Hier ist der Empathiesimulator, den wir bitter nötig hatten

Die Flüchtlingskrise hat ein menschliches Gesicht, wenn man sich denn traut, hinzuschauen.

Spiele, die auf schwierige Themen aufmerksam machen wollen, haben keinen leichten Stand. Immerhin sollten Games im Optimalfall zumindest fesselnd sein. This War of Mine und Papers, Please lösten das Problem, indem sie euch ihre niederschmetternden Entscheidungen in strikt durch-gamifizierten Kontext präsentierten. Und überhaupt: Ihre Szenarien waren rein fiktiv, bestenfalls inspiriert durch die Geschehnisse der echten Welt.

Bury me, my Love ist an Unterhaltungswerten keine Sekunde interessiert. Es ist unverblümte, spärlich interaktive Fiktion in Form eines Whatsapp Chatverlaufs, inspiriert von wahren Geschichten echter Menschen, die den langen Weg vom Kriegszerrütteten Syrien nach Europa antraten. Was hier passiert, wühlt auf, rührt und bricht einem letzten Endes Mal um Mal das Herz.

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lobenswerte Funktion: Spielt ihr auf der Switch, dürft ihr das Gerät auch hochkant halten und es nur mittels des Touchscreens bedienen.

Als nach vielen anderen Verwandten auch noch ihre jüngere Schwester bei einer Explosion in Homs ums Leben kommt, beschließt Nour, Syrien in Richtung Europa zu verlassen. Ihr Mann, in dessen Rolle die Spieler schlüpfen, muss dortbleiben, um sich um seine gebrechliche Mutter zu kümmern. Aber Nour ist clever, tapfer, und nicht mittellos - finanziell wie auch in Sachen eines anpackenden Wesens und ihrer scheinbar unverwüstlichen Konstitution.

So viel geht schon aus den ersten paar Nachrichten hervor, die sie euch auf das Display schickt. Der Spielanteil besteht darin, dass ihr Nour mit Ratschlägen zur Seite steht, wann immer eine Entscheidung zu treffen ist. Zuerst Richtung Libanon oder in die syrische Hauptstadt, Damaskus, damit sie dort ihr Glück am Flughafen versucht? Ihr Bargeld in den Schuhen oder im BH verstecken. Den Schleier anlegen oder besser nicht (Nours Konter: "Ich bin nicht Tausende Kilometer aus Syrien geflohen, um in Bulgarien einen Schleier anzulegen"), die Fähre nehmen oder es per Anhalter versuchen.

Auf einer Karte könnt den aktuellen Fortschritt ihrer Odyssee sehen. Immer und immer wieder kommt es zu Problemen. Mal ist eine Grenze dicht, mal wird man aufgegriffen und wortlos wie Vieh in das erste Land der EU zurückgekarrt, in dem man aktenkundig wurde, obwohl einem dort offene Feindseligkeit oder - fast schlimmer - komplette Teilnahmslosigkeit entgegenschlägt. Nours Geschichte ist so nicht passiert, und doch ist nichts davon wirklich erfunden. Diese bitteren Anekdoten hat wirklich mal jemand auf dieser langen beschwerlichen Reise erlebt und die Macher von The Pixel Hunt, Figs und Arte kuratierten diese, um daraus einen langen, verzweigten Handlungsstrang mit 50 Stationen und 19 Enden zu entwerfen.

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Es gibt auch heitere Momente. Aber macht euch nichts vor, ihr habt ja keine Ahnung, was alles passieren kann - und den Tatsachenberichten zufolge, auf denen das Spiel basiert, auch passiert.

Exemplarisch soll so veranschaulicht werden, was eigentlich dahintersteckt, wenn wir nur Chiffre-artig und anonym von Flüchtlingen reden. Mit Nour als stellvertretender Repräsentantin für eine humanitäre Krise, vor der es oft erträglicher ist, seine Augen zu verschließen. Doch das Spiel lässt das nicht zu, auch wenn mein erstes Ende mir noch jetzt so sehr in den Knochen sitzt, dass es dauerte, bis ich mich an einen zweiten Anlauf wagte. Irgendwo unter diesen 19 Endstationen, die Nours Reise anlaufen kann, soll es ein Happy End geben, verhältnismäßig jedenfalls. Das habe ich zumindest gehört.

Wie man es findet, scheint den Launen des Schicksals überlassen. Ich habe wirklich alles darangesetzt, Nour an jeder Abzweigung in Richtung der vernünftigeren, sichereren von zwei Entscheidungen zu steuern und doch endete ihre Reise ... wir reden besser nicht davon. Aber als sie am Rande des Nervenzusammenbruchs, mit den Kräften am Ende und durchlöcherten Schuhen, einer hilfsbereiten Italienerin die Papiere stahl, war ihr Schicksal im Grunde besiegelt. Denn denkt daran, ihr steuert Nours Entscheidungsprozesse nur sehr indirekt.

Überhaupt gebt ihr zwar substanziellen Input, um den Weg Nours zu steuern, trotzdem fühlt ihr euch im vermutlich größten Geniestreich dieser Erfahrung immer nur als weit entfernter Empfänger, passiv und maximal hilflos. Wenn mal wieder tagelang keine neue Nachricht von ihr kommt und schließlich endlich der Vibrationsalarm losgeht, ist man zuerst erleichtert, bevor einem für einen Moment Angst und Bange wird, wovon die junge Frau wohl als nächstes berichten wird.

Was hier passiert, macht keinen Spaß, nicht für fünf Pfennig. Und dennoch ist es wichtiges Anschauungsmaterial, dem ich höchstens den gelegentlichen unpassend wirkenden Emoticon-Einsatz übelnahm. Es gibt Situationen, denen werden noch so viele weinende Smileys einfach nicht gerecht. Die Dialoge sind gut genug geschrieben, um sowohl den gelegentlichen Humor, den sich Nour und Majd ein Stück weit bewahrt haben, als auch die Tragik der Ereignisse allein zu vermitteln.

Bury me, my Love ist ein elegantes, wichtiges Werk, dessen Genuss jede der oft gefährlich vereinfachten Diskussionen über das Thema Flüchtlingskrise auf nahbare, humane Weise zu der Komplexität zurückführt, die nun mal geboten ist, wenn es um Menschenleben geht. Auch seine Macher haben nicht die Lösung für diesen unerträglichen Zustand. Aber sie wissen, worüber wir eigentlich reden und woran wir denken sollten, wenn wir den Begriff "Flüchtling" hören.

Entwickler/Publisher: Arte/The Pixel Hunt/Figs - Erscheint für: Switch, PC, iOS, Android - Preis: 4,99 Euro - Erscheint am: erhältlich- Sprache: Deutsch - Mikrotransaktionen: nein - Getestete Version: Switch

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Stellv. Chefredakteur  |  derbohn

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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