Es geht ganz schön heiß her gerade, oder? Ich weiß, es ist unpraktisch, sich noch einen Launcher auf die Festplatte zu holen. Aber sind wir mal ehrlich: Das ist auch alles, was es ist. Wie sehr schmerzt es uns wirklich, im schlimmsten Fall Dinge wie Metro Exodus bei Epic zu kaufen und dann als "Steam-fremdes Produkt" unserer eigentlichen Bibliothek hinzuzufügen?

Den Epic Launcher kann man abseits dessen problemlos ignorieren, während man mit dem guten Gefühl spielt, dass nicht nur die Entwickler ein größeres Stück vom Kuchen abbekommen, sondern man selbst im Optimalfall auch noch weniger für das Spiel gezahlt hat. So oder so: Die Argumente gegen die Steam-Konkurrenz vonseiten des Fortnite-Herstellers waren in Wirklichkeit schon immer eher dürftig und dann kommt auch noch ein Spiel wie Hades dort heraus.

Das stellt auch gleich das eine große Problem des Epic Launchers klar: Die Zielgruppe ist trotz des Fortnite-Erfolgs noch verhältnismäßig überschaubar. Anders ist es nicht zu erklären, dass Hades nicht längst in aller Munde ist. Was die Bastion-, Transistor- und Pyre-Macher von Supergiant Games hier auf die Beine gestellt haben, müsste eigentlich das Dead Cells dieses Jahres sein. Und das ist in gleich mehrfacher Hinsicht ein treffender Vergleich.

Der trifft vor allem was die Struktur angeht ziemlich genau zu: Als Zagreus, Sohn des Totengottes Hades, versucht ihr der Unterwelt zu entfliehen. Die ist aber bekanntlich dergestalt angelegt, dass es nicht gerade trivial ist, aus ihr in die Welt der Lebenden zu gelangen. Und so stellen sich euch in den sich immer wieder verändernden Hallen und Korridoren des ebenfalls Hades genannten Totenreichs immer wieder Horden mächtiger Monster in den Weg. Und weil sich hier nicht gerade viel findet, mit dem sich die Gesundheit wieder steigern ließe, segnet man Zagreus Mal um Mal das zeitliche, um wieder und wieder wie alle anderen verstorbenen Seelen aus dem blutigen Whirlpool vor dem Thron seines Erzeugers zu entsteigen.

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Die Türen verraten euch, welche Belohnung euch erwartet. So entwickelt ihr spielerisch euren Charakter weiter.

Klingt nach einem Run-basierten Action-Spiel und ist es auch. Bei jedem Durchlauf verdient ihr "Dunkelheit"-Punkte, die ihr in Zagreus' Gemächern darin investiert, den fahlen Jüngling eurer bevorzugten Spielweise anzupassen. Das geht zwischen jedem Run und cleverer Weise in beide Richtungen. Seid ihr mit dem Schadensbonus für Angriffe von hinten nicht mehr zufrieden, weil ihr zum Beispiel beim nächsten Run den magischen Bogen Coronacht, The Heart-Seeker (für diese Namen muss man die Autoren alleine lieben) statt des Schwertes mitnehmen wollt, ist es problemlos möglich, seinen Charakter-Build umzumodeln, um dieser Spielweise besser gerecht zu werden. Dunkelheit-Punkte verfallen außerdem nie, ihr seid immer angehalten, alles in euren Charakter reinzustecken, was geht, und dann zu experimentieren.

Wo Dead Cells dieses Korsett aber einem Metroidvania-Ablauf überstülpt, bleib Hades bei den Häckseleien aus der isometrischen Perspektive, die man noch von Bastion kennt. Auch dreht sich hier nicht alles ums Suchen und Freischalten neuer Waffen und den steten Wechsel zwischen ihnen. Hades gibt sich hier betont aufs Wesentliche reduziert. Vier Waffen stehen aktuell zur Verfügung, die jeweils ihre eigenen Attacken und Specials mitbringen, zum Start wählt ihr zwischen Schwert und Bogen, die sich angenehm unterschiedlich spielen. Findet ihr in eurem Run Schlüssel, könnt ihr gegen drei beziehungsweise vier davon noch einen Speer und einen Schild freischalten. Zwei weitere Podestplätze stehen in der Early-Access-Waffenkammer bislang noch leer. Von der Wahl eurer Waffe unberührt bleibt der Cast, eine Art Zauber, die als blutroter Kristall aus Zagreus in Richtung seiner Feinde fliegt.

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Den Dash könnt ihr so weiterentwickeln, dass ihr ihn mehrmals direkt hintereinander durchführen könnt. Für Nahkamp-Builds sehr wichtig.

Die Variationen im Ablauf kommen nicht allein in den sich immer wieder neuarrangierenden Räumen zur Geltung, sondern auch darin, welcher eurer Götteronkel und -tanten von Athene mit Zeus euch ihren Segen in Form von Modifikatoren geben. Sobald ihr die Projektion eines eurer olympischen Verwandten seht, gibt es einen kleinen, von Supergiant gewohnt exzellent geschriebenen Dialog - sowie die Wahl, ob ihr die normale Attacke, euren Special oder euren Cast mit dem Segen verbessern wollt, was jeweils angenehm unterschiedliche Effekte mit sich bringt.

Soll euer Schwertstreich den Gegner zurückwerfen (Umgebungsschaden durch Wandkollisionen oder herabfallende Trümmer sind ein wichtiger Faktor in den Kämpfen), soll euer Special Gegner Schwächen? Euer Cast mehr Schaden anrichten und feindliche Projektile reflektieren? Der Machtzuwachs ist jedes Mal drastisch und spürbar und das ist nur die eine Art, auf die sich jeder Run maßgeblich unterscheidet.

Jede weitere Tür in den nächsten Raum hinein verrät euch nämlich auch direkt, welche Belohnung euch auf der anderen Seite erwartet - zumindest, wenn ihr es schafft, ihn zu befrieden. Das ist insofern hilfreich, als dass ihr ein Gesundheitsupgrade anstreben, auf Dunkelheitspunkte hinarbeiten oder zum Beispiel gezielt auf Schlüssel für Waffen und Skill-Unlocks aus sein könnt und euren Weg durch den Dungeon entsprechend wählt. Ambrosiafläschchen (die man NPCs in Hades Palast schenken kann), Geldgewinne oder schlicht weitere Skill-Modifikatoren, die man fleißig immer höher übereinander stapeln kann, geben jedem Durchlauf einen interessanten neuen Dreh und eskalieren in Sachen Macht wunderbar motivierend.

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So rüstet ihr durch die Göttergnaden euer Offensivrepertoire auf. In diesem Fall war Poseidon der noble Spender. Welchen Plan die Götter für euch verfolgen, ist bisher nicht ganz klar.

Wenig andere Studios sind besser darin als Supergiant, Rollenspielelemente auf kreative Weise in ein Actionspiel zu verpacken. Das Mischen und Abstimmen der verschiedenen Skills und Angriffe aufeinander ist wie schon im fabelhaften Transistor (Test) geradezu ein Spiel-im-Spiel und die Wechselwirkungen untereinander belohnen tapferes herumprobieren. Ich meine, allein die Sache, wie Zagreus seinen Zauber castet, ist wunderbar gelöst: Supergiant hätte den Spruch auch wie in Diablo mit einem Cooldown belegen können, wie das jedes andere Spiel in dieser Richtung gemacht hätte. Stattdessen müssen die Zauber, einmal abgefeuert, wieder aufgesammelt werden, wo sie liegen oder steckenblieben.

Und manchmal stecken sie eben noch im Gegner, der eifrig weiter seine Keule schwingt, weshalb jeder Einsatz auch immer ein Risiko in sich birgt. Das stimmt besonders in einem Spiel, in dem sich die temporeichen Kämpfe so nah an einer Bullet Hell bewegen wie hier. Was hier los ist, muss man mal in Aktion gesehen haben, aber dafür gibt's ja oben verlinktes Youtube-Video eines Runs vom Anfang des Spiels.

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Synergien der verschiedenen Angriffe entdecken und einzusetzen, das ist Kern eines jeden Durchgangs.

Ihr werdet sehen: Wie schon Supergiant drei Spiele zuvor, sprüht auch Hades nur so vor eigensinnigem Charakter und Atmosphäre. Anders als viele andere Roguelikes sind die Amerikaner sehr daran interessiert, euch mehr über die Welt von Hades und ihre Bewohner beizubringen. Die zahllosen Dialoge mit Zagreus' altem Herrn, seiner Mutter Nyx, Achilles, Hypnos und nicht zuletzt den angemessen jovial auftretenden Olympianern sind nicht das Material, das man wegklickt, nur um schnell zur nächsten Actionszene zu kommen. Man lernt zwischen den Runs immer wieder neues über die Figuren, wer mit wem verwandt, verbrüdert, verschwippschwägert ist und so weiter, wer dafür verantwortlich ist, dass vor eurem Zimmer all diese Waffen aufgebahrt sind, etc. Schon früh wecken einige Enthüllungen ordentlich Neugierde, und ziehen kräftiger durch jeden neuen Run, als sie angesichts der packenden Mechanismen eigentlich müssten.

Dass man Zagreus' Reise zu ihrem Ende führen möchte, liegt vor allem auch an den Schauspielern. Dabei bürstete mich der Knabe zuerst noch gehörig gegen den Strich. Ich war mir nicht sicher, ob er stoisch, unterkühlt und arrogant rüberkommen sollte, oder ob der Sprecher einfach nur gelangweilt war. Je mehr Zeit man jedoch mit ihm Verbringt, desto mehr bekommt die Erzählung es aber hin, in den richtigen Momenten Menschlichkeit durchblitzen zu lassen. Etwa wenn die Belohnung nach einem gewonnenen Kampf eine alte Zwiebel ist, statt eines reizvolleren Gewinns. Dachte ich zunächst noch, der Sprecher hänge sich nicht wirklich in die Rolle rein, bemerkte ich mit zunehmender Dauer, genau das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Facetten blitzen durch sein Schauspiel durch und geben zu verstehen, dass Zagreus' monotones Organ und sein abschätziger Tonfall seinen Gegnern und vor allem seinem Vater gegenüber schlicht Teil seines beharrlichen und nicht aus der Ruhe zu bringenden Charakters sind.

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Am Spiegel rüstet ihr Zagreus für den nächsten Run.

Der Emporkömmling wuchs mir mit der Zeit richtig ans Herz, was auch daran liegt, dass er eine Wandlung durchmacht. Zu Beginn grüßt er jedes Mal noch "Hello Room", wenn er nach einem Bildschirmtod wieder in seinen Gemächern landet. Irgendwann, nach einer besonders harten Niederlage, überraschte er mich mit einem ermatteten Seufzer. Als ich einmal einen Run abrupt beenden musste, indem ich das Spiel einfach ausschaltete, ohne zu sterben, quittierte Zagreus das beim nächsten Spielstart mit einem irritierten "Ähm ... ok ...!?", schließlich war er zuvor nicht gestorben, stieg nun aber trotzdem aus dem Blut-Pool im Thronsaal seines Vaters. Überhaupt kommentiert er viel, vor allem gegenüber Monstern, denen er schon einmal zum Opfer fiel und steht sogar bisweilen im Dialog mit der Erzählerstimme, die wie von diesem Entwickler gewohnt einfach fabelhaft passend gewählt wurde.

So sehr dieses Spiel in erster Linie auch auf seine Mechaniken setzt, so wertvoll erschien mir doch jeder Moment, den ich zwischen den einzelnen Runden in Hades' Palast verbringen durfte. Supergiant bringt seinem ersten Roguelike so auf wundervoll unverkrampfte Art erzählerische Ambitionen bei, die andere Titel in dieser Richtung vermissen lassen. Es funktioniert schlicht ausgezeichnet. Ich bin gespannt, wie viele Runs es dauert, bis ihm die Dialoge ausgehen.

Die andere große Parallele zu Dead Cells ist, dass Hades schon jetzt wahnsinnig gut läuft und seine Kernelemente unfassbar robust ausgearbeitet sind. Man hat das Gefühl, eigentlich ein fertiges Spiel vor sich zu haben und freut sich auf das nächste Update - fünf Tage noch - jetzt schon wie ein kleines Kind (sofern man nicht gerade wie ich mit Sehnenscheidenentzündung sehnsüchtigen Blickes auf den Epic Launcher starrt). Natürlich erscheint Hades nach dem Early Access bei Epic auch auf bislang nicht näher genannten "anderen Plattformen". Aber wenn der Preis dafür, bei der Entstehung eines solch famosen Spiels von Beginn an dabei zu sein, darin besteht, sich einen weiteren digitalen Store auf den Rechner zu ziehen, ist das für uns Spieler ein guter Deal.

Entwickler/Publisher: Supergiant Games Erscheint für: Epic Games Store, "weitere Plattformen" bei Fertigstellung - Geplante Veröffentlichung: erhältlich im Early Access - Angespielt auf Plattform: PC

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Über den Autor:

Alexander Bohn-Elias

Alexander Bohn-Elias

Deputy Editor - Eurogamer.de

Alex schreibt seit 2001 über Spiele und war von Beginn an bei Eurogamer.de dabei. Er mag Highsmith-Romane, seinen Amiga 1200 und Tier-Dokus ohne Vögel.

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