Rollenspiel mit ambitionierter, aber unausgereifter Physik-Engine, bruchstückhafter Story, allzu vielen Bugs und ideenlosen Quests.

„Was wollen die Entwickler von mir?", ist eine Frage, die ich mir häufig stelle, wenn ich in einem beliebigen Spiel feststecke und das nicht gerade daran liegt, dass ich zu doof bin, einen bestimmten Gegner zu besiegen. Auch in Underworld Ascendant habe ich mir diese Frage zu Beginn recht häufig gestellt, nur um dann festzustellen, dass die Entwickler die immer wieder auftauchende Aufforderung, doch bitte zu experimentieren, wirklich ernst meinen. Denn: In den meisten Fällen gibt es nicht den einen Weg, eine Situation zu lösen. Es gibt auch nicht eine Auswahl von zwei oder drei verschiedenen Wegen. Das Spiel stellt euch stattdessen eine ganze Werkzeugkiste voller Möglichkeiten zur Verfügung und was ihr daraus macht, liegt ganz allein bei euch. Was in der Praxis nach einem großartigen Abenteuer klingt, entpuppt sich aber recht schnell als ziemlich frustrierend. Denn nicht nur funktioniert die Spielphysik nicht immer, wie sie soll - ihr müsst auch allzu oft die gleichen Spielabschnitte erneut abgrasen und herausfinden: „Was wollen die Entwickler diesmal von mir?"

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Er freut sich, euch zu sehen, das merkt man ihm an. (Underworld Ascendant - Test)

Underworld Ascendant darf zwar Ultima nicht im Namen tragen, die Entwickler nennen das Spiel aber doch einen Nachfolger von Ultima Underworld. Nicht ohne Grund, denn das Spiel legt sichtbar Wert darauf, dass ihr es nicht nur einfach aus der Ego-Perspektive, sondern in seiner ganzen Körperlichkeit erfahrt. Was ich damit meine: Jeder Gegenstand, alles, was sich irgendwie bewegen lässt, hat ein spezifisches Gewicht, das dafür sorgt, dass ihr es mal leichter, mal schwerer oder mal gar nicht bewegen könnt. Geht etwas kaputt, ist es auch nicht einfach weg. Werft ihr beispielsweise eine Vase auf den Boden, habt ihr danach einen Haufen von Scherben und ihr könnt wiederum jede einzelne von ihnen aufheben und etwas damit anstellen. Zerborstene Fässer hinterlassen nicht nur Holzbretter, sondern tatsächlich auch die Metallringe, die das Holz normalerweise zusammenhalten. Underworld Ascendant fühlt sich bisweilen nicht wie ein Rollenspiel an, sondern wie ein experimenteller Baukasten. Nur dass sich dieser Baukasten offenbar in einem Wurmloch befindet, in dem die Gesetze der Physik nicht greifen.

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Hier sucht ihr euch eure Quests aus, von NPCs bekommt ihr sie nicht. (Underworld Ascendant - Test)

Damit meine ich beispielsweise die Tatsache, dass ihr an manchen Stellen in nahezu bodenlose Schluchten hüpfen könnt ohne auch nur ein bisschen Fallschaden davonzutragen, während ihr an anderer Stelle sofort das Zeitliche segnet, wenn ihr einen deutlich niedrigeren Absprung herunter wagt. Aber auch, dass eure Figur allzu oft kein Problem damit hat, ein brennendes Fass in der Gegend herumzutragen, wenig später aber Schaden nimmt, wenn sie über eine kleine Flamme auf dem Boden läuft. Unklar ist zudem, warum zwar Fässer und Kisten in tausend Teile zerspringen können, Skelette aber nicht, warum Vasen manchmal explosionsartig zerspringen, wenn sie nur umfallen, sich an anderer Stelle aber verhalten wie Gummibälle. Diese Spielphysik hätte definitiv noch ein wenig Feinschliff vertragen.

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Bei diesem Kollegen könnt ihr eure Fähigkeiten erweitern. (Underworld Ascendant - Test)

Vielleicht taugt ja die Geschichte was? Naja. Underworld Ascendant springt euch mit seiner Story nicht gerade ins Gesicht. Ihr werdet als namenloser Held in die Unterwelt teleportiert und müsst von dort aus irgendwie entkommen. In besagter Unterwelt wird aber auch eine Art Dämon namens Typhon festgehalten, der das auch weg will und eben den müsst ihr irgendwie daran hindern. Hierzu ist es aber nötig, dass ihr die Interessen der drei Völker in der Unterwelt im Auge behaltet: der Mykolyten, der Expedition und der Tiefenelfen. Wie ihr deren Interessen dient? Indem ihr Quests erfüllt. Woher ihr Quests bekommt? Von einem Anschlagbrett. Nachdem ihr die ersten beiden Level des Spiels absolviert habt, werdet ihr zum ersten Mal in eine Art Hub-Welt teleportiert. Dort könnt ihr nun frei wählen, welche Mission ihr als nächstes angehen wollt. Missionen gibt es viele, Level, sprich Spielbereiche, allerdings insgesamt nur acht, die Hub-Welt mitgerechnet. Das Spiel schickt euch also immer wieder in die gleichen Spielabschnitte, wo ihr dann verschiedene Aufgaben erfüllen müsst. Und damit erledigt sich die Geschichte auch schon fast. Ihr trefft ein paar Fantasy-Wesen, die euch wissen lassen, dass Typhon ein böser Kerl ist und ihr ihn stoppen müsst, viel mehr passiert aber inhaltlich nicht.

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Der Talentbaum: Hier lernt ihr, besser zu kämpfen, zu zaubern oder zu schleichen. (Underworld Ascendant - Test)

Auch das wäre irgendwie noch zu verkraften, wären wenigstens die Quests spannend. Stattdessen habt ihr es hier aber mit einer Reihe sich irrelevant anfühlender Zufallsaufgaben zu tun. Hole acht Gegenstände vom Typ B aus Level C, entdecke soundso viel Prozent der Karte in Level D. Als wäre das nicht schon genug, tötet das Spiel euren Sinn für Spielfortschritt, indem es die Levels immer wieder in ihren Ausgangszustand versetzt, wenn ihr sie verlasst. Alle Gegner sind wieder da, alle Türen wieder verschlossen, alle Fackeln, die ihr möglicherweise gelöscht habt, wieder an. Was ihr macht, fühlt sich teilweise an wie eine Strafarbeit, bei dem euch ein allzu konservativer Oberstudienrat aufträgt, den gleichen Text immer wieder abzuschreiben, nur um ihn dann vor euren Augen zu zerreißen und euch die gleiche Aufgabe nochmal zu geben.

In die gleiche unangenehme Kerbe schlägt das Speichersystem. Prinzipiell könnt ihr zu jedem Zeitpunkt des Spiels speichern, was mir erst einmal suggeriert, ich könnte von genau diesem Punkt aus wieder starten. Ladet ihr den Spielstand dann aber wieder, werdet ihr eines Besseren belehrt, denn ihr werdet wieder an den Anfang zurückgesetzt. Ihr behaltet zwar gesammelte Gegenstände, aber der Level selbst wird komplett in den Ausgangszustand versetzt. Auch hier sind alle Gegner wieder da, alle Türen geschlossen und all die umgefallenen Wasserfläschchen stehen wieder auf ihrem Tisch. Einzig im laufenden Spiel könnt ihr eure Laufwege ein wenig verkürzen, indem ihr einen kleinen Schössling aufnehmt und ihn an anderer Stelle wieder in die Erde pflanzt - ein Überbleibsel aus Ultima Underworld.

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Die Spielwelt von Underworld Ascendant ist voller Geheimnisse - nur dass die Auflösung dann meistens eher enttäuschend ist. (Underworld Ascendant - Test)

Dabei könnte Underworld Ascendant sich durchaus abwechslungsreich spielen, die Grundbausteine sind vorhanden. Es gibt zwar keine ausdefinierten Klassen, aber über einen Talentbaum könnt ihr eure Skills in unterschiedliche Richtungen weiterentwickeln, wobei es drei Richtungen gibt: Kampf, Tarnung oder Magie. Erfahrungspunkte gibt's für Heldentaten, das wiederum kann so gut wie alles sein: Weite Sprünge, bestimmte Entdeckungen im Level oder besiegte Gegner. Interessant auch das Magiesystem, das über die Kombination verschiedener Runen funktioniert. Die liegen in der Spielwelt herum, häufig ganz in der Nähe von Hinweisen, welche sich mit welcher kombinieren lässt. So entwickelt ihr gleichermaßen Heilzauber wie magische Attacken. Auch das Schleichen könnte nett sein. Ihr habt Wasserpfeile zur Verfügung, mit denen ihr Lichtquellen löschen und so dafür sorgen könnt, dass euch die Gegner nicht mehr sehen.

Allerdings ist das selten wirklich nötig, denn die Gegner sind dümmer als die Knochen aus denen sie oft bestehen. Wenn sie nicht gerade in der Spielwelt hängenbleiben, passiert es schon mal, dass sie euch nicht sehen, obwohl ihr direkt vor ihnen steht. Manchmal scheinen sie auch schlicht zu vergessen, dass ihr da seid und sie bleiben ihrerseits einfach stehen, während sie in unregelmäßigen Abständen orkhafte Grunzer von sich geben. Das Kampfsystem ist übrigens gewohnter Standard: leichte Schläge, schwere Schläge, blocken, fertig ist die Wurst. Es reicht auch völlig bei vielen Gegnern das seit Jahrzehnten bekannte Muster abzuarbeiten: Schritt vor, schlagen, zurück, gegnerischen Schlag abwarten, wiederholen bis Gegner tot. Klappt fast immer, ist nur eben nicht so spannend.

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Dieser Echsenmensch steckt in einer Stahlwand. Ruft man da jetzt den Arzt oder den Tierarzt? (Underworld Ascendant - Test)

Mir war im Spiel irgendwann nicht mehr klar, was das wirklich ist: Schlechte KI oder ein weiterer Bug? Davon gibt es nämlich so einige. Ihr stürzt in Abgründe, in denen sich das Spiel aufhängt, ihr fallt durch den Boden, ihr bleibt im Boden hängen, ihr stolpert über ein Skelett, dass dann wie verrückt durch die Spielwelt katapultiert wird, bei Sammel-Quests fehlen wertvolle Hinweise, wo ihr überhaupt das suchen müsst, was ihr sammeln sollt. Die Entwickler selbst haben am Tag der Veröffentlichung eine Reihe von Bugs veröffentlicht und letzten Endes legt dies alles nur einen Verdacht nah: Underworld Ascendant ist einfach nicht fertig geworden. Dafür spricht im Übrigen auch das Balancing der Waffen, die mal unverhältnismäßig stark, mal unverhältnismäßig schwach sind und deren Preise im Shop selten etwas mit ihrem spielerischen Wert zu tun haben.

Markus Grundmann: Ich habe mich auf Underworld Ascendant sehr gefreut - auf ein richtig schönes Oldschool-Rollenspiel aus der Ego-Perspektive. Dieses hier hätte das Zeug dazu gehabt. Die Entscheidung, den Spieler mit der Physik-Engine herumexperimentieren und ihn so Rätsel lösen zu lassen, war aber wohl letzten Endes zu ambitioniert. Es fehlt an einer konsistenten Welt, an echten Quests, die den Namen verdienen und an einer spannenden Geschichte, die die Spielumgebung wirklich glaubwürdig macht. Und schließlich fehlen einfach viele Monate Feinschliff. Das Herumexperimentieren macht manchmal schon Spaß und Underworld Ascendant ist gerade so kein kaputtes Spiel, aber es fühlt sich eben auch nicht an wie eine fertige Version, eher wie eine hastig auf halbem Weg spielbar gemachte Beta. Das erklärt vielleicht auch, warum die Frage, was die Entwickler denn nun von mir wollen, so eine schwierige ist. Sie wissen es wohl selbst nicht.

Martin Woger: Ultima Underworld, wie viele Jahre habe ich eine echte Fortsetzung herbeigesehnt... 25, wie es aussieht. Aber da zeigt sich wieder, 25 Jahre sind keine Kleinigkeit und heute mal eben mit einem Kickstarter und ein wenig Publisher-Geld eine Triple-A-Fortsetzung zu machen, das ist ein Wunschtraum. Sehen wir mal davon ab, dass die Spiele damals Blockbuster waren und zu Legenden wurden, was meist in zu großen Fußstapfen endet. Sehen wir mal davon ab, dass Underworld: Ascendant schlicht kein fertiges Spiel ist - noch weniger als Fallout 76, um einen aktuellen Vergleich zu haben -, es ist schlicht eine undurchdachte Mischung aus Dark Souls und dem Versuch eines klassischen Rollenspiels. Die originalen Unterwelten zeichnete eine durchdachte, konsistente Welt aus, das hier ist... ich weiß nicht mal, wie ich es nennen soll, wenn ich immer wieder durch den gleichen Level geschickt werde, der sich jedes Mal komplett zurücksetzt. Engine-Stress-Tester? Es fühlt sich so an. Es ist nicht so, dass ich keinen Spaß hatte mit der vergurkten Physik-Engine zu kämpfen, aber das reichte auch nur für zwei, drei Stunden und in der Zeit habe ich mit dem Spiel herumgespielt, im Gegensatz zu "ich habe das Spiel gespielt". Als ich damit anfing, merkte ich, dass leider nicht nur nichts mit den Vorgängern im Geiste zu tun hat, sondern dass es vor allem ganz allein für sich kein gutes Spiel ist. Erst Godus, dann Shroud of the Avatar, jetzt das hier... Na, wer ist der Nächste?

Entwickler/Publisher: OtherSide Entertainment/505 Games - Erscheint für: PC, Konsolenversionen folgen 2019 - Preis: 29,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

PC-Spiele testen wir auf Lenovo Legion PCs und Laptops, die uns von Lenovo zu diesem Zweck zur Verfügung gestellt wurden. Hier erfahrt ihr mehr über Gaming-Laptops 2018 im Allgemeinen und hier geht es zur Website von Lenovo Legion Gaming.

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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