Sind das Dinosaurier, die ihren eigenen Untergang überlebt haben? Ist das ein terroristischer Akt von China? Das sind Fragen, die sich typische EDF-Soldaten stellen, wenn sie mit ihrem Feind konfrontiert werden: riesige Spinnen oder Ameisen aus dem Weltall, die so offensichtlich Ameisen oder Spinnen sind, dass die Sprachausgabe schon wie ein dadaistisches Projekt von der Kunsthochschule wirkt. Diese Spinnen können plötzlich den Ort wechseln, von einem Ort zum anderen. "Wow, ist das Alien-Technologie?", schallt es aus dem Lautsprecher. "Wir werden das hier künftig Teleportation nennen", fügt ein begeisterter Funkgerätbenutzer im Brustton der Überzeugung hinzu. Kurzum: Die Menschen in Earth Defense Force 5 sind Idioten. Ausnahmslos alle. Sie verstehen nicht, dass sie Inhalt eines Trash-Szenarios sind, weil sie offenbar in einer fiktiven Welt leben, in der ebensolche Trash-Szenarien nicht existieren. Alien-Riesenameisen? Undenkbar. Tödliche Riesenspinnen? Kann man sich nicht ausdenken. Und ehrlich gesagt: Das ist einer der Hauptgründe, warum ich Earth Defense Force 5 so mag.

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Dinosaurier? Nein, definitiv Riesenameisen aus dem Weltall. (Earth Defense Force 5 - Test)

Earth Defense Force 5 versprüht den Charme eines wirklich schlechten B-Movies: Die Grafik würdet ihr eher auf der PS2 verorten, vielleicht hochgerechnet auf HD. Texturen wiederholen sich in unfassbarem Ausmaß, jedes Haus sieht gleich aus, jede Wand, jedes Stück Boden wirkt wie gefliest mit den immer gleichen Texturen. Ihr selbst steuert euch relativ ungelenk, als wäre effektive Third-Person-Steuerung noch nicht erfunden worden, über Kimme und Korn zielen könnt ihr nicht, stattdessen hüpft ihr unrealistisch hoch durch die Gegend, als wäre im Spiel Platforming notwendig. Immerhin könnt ihr auf diese Weise einfach mal zum Spaß in Gegner springen. Die allerdings oft nicht verstehen, dass ihr da seid, was aber wieder egal ist, weil es Tausende von ihnen gibt. Ein Glück, dass die Grafik so miserabel ist, denn nur so ist es möglich, gefühlte Unmengen Riesenameisen auf einem Bildschirm zu platzieren, die alle beim ersten Anschießen mit einer einigermaßen potenten Waffe zerplatzen wie der Hamster in der Mikrowelle [Quelle fehlt! - Anm. Alex].

Genau das macht aber den Reiz aus. Earth Defense Force 5 setzt auf primitivste Belohnungsgefühle - schießt du auf die Ameise, platzt die Ameise auch, yay! Es macht einfach Spaß, den Kopf mal so richtig auszuschalten und alles um sich herum zu vergessen. Das Rattern der Maschinengewehre gerät zum Mantra, das neonfarbene Blut der geplatzten Ameisen zum Meditationsteppich. Earth Defense Force 5 vermag es, euch in einen Zustand zu versetzen, aus dem ihr erst wieder erwacht, wenn die Mission entweder erfolgreich beendet ist oder gescheitert. Denn es hat schon wirklich was Meditatives, einfach Hunderte von ekligen Ameisen wegzuknallen und zu sehen, wie der Glibber, der aus ihnen rauskommt, über die Straße läuft.

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Meine Gedanken und Gebete sind mit all den unschuldigen Zivilisten-Aliens, die ihren Dienst auf diesem UFO leisten mussten. (Earth Defense Force 5 - Test)

Missionen gibt es übrigens haufenweise, 110 sind es insgesamt. Das Schlachtfeld selbst ist meist reichlich unspektakulär, wie das Terrain beschaffen ist, spielt praktisch keine Rolle. Die Wahl eurer Waffen allerdings durchaus und davon gibt es unzählige. Vom Sturmgewehr bis Granatenwerfer ist alles dabei, was ihr euch wünschen könnt, allerdings mit sehr unterschiedlichen Eigenschaften. Manche Gewehre sind so ungenau wie eine Sprühflasche, machen dafür aber umso mehr Schaden, andere sind sehr genau, dafür aber nur halbautomatisch. Neue Ausrüstung bekommt ihr von besiegten Gegnern. Die hinterlassen beim Ableben Kisten, die dann in Signalfarben darauf warten, von euch eingesammelt zu werden. In allzu umfangreichen Gefechten ist genau dieser Aspekt des Spiels auch deshalb wichtig, weil ihr so eine schnelle Möglichkeit habt, eure Lebensenergie zu regenerieren. Mit simplen Health Packs eben.

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Alien-Godzilla. In diesem Spiel gibt es fast alles. (Earth Defense Force 5 - Test)

So dumpf das Geballer auf den ersten Blick scheinen mag, so überraschend sind die Unterschiede zwischen den vier verschiedenen Charakterklassen. Der Ranger ist die einsteigerfreundlichste, ein einfacher Typ, der auf dem Boden herumläuft und schießt. Alternativ dazu könnt ihr den Wing Diver wählen, der das Schlachtfeld mit einem Jet Pack überblicken kann. Oder aber ihr entscheidet euch für den Air Raider, der hauptsächlich als Support-Klasse konzipiert wurde, der gleichzeitig aber ziemlich wirkungsvolle Luftschläge anfordern kann. Der Fencer wiederum ist eine Art schwer gepanzerter Mech, der sich nur träge bewegen kann, dafür aber ein äußerst mächtiges Waffenarsenal hat. Die beiden letztgenannten Klassen eignen sich nicht besonders gut für den Einzelspielermodus, wohl aber für den Multiplayer. Und der lohnt sich viel mehr als erwartet.

Wer ein Multiplayer-Match anlegt, kann zwischen allen bereits selbst erlebten Missionen frei wählen, was bedeutet, dass ihr theoretisch auch als Einsteiger schon die letzte Mission spielen dürft. Die Dialoge in dieser Mission übertreffen an Dämlichkeit übrigens nochmal alles, was ihr vorher gehört habt. Ich habe das als eine Art Belohnung verstanden. Jedenfalls gewinnt EDF im Multiplayer deutlich. Wenn ihr als Ranger an der Front kämpft und euch zurückzieht, weil ein Kollege einen riesigen Luftschlag gegen eine Herde Monsterspinnen angefordert hat, deren Beine dann in hohem Bogen durch die Gegend fliegen, dann fühlt sich das irgendwie erhaben an. Es ist ein herrliches Chaos und seltsamerweise vergesst ihr sogar irgendwann, dass die Grafik so schlecht ist.

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EDF! EDF! EDF! (Earth Defense Force 5 - Test)

Bei aller Liebe für Trash und massenhafte Rieseninsektenvernichtung hat Earth Defense Force 5 allerdings auch einige Mängel, von denen mir nicht ganz einleuchten will, wie sie es ins fertige Spiel geschafft haben. So sollen beispielsweise hin und wieder bestimmte Bereiche des Schlachtfelds hervorgehoben werden, weil dort gerade etwas angeblich Wichtiges passiert. Dazu kommt dann eine Durchsage mit dümmlichem Text. Das ebenfalls Dumme ist aber, dass das Spiel währenddessen weitergeht. Ihr könnt also immer noch getroffen werden, seht euch aber nicht mehr wirklich und wenn ihr versucht, die Kamera zu drehen, endet das meistens in einem Durcheinander aus verschiedenen Glitches. Da wären simple Zwischensequenzen wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen.

Von der Story hätte ich ohnehin gern mehr gesehen. Die Dummheit der gezeigten Menschen hat mich schon beinahe an Filme wie Idiocracy erinnert. Mehrere Missionen hintereinander greifen euch UFOs an und öffnen an ihrer Unterseite ein großes, rotes Tor, um daraus Rieseninsekten und andere Monster abzulassen. Wer in seinem Leben auch nur einmal ein Videospiel gesehen hat, weiß, dass es eine gute Idee wäre, dort hineinzuschießen. Bei EDF 5 dauert es aber viele Missionen, bis es zu dieser Erkenntnis kommt und derjenige, der euch das über Funk verkündet, feiert sich für dieses Herrschaftswissen auch noch wie ein Irrer. Noch besser sind aber die Durchsagen in den Missionen zuvor, in denen euch die Regierung wissen lässt, dass sie keine Ahnung hat, wie die Aliens zu besiegen sind und als wichtigstes Missionsziel stets ausgibt: "Kill all monsters!"

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They look just like humans! (Earth Defense Force 5 - Test)

Ähnlich bizarr ist die Mission, in der eure Kollegen euch erregt darauf hinweisen, dass aus den UFOs jetzt auch Aliens abgesetzt werden, die einhundertprozentig "just like Humans" aussehen. Natürlich sehen die Biester in Wirklichkeit aber aus wie riesige, anthropomorphe Frösche mit überdimensionierten Gewehren. Und selbst während diese Viecher vor euch stehen, betonen eure Waffenbrüder immer noch, dass sie ganz genau aussehen wie Menschen und äußern sogar ethische Bedenken, sie einfach so abzuknallen. Earth Defense Force 5 hat wahrlich eine sehr eigene Form von Humor, aber ich kann nicht anders, als sie zu lieben. Was für ein herrlicher Quatsch! Oder, um es in den Worten eines EDF-Soldaten zu sagen: "Have you ever wondered WHY this would happen?" (Wollt ihr wissen, was sein Kollege geantwortet hat? "Being a soldier is awesome. You can get a pension!")

Es gibt Spiele, die will man mögen, aber man kann nicht. Und es gibt Spiele, die will man eigentlich gar nicht mögen, aber urplötzlich packen sie einen. Für mich war Earth Defense Force 5 eines aus der letztgenannten Kategorie. Ich hatte keinerlei Erwartungen. Aber irgendwann konnte ich einfach nicht mehr anders, als noch eine Mission zu spielen und noch eine und noch eine und dann noch eine online. Earth Defense Force 5 ist abgrundtief hässlich, die Story ist dumm, die Figuren sind grenzdebil, die Steuerung gnadenlos veraltet, Glitches sind keine Seltenheit. Aber habt ihr schon mal eine Raketenbatterie auf einen riesigen Haufen Alien-Ameisen abgefeuert? Das gibt es eben nur mit EDF. Ihr müsst wissen, worauf ihr euch hier einlasst. Wenn ihr mit Trash-Filmen nichts anfangen könnt, wird auch das hier wahrscheinlich nichts für euch sein. Aber wenn ihr ein Herz habt für das Dumme und das Dumpfe, dann ist das hier ein riesiger Spaß. Vielleicht treffen wir uns ja mal online. Noch ein letzter, wichtiger Hinweis des vorgesetzten Offiziers zum Schluss: "Don't die! Stay alive!"

Entwickler/Publisher: Sandlot/D3 Publisher, Sandlot - Erscheint für: PS4 - Preis: 49,99 Euro - Erscheint am: erhältlich - Getestete Version: PS4 - Sprache: englisch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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