Elijah Wood ist nicht nur Schauspieler und Hobbit, sondern auch großer Horror-Fan. Zusammen mit zwei Regisseuren hat er daher die Produktionsfirma SpectreVision gegründet, die sich auf Projekte aus dem Horror-Genre spezialisiert hat. Gemeinsam mit Ubisoft hat ebendiese Firma jetzt ihr erstes Videospielprojekt veröffentlicht. Transference heißt es und es hat einen interessanten Ansatz. Es beschäftigt sich nicht nur mit der virtuellen Realität und steckt euch in eine solche - es ist auch in VR spielbar, wahlweise via PSVR, Oculus Rift oder HTC Vive. Optional zwar, wer mag kann Transference also auch vor seinem flachen Monitor spielen. Das Spiel ist aber sichtbar für VR konzipiert und sorgt vor allem mit Headset auf dem Kopf für regelrechte Wellen aus Gänsehaut.

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Die steht da einfach nur, die macht nichts, keine Sorge. (Transference - Test)

Worum es in Transference geht, fügt sich erst während des Spielverlaufs nach und nach aus verschieden Puzzleteilen zusammen. Ihr findet USB-Sticks und Videobänder, auf denen ihr Aufnahmen aus der Realität der Figuren findet, auf deren Spuren ihr euch bewegt: kleine Realfilmsequenzen, die den Protagonisten erst so richtig Leben einhauchen. Namentlich handelt es sich dabei um die Familie Hayes: Raymond, Katherine und Söhnchen Benjamin. Raymond hat sich ziemlich in seine Forschung vertieft, er arbeitet daran, den Geist eines Menschen gemeinsam mit dessen Erinnerungen in die virtuelle Realität zu übertragen. Genau diese Arbeit scheint aber dafür zu sorgen, dass die Familie mehr und mehr auseinanderbricht. Was genau geschehen ist, erfahrt ihr aber nur, indem ihr euch in die Erinnerungen der drei Familienmitglieder begebt.

Bei der Erschaffung dieser virtuellen Realität muss irgendwas schiefgegangen sein. Entweder ist Raymonds Programm noch voller Bugs oder die Übertragung ist nicht vollständig gelungen. Jedenfalls fehlen Teile der Erinnerungen. Durch Mechanismen im Spiel (wie etwa Lichtschalter) könnt ihr zwischen dem wechseln, woran sich die drei erinnern und manchmal trefft ihr dann auf Glitches. Mitten in der Spielwelt hängen Code-Zeilen herum, die euch wissen lassen, was hier fehlt. Ein Türknauf etwa. Wenn ihr den allerdings in einer der Erinnerungen der anderen findet, könnt ihr ihn mitnehmen und die virtuelle Realität so vervollständigen.

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Ein Bild aus glücklicheren Tagen? Die Familie in der Realität mit Torte. (Transference - Test)

Die Entwickler wollten euch vermutlich einen gewissen Raum geben, selbst zu interpretieren, was mit der Familie geschehen ist. Die noch relativ dicht erzählte Ausgangssituation verläuft sich allerdings nach der ersten halben Spielstunde ziemlich stark. Stattdessen verlässt sich das Spiel zunehmend auf typische Adventure-Rätsel. Auch die passen zu Beginn noch ganz gut in die Story. So müsst ihr etwa die Frequenzen von Radiogeräten synchronisieren, damit Raymond zu seinem Sohn Kontakt aufnehmen kann. Im weiteren Verlauf bekommt ihr es aber immer häufiger mit (im Kern) Schalterrätseln zu tun. Ihr müsst Klaviertasten in einer bestimmten Reihenfolge drücken und Gegenstände aus einer Realität in eine andere tragen. Benutze Stimmgabel mit Wurstsalat (Rätsel in dieser Form nicht vorhanden, Erfindung des Autors, anm. d. Red.) Ein wenig scheint es, als hätten die Entwickler das genutzt, um die ohnehin schon recht kurze Spielzeit noch zu strecken.

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Rätsel wie diese bestimmen das Gameplay in Transference. Hier müsst ihr die Radiofrequenz in zwei verschiedenen Erinnerungsvarianten aufeinander anpassen. (Transference - Test)

Umso besser gelungen ist aber die Spielwelt selbst - insbesondere, weil sie sehr gut zum Ausdruck bringt, dass nicht alles, woran wir uns erinnern, tatsächlich die Realität ist. Ihr kennt das von euren alten Lieblingsspielen. Ihr wisst, was ich meine, wenn ihr vor Kurzem mal wieder einen Blick auf das erste Resident Evil geworfen habt, in seiner Originalfassung meine ich. Und so ist auch Raymonds Erinnerungswelt nicht dominiert von dem, was tatsächlich passiert ist, sondern von seinen Wunschvorstellungen. Da findet ihr Kinderzeichnungen, in denen er und sein Sohn in trauter Zweisamkeit nebeneinanderstehen, beide in weißen Kitteln, vermutlich gemeinsam an Zukunftstechnologien arbeitend. Gleich nebenan steht die World's-best-Dad-Tasse. Der Verdacht, dass es beides so nicht wirklich gab, drängt sich mehr als auf.

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Raymonds Technologie ist nicht gerade durchsichtig. Einfach mal ein bisschen rumprobieren. (Transference - Test)

Auch, weil es in dieser Spielwelt noch eine Entität gibt, die bis zum Ende leider nicht wirklich erklärt wird. Einen Pixelhaufen mit Augen, etwas ganz und gar Fremdes, das Benjamin heimgesucht hat, dem ihr aber auch selbst begegnet. Gefährlich ist das nicht, ihr könnt nicht sterben. Aber gemeinsam mit den Figuren der Restfamilie, die oft kommentarlos und urplötzlich in der Spielwelt herumstehen, sorgt das eben doch für schon fast unangenehme Gänsehautstimmung. Hin und wieder habe ich es daher als entspannend empfunden, aus dem VR-Modus in den Non-VR-Modus umzuschalten, schlicht, um meinen Herzrhythmus ein bisschen zu beruhigen. Gespielt habe ich Transference übrigens auf der PS4. Tut ihr es mir gleich, müsst ihr dafür zwangsläufig den regulären Dualshock-4-Controller benutzen, die Move-Controller werden nicht unterstützt. Das wiederum liegt wohl am nicht vorhandenen Analog-Stick. Auf der Gamescom konnte ich eine Szene des Spiels mit den Oculus-Rift-Controllern spielen, was ganz hervorragend funktioniert hat, das Spielerlebnis wurde dadurch noch eine Spur immersiver.

Wie von anderen VR-Titeln schon bekannt sein dürfte: Sie leiden oft unter einer recht kurzen Spielzeit. Transference ist trotz seiner teils kryptischen Rätsel leider nicht länger als zwei, maximal zweieinhalb Stunden und es kostet 25 Euro. Ich empfand das Spielerlebnis trotzdem als lohnend: Weil es euch Welle um Welle an Gänsehaut über den Körper jagt, weil die Spielwelt sehr detailverliebt gestaltet ist und weil euch dieses Spiel teilweise selbst in den Wahnsinn zu treiben droht. Dann, wenn die Musik immer schneller wird, wenn im Hintergrund die Stimme eures Sohnes zu hören ist, die immer wieder um Hilfe schreit, nur um dann urplötzlich in einem Blitz zu verstummen. Letztlich entpuppt sich Transference vor allem als Familiendrama, dessen Story etwas mehr Ausgestaltung verdient gehabt hätte. Aber als sehr kunstvoll gestaltetes Familendrama eben. Ein bisschen wie eine Folge Black Mirror in VR.

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Dieser Türknauf (links unten im Bild) ist der perfekte Bugfix für den fehlenden Türknauf in rot. (Transference - Test)

Und als diese inoffizielle Black-Mirror-Folge hat mich Transference überzeugt. Klar hätte man die Geschichte der Familie noch vertiefen können oder auch nur erklären, was genau Raymond dazu gebracht hat, diese Forschung zu betreiben. Auch die Rätsel hätten sich hier und da besser in die Spielwelt einfügen können. Letztlich war es vor allem das Haus, also die Spielwelt selbst, die mich begeistert hat. Die kleinen Details in den drei Varianten der virtuellen Wirklichkeit, die stets das repräsentieren, was in der jeweiligen Figur vor sich geht. Die vielen Schock-Momente, die ich nicht immer nur hatte, wenn mich etwas erschreckt hat, sondern manchmal auch einfach, weil eine bestimmte Vorstellung besonders gruslig war. Am Ende bin ich verwirrt, geschafft, aber auch sehr befriedigt aus diesem Spiel herausgegangen. Müde irgendwie, aber glücklich.

Entwickler/Publisher: Ubisoft, SpectreVision/Ubisoft - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: etwa 25 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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