Neulich habe ich irgendwo gelesen, dass es bei extremer Wut eben gerade nicht hilfreich ist, sie, wie der Volksmund das sagt, herauszulassen. Das soll die Wut nur noch verstärken. Stattdessen sei es besser, Entspannungsübungen zu machen, tief durchzuatmen. Nur für Ape Out möchte ich diese Erkenntnis bitte wieder vergessen, denn hier darf ich ein wütender Gorilla sein, der Menschen gegen Wände, aus Fenstern heraus und in explodierende Ölfässer wirft. Meine Wut auf besagte Menschen mag dabei tatsächlich irgendwie eher größer werden, aber mein Spaß noch viel mehr - der steigt ins Unermessliche.

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Der Kerl, der da rechts an der Wand klebt - der hat's hinter sich. (Ape Out - Test)

Angekündigt wurde Ape Out als "bestes Devolver-Spiel seit Hotline Miami" und ich kann ein bisschen verstehen, woher die Idee kommt, Ape Out sei eben das. Die Perspektive auf das Spielgeschehen ist bei Ape Out die gleiche wie bei Hotline Miami, ihr seht alles von oben, aber noch viel wichtiger: Auch Ape Out spielt sich wie ein psychedelischer Gewalttrip. Nur seid ihr diesmal eben kein Profikiller, sondern ein Affe, ein wirklich wütender Affe. Per Druck auf die rechte Schultertaste werft ihr einen Menschen gegen eine Wand, woraufhin er in einer Blut-Explosion vergeht, mit einem Druck auf die linke Schultertaste könnt ihr in packen und ihn wahlweise gegen seine Kameraden schleudern oder hoffen, dass er in schierer Panik auf selbige schießt. Schließlich seid ihr im Recht, ihr wurdet immerhin aus der Wildnis geraubt und in ein Versuchslabor gesperrt.

Damit Ape Out nicht zu einem bloßen Splatterfest verkommt, setzt Entwickler Gabe Cuzzillo auf einen sehr reduzierten Grafikstil, den er von Getting Over It-Schöpfer Bennett Foddy gestalten ließ (ein Titel, der zu unseren Lieblingsspielen 2017 gehörte). Das Resultat gemahnt an die Werke des amerikanischen Filmemachers und Designers Saul Bass. Ape Out wirkt ein bisschen wie ein Schattenspiel oder ein Scherenschnitt, bei dem ihr jedes Element nur in Form einer einfarbigen Fläche wahrnehmt. Was auf Screenshots wie undefinierbares Chaos wirken mag, lässt sich in der Praxis erstaunlich gut lesen. Euer Gorilla sowie die Feinde im Spiel haben sehr einprägsame und auf den ersten Blick zu erkennende Bewegungsabläufe, ich habe kein einziges Mal während des Tests aus den Augen verloren, wo ich mich gerade befinde, welchen Gegner ich als nächstes packen und wohin ich ihn am besten schleudern sollte. Geklappt hat das mangels Reaktionsvermögen natürlich trotzdem nicht immer. Werdet ihr drei Mal getroffen, segnet euer Affe das Zeitliche und der jeweilige Abschnitt beginnt von vorn. Es sei denn natürlich , ihr lauft in eine Explosion - dann zerreißt es auch euren Affen sofort.

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Wenn ihr sterbt, zeigt euch das Spiel den Level-Grundriss und euren Weg an. (Ape Out - Test)

Abschnitte heißen in Ape Out übrigens Tracks. Davon gibt es pro Album acht Stück und insgesamt bietet das Spiel vier Alben. Die sind jeweils nach Themenwelten sortiert. Brecht ihr am Anfang noch nur aus dem Labor aus, verschlägt es euch danach in ein Bürogebäude und später in den Krieg. Die Unterteilung in Alben ergibt deshalb Sinn, weil das Spiel von einem Jazz-Schlagzeug untermalt wird, das einerseits zur jeweiligen Thematik passt, andererseits aber auch zu eurer Spielweise. Ridebecken und Hi-Hat ertönen immer dann, wenn ihr mal wieder einen Feind erfolgreich an der Wand zermatscht habt, dazwischen hört ihr hauptsächlich die Trommeln, die einen treibenden Rhythmus spielen, der beinahe zu euch spricht und sagt: "Lauf' Affe, lauf' in die Freiheit! Koste es, was es wolle!"

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Ape Out ist ein Gemetzel und es will auch nichts anderes sein. (Ape Out - Test)

Ähnlich wie Hotline Miami lebt auch Ape Out davon, dass ihr oft gerade nicht mehr lebt ... sondern sterbt. Passiert das, werdet ihr an den Anfang des jeweiligen Tracks zurückversetzt. Jeder Track lässt sich theoretisch in rund einer Minute bewältigen, aber bis ihr das schafft, bleibt ihr allzu oft in eurer eignen Blutpfütze liegen. Das wiederum habe ich als überhaupt nicht frustrierend empfunden. Erstens, weil das pure Gameplay so enorm viel Spaß macht. Klar, es ist eine Herausforderung, als einzelner Affe gegen 20 bis 30 Gegner anzurennen, aber der einzelne Feind lässt sich durch einen Tastendruck erledigen und wenn er dann an der nächsten Wand zerplatzt, fühlt ihr euch so animalisch und mächtig, dass ihr dieses Gefühl nur noch häufiger haben wollt. Noch mehr Gegner zermatschen.

Ob ihr zwischendurch mal sterbt, spielt da fast keine Rolle. Zweitens aber auch, weil die Level bei jedem Spielabschnitt neu prozedural generiert werden. Sie unterscheiden sich zwar nie so sehr, dass sie euch wie eine gänzlich neue Erfahrung vorkommen, aber so werden bei jedem Neustart die Karten eben doch neu gemischt - neues Spiel, neues Glück für euren Affen. Habt ihr euch im normalen Modus ordentlich ausgetobt, stellt euch das Spiel von allen vier Alben noch eine schwierigere Version zur Verfügung. Zusätzlich gibt es einen Arcade-Modus, in dem ihr Punkte für zermatschte Gegner und überlebte Spielzeit bekommt und euren Endstand dann mittels Leaderbord international vergleichen könnt. Das ist ein nettes Feature, wäre aber noch ausbaufähig. Gerade zu einem prozedural generierten Spiel wie Ape Out hätte eine tägliche Herausforderung gut gepasst, bei der ihr euch auf einer festgelegten Map mit anderen Spielern vergleichen könnt.

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Die Level sind in Alben und Tracks aufgeteilt. Jeder hat einen eigenen Namen, der auch meist ganz gut passt - im Gegensatz zur holprigen Übersetzung des Arcade-Modus. (Ape Out - Test)

Die Entwickler haben sich merklich Mühe gegeben, euch die Kraft des Gorillas immer wieder in Erinnerung zu rufen. Mal reißt ihr eine Stahltür aus der Verankerung, nur um sie dem nächsten Menschen ins Gesicht zu donnern, dann wieder werft ihr einfach einen gepanzerten Soldaten in eine Ansammlung leicht entzündlicher Ölfässer, nur um mitten im Busch eine riesige Explosion auszulösen. Und wenn ihr mal zu arg bedrängt werdet, dann nehmt ihr eben einen dieser armseligen Kerle und benutzt ihn als menschliches Schutzschild, nur um ihn am Ende wie ein verdorbenes Stück Fleisch durch die Gegend zu werfen, wenn ihr ihn nicht mehr braucht. "Verzieht euch", möchtet ihr schreien, "das hier ist Affenland!"

Ihr merkt schon, Ape Out fühlt sich wahnsinnig gut an, aber es ist spielmechanisch eben auch ein sehr simples Spiel. Werft Gegner, benutzt sie als Schutzschilde, rennt zum Ausgang, das war's im Wesentlichen. An dieser Stelle funktioniert der Vergleich mit Hotline Miami dann eben nicht mehr so ganz, erlaubte das Spiel durch unterschiedliche Waffen und Masken taktisch unterschiedliches Vorgehen. Bei Ape Out seid ihr immer der gleiche Affe. Ihr könnt zwar theoretisch jeden Track auch absolvieren ohne auch nur einen einzigen Feind umzubringen, eine wirkliche Schleichmechanik hat das Spiel aber nicht - das hätte auch nicht gepasst. Ihr braucht dafür eher das Glück, zufällig die richtigen Wege gewählt zu haben, die eure Gegner eben gerade nicht gehen. Ape Out lebt aber auch davon, dass ihr sowas einfach mal ausprobiert - oder euch aber darin versucht, wirklich jeden Gegner im Level an die Wand zu klatschen.

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Lauf', junger Affe, hinaus in die Freiheit! (Ape Out - Test)

Ist Ape Out nun wirklich das beste Devolver-Spiel seit Hotline Miami? Ich bin mir da nicht sicher, aber ehrlich gesagt will ich es auch gar nicht zwangsläufig nur an diesem Vergleich messen. Ape Out ist für sich genommen ein sagenhaft unterhaltsamer Affen-Amoklauf, der sich in vielen Momenten so befriedigend anfühlt wie ein beherzter Tritt in einen Wildererhintern. Das rhythmische Schlagzeug im Hintergrund, die schattenrisshafte Grafik und die bloße Affengewalt, das ergibt zusammen ein wundervolles Menü. Wer als Amokaffe allzu talentiert ist, wird das Spiel wohl in relativ kurzer Zeit durchgespielt haben, ja. Aber es macht eben auch Spaß, erneut zuzugreifen, zu versuchen den eigenen Highscore zu schlagen. Und gerade wenn ihr einen stressigen Tag hattet: einfach mal ein paar Typen in einen Haufen explodierender Ölfässer zu werfen. Wenn ihr schon zum Tier werden müsst, dann werdet es am besten in Ape Out.

Entwickler/Publisher: Gabe Cuzzillo, Bennett Foddy, Matt Boch/Devolver Digital - Erscheint für: PC, Switch - Preis: 14,99 Euro - Erscheint am: 28. Februar 2019 - Getestete Version: PC - Sprache: deutsch - Mikrotransaktionen: Nein

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Über den Autor:

Markus Grundmann

Markus Grundmann

Freier Redakteur

Seine ersten Videospiele konsumierte Markus auf dem Game Boy. Heute spielt er so ziemlich alles, bei dem er auf Knöpfe drücken kann – mit besonderer Vorliebe für Nintendo und extravagante Indie-Titel.

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