Während der ewige Konkurrent Call of Duty zumindest dieses Jahr fast gänzlich in Sachen Story aussetzt, geht Battlefield in die andere Richtung: Mehr Geschichte und Geschichten, aus dem letzten Teil die Lehren gezogen, angewandt und in eine bessere Kampagne umgesetzt. Das ist das Ziel der Episoden, in die sich der Solo-Part von Battlefield V erneut aufteilt und dabei wurde zigfach betont, dass man die Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen möchte, die man noch nicht hörte.

Ich hielt das für das übliche Blabla, es ist der zweite Weltkrieg, was ist da bitte nicht schon erzählt worden. Der History-Channel darf sich seit langem schon Hitler-Channel nennen und müsste eigentlich jeden Quadratzentimeter dokumentiert haben. Dessen regelmäßige Zuschauer kennen vielleicht auch diese Geschichten hier, aber für eher Durchschnittskenner des Krieges bietet BF5 wirklich viel bisher Ungehörtes, das man ruhig auch im Gaming-Kontext beleuchten darf.

Nach einem durchaus epochalen Intro, das zwar sehr viel weniger intensiv daherkommt, als die Verdeutlichung des sinnlosen Massenschlachtens im Vorgänger, aber die globalen Ausmaße des Zweiten Weltkriegs verdeutlicht, geht es in die eigentlichen Kapitel. Und diese sind kein einstündiger Spaziergang, allein mit der ersten der drei direkt mitgelieferten Episoden war ich fast drei Stunden gut beschäftigt und es hätte länger gedauert, hätte ich nicht ein wenig im Rahmen des Zeitlimits der Präsentation Gas gegeben.

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Vom höchsten Norden...

Aber zunächst zurück zum Inhalt und warum ich von der Herangehensweise so angetan war. Statt wie damals Call of Duty die bekanntesten Episoden des Krieges nachzuerzählen, seien es D-Day oder Stalingrad, geht es in Battlefield V an den Rand des Geschehens, immer mit einer persönlichen Note der Hauptcharaktere. In "Nordlys" geht es um das Schwere Wasser, das Deutschland für den Bau seiner Atombombe braucht und aus dem besetzten Norwegen holt. Ihr spielt eine Untergrundkämpferin, die genau das verhindern will und erst im Rahmen der Mission die Tragweite dessen erahnt, was eigentlich nur eine einfache Befreiungsaktion hätte sein sollen.

Das zweite Kapitel ist "Under no Flag" und hier ist es die Geschichte von Strafgefangenen mit spezielleren Talenten, denen man in England anbot, ihre Knastzeit dramatisch abzukürzen, wenn sie der Armee in einem Sonderkommando beitreten. Diese real existierende Truppe war eine Frühform der Special Forces, eine kleine Spezialisteneinheit, weitestgehend auf sich gestellt, die ihr Ziel autark und abgeschnitten von der Befehlskette erfüllen. Dass das hier noch ein wenig Zufall war, eine zukünftig so wichtige Form der Kriegsführung mitzudefinieren, wird schnell klar, wenn man bedenkt, dass euer "Held" kein jahrelang trainierter Soldat ist. Bisher verbrachte er sein Leben mit dem Sprengen von Banksafes. Jetzt jagt er halt Stukas hoch - und alles, was Deutschland noch so in Nordafrika herumstehen hat.

Die dritte Mini-Kampagne, "Tirailleur", dreht sich um farbige Soldaten aus afrikanischen Kolonien der Franzosen, die in Frankreich für ein Land kämpfen sollen und auch wollen, das die noch nie gesehen haben und welches sie trotz dieses Opfers nicht wirklich Willkommen heißt. Auch diese Corps gab es wirklich, sie waren mäßig ausgestattet, schlecht trainiert und trotzdem sehr oft dort erfolgreich, wo es niemand erwartet hätte. Die deutsche Kampagne - ja, es gibt eine deutsche Kampagne - heißt "Der letzte Tiger" und von der Fahrt eines deutschen Panzerkommandanten in dem letzten Panzer seiner Einheit, der sich durch eine verwüstete Welt kämpft.

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...in die wärmsten Gefilde werden die Schlachten am Rand des Krieges geschlagen,...

Was bei allen Kampagnen - zumindest bei dem, was bisher zu sehen war - außerordentlich beeindruckte, war die tonale Sicherheit und auch emotionale Bandbreite, mit der das Spiel seine Geschichten erzählt. Nordlys kommt weitestgehend als klassische Agentengeschichte daher und setzt auf Spannung mit dem großen Krieg als weit entfernten Hintergrund. Sie ist eine Agentin hinter feindlichen Linien, die Informationen beschaffen muss. Ruhig erzählt, mal mit etwas Bumms, weil irgendwann muss ja auch mal was explodieren, aber das könnte auch eine Kalte-Kriegs-Geschichte aus den 60ern sein. Die Engländer in Under no Flag halten sich mehr an die Kriegsabenteuer-Filme der 60er, wenn hier das dreckige Dutzend auf Tour geht. Man streitet, warum die Stuka nicht explodierte, während die Stuka im Hintergrund startet, dann streitet man weiter, während die Stuka sich im Hintergrund nähert, um dann in einem hektischen Benny-Hill-Sprint über das Rollfeld zu entkommen. Alles mit ein wenig schwarzem Humor garniert, aber auch nicht ohne ernstere Momente.

Tirailleur nimmt dann eine deutlich dunklere Wendung, wenn man einer Geschichte folgt, von der man ahnt, dass sie bestenfalls ein paar Momente heroischer Menschlichkeit zu bieten hat, aber fast sicher kein so gutes Ende nehmen dürfte. Tirailleure sind übrigens Infanteristen, die in kleiner Gruppe oder sogar allein außerhalb traditioneller Formation bewegten und so flexibler und weniger anfällig gegen Artillerie waren. Nur so am Rande, damit ihr auch was gelernt habt. Der letzte Tiger war noch die große Unbekannte, weil nicht anspielbar. Aber von dem, was gezeigt wurde, mache ich mir durchaus Hoffnungen, denn das sah alles nach "Das Boot", nur mit Panzer aus. Ein Panzerkommandant, der sehr kritisch sieht, was in dem Krieg um ihn herum passiert, aber am Ende immer noch ein deutscher Panzerkommandant in einer zerstörten Stadt im Weltkrieg ist. Da bleibt nicht viel Platz für Shooter-Heroismus und der Tonfall des Gezeigten erinnerte sehr an den abgeklärten Zynismus des Kaleu. Hat Potenzial, wird im Dezember nachgeliefert. Gratis übrigens, denn schließlich soll es ja keine wichtigen Inhalte mehr geben, die nicht allen Käufern zur Verfügung stehen.

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...aber bei allen geht es hier in den Kampagnen um die Personen, die dabei an der Front stehen...

Spielerisch kann ich vor allem auf Nordlys eingehen, aber auch Under No Flag schien die gleichen Qualitäten zu bieten: Es ist ein sehr eleganter Mix aus allem, was Battlefield leisten kann. Ihr habt ein wenig Stealth, auch wenn ihr im ersten Teil der Mission erst recht spät ein verlässliches Gewehr mit Schalldämpfer findet. Was auch okay ist, denn sonst wäre der erste Teil zu einfach. In einem recht großen Gebiet mit verschiedenen Wegen, Fahrzeugen und vor allem Skiern - die zu fahren sehr viel Spaß macht, nachdem man sich erst einmal an die wie immer in Battlefield seltsame Steuerung gewöhnt hat - sucht ihr euch euren relativ eigenen Weg. Ihr lauert Wachen auf, überfallt sie in Wachhütten, umgeht ein Camp komplett, nur um euch durch ein weiteres durchzuschießen.

Habt ihr all das geschafft, geht natürlich bei der Flucht was schief und ihr müsst euch über eine ausgesprochen atmosphärisch inszenierte Eis-Ebene durch einen schweren Sturm weiterkämpfen. Theoretisch könntet ihr hier leicht alle Gegner umgehen, aber leider erfriert ihr dann sehr schnell, also pirscht ihr euch an Posten heran, massakriert sie und wärmt euch an Feuern, bevor es weitergeht. Sehr stimmungsvoll und ein guter dramaturgischer Wechsel. So wie auch der letzte Teil der Mission, wo ihr in einem sehr großen, frei begeh- und befahrbaren Gebiet drei Missionsziele erfüllen müsst. Die Reihenfolge bleibt euch überlassen, wie ihr das handhaben wollt, auch. Wieder, Stealth, Sturm und Mix sind alles valide Taktiken, ganz wie ihr euch das vorstellt und das Spiel gibt euch auch die Werkzeuge, die ihr dafür braucht.

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...und sie alle haben dazu ihre Gedanken, was der Krieg mit ihnen und der Welt machte.

Ausgehend von dem kurzen Blick, den ich auf die anderen Kampagnen werfen konnte, scheint das auch für sie zu gelten, sodass ihr erst drei und wenig später vier Geschichten habt, die mit drei bis vier Stunden Laufzeit auch mehr als genug Umfang haben, um BF5 selbst für reine Solo-Spieler zu einem interessanten Titel zu machen. Das ist richtig, wenn alle Kampagnen so gut werden wie Nordlys, dann kann ich vielleicht bald Battlefield sogar als reinen Solo-Titel guten Gewissens empfehlen. Zumal die Inszenierung auch standesgemäß ausfiel, sprich es sieht einfach fantastisch aus, egal ob es jetzt die Landschaften oder Explosionen sind. Was beim Anspielen noch ein wenig vor sich hin glitchte, war die KI, aber nichts, was man bei einem noch nicht fertigen Build nicht auch anderswo so oder so ähnlich schon gesehen hätte und dann mit der Veröffentlichung des Spiels kein Problem mehr war.

Zu sagen, dass sowohl die inhaltliche Ausgestaltung wie auch die Spieltiefe der einzelnen Kapitel von Battlefield V mich überrascht hätten, wäre noch milde ausgedrückt. Was ich erwartete, waren einstündige, nett inszenierte Episödchen. Was ich bekam, waren echte Mini-Kampagnen mit viel Abwechslung, tonal wie auch spielerisch, durchaus spannende Geschichten und Charaktere und das alles mit einer mehr als nur soliden Laufzeit. Und ja, die Inszenierung war auch noch da, wo sie sein musste. Das ist mehr als nur ein Einstieg in den Multiplayer. Als solcher funktioniert das sicher auch alles irgendwie, man hat dann zumindest auch schon mal ein Flugzeug und einen Panzer von Innen gesehen, aber vor allem werden das hier wohl einige der interessanteren Geschichten zu einem Krieg, von dem man dachte, dass man sie schon alle gehört hätte. Battlefield V ist in meiner Achtung gerade noch mal ein gutes Stück gestiegen, ist nun auch als spannender Titel für den Solo-Spaß gebucht. Und ja, ich freue mich jetzt noch deutlich mehr als sowieso schon auf das Spiel, von dem ich dachte, dass es "nur" ein weiteres Angebot im großen Kampf um den Battle-Royale-Kuchen wäre.

Entwickler/Publisher: Dice / Electronic Arts - Erscheint für: PC (angespielt), PS4, Xbox One - Geplante Veröffentlichung: 20.11.2018

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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