"Ein klassisches Resident Evil" ist eine im stets um schnelle Einordnung bemühten und daher selten um Floskeln verlegenen Videospielvorberichterstattungszirkus zuletzt besonders gern dahingetippte Nullaussage. Wir haben sie - auch und gerade auf den aktuellen Resi-2-Remake-Bezug gemünzt - bis zur ultimativen Bedeutungslosigkeit überstrapaziert und sind damit zuletzt endgültig in Hatschi-Gesundheit-Automatismus-Gefilden gelandet, einer Sphäre also, in der auf Aktion A zwingend Reaktion B zu erfolgen hat, ohnewennundaber.

Von den verschiedenen Problemen dieser Aussage nimmt sich die inhaltliche Ungenauigkeit noch vergleichsweise klein aus. Womit Capcom in wenigen Tagen seinen spätestens vor zwei Jahren mit Resi 7 gestarteten Erfolgslauf fortzusetzen versucht, ist allenfalls die moderne Interpretation eines klassischen Spiels, und angesichts dessen bereits vor 20 Jahren nicht mehr taufrischer Eigentümlichkeiten wie festgezurrter Kameraperspektiven oder der umständlichen Panzersteuerung™ sollten wir unbedingt dankbar ob dieser künstlerischen Freiheiten sein.

Fragwürdiger, weil einen nicht vorhandenen Konsens voraussetzend, ist allerdings die fälschlicherweise vorausgesetzte Gewissheit, das scheinbare kollektive Nicken über die Beschaffenheit eines "klassischen Resident Evils". Man kann, hat und wird stets vortrefflich darüber streiten können, was die definierenden Elemente dieser Reihe ausmachen. In ihrer Chamäleonartigkeit hat sie diese Definitionsversuche jedoch zusehends in die Breite gezogen und auf einige wenige, längst auch auf andere Spiele anwendbare kleinste gemeinsame Nenner reduziert. Wenn wir uns selbst beim enorm atypischen siebten Teil auf so etwas wie ein "klassisches" Spielgefühl einigen konnten, scheint diese Angelegenheit eher eine Frage der Haltung als eine Anhäufung spielerischer Merkmale zu sein. Wir wollen diesen nostalgischen Kick plus das gute, moderne Spiel vor uns.

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Der Trash-Faktor ist keinesfalls völlig unter die Räder gekommen, wurde nicht zuletzt zugunsten der (erstaunlich eindringlichen) Sequenzen allerdings stark zurückgefahren.

Nachdem Capcoms emsig rotierende PR-Abteilung im Rahmen zahlreicher Anspielmöglichkeiten all die Vorzüge dieses 2019-Blitzstarts für sich sprechen ließ (Es! Wird! Glorreich!), war eine der letzten zentralen Fragen vor dem finalen, rund vierstündigen Vorab-Hands-on im Dezember längst keine qualitative mehr. Insofern: Nein, kein nervöser Mauszeiger über der Stornierungs-Schaltfläche nötig, endgültige Entwarnung an dieser Stelle. Was zu klären blieb, war lediglich, inwiefern uns die Japaner hier während des Spiels womöglich eine Spur zu bereitwillig "Kiek ma, das ist genau wie damals, siehste, weißt du noch?!"-mäßig auf die Schulter tippen würden; Nostalgie über Originalität, es wäre nicht das erste Mal.

Allerdings: Resident Evil 2 löst diesen gordischen Remake-Knoten in seiner vertrauten Andersartigkeit und mutigen Eigenständigkeit mit einer ungeheuren Eleganz. Capcom lässt genau die Art des häufig bis zur Angststarre übersteigerten Respekts fahren, der bei vermeintlich fest definierten Reihen wie dieser in hübscher Regelmäßigkeit in der Stagnationssackgasse landet, ist sich der maßgeblichen Qualitäten des Originals ebenso bewusst wie jener der Neuinterpretation und daher nie in Verlegenheit, die einen durch die anderen zu ersetzen.

Beweisstück #498: Speicherbänder. Oder genauer: Ihre Abwesenheit. Ja, ihr könnt in den sicheren Häfen der methodisch platzierten Speicherräume nun unbegrenzt häufig und ohne sägende "Kann ich mir das jetzt wirklich leisten?"-Zweifel all das auf eurer Festplatte sichern, was ihr dieser lebensfeindlichen Welt - häufig eher flüchtend als erkundend - an Fortschritten und Hilfsmitteln abtrotzen konntet. Nein, das macht diese Nummer hier keinesfalls zu einem Selbstläufer, weil ihr euch jedes winzige Byte eures Spielstandes mit zusammengebissenen Zähnen erkämpft, ja regelrecht: verdient habt.

Resident Evil 2 ist, heute möglicherweise mehr noch als vor zwei Dekaden, ein unbarmherziges Brett von einem Spiel ohne jede Anstalten, euch auch nur einen Meter auf dem Weg zur nächsten Schreibmaschine zu schenken. Die plötzliche Abwesenheit von in jüngeren Teilen eingeführten, modernen Eingeständnissen wie unbegrenztem Speichern oder Zielen bei gleichzeitiger Bewegung wäre dank der jederzeit vorschiebbaren Remake-Ausrede zwar problemlos begründbar, gleichwohl merkwürdig deplatziert in einem zeitgemäßen Spiel des Jahres 2019.

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Ada Wong hantiert inzwischen mit einem rätselforcierenden Hacking-Werkzeug und überhaupt hat Capcom hier mehr neue Elemente eingeführt, als man von einem Remake gemeinhin erwartet.

Mehr als bereitwillig geht Capcom hier eine Extrameile nach der anderen, wirft modernden Ballast über Bord und schneidet mit nahezu chirurgischer Präzision alle eben nicht stilbildenden Elemente aus diesem untoten und doch quicklebendigen Körper. Gewinn durch Reduktion; was bleibt, ist ein entschlacktes Resident Evil ohne ein Gramm Fett am Leib, dafür mit sinnvollen Ergänzungen und Erweiterungen, wo nun andernfalls eine Lücke klaffte. Klar könnt ihr euch inzwischen mit gezückter Waffe fortbewegen, dafür seid ihr allerdings zerbrechlich wie ein Streichholz und auf jeden einzelnen Schuss in eurem Magazin angewiesen.

Überhaupt ist Agilität und Methodik eine weitaus verlässlichere Lebensversicherung als die größte Wumme im Anschlag. Ihr könnt, wollt und sollt gar nicht allem die Lebenslichter auspusten, was euch in Polizeistationen, Kanalisationen, Parkhäusern (wenn man dem Remake sein "Alter" anmerkt, dann bisweilen an den zwar wunderbar verschlungenen, ästhetisch aber sehr End-90er-schreienden Szenarien) und dergleichen über den Weg fleucht. Eine erdrückende Flut droht euch hinter jeder Tür entgegenzuschwappen, allzeit bereit, euren geschundenen Körper in seine Einzelteile zu zerlegen. Mehr noch als auf die Patronen in eurem paradoxen Inventar, das stets zugleich überfüllt und trotzdem leergefegt zu sein scheint, solltet ihr daher stets einen Plan-B-Fluchtweg im Blick behalten.

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Um es mit den Ärzten zu sagen: 'Zu spät, zu späääät.'

Das gilt auch und gerade, wenn ihr die nahen, aber panikschubinjizierenderweise nicht näher lokalisierbaren Donnerschritte des Tyrants vernehmt, dem fleischgewordenen Zwei-Meter-Fuffzich-Entsetzen, das euch länger durch Raccoon City verfolgt, als es euer Nervenkostüm womöglich auszuhalten vermag. Ein halbes, in der Brust des Giganten versenktes Magazin schenkt euch ein paar Sekunden zur Flucht und ist alles, was ihr dem Kerl an Schaden zufügen könnt. Es ist der klassische "Wenn du am wenigsten damit rechnest"-Graus, den Capcom in einer nahezu perfekten Frequenz beschwört: gerade oft genug, dass ihr permanent mit hochgezogenen Schultern spielt, und doch nicht zu häufig, als dass ihr euch das in Nullen und Einsen aufteilbare Verhalten des Tyrants konkret ausrechnen könntet.

Eine eigentümliche Mischung aus schlagartig abfallender Anspannung und dem morbiden Verlangen nach mehr Psychoterror (und genau das ist diese Erfahrung) machte sich jedenfalls in mir breit, als sich nach ca. zweieinhalb Stunden eine Sequenz über den Bildschirm schob, die das Ende dieses Anspielbereichs markierte. In seinen besten Momenten ist Resident Evil 2 süchtig machender Stress - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch für diejenigen unter euch, die jeden Jump-Scare des Originals im Schlaf herunterbeten können.

Wie gesagt, Capcom variiert und würfelt die Elemente des Remakes in einem Maß neu aus, dass die Bezüge zum PS1-Klassiker jederzeit erkennen lässt und trotzdem sein ganz eigenes Ungetüm darstellt. Ein dezenter Startvorteil ist erfahrenen Spielern naturgemäß gegeben, nur reicht dieser kaum weiter als bis zum übernächsten Rätsel, einer dieser Bezeichnung stets würdigen Kopfnuss, eigens erdacht für die Neuauflage und mit einer Häufigkeit eingestreut, die jede vor 20 Jahren verfasste Lösung obsolet macht. Es sind, wenn überhaupt eher Déjà-vus als konkrete Erinnerungen, mit denen ihr konfrontiert werdet.

Nicht nur vor diesem Hintergrund ist Resident Evil 2 ein im bestmöglichen Sinne aus der Zeit gefallenes Spiel. Mit grundsympathischer Vehemenz verweigert sich das Remake einer Einordnung in all die bequemen Schubladen, die wir dieser Tage nur allzu bereitwillig aufreißen. Capcoms Hommage an einen der einflussreichsten wie meistzitierten Klassiker der Survival-Horror-Schule ist ein moderner Anachronismus, ein unberechenbares Biest mit der seltenen Gabe, das "Beste zweier Welten" zu etwas ganz und gar Eigenständigem zu verschmelzen.

Diese charakterisierende Eigenwilligkeit läuft jedoch, so ehrlich müssen wir schon sein, einigen Gepflogenheiten der gegenwärtigen Spielelandschaft zuwider. Nicht jeder ist bereit, permanent mit zwei Dutzend Gegenständen innerhalb eines Inventars zu jonglieren, das für weniger als die Hälfte ausgelegt ist, zugleich aufgrund der labyrinthartigen Weltstruktur alle naselang die Karte zur Orientierung aufzurufen und obendrein vor einer unauflöslichen Nemesis Reißaus zu nehmen. Der Horror des Resident-Evil-2-Remakes reicht tiefer als bis zum nächsten Schreckmoment, ist zermürbender und darauf bedacht, euren Stresslevel konstant am Limit zu halten - und zwar mit allen Mitteln. Sich dieser Tortur auszusetzen ist eine Erfahrung, die zu erleben im Jahr 2019 keinesfalls selbstverständlich, doch gerade deshalb so reizvoll ist. Wenn etwas "klassisch Resident Evil" ist, dann das.

Entwickler/Publisher: Capcom - Erscheint für: PC, PS4, Xbox One - Preis: 50 Euro (PC), 60 Euro (Konsole) - Erscheint am: 25. Januar 2019 - Gespielte Version: PS4 Pro - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Gregor Thomanek

Gregor Thomanek

Freier Redakteur

Trinkt gern Kaffee und liebt Videospiele, im Idealfall beides auf einmal. Ist für alles zu haben, was aus Japan kommt. Hat nie Herr der Ringe gesehen und findet, das sollte auch so bleiben. Gründet irgendwann einen Ryan-Gosling-Fanclub. Hat seine Katze "Yoshi" genannt, bereut nichts. Konsolenkind.

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