Das war schon ein wenig drollig, als die Entwickler dort an ihren Powerpoint-Slides standen und ein Artwork mit einer Menge Köpfen auftauchte, die mir weitestgehend unbekannt waren. Sicher, Rico kennt man ja, man hat seinen Rücken über hunderte Stunden und drei Spiele hinweg bewundert. Aber wer sind diese anderen Gestalten. Nun, wie sich zu meiner nicht enden wollenden Überraschung herausstellte, gab es wohl eine Story in den ersten drei Spielen. Und ich dachte, ich wäre einfach nur da, um die Bösen wegzuballern, bevorzugt aus der Luft und mein Ding zu machen. "Blow shit up!", wie man auf Englisch so schön sagt. Dann waren diese Momente, in denen ich dabei gestört wurde und was wegdrückte, wohl doch mit Inhalt gefüllt.

Nun, falls ihr aufgepasst haben solltet, dann stehen euch große Offenbarungen bevor. Der unbekannte Böse im Hintergrund, der nicht verraten wurde, ist Ricos Vater. Denke ich mal, der Rest der Geschichte, die da in fünf Minuten umrissen wurde und nun im vierten Teil in einem großen Finale kumulieren soll, ist so platt, dass das der passende Billig-Twist wäre. Wissen tue ich das natürlich nicht, aber ich nehme gerne Wetten an.

1
Ja, Just Cause hat eine Handlung. Ich finde dieses Lama spannender. Und so spannend ist das Lama auch nicht.

Also ja, Story vorhanden, Zwischensequenzen wirken nach Red Dead und selbst nach Assassin's Creed etwas schlicht, um es freundlich zu sagen. Seht ihr, ich habe sie sogar angeguckt und nicht gleich weggedrückt. Dabei fiel mir dann auch auf, dass das Design von Gut und Böse so subtil ist, wie das Cover-Artwork eines Shadowrun-Romans. Die Evil Megacorp rennt in schwarzen Vollpanzer-Uniformen herum, während die anarchistisch angehauchte Kommune der Insel auf Neon-Punk steht und das bis zum Anschlag durchzieht. Klassisch, kann ich mit arbeiten, gefällt mir.

Handlung? Vorhanden.

Überhaupt dominiert viel satte Farbe, denn das Spielgebiet ist recht klar in vier verschiedene Bereiche aufgeteilt. Ein Wüstenbereich, eine grüne Graslandschaft, ein Dschungelgebiet und in der Mitte das riesige, verschneite Gebirge. All das liegt auf einer einzigen Insel, mit ein paar ganz kleinen Eilanden entlang der Küste, aber sonst findet diesmal alles ganz klar definiert auf einer Landmasse statt. Langes Inselhopping ohne Explosionen entfällt also. Wiederum, etwas, das ich durchaus begrüße, allein schon, weil ich nach den ganzen Inseln in Assassin's Creed erst einmal davon kuriert bin.

2
Autos...Pah!...

Was natürlich sofort wieder auffällt, ist das schiere Tempo der Bewegung. Um bei den großen Open Worldern der Saison zu bleiben, dann ist Red Dead die Schnecke, Assassin's Creed dreht schon ganz schön auf, aber Just Cause startet komplett im Overdrive und geht von da aus weiter. Ich bin mir bis heute nicht sicher, warum es in diesem Spiel Autos oder Motorräder gibt, außer als Kulisse vielleicht. Mit der Kombination aus Enterhaken und Gleiten überholt ihr praktisch alles auf der Straße. Habt ihr ein wenig Übung, dann überquert ihr selbst flaches Terrain schneller als jemand in GTA Auto fährt. Spider-Man bewegt sich nicht so flink durch seine Häuserschluchten, da Rico nicht das Schwing-Momentum braucht, sondern einfach von Punkt zu Punkt zippt.

Wenn Gegner hier mithalten sollen, dann brauchen sie schwere Geschütze, denn mit seinen neuen Optimierungen würde er selbst im Angesicht der Avengers nur ein wenig müde gucken und sagen "Meh, sind ja nett aber zu langsam". Und vor allem macht es unglaublich viel Spaß, sich zu bewegen. Allein das, abseits jeder Mission oder sonst etwas, ist in Just Cause 4 eine reine Freude. Es ist viel näher an einem Tony Hawk, bei dem ihr einfach nur auf der Suche nach coolen Moves seid, statt irgendein echtes Ziel zu erfüllen. Und das ist eine Kunst, deren Meister ich grundsätzlich respektiere, egal aus welchem Genre das Spiel kommt.

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...Mit dem Enterhaken überholt ihr Hubschrauber! Wer braucht schon Autos.

Aber wie gesagt, bei so jemandem braucht es mächtige Feinde, um es nicht komplett zum Selbstzweck verkommen zu lassen und als die mächtigsten stellten sich gewaltige Artilleriegeschütze heraus. Es gibt einen zentralen Punkt im Gebirge, eine Festung, die ihr nicht gleich einnehmen sollt und egal, was das Spiel sonst auffährt, diese unfairen Kanonen sind die letzte Linie der Verteidigung, die cheatet, denn das Spiel bombardiert euch hier mit Insta-Death, egal, wie schnell ihr euch bewegt. Aber okay, ein wenig muss für das Finale bleiben, jeden anderen Punkt der nicht gerade kleinen Insel könnt ihr sofort erkunden, selbst wenn euch die Gegner das Leben in manchen Ecken der der Welt natürlich schwerer machen als in anderen.

Vor allem die verstreuten Militär-Basen sind ein beliebtes Ziel Ricos, denn hier könnt ihr richtig aufdrehen. Ihr kennt das Spiel. Zippt euch rein, erledigt Feinde, diese rufen einen Hubschrauber, den kapert ihr, ballert damit herum, lasst ihn auf mehr Feinde stürzen, lasst Tanks explodieren, zippt weiter, mehr Fahrzeuge kommen, die ihr entert, dann hängt ihr kopfüber unter einem feindlichen Heli und während dieser panisch herumkurvt, ballert ihr hängend weiter. Es ist ein pures Fest der Zerstörungswut in einer Ehrlichkeit, für die man Avalanche immer wieder einfach lieben und knuddeln muss. Vielleicht kriegen sie ums Verrecken nicht zwei gute Zeilen Dialog zustande, aber wer mir zehn Minuten wie in der Sattelitenschüssel-Basis auf diesem Tafelberg im Dschungel bietet, der braucht das auch nicht. Und das war nur irgendeine Basis, in die ich zufällig reingestolpert bin. Keine Ahnung, was das Böse da tat. Rico stellen sich solche Fragen auch überhaupt nicht, seine höhere Moral ist das Chaos, das ihr virtuell entfacht und das ist alles, was dieses Spiel braucht.

4
Darum geht es wirklich in Just Cause 4: Chaos!

Es hat aber noch mehr zu bieten, viel mehr und das ist etwas, bei dem ich noch gucken muss, ob ich mich damit anfreunden kann. Im immer umfangreicher werdenden Menü könnt ihr euch von befreundeten Rebellen praktisch alle Fahrzeuge und Waffen schicken lassen, die ihr euch nur wünschen könnt, vorausgesetzt ihr habt seid in den Missionen weit genug voran geschritten. Es gibt also doch einen guten Grund, der linearen Story zu folgen und sich ein wenig um das Metagaming der Revolte zu kümmern, bei der ihr auf der Karte auch gelegentlich irgendwelche Rebellen von A nach B schickt. Das meine ich aber nicht, sondern es ist der Enterhaken, der ein eigenes Menü mit zig Unterpunkten bekam. Hier stellt ihr ein, was passiert, wenn ihr mehrere Objekte mit Seilen verbindet. Wie lang sollen diese Seile sein, wie viel Spannung soll drauf liegen, sollen sie sich zusammenziehen, sollen sie das auf einen Trigger hin tun oder sofort, sollen sie explodieren, sollen sie wie kleine Raketen zünden? So viele Möglichkeiten!

Dafür wurde der Enterhaken dermaßen überfrachtet: Damit YouTuber lustige Sandbox-Videos machen können!

Ihr könnt euch damit als lebendes Katapultgeschoss auf einem Motorrad in den Himmel schleudern, oder einen Panzer mit Ballons zum Schweben bringen - eine weitere, neue Funktion des Wunder-Enterhakens -, dann Raketen dranpappen und von einem Berg auf den nächsten schweben, wo ihr per Knopfdruck die Seile kappt und das Ding direkt in einer feindlichen Basis landet. Nicht, dass es nötig gewesen wäre. Das ist reines "weil es geht" mit einer soliden Physikengine, eine Bastler-Sandbox in der Welt-Sandbox und ich weiß jetzt schon, dass es zig Leute lieben werden, dass wir unglaubliche Youtube-Videos sehen werden, dass man damit irren Spaß haben kann und dass ich es so gut wie nutzen werde. Aber das ist mein Problem und nicht das von Just Cause 4.

5
Und mehr Chaos!

Die Stars des Spiels sind damit auch schon fast aufgezählt. Wir haben Tempo, Chaos, Allzweck-Enterhaken und nun kommen noch die Elemente dazu. Die Bösen haben eine Wettermaschine gebaut und so zieht ewiglich ein Tornado über das Grasland, in der Wüste findet ihr leicht und immer einen wandernden Sandsturm und schließlich einen Gewittersturm über dem Dschungel. Im Zentrum in den Bergen kommt dies alles in Form eines Schnee-Wirbel-Blitz-Orkans zusammen, der fast an die Macht der Artillerie herankommt. All diese Wetterextreme sind keine reine Show, sie sind wie alles hier physikbasiert, mobil und sehr unterhaltsam, vor allem, wenn man Dinge tut, die man nicht tun sollte. Paragliding neben einem Tornado wäre eins davon oder mit einem Jumbo-Jet im Tiefflug einen Sandsturm durchqueren. Der Tornado kann aber auch praktisch sein, wenn er Gegner in sich reinsaugt oder ihr Verfolgern im Sand bei einer Sichtweite von Null sofort entkommen könnt. Man muss halt nur ein wenig aufpassen, denn wenn ihr bei den Windstärken springt, kann es sein, dass ihr weiter zurück als vorn landet. Außerdem: Man fliegt nicht mit einem Leichtflugzeug in einen Gewittersturm, habe es verstanden, Lektion gelernt.

Wer die Technik hat, darf sich freuen: Am PC gibt es 4K-Ultrawide und genau für diese Perspektive wurde die Apex-Engine geschaffen. Weite Landschaften, nicht für Details an Häuserwänden.

Grafisch macht das Wetter auch wirklich was her und illustriert perfekt, was Just Cause am besten kann. Aus der Nähe mag manche Textur noch so matschig wirken, hier geht es um unglaubliche Sichtweiten bis an den Punkt, bei dem die Erdkrümmung sichtbar wird. Kein Witz, fliegt hoch genug und ihr werdet das sehen, plus die Welt von einer Seite bis zur anderen. Es geht auch um Extreme-Streaming der Daten, denn so schnell ihr euch bewegt, das Spiel muss in alle Richtungen mithalten und hier leistet die Engine einen fantastischen Job. Nie hatte ich mit großartigen Pop-Ins oder ähnlichen Geschichten zu kämpfen, selbst wenn ich in Rekordzeit die Berge von einem Ende zum anderen per Schleudertricks mit gefühlter Schallgeschwindigkeit überquerte, die neue Apex-Engine hielt mit. Das, plus das gewohnt vor satten Farben strotzende Artdesign ergeben ein optisches Bild, das genau auf das abgestimmt ist, was es in diesem Siel leisten muss.

7
Diesen Tornado finde ich spannender als das Lama. Viel spannender!!

Also ja, so sicher, wie ich auch dieses Mal ignorieren werde, dass es in Just Cause wohl so etwas wie eine Handlung gibt, so sicher werde ich damit viel chaotischen Spaß haben. Andere Open-Worlds dürfen da gern die Weisheit des Westens in Kino-würdigen Zeilen ergründen, in Just Cause 4 mit Rico will ich gucken, wie viel Chaos ich mit Tempo, Fluggeräten und Enterhaken anrichten kann. Wenn es zwei Minuten keine Explosion gab, dann habe ich etwas falsch gemacht, denn die Schuld dieses Spiels ist das ganz sicher nicht. Und es bietet Optionen, um seine ganz eigene Form von Blödsinn anzurichten. Egal ob es euch wie mir mehr liegt, im großen Stil für Feuerbälle zu sorgen oder ihr gucken wollt, auf welche Weise ihr noch die Tausenden Möglichkeiten des Enterhakens missbrauchen könnt, das hier ist eine perfekte Mischung aus Sandbox und ein wenig Struktur. Also nein, wieder keine Oscars für Just Cause, aber "a tale told by an idiot, full of sound and fury signifying nothing" ist hier ein Lob, es ist genau das, was dieses Spiel tun muss und das tut es allem Anschein nach mit Glanz und Hingabe.

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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