Kurzfassung: Donut County ist mehr als nur das lustigste Spiel des Jahres

Einfach mal ein Loch sein …

"Kurzfassung" (Arbeitstitel) ist ein neues Artikelformat, in dem wir Spiele ansprechen, bei denen für einen vollen Test einfach die Zeit fehlte, die wir aber für ein paar Stunden gespielt haben und euch davon berichten wollen. Was genau wir dann zu sagen haben, das müsst ihr lesen. Es gibt keine Test-Awards und es kann in alle Richtungen gehen. Leser des englischsprachigen Gamer-Network-Kollegen "Rock, Paper, Shotgun" kennen das Ganze als deren altes "Wot I think"-Format und genau das ist "Kurzfassung" im Grunde auch.

Würde ich Ben Espositos (ehemals bei Giant Sparrow Designer von Unfinished Swan, später für Tattletail verantwortlich) neues Spiel als "Katamary Damacy für die Generation Internet" beschreiben, ich würde von euch eine von zwei Reaktionen erwarten: Entweder ich höre die sprichwörtliche Tür auf eurem Weg nach draußen direkt wieder hinter euch zufallen oder ihr werdet ganz Ohr und schlurft zu dem Platz, der euch für die Lektüre dieses Textes am gemütlichsten vorkommt. Dazwischen passt keine Hand. Und das ist schon okay. Für die Hiergebliebenen drösle ich das mal ein wenig auf.

Was "Katamary Damacy für die Generation Internet" überhaupt bedeuten soll? Nun, Donut County folgt demselben Prinzip, ein bewegliches Objekt dadurch zu vergrößern, dass man mit ihm kleinere und allmählich immer enormere Gegenstände aufsammelt. Es kleidet sich in pastellene Farben, wirkt wahnsinnig meditativ, nimmt sich aber anders als das unschuldige Katamari eines ernsten Themas an. Im weitesten Sinne geht es um die Folgen des grassierenden Tech-Goldgräbertums, die hier vornehmlich in Form einer metaphorischen Gentrifizierung Ausdruck findet.

Auch spielerisch bleibt Donut County deutlich mehr auf dem Teppich als Keita Takahashis legendäre Planetenaufrollerei. Anflüge von schadenfreudigem Größenwahn sind hier nicht vorgesehen, ihr schiebt ihr einfach ein Loch - den Donut - durch die Landschaft, das alles verschluckt, was hineinpasst. Die Dimensionen bleiben durchweg spürbar weltlicher. Felsen, Häuser, Scheunen sind das Größte, was ihr schluckt.

Donut County Reveal-Trailer

Das passt zur Botschaft von Donut County, denn das Spiel will vor allem durch die Blume seine augenzwinkernde Geschichte darüber erzählen, was passiert, wenn Internet- und Tech-Start-up-Unternehmen für eine Fachkräftemigration sorgen, die die bestehende Population zu verdrängen droht. Die Metapher hier: Intelligente Waschbären fallen wie eine gut bezahlte und bestens sozialversicherte Plage über Donut County herein und verändern das Stadtbild maßgeblich und ohne Rücksicht auf Verluste. Treffenderweise versetzt es uns Spieler in die Perspektive des achtlosen Gentrifizierers, wenn man als Waschbär BK und Angestellter des Trash-King mit der Donut-Technologie die komplette Stadt in Schutt und Asche legt, weil ihm ein Quadcopter als Belohnung in Aussicht gestellt wurde.

Gleichzeitig ist es eine Geschichte über Versöhnung und Wiedergutmachung, denn auch BK landet am anderen Ende des Loches, 999 Fuß unter der Erde, wo er zwischen den Trümmern der Existenzen seiner Nachbarn am Lagerfeuer von jedem einzelnen zur Rede gestellt wird. Das Spiel verpackt das ernste Thema in gelungenen Physik-Slapstick und eine spezielle Sorte ironischen Internet-Humor. Ihr wisst schon, die, die vor allem deshalb zündet, weil sie weiß, wie dämlich es aussieht, wenn "LOL" zur Interpunktion verwendet wird und man den Textnachrichten-Chat mit quakenden Entenemojis zubombardiert.

Donut County: Trash-TV-Trailer

Aber auch eine Reihe aufrichtig verdienter Gag-Perlen findet sich bei dieser Fabel-haften Zusammenkunft zwischen Menschen und anthropomorphen Tierwesen, bei der jede Figur ihre eigenen absurden Vorlieben, Sorgen und Ticks mit sich rumschleppt. Alleine BKs Ignoranz, die erste von insgesamt zwei bis drei Spielstunden hindurch, das eigentliche Problem zu sehen - was erwartet ihr!? immerhin ist sein Quadcopter zu Bruch gegangen - ist ein entwaffnend bescheuertes Bild und eine ertappend analysierte Metapher zugleich. Besonders unterhaltsam ist die Trashopedia, in der BK jeden Gegenstand, der in sein Loch gefallen ist, durch seine Waschbäraugen beschreibt. Wusstet ihr etwa, dass ein Messbecher Nahrung in Mathematik verwandelt? Oder dass man eine Honigwabe an seinen Besitztümern reiben sollte, damit sie schwieriger zu stehlen sind? Oder dass der Standardzweck eines Laptops ist, ein Glas Wasser darüber auszuschütten und dann zu schreien? Ich klickte mich immer wieder gerne durch all die neuen Einträge.

Erwartet nur nicht, hiervon in irgendeiner Weise außer der moralischen herausgefordert zu werden. Donut County ist ein sehr einfaches Spiel, daddelt sich so weg und hinterlässt dabei Eindruck, weil man immer wieder schmunzelt, ungläubig die Augenbrauen hochzieht und hier und da herzhaft über das Unglück anderer lacht. Natürlich nur, um sich anschließend irgendwie erwischt vorzukommen, selbst irgendwo Teil des Problems zu sein. Trotzdem wirkt Donut County zu keiner Zeit so belehrend, wie das in meinen Schilderungen vielleicht rüberkam. Im Gegenteil: Es ist leichtherzig, unverfroren und - ja - auch ein bisschen blauäuigig, wenn es um die letztliche Lösung des Problems geht, die neben der notwendigen Einsicht natürlich wieder im selben Loch-getriebenen Chaos liegt, dem wir den Schlamassel überhaupt zu verdanken hatten.

Krumm nehme ich es ihm nicht. Wir haben nicht genügend dieser Spiele, die wissen, wie man Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken anregt.

Entwickler/Publisher: Ben Esposito/Annapurna - Erscheint für: PS4, PC, iOS - Preis: ca. 12 Euro - Erscheint am: erhältlich - Sprache: Deutsch/Englisch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: PC, PS4

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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