Attentat 1942 - Besatzung aus dem Blickwinkel eines Zivilisten

Im Gespräch mit Lead Designer Vít Šisler über Motive und Motivationen.

Seit kurzem ist Attentat 1942 in Deutschland erhältlich. Das ist etwas Besonderes, denn eigentlich erschien das Spiel international schon im vergangenen Jahr. Da es sich aber mit dem Nationalsozialismus, insbesondere mit der Besatzung Prags durch die Nazis, auseinandersetzt und immer wieder auch historisches Filmmaterial einstreut, enthält es Hakenkreuze oder andere Nazi-Symbole - was bis vor kurzem bedeutete, dass die Prüfstelle Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) das Spiel gar nicht erst zur Prüfung angenommen hätte.

Durch die Änderung der Spruchpraxis der USK ist ebendas nun aber möglich und Attentat 1942 hat vor einigen Tagen die offizielle Altersfreigabe ab zwölf Jahren bekommen. Das Spiel gibt es jetzt auch in Deutschand ganz legal bei Steam. Ich hatte die Gelegenheit, mich mit Vít Šisler zu unterhalten. Der leitende Professor für New Media Studies an der Karls-Universität Prag ist der Lead Designer des Titels.

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Attentat 1942 schildert dem Spieler die Geschichte in Form von Realfilmsequenzen einerseits ...

"In Attentat 1942 wollten wir zeigen, welche Auswirkungen der Krieg und das totalitäre Regime auf das Leben und die Gedanken der einfachen Menschen hatten", sagt Šisler. Das Spiel dreht sich, wie schon erwähnt, über die Besatzung Prags durch die Nazis im Allgemeinen und das Attentat auf Reinhard Heydrich in der Stadt im Speziellen. Der war während der Besatzung Stellvertretender Reichsprotektor im Protektorat Böhmen und Mähren und somit ein geeignetes Ziel für Widerstandskämpfer.

Die attackierten seinen Dienstwagen im Mai 1942 mit einer Handgranate und verletzten Heydrich so, dass er acht Tage später im Krankenhaus starb. Wie man das nun als Spiel darstellt? Indem man die Sicht der Zivilbevölkerung Prags auf das Attentat einerseits und andererseits auf die Racheaktionen der Nazis im Anschluss daran thematisiert. Letztere ermordeten einen Großteil der Bewohner zweier tschechischer Ortschaften und fahndeten auch sonst in der Prager Zivilbevölkerung verstärkt nach allem, was sie als irgendwie tschechoslowakisch-republikanisch identifizierten.

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... und im Comic-Stil andererseits.

Attentat 1942 will eben gerade kein Spiel sein, das sich mit dem Krieg in einem militärischen Sinne auseinandersetzt. "Es gibt viele realistische Videospiele über den Zweiten Weltkrieg, aber ihr Realismus konzentriert sich hauptsächlich auf Kriegsführung und militärische Operationen", so Šisler. "Die zivile Perspektive fehlt in solchen Videospielen typischerweise." Attentat 1942 stellt dem Spieler deshalb nach und nach acht verschiedene Charaktere vor.

Das Spiel basiert generell zwar auf historischen Forschungen und Berichten von Augenzeugen, besagte Charaktere und ihre Geschichten sind aber fiktiv. Attentat 1942 arbeitet mit verschiedenen Filmsequenzen - einerseits mit historischem Material, andererseits mit eigens für das Spiel gefilmten Szenen. Hierfür engagierten die Entwickler eigens einen Regisseur, der freie Hand bei der Wahl der Schauspieler hatte. Die Wahl fiel schließlich auf eine Reihe von Laiendarstellen, die allerdings einen durchaus guten Job machen.

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Nicht unrealistisch, nicht überzeichnet: In den Comic-Panelen haben sich die Entwickler um einen realistischen Look bemüht.

Wenn ihr Attentat 1942 spielt, macht ihr das aus der Enkelperspektive. Der Nachkomme eines Tschechen, der 1942 in Prag gelebt hat, versucht herauszufinden, welche Rolle sein Großvater gespielt hat. "Das Spiel ist einzigartig in seiner Multiperspektivität", sagt Šisler. "Jeder der Charaktere präsentiert eine ganz andere persönliche Geschichte und Sichtweise auf die Historie. Dazu gehören Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, ethnischer Herkunft sowie politischer und sozialer Orientierung." Während des Spiels könnt ihr aber nicht nur in unserer Gegenwart mit diesen Menschen sprechen, ihr spielt auch Szenen aus ihrer Vergangenheit nach.

Hierzu wechselt das Spiel in eine Comic-Grafik. Mit der könnt ihr interagieren, müsst beispielsweise verdächtige Gegenstände verstecken, während die Gestapo an der Tür klopft. Wirklich scheitern könnt ihr nicht, ihr verdient aber auf diese Weise mal mehr, mal weniger Münzen, die ihr wiederum in der Gegenwart benötigt, um bestimmte Gespräche mit Zeitzeugen freizuschalten. Das klingt harsch, ist aber keine wirkliche Hürde: Ich konnte das Spiel problemlos innerhalb von etwa drei Stunden bis zum Ende spielen und musste nur zwei oder dreimal eine Szene wiederholen.

Über das, was ihr findet, erfahrt ihr immer wieder auch Neues über die damalige Zeit. In den Erinnerungen eures Großvaters findet ihr historische Flugblätter und findet so heraus, welche Motive seine Widerstandsbewegung hatte, wie sehr ihn aber auf der anderen Seite sein späteres Leben im Konzentrationslager geprägt hat. Ihr trefft aber eben nicht nur auf Widerstandskämpfer, sondern auch auf solche Menschen, die bis heute im Verdacht stehen, mit den Nazis zu kollaboriert haben. "Die Spieler haben die Möglichkeit, während des Spiels mit all diesen Charakteren zu sprechen und müssen nicht nur ihre unterschiedlichen persönlichen Geschichten, sondern auch ihre oft widersprüchlichen Weltanschauungen kritisch analysieren und vergleichen", so Šisler. In der Praxis heißt das, dass im Gespräch nicht immer ganz klar ist, ob jemand gerade die Wahrheit sagt oder ob er einfach nur einen Teil seiner Vergangenheit vergessen will.

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Wer mag, kann immer wieder auch Hintergrundinformationen über die historischen Ereignisse nachlesen.

Die korrekte Aufarbeitung der Geschichte spielt bei einem solchen Spiel natürlich eine große Rolle. "Von Anfang an hatten wir sechs Historiker der Karls-Universität in unserem Kernteam", sagt Šisler. "Im Gegensatz zu anderen Spielen, bei denen Historiker eher in der Rolle von Beratern in Erscheinung treten, haben sie bei uns tatsächlich die ersten Versionen von Dialogen und Entscheidungsbäumen geschrieben", so der leitende Designer weiter. Wirklich jede Äußerung, jedes Objekt und jede Geschichte sei von professionellen Historikern geschrieben oder zumindest genehmigt worden.

"Ich würde sagen, dass ist eine Sache, die Attentat 1942 zu einem besonderen Spiel macht", so Šisler. Der Umgang mit dieser Vergangenheit war aber auch für die Entwickler nicht immer ganz einfach. "Manchmal gab es Streitigkeiten zwischen Historikern und unseren Spieleautoren darüber, wie man bestimmte historische Ereignisse oder Themen einbeziehen kann, ohne sie zu sehr zu schematisieren", berichtet Šisler. "Wir hatten wirklich viele hitzige Debatten. Letztendlich würde ich aber sagen, dass das Spiel dadurch besser und kohärenter wurde".

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Zwischendurch müsst ihr als Enkel immer wieder herausfinden, was euer Großvater tatsächlich getan hat. Beispielsweise durch die Auswertung von Tonbandkassetten.

Ich habe Attentat 1942 als äußerst fesselnd erlebt, wenn auch nicht so sehr als Spiel, sondern mehr als interaktives Erlebnis, um in die Geschichte einzutauchen. Ich habe vieles erfahren, dass ich bis vor Kurzem nicht wusste. Die Entwickler kommen ohne großen Pathos aus, es verehrt keine Helden, es zeigt die Geschichte spürbar so, wie sie war. Es ist natürlich unmöglich, mir spielerisch beizubringen, wie es sich anfühlt, wenn man versucht, ein kritisches Buch über Hitler loszuwerden, während die Nazis an die Tür klopfen. Aber um diese Gefühle geht es dem Spiel auch gar nicht, es geht um die Vermittlung von historischem Wissen in einer Art interaktivem Museum, aber über das Vehikel einer fiktiven Geschichte aus unserer Gegenwart. Dass das so gut klappt, lässt mich staunend zurück.

Die Entwickler blicken derweil schon nach vorn. "Wir arbeiten derzeit an einer Fortsetzung von Attentat 1942. Es beschäftigt sich mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs, Themen sollen die Vertreibung der Sudetendeutschen, der Aufstieg des Kommunismus und die Kollektivierung von Privateigentum und Land sein." Eine Veröffentlichung des neuen Spiels ist für das Jahr 2019 geplant.

Entwickler/Publisher: Karls-Universität Prag, Tschechische Akademie der Wissenschaften/ Karls-Universität Prag, Tschechische Akademie der Wissenschaften - Erscheint für: PC, Mac - Preis: 10,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Gespielte Version: PC - Sprache: deutsche Texte, tschechische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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