Project Highrise ist ein in vieler Hinsicht aus der Zeit gefallenes Spiel. Zum einen ist es das Spiel, das Sim Tower hätte sein sollen, wenn es denn nicht eine einzige Bug-Wüste gewesen wäre, die auf meinem damaligen PC kaum zum Laufen zu bringen war - ein Problem, das die Switch-Version von Project Highrise sicher nicht hat -, zum anderen passt es nicht zu den Dingen, die mittlerweile jeder über den Bau von großen Häusern wissen sollte.

Auch wenn es sicher woanders ähnlich und zuhauf passiert, dank der exzessiven Berichterstattung über Donald Trumps moralisch schäbiges Leben bevor er Präsident wurde, wissen wir, dass man erst ein Hochhaus bauen sollte. Dabei sollte man erst nach Ende so tun, als würde man die Handwerker bezahlen, aber nicht wirklich. Vor Gericht einigt man sich nach Jahren auf Vergleiche, mit ein wenig Glück sind in der Zwischenzeit ein paar der Unternehmen, die das Haus bauten, pleite. Wenn nicht genug, dann meldet man Bankrott an und sichert sich über Papis Geld und Steuertricks genug Reserven, um direkt weiterzumachen, wo man aufhörte, das schöne neue Haus gleich inklusive.

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Bis fast 60 Stockwerke dürfen es sein, sogar mehrere Gebäude nebeneinander sind möglich.

Mit all diesem Wissen, wie man wirklich ein Hochhaus baut, war ich ein wenig erstaunt, dass ich in Project Highrise alle meine Bauarbeiten direkt bezahlen musste, Mieter Ansprüche haben dürfen und ich in Vorkasse was leisten muss, bevor die Miete sprudelt. Das ist doch komplett unrealistisch! Wäre das ein realistisches Spiel, könnte ich jeden Tag einen Sack Ratten in den Korridoren freilassen, dabei freundlich grüßen und die müssten immer noch dankbar sein, dass sie bezahlbaren Wohnraum gefunden haben! Wie gesagt, ein Spiel vorbei an allem Zeitgeist.

Und ja, Project Highrise ist wieder einmal die visuelle Umsetzung einer Excel-Tabelle, sprich es ist eine deutsche Wirtschaftssimulation, nur dass diese von SomaSim aus Chicago kommt. Auf PC ist das Spiel seit zwei Jahren draußen - und bei Steam für zwischenzeitlich unter 10 Euro zu haben -, für die großen Konsolen auch, nun gibt es eine Switch-Version, die Project Highrise Architect's Edition. Ein eher ruhiges Game, was für Zwischendurch, das man auch mal zur Seite legen kann, um dem Schaffner das Fahrticket zu zeigen. Das ist doch nicht verkehrt. Nun, ein wenig zu ruhig vielleicht. Gerade am Anfang müsst ihr euer Bauvorhaben sehr langsam angehen lassen, jeden Dollar zweimal umdrehen und dann warten, bis sich endlich genug magere Miete aus einem Dutzend schäbiger Apartments gesammelt hat, um vernünftig expandieren zu können. Diese ersten ein, zwei Stunden einer Runde sind sehr statisch und der Zeitraffer definitiv zu langsam, selbst auf dem höchsten Level.

Wenn ihr dann langsam ein paar Stockwerke mehr und die Grundfläche erweitert habt, kommt langsam Schwung in die Sache. Vor allem bei einem Mix aus Geschäften und Wohnungen, unterschiedlichen Bedürfnissen unterschiedlicher Büros - manche brauchen einen Kopierservice, andere eine Mülltrennung, keiner will zu weit zur Mülltonne laufen - müsst ihr schauen, dass alle leben, wie sie sich das vorstellen. Dazu kommt die Infrastruktur, denn ab 20 oder 30 Stockwerken reicht ein Treppenhaus dann doch nicht mehr. Es wird nicht wirklich komplex, denn schließlich ist die einzige Gefahr, den Überblick zu verlieren und nicht für die Zukunft geplant zu haben. Wenn ihr aber einmal verstanden habt, wie der Weg von der Kernzelle zur Arkologie aussehen muss, dann ist es das alte Problem solcher WiSims, dass sich das Erfolgsrezept beliebig wiederholen lässt.

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Strom und Wasser braucht jeder und dank der Übersicht ist das auch denkbar einfach zu liefern.

Aber die Herausforderung ist ja nur Teil des Spaßes, man will ja auch die Sims wuseln sehen und das tun sie hier auch brav, wenn sie kommen und gehen, arbeiten und wohnen. Sie könnten ein bisschen mehr machen. Sich vielleicht mal streiten, lachen oder zu tun als hätten sie ein Leben. Nicht gleich ein Sims-Leben, aber ein paar mehr Zufallsroutinen im Ablauf hätten in Project Highrise schon Wunder gewirkt. Es ist mehr der Blick auf den Ameisenhaufen, der Spaß macht, die einzelne Ameise tut keine besonders interessanten Dinge.

Die Umsetzung für die Switch ist dabei bestenfalls funktional. Es gibt keinen Touch-Support, die Schriftarten sind zwar gerade noch groß genug, wirken aber nicht besonders angepasst und viele Wege in die Menüs fühlen sich so an, als würden sie einen Klick mehr brauchen als nötig. Auch gibt es leichtes Tearing und Ruckler bei großen Gebäuden, wenn die Switch im Dock steckt.

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Ja, sie wuseln, aber etwas mehr Leben könnte trotzdem in der Bude sein.

Also ja, ich hatte meinen Spaß mit alten Konzepten, arbeitete bekannte Schemata auf einer neuen Plattform durch, aber was hier fehlte, war sowohl das dreidimensional Verwobene einer komplexen Stadt-Simulation wie Cities: Skylines oder ein Hauch von Ausbruch aus dem reinen Konzeptmuster. Von der Zement-Mafia bis hin zu kreativer Finanzierung hätte es hier viel Potenzial gegeben, das Staubtrockene von Project Highrise lebendiger zu gestalten.

Entwickler/Publisher: SomaSim / Kalypso - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One, Mobile, Switch - Preis: ca. 40 Euro (Switch) - Erscheint am: erhältlich - Gespielte Version: Switch - Sprache: deutsch, englisch und mehr - Mikrotransaktionen: nein

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Über den Autor:

Martin Woger

Martin Woger

Chief Editor - Eurogamer.de

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