"Wir wollen auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass wir mit Weedcraft Inc. den Rauschmittelkonsum verharmlosen oder gar verherrlichen. Wir verzichten bewusst auf harte Drogen wie Heroin oder Kokain. Es geht nur um den Anbau und den Verkauf von Marihuana, ein Geschäft, das in Teilen der Welt völlig legal ist", erklärt mir Alek Sajnach.

Der leitende Geschichtenerzähler des polnischen Entwicklungsstudios Vile Monarchs (Oh...Sir! The Insult Simulator) beschreibt die ungewöhnliche Wirtschaftssimulation weiter: "Wir überlassen es dem Spieler, ob er sein Grasimperium als Gangster oder gesetzeskonform zur Versorgung der Bevölkerung mit medizinischem Cannabis managt."

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Jedes Imperium hat mal klein angefangen: Zuerst zieht ihr ein paar wenige Cannabis-Pflanzen im heimischen Keller groß um die ersten Umsätze zu erzielen.

Zumindest zu Beginn des ersten von zwei Start-Szenarien, die euch zum Aufbau eines florierenden Drogenimperiums zur Verfügung stehen, habt ihr aber nicht die Wahl, als gesetzestreuer Bürger die Kasse klingeln zu lassen. Protagonist der Story Growing Up ist ein junger Student, der nach dem Tod des Vaters das Studium abbricht, ins heimische Flint, Michigan zurückkehrt und deprimiert und Pleite vor den Scherben seines Lebens steht. Zum Glück hat sein jüngerer Bruder Clyde schon einen Plan, wie die Waisen finanziell über die Runden kommen. Ich könnt es euch schon denken: Marihuana anbauen und gewinnbringend in der Nachbarschaft verticken. Starthilfe bekommt ihr von dem lokalen Dealer Bumps, der euch mit ein paar Tütchen Hanf-Samen und Tipps zur Aufzucht und Pflege unter die Arme greift.

Gesagt, getan: ihr pflanzt den Samen in ein paar Töpfen im Keller eures Elternhauses ein, sorgt mit einer blanken Glühbirne für das benötigte Licht und klickt euch durch den Wachstumsprozess. Icons zeigen an, wenn das Pflänzchen Wasser braucht oder die Triebe beschnitten werden müssen. Das erledigt ihr in kleineren Quick-Time-Minispielchen, in denen ihr möglichst im perfekten Zeitpunkt die Schere ansetzt und so für eine ordentliche Ernte sorgt. Diese wird dann automatisch in Portionen verpackt und ihr könnt euch nach Verkaufsstellen umsehen.

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Um die Nachfrage zu befriedigen, baut ihr unterschiedliche Sorten an und sorgt mit der richtigen Beleuchtung, Luftfeuchtigkeit und Temperatur für beste Qualität.

Am Anfang verschachert ihr das Gras in dunklen Nebenstraßen oder vor dem Mac King Burger in der Nähe des Einkaufszentrums und investiert die Einnahmen in neue Sorten und bessere Ausstattung. Statt einer Glühbirne sorgt bald Neonbeleuchtung für stärkeres Wachstum, mit zusätzlichen Geräten wird die Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Keller optimiert. Der mühsame Aufbau des Grundkapitals artet in der ersten Spielstunde in einem Klick-Marathon sich immer wiederholender Aufgaben aus. Lasst euch aber nicht abschrecken, denn sobald ihr ein ausreichendes finanzielles Polster angesammelt habt, könnt ihr Handlanger rekrutieren, die die Fließbandarbeit übernehmen und euch endlich angemessen um den Imperiumsaufbau kümmern. Und diese Aufgabe erweist sich als erfreulich komplex.

Wie es sich für eine gute Aufbausimulation gehört, ist Expansion die oberste Maxime und ihr müsst an einer ganzen Reihe marktwirtschaftlicher Stellschrauben drehen, sonst endet euer Ausflug in das Cannabis-Business schnell in einem Konkurs und / oder hinter Gittern. Zuerst gilt es, die unliebsame Konkurrenz aus dem Geschäft zu drängen. Das könnt ihr entweder über den Preis regeln, indem ihr das Marihuana zu Dumpingpreisen anbietet oder ihr euch mit herausragender Qualität einen guten Namen auf der Straße macht und entsprechend zahlungskräftige Klientel anlockt.

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Im Einstiegsszenario sollt ihr die Drogenszene des Städtchens Flint beherrschen. Dabei gilt es besonders auf den Bedarf der unterschiedlichen Kundschaft einzugehen, die für gute Qualität gerne auch mehr ausgibt.

Eure Produkte erhalten eine Bewertung durch die Konsumenten und nur Zwei-Sterne-Stoff zieht eben keine Promis und vergnügungssüchtige Sprösslinge reicher Eltern an, die gerne etwas mehr auf den Tisch legen, wenn es denn einen guten Rausch verspricht. Also betätigt ihr euch als Hobby-Chemiker und steigert die Qualität der Pflanzen durch das Austarieren der Anteile an Stickstoff, Phosphor und Kalium in der Erde.

Bekommt ihr die optimale Zusammensetzung für jede Pflanzenart nicht durch einen Tipp eines Dealers geliefert, heißt es eben mit der Mischung solange zu experimentieren, bis die Kunden das Endprodukt in höchsten Tönen loben. Noch mehr Marktmacht verspricht die Kreation gänzlich neuer Arten, in dem ihr die vorhanden Sorten munter miteinander kreuzt. Ich freue mich schon darauf, mit Big Blue Mystic Wimmeroth meine ganz persönliche Cannabis Indica-Variation zu erschaffen und den Markt komplett zu kontrollieren.

Während ihr neue Verkaufsstellen besetzt, die Konkurrenz von Gangs, wie den Kingston Prophets oder Furious Angels, vom Markt fegt und immer mehr Personal für die Produktion und den Verkauf anwerbt, werdet ihr immer wieder mit erheblichen Problemen konfrontiert. Da taucht zum Beispiel die Polizei auf, weil es in eurem Haus immer so komisch süßlich riecht oder ein Aushilfsdealer hat euch verpfiffen, weil ihr seine Forderung nach Lohnerhöhung abgelehnt habt. In knappen Dialogen mit Antwortauswahl-Optionen könnt ihr euch dann entscheiden, ob ihr euch dumm stellt und riskiert, dass euch die Staatsmacht die Bude dicht macht oder mit einer großzügigen Spende an die Polizei-Gewerkschaft erst einmal für Ruhe sorgt.

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Expansion ist alles: Im Verlauf eurer Dealer-Karriere erweitert ihr euer Geschäft auf mehrere Städte in Amerika.

Vorsicht ist auch bei den Bankern angesagt, die euch aufsuchen, sobald euer Drogenkonto bedrohlich in die roten Zahlen gerät. Zwar könnt ihr mit einem Kredit notwendige Investitionen vornehmen, kommt ihr aber wegen stagnierenden Absatzes in Verzug mit den Rückzahlungen samt horrender Zinsen, lernt ihr die Finanzhaie von einer sehr rabiaten Seite kennen.

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Die Qualität der Pflanzen bestimmt ihr durch die optimale Mischung aus Stickstoff, Kalium und Phosphor. Manchmal bekommt ihr Tipps für die optimale Zusammensetzung, sonst müsst ihr experimentieren.

Habt ihr die auftauchenden Stolpersteine überwunden und Produktion und Absatz optimiert, fließt die Drogenkohle reichlich. Dann wird es Zeit für die Expansion über das ländliche Flint hinaus und ihr erweitert das Cannabis-Geschäft auf Metropolen wie New York oder Los Angeles. Zu diesem Zeitpunkt gebt ihr euch nicht mehr mit dem schmutzigen Straßengeschäft ab, sondern investiert das fette Finanzpolster in die Beeinflussung der Politik. Ein paar größere Spenden an Parteien und Senatoren und schon könnt ihr maßgeblich an der Gesetzgebung mitarbeiten und dafür sorgen, dass der Verkauf legalisiert wird. Oder, wenn ihr mehr Geld mit illegalen Geschäften verdient, könnt ihr auch ein Verbot in einem eigentlich liberalen Bundesstaat durchboxen.

Die komplexen Spielstrukturen kommen von Beginn an in dem zweiten Szenario zum tragen. In Waters Uncharted kehrt der Protagonist nach 10 Jahren Knast wegen Drogenhandel nach Denver zurück und wird gleich wieder für das Geschäft rekrutiert. Diesmal könnt ihr aber direkt bestimmen, ob ihr euch dem legalen Handel widmet und Krankenhäuser, Arztpraxen und PTSD-Patienten mit euren Hanf-Produkten helft oder lieber eine Gangster-Karriere anstrebt. Im Vergleich zur ersten Kampagne verfügt ihr direkt über ein prall gefülltes Konto und habt mehr Möglichkeiten, in die Ausstattung eures Gewerbes zu investieren.

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Legal oder illegal: Habt ihr genug Geld auf der Straße verdient, könnt ihr die Politik beeinflussen und dank großzügiger Spenden an der Gesetzgebung mitwirken.

Einfacher wird es für euch dadurch nicht unbedingt, denn in Denver beherrschen etablierte Gruppen das legale und illegale Geschäft und ihr müsst entscheiden, ob ihr mit Bestechung und Erpressung die unliebsame Konkurrenz aus dem Weg räumt oder euch an Recht und Ordnung haltet und es mit einem durchdachten Business-Plan versucht.

Weedcraft Inc. verharmlost keineswegs den Drogenhandel, verzichtet aber auch auf einen erhobenen moralischen Zeigefinger. Wie ihr auch zum Handel mit dem Kraut steht, wenn alles weiterhin gut läuft und sich das Regelwerk auch im Langzeittest als ausgewogen und flexibel erweist, ist hier eine komplexe und richtig gut spielbare Wirtschaftssimulation mit Hanf-Thematik im Anmarsch.

Entwickler/Publisher: Vile Monarchs/Devolver Digital Erscheint für: PC - Geplante Veröffentlichung: April 2019 - Angespielt auf Plattform: PC

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Über den Autor:

Ulrich Wimmeroth

Ulrich Wimmeroth

Freier Redakteur

Mag Rollenspiele und Ego-Shooter, sammelt Retro-Konsolen und nutzt seinen PC hauptsächlich zum Schreiben über Spiele. Und für Strategie natürlich. Und das seit Dekaden.

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