Kurzfassung: My Memory of Us - Wenn Robo-Hitler in Polen einfällt...

Manche Themen sind schwer zu abstrahieren.

"Kurzfassung" (Arbeitstitel) ist ein neues Artikelformat, in dem wir Spiele ansprechen, bei denen für einen vollen Test einfach die Zeit fehlte, die wir aber für ein paar Stunden gespielt haben und euch davon berichten wollen. Was genau wir dann zu sagen haben, das müsst ihr lesen. Es gibt keine Test-Awards und es kann in alle Richtungen gehen. Leser des englischsprachigen Gamer-Network-Kollegen "Rock, Paper, Shotgun" kennen das Ganze als deren altes "Wot I think"-Format und genau das ist "Kurzfassung" im Grunde auch.

Dass Valiant Hearts nicht schon häufiger ähnliche Spiele inspiriert hat, ist eigentlich ein Wunder. Ein toller 2D-Rätsel-Platformer, der den Schrecken des ersten Weltkriegs einfängt und trotzdem bisweilen irgendwie witzig und fantasievoll ist - warum sollte das nicht auch für andere Szenarien funktionieren? Das dachte sich vielleicht Entwickler Juggler Games und entwickelte kurzerhand ein Spiel im Stil von Valiant Hearts, das im von den Nazis besetzten Polen spielt. My Memory of Us heißt es und es lebt davon, dass ihr hier zwei Figuren steuert, einen Jungen und ein Mädchen. Das Mädchen ist älter und kann rennen, der Junge ist kleiner und schleicht. Und diese nichtganz ungewöhnlichen Fertigkeiten werden sie gegen Robo-Hitlers Schergen einsetzen.

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Der Krieg kommt unerwartet.

My Memory of Us beginnt in Friedenszeiten, Polen ist frei, die Nazis sind noch eine Bedrohung am Horizont und ein Mädchen trifft zufällig einen Jungen und will mit ihm einen Kuchen klauen. Das ist euer Tutorial. Es fühlt sich schon zu diesem Zeitpunkt an wie Valiant Hearts und das wird sich auch in den nächsten beiden Stunden nicht ändern. Ihr versteckt euch hinter hüfthohen Barrikaden, wie ihr es besser auch in einem Deckungsshooter nicht tun könntet und wartet bis Wachen vorbeilaufen, dann rennt ihr weiter. Es spielt sich okay, wenn auch wenig aufregend. Die Wachen sind zu diesem Zeitpunkt noch polnische Soldaten, die sich auf den Ansturm der Faschisten vorbereiten. Und der kommt dann auch. In mechanischer Form.

Schon Valiant Hearts hat den 1. Weltkrieg ja so ein bisschen abstrahiert, die Feinde in ein Comic-Gewand gesteckt. Aber es hat seine Ernsthaftigkeit dennoch nie verloren, indem es beispielsweise hin und wieder Fakten aus dem ersten Weltkrieg eingestreut hat. Wie es in den Schützengräben Frankreichs zuging, beispielsweise. My Memory of Us ist hier deutlich schwächer. Erstens gibt es keine direkten historischen Fakten - nur sehr stark abstrahierte -, zweitens ist das Gezeigte deutlich weiter entfernt von der Besatzung Polens als es der fiktive 1. Weltkrieg in Valiant Hearts von der historischen Realität war. Die Deutschen hier sind schlichtweg Roboter, Hitler ist der Roboterkönig. Und wer einen roten Mantel anhat, wird von den Robotern verfolgt, weil der Roboterkönig das nun mal so will. Ein wenig direkter hätte man schon auf die grausame Realität zugehen können.

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Die Roboter wollen euch hier nicht durchlassen.

Ich verstehe, dass es nicht einfach ist, ein Thema wie den 2. Weltkrieg als Platformer einigermaßen seriös darzustellen, aber die Abstraktion von der Thematik hin zu einem Comic-Szenario, in dem nichts wirklich ernst genommen werden kann - naja, das funktioniert halt auch nicht. Was schade ist, weil die Figuren durchaus liebenswert sind. Und auch sichtlich unter dieser Roboter-Besatzung leiden, was aber dadurch aufgeweicht wird, dass die Roboter durchweg lächerlich und bisweilen hilflos wirken - wie eine Bedrohung, die ein MacGyver durch einen Kugelschreiber lösen könnte. Und nein, das hier ist kein "Großer Diktator", da fehlt noch viel zur gelungenen Persiflage des traurigen und grausigen Menscheitswitzes, dass der Faschismus am Ende ist.

Ich habe My Memory of Us nun ein paar Stunden gespielt. Will ich weiterspielen? Ja, prinzipiell schon, irgendwie. Aber es juckt mich jetzt nicht in den Fingern. My Memory of Us ist eins der Spiele, die ihr wohlwollend auf euren Pile of Shame legt, wissend, dass ihr jetzt gleich doch lieber eine Runde Red Dead Redemption 2 spielen oder doch endlich mal das in irgendeinem Sale mitgenommene Valiant Hearts installieren werdet. Vielleicht entdeckt ihr es Jahre später wieder und werft dann einen Blick drauf - vielleicht aber eben auch nicht.

Entwickler/Publisher: Juggler Games/IMGN.PRO - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Switch - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsche Texte, englische Sprachausgabe - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Autor

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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