Dies ist eine jener Geschichten, die uns völlig unvermittelt treffen und einen riesigen Batzen Demut einprügeln. Die gallertartige Steuerung von Red Dead 2? Wen kümmert's. Nur 30 statt 60 FPS in der Spyro-Trilogie? Ich bitte euch.

Die Finnin Felicia Prehn rückt all diese vermeintlichen Gaming-Probleme mit einem in seiner Offenheit völlig entwaffnenden Video ins rechte Licht. "Licia" ist begeisterte Gamerin, glühender Pokémon-Fan - und blind. Vergangene Woche graste ihr Reddit-Post, der sie beim Spielen von Pokémon Let's Go zeigt, binnen kürzester Zeit zehntausende Upvotes ab. Neben Anerkennung und eigenen Geschichten über körperlich beeinträchtige Spielerinnen und Spieler stechen im Thread vor allem Fragen darüber heraus, wie Felicia trotz ihres Handicaps spielen könne. Das illustrierte sie nun in folgendem Video:

Vorab ist es wichtig, typische Missverständnisse hinsichtlich der hier verwendeten Begrifflichkeiten auszuräumen. Die häufigste falsche Annahme besteht darin, ärztlich attestierte Blindheit mit vollständiger Blindheit gleichzusetzen. In Deutschland gelten Betroffene als vollständig blind, wenn sie auf ihrem besseren Auge maximal über zwei Prozent der normalen Sehschärfe verfügen. Auch wenn diese Zahlen in einigen Ländern variieren können, geht eine festgestellte Blindheit in den allermeisten Fällen nicht mit dem Verlust des vollständigen Sehvermögens einher. Auch Felicias Sehkraft beträgt lediglich zwei Prozent des normalen Sehvermögens, wie sie in einem Reddit-Post erklärt.

Der größte und im Kern einzige Vorteil für die erhöhte Barrierefreiheit beim Spielen von Let's Go ist allerdings weniger dem Spiel selbst als vielmehr dem TV-Modus der Switch zuzuschreiben. Felicia zufolge erlaubt ihr vor allem der deutlich größere Bildschirm, mit ihrem Pokémon-Team die Top Vier zu zerpflücken. Die kleinen Displays früherer Nintendo-Handhelds hätten sie bislang stets dazu gezwungen, auf Emulatoren oder andere Hilfsmittel auszuweichen. Die ersten Editionen auf dem Ur-Game-Boy konnte sie beispielsweise erst später mithilfe des Transfer Paks in Pokémon Stadium auf dem Nintendo 64 spielen. Selbst auf ihrem großen Flachbildfernseher stößt die auf Reddit als "GrumpyFinn" bekannte Gamerin aber beinahe noch mit der Nasenspitze ans Bild, wenn sie Text zu lesen versucht.

Als Spiel ist Pokémon Let's Go alles andere als sonderlich barrierefreundlich. Vielmehr haben die Switch-Abenteuer sogar einige Rückschritte gemacht. Einige in früheren Editionen enthaltenen auditiven Hinweise fehlen inzwischen. Besonders über die gestrichenen Geräusche beim Laufen gegen Wände haben sich blinde Spieler beklagt, da sie bislang mithilfe des akustischen Feedbacks durch die Welt navigierten, so Felicia.

Die Farbcodierung ist der Zugänglichkeit in einigen Fällen ebenfalls abträglich. Ein besonders repräsentatives Beispiel ist im Video zu sehen, als Felicia im hohen Gras einem wilden Myrapla begegnet. Das Pflanzen-Pokémon besteht beinahe zur Hälfte aus dichten grünen Blättern und hebt sich bereits dadurch nur unzureichend vom bereits grasgrünen Hintergrund ab. Erschwerend kommt allerdings der grüne Kreis rund um das Taschenmonster hinzu, der Teil der aus Pokémon Go entliehenen Fangmechanik ist und angibt, wie leicht und wann die jeweilige Kreatur zu fangen ist. Auch der ausgegraute Teil der Gesundheitsleiste gegnerischer Pokémon sei kaum zu erkennen, sagt die langjährige Spielerin.

Mit derartigen Problemen sehen sich spielebegeisterte Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen regelmäßig konfrontiert. Trotz ihres inklusiven Anspruchs sind etwa gerade Nintendo-Spiele häufig Negativbeispiele für barrierefreie Games - und wie im Video anhand verschiedener Beispiele zu sehen ist, bildet Pokémon Let's Go keine Ausnahme. Würde Felicia diesen Einblick in ihren Alltag mit einer Wutrede beenden, sie hätte jedes Recht dazu. Stattdessen ist die sympathische Finnin dankbar für die Möglichkeit, endlich auf einem beliebig großen Bildschirm auf Pokémon-Jagd gehen zu können.

Solltet ihr euch nun ein wenig tiefer in die Materie einarbeiten wollen, ist Mark Browns fantastische Videoserie über Barrierefreiheit in Videospielen der ideale Einstieg dafür.

Anzeige

Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

Mehr Artikel von Gregor Thomanek