevölkerung und den Berichten der Vertrauten zu lauschen.

Immer wieder ergeben sich spannende Nebenmissionen, die sich nicht auf öde Sammelaufgaben reduzieren lassen. So wird beispielsweise berichtet, dass in einem der Dörfer eine Gruppe Magier aufgetaucht ist und mit Zaubersprüchen Gegenstände zum Leben erweckt. Die Einwohner haben nun Angst vor den Fremden und ihr könnt entscheiden, ob ihr die Unruhestifter gewähren lassen wollt, diese vertreiben lasst oder selber mal einen Blick auf das seltsame Geschehen werfen wollt.

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Teile der Story werden in liebevoll aufgemachten Buchepisoden vermittelt.

Was mir ebenfalls richtig gut gefallen hat, ist die geschickt in die Story eingewobene moralische Komponente der Figuren. Entscheidet ihr euch für gewaltloses Vorgehen und den Einsatz eurer Überzeugungskraft oder metzelt ihr alles nieder, was euch am Königsmachen hindert, es wird immer Gefolgsleute geben, die einer ganz anderen Meinung sind und euch das auch spüren lassen. Am besten hört ihr den gesprächigen Gesellen genau zu und erfahrt mehr über die Hintergrundgeschichte und die Beweggründe eurer Partymitglieder, um deren Reaktionen abschätzen zu können. Ansonsten verlassen euch auch schon mal wichtige Mitstreiter, wenn denen euer Führungsstil nicht in den Kram passt und ihr bekommt möglicherweise nicht das gute Ende zu sehen.

Entwickler/Publisher:Owlcat Games/Koch Media Erscheint für:PC - Geplante Veröffentlichung: 25. September 2018

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Autor

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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